Natürlich gehörte der Punto zum Zeitpunkt des Kaufs zu den sichersten Wagen seiner Klasse, aber: Im Falle eines Falles wären meine beiden bzw. meine zweieinhalb Lieblinge im Golf besser aufgehoben. Klar, oder?
Aber ich habe keinen Aufstand wegen des Autotauschs gemacht. Wie auch? Aus der Ferne? Ich soll Ruhe halten, Kräfte sammeln – gerade jetzt noch im Krankenhaus. Ich habe Katrin noch einmal gut zugeredet: „Du musst Dir nach Deinem Besuch bei mir im Krankenhaus keine Sorgen machen! Es ist nicht notwendig, dass Du den Wagen wechselst,“ erklärte ich. Aber sie blieb und bleibt dabei. Leider.
Es gibt so viele Punkte, bei denen der Wahnsinn deutlich wird. Zum Beispiel die Art und Weise, wie man sich die Hände wäscht. Für Katrin ist es die Hölle, wenn sie dabei mit ihrem T-Shirt die Waschbeckenumrandung berührt. Katrin fragt dann – wenn ich neben ihr stehe und warte, dass ich dran bin – ob ich gesehen hätte, ob das Waschbecken von ihr berührt wurde. Eine dieser Nachfragen. Überprüfungs-, Vergewisserungsfragen. Ganz gleich, was ich dann antworte: Am Ende muss das Oberteil eh gewechselt werden. Dreckig. Gefährlich. Ab zur dreckigen Wäsche.
Richtig schlimm ist es, wenn Niklas bei der Reinigung von Armen und Händen mit seinen Händen das Waschbecken berührt. Dann müssen natürlich noch einmal die Hände gewaschen werden. Das Händewaschen übernimmt Niklas nicht selbst. Er wird dabei von Katrin unter einen ihrer Arme geklemmt und hochgehalten. In dieser Position wäscht Katrin ihm dann die Hände. Niklas hat es bis heute noch nicht gelernt, seine Hände selbst zu waschen. Und wenn sie nicht schnell genug reagiert hat und er noch vor dem Händewaschen etwas anderes berührt, dann muss auch das noch gesäubert werden. Das sind diese Momente in denen es mir ganz besonders dreckig geht. Dreckig, weil ich das Leid sehe, aber nichts dagegen tun kann. Ich bin wie gelähmt, weil jede meine Handlungen in einer solchen Situation nur neue Quälereien hervorrufen würde. Und dann die Sorge um meine Katrin und um unser ungeborenes Kind.
Eigentlich dürfte Katrin im hochschwangeren Zustand unseren rund 13 Kilo schweren Jungen gar nicht mehr so lange und oft hochnehmen. Aber die Möglichkeit, dass er selbst über einen wie auch immer gearteten Hocker an das Waschbecken kommen würde, das wäre ein aussichtsloses Unterfangen. Dann würde Niklas ja ständig das Waschbecken berühren und mit dreckigen Händen den Wasserhahn, den er dann mit sauber gewaschenen Händen noch einmal anfassen muss.
Wie man das verhindert? Katrin hat dafür schon eine Methode gefunden: Sie fasst den Wasserhahn mit dreckigen Händen schon gar nicht mehr an. Dafür gibt es den Handrücken oder den Unterarm oder die Hygienetücher. Und nach dem Händewaschen wird dann der Mischer oft noch einmal mit einem Reinigungstuch erneut gewaschen. Hoffentlich perfektioniert sie derzeit ohne mich ihre Rituale nicht noch weiter. Die Hoffnung bleibt.
Dienstag, 31. Juli 2007 – Hygienetuch-Abschied
Ich muss nicht nach Hause. Katrin kann sich dahingehend entspannen. Ich komme direkt in die Reha. Dafür wurde meine Zeit im Krankenhaus verlängert. Ich bin wahrscheinlich der komplizierteste Fall von Darmentzündung seit Jahren – zumindest was die Zeit im Krankenhaus anbelangt. Ob es nun positiv ist, dass wir so „gut” privat versichert sind? Beim normalen Kassenpatienten hätte die Klinik sicherlich nicht noch eine ganze Woche dranhängen können – nur weil zuhause keine Möglichkeit der Unterstützung gegeben wäre…
Kurz vor der Entlassung aus dem Krankenhaus gibt es noch einmal strenge Handlungsanweisungen von meiner Frau an mich: Ich soll alles, was ich hier im Krankenhaus benutzt habe, vor dem Einpacken mit den von ihr mitgebrachten Desinfektions-Tüchern säubern. Da Katrin mich nur gefragt hat, ob ich das machen könnte, sehe ich mich nicht verpflichtet, es zu tun. Ich habe ihr auch gesagt, dass ich es unsinnig finde.
Nun, da keine Besuche mehr im Krankenhaus anstehen, wird Katrin die Sitzschonbezüge in unserem Golf abnehmen und waschen. Sie wollte gleich neue Bezüge kaufen, aber hier habe ich mein Veto eingelegt und hoffe natürlich, dass sie sich diese Ausgaben sparen wird. Ich habe Katrin gesagt, dass sie vor drei Jahren niemals auf diese Idee gekommen wäre und es vergebene Mühe wäre, zum Schutz unseres Sohns nun die „krankenhausinfizierten" Sitzbezüge zu waschen. Aber: Sie hat es fest vor und lässt sich nicht davon abbringen. Wieder so viel Mehrarbeit für meine hochschwangere Frau. Ich hoffe, sie schafft das körperlich über die nächsten Wochen.
Donnerstag, 2. August 2007 – Besuchsrechte und Geheimniskrämerei
Ich bin in der Reha. Nur 25 Autominuten von zuhause entfernt. Heute werde ich hoffentlich Niklas nach der langen Krankenhauszeit das erste Mal wiedersehen. Drei Wochen sind eine verdammt lange Zeit. Ich müsste sauer sein, wütend vielleicht, aber am Ende ist es eben einfach nur „krank”. Zwar kann Katrin im gewissen Sinne nichts dafür, aber sie macht dieses erste Wiedersehen zu einer Fast-Unmöglichkeit: Ich darf nur Sachen anziehen, die ich nicht auch schon im Krankenhaus getragen, benutzt oder auch nur angefasst hätte. Nach längerer Telefondiskussion scheint es nun so zu sein, dass ich meine „Straßenklamotten" anziehen „darf". Also jene Kleidungsstücke, die ich auch beim „Einzug“ und beim „Wechsel“ in die Reha getragen habe. Sie hat einfach so große Angst vor der nicht greifbaren Gefahr. Diese Angst scheint ihren Verstand wirklich ausschalten zu können. Aber zumindest ist die Reha-Klinik nicht so schlimm für sie, wie das Krankenhausumfeld.
Ihre Therapeutin hat ihr gestern vorgeschlagen, nun mit ihr in die Konfrontationstherapie zu gehen. Ihr zuerst zu erklären, wie dies abläuft und dann mit mittelschweren Übungen loszulegen. Katrin hat bei dem Gedanken daran wohl eine kleine Panik bekommen und das Totschlagargument überhaupt genutzt: „Aber der Professor hat doch gesagt, dass es während der Schwangerschaft viel zu viel sei, mit der Konfrontation zu beginnen – außerdem würde das ja nur gemeinsam mit der Einnahme von Tabletten funktionieren." Diese Aussage ist bei ihr als eine Art von Rettungsanker wie „eingebrannt". Die Therapeutin hat daraufhin nur gesagt, dass sie ja dann noch mal mit dem Professor sprechen und das Thema klären würde. Seufz!
Scham steckt in dieser Krankheit. So viel davon. Davon gespeist das Versteckspiel und damit jede Form der Geheimhaltung. Mein Schreiben hier? Geheim! Das Prinzip der strikten Geheimhaltung der Krankheit gegenüber Freunden, allen Verwandten und Bekannten! Ausnahmen sind im gewissen Rahmen nur ihre Schwestern, ihre Eltern und eine Tante. Aber diese Gemeinheit ist von Bettina und Rainer seit 20 Jahren (vor-)gelebt und eisern verteidigt worden.
So wird natürlich auch insgesamt in unserer Gesellschaft eine riesige Chance vertan. Wenn jeder diesem Drang nach äußerer Perfektion nachkommt, dann wird niemand anderes so leicht den Mut fassen, sein persönliches Krankheits-Coming-Out zu bewerkstelligen. Dann werden andere Betroffene nicht den Mut fassen, eine Therapie zu beginnen. Dann muss erst wieder ein Selbstmord eines Depressionskranken die Debatte in die Öffentlichkeit bringen. Dabei ist gerade diese Öffentlichkeit so wichtig. Es müsste so viel offener darüber gesprochen, es müsste jeder positive Schritt im Grunde groß gefeiert werden. Jeder Schritt in Richtung Bearbeitung, jeder Schritt in Richtung einer Besserung. Aber es fällt so schwer zu feiern, wenn keiner etwas davon wissen darf.
Diese Krankheit ist eine so große Belastung für alle. Für die Zwängler selbst. Für die Angehörigen. Wenn dann auch noch ein „Schweigegelübde" über der Krankheit liegt, so dass die eigenen Bezugspersonen nicht als Gesprächspartner herhalten können – dann ist es im wahrsten Sinne des Wortes nochmals zum Verrückt werden.
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