Oder hat es geduldig ertragen, wenn du nachts wieder einmal angerufen wurdest, weil irgendein Mörder sein Unwesen treibt. Oder..“ Er: „Ist ja schon gut, ich habe schon verstanden. Ich weiß ja, dass ich ab und zu etwas geizig bin.“ Sie: „Nur, ab und zu, ist wohl leicht untertrieben.“ Er stand auf und nahm seinen Aktenkoffer. Beim herausgehen fragte er noch einmal: „Und du meinst wirklich er muss so richtig glitzern?“ Leni lächelte und hob ihre linke Hand hoch und antwortete: „Aber so was von funkeln.“ Dabei bewegte sie die Hand hin und her, als hätte sie selbst einen Brillantring am Finger. Er öffnete die Tür und sagte beim herausgehen: „Einen schönen Tag noch, Frau Herbst.“ Sie antwortete: „Wünsche ich ihnen auch, Herr Kriminalrat.“ Jetzt waren sie wieder dienstlich und per Sie. Leni Herbst öffnete die nächste Akte. Auf der Vorderseite stand „Akte Heinemann, angelegt 14.05.1999“ Ungeklärter Mord. Letzte Aktualisierung 17.06.2008. Fünf Mal wurde inzwischen die Akte geöffnet und geschlossen. Bislang konnten keine weiteren Beweise oder Zeugen zur Klärung des Falles gefunden werden. Sie öffnete die Akte und hatte gleich mehrere Bilder des Tatortes und des Opfers in der Hand. Es waren keine schönen Bilder die sie vorfand. Sie zeigten eine zuvor schöne junge Frau, die auf einem Wirtschaftsweg neben der Bundesstraße 10, mehrfach überfahren wurde. Laut den Aufzeichnungen und der Spurenlage, überfuhr ein Wagen die Frau mehrfach vor- und rückwärts. Es handelte sich zweifelsfrei um Mord. Das Opfer, Hanna Heinemann, war gerade 25 Jahre alt geworden. Bislang konnte niemand als Täter ermittelt werden. Alle verdächtigen Personen hatten ein Alibi und ein Motiv für die Tat, wurde auch nicht gefunden. Nach dem Lesen des Obduktionsberichtes wurde klar, dass Hanna Heinemann mehrfach überfahren wurde. Fast alle Knochen wurden gebrochen. Auch die inneren Organe waren verletzt. Hier war offensichtlich sehr viel Wut im Spiel gewesen. Alle Anzeichen für eine Beziehungstat aus Eifersucht, oder Vertrauensverlust. An Hand der Spurenlage, wurde ein größeres Fahrzeug gesucht. Es musste sich um einen Kleintransporter oder einen großen Kombi als Tatfahrzeug gehandelt haben. Aber im Umfeld des Opfers hatte keiner ein solches Fahrzeug. Es war ein typischer Fall für ungeklärte Verbrechen. Wenn hier nicht Kommissar Zufall die Regie übernahm, würde dieser Fall wohl wahrscheinlich, nie aufgeklärt werden. Leni spielte mit dem Gedanken, eine Art Aktenzeichen XY fürs Internet im Karlsruher Raum ins Leben zu rufen. In Verbindung mit der örtlichen Presse und den regionalen TV- und Radiosendern, könnten bestimmt der eine oder andere Fall ein paar neue Spuren bringen. Mitten in ihren Überlegungen kam Micki herein und sagte: „Wir haben einen Einsatz. Weibliche Leiche in der Herrmannstraße 187, wurde soeben von einer Frau Sarah Klimm gemeldet. Sie hat ihre Freundin, Jana Hoffmann, tot aufgefunden. Soll ich der Spurensicherung auch Bescheid geben?“ Leni überlegte einen Moment und meinte: „Lass uns erst einmal schauen ob es stimmt. Kann ja sein, dass es sich um Suizid handelt, dann brauchen wir nur den Pathologen holen. Wenn es Mord ist, können wir sie immer noch holen. Du weißt doch was unsere Kontrollerin das letzte Mal gesagt hat: „Mit wenigen Mitteln, so effizient wie möglich arbeiten. Keine unnötigen Ressourcen vergeuden.“ Beide machten den Gesichtsausdruck von Frau Junge nach und spitzten dabei ihre Lippen, als wenn sie einen Frosch küssen würden und fingen an zu lachen. Leni gab Micki den Wagenschlüssel. Trotz der Zeit die Leni schon in Karlsruhe war, kannte sie noch nicht jede Straße. Aber so nach und nach vervollständigte sie ihr „Stadtplan“ Wissen. Die Herrmannstraße lag am Rande Karlsruhes. Es war eine typische Straße mit Gebäuden aus den 20er Jahren. Hier waren die Häuser dreistöckig. Im Erdgeschoss waren nicht selten Geschäfte untergebracht, dann kamen zwei Wohnungen und ganz oben war der gemeinsame Speicher, zum Aufhängen der Wäsche. Die Wohnungen hatten vier Zimmer, in denen teilweise zwei oder drei Generationen wohnten. Hier wurde selten eine Wohnung neu vermietet. Meist übernahmen die Kinder oder die Enkel die Wohnung, nach dem die Eltern oder Großeltern verstorben waren. Micki fand direkt vor dem Eingang des Tatortes einen Parkplatz. Sie klingelten bei Jana Hoffmann und sofort öffnete sich die Eingangstür. Ihre Wohnung befand sich im ersten Obergeschoss. Als die beiden oben ankamen, stand die Wohnungstür bereits offen. Leni betrat die Wohnung als erste und rief den Namen der Anruferin Frau Sarah Klimm. Man hörte die Klospülung und eine junge Frau um die dreißig kam mit verweinten Augen aus der Toilette. Leni fragte sie: „Frau Klimm, Sarah Klimm?“ Diese antwortete: „Ja. Sie sind sicher von der Polizei? Bitte kommen sie mit, sie liegt hinten im Schlafzimmer.“ Sarah ging vor und führte die beiden ins hinten gelegene Schlafzimmer. Leni hielt ihren Arm fest und bat sie, nicht ins Schlafzimmer zu gehen, sondern vor der Tür zu warten. Micki öffnete die Tür und auf dem Bett sah man eine Frau liegen. Sie war bis zur Brust zugedeckt. Von weiten konnte man erkennen, das die Frau Tod war. Ihre Augen waren weit aufgerissen und leicht mit Blut unterlaufen. Um den Hals hatte sie einen Schal oder Tuch gewickelt und hing seitlich am Bett herunter. Leni rief gleich die Spurensicherung und den Gerichtsmediziner an. Dann schlossen sie die Tür zum Schlafzimmer wieder. Zuvor machte Micki noch einige Fotos von der Toten und dem Zimmer. Sarah Klimm saß inzwischen in der Küche und hielt ein Glas Wasser in der Hand. Leni fragte sie: „Haben sie etwas in der Wohnung verändert, ich meine was haben sie alles angefasst oder verstellt?“ Sie überlegte und meinte: „Ich bin herein gegangen und habe sie gerufen. Als ich keine Antwort bekommen habe, bin ich ins Schlafzimmer, weil ich dachte sie schläft bestimmt noch. Da die Vorhänge noch zugezogen waren, öffnete ich sie. Dann habe ich sie so liegen gesehen und sie gleich angerufen. Das war alles, mehr habe ich nicht gemacht.“ Micki fragte weiter: „Wieso sind sie überhaupt heute morgen zu ihr gegangen? Waren sie verabredet?“ Frau Klimm: „Nein, wir waren nicht verabredet. Sie hat mich morgens zur Arbeit mitgenommen. Ich wohne nur drei Blocks weiter. Normaler weise warte ich unten vor meiner Haustür, bis sie vorbei fährt. Aber heute kam sie einfach nicht pünktlich, was nicht normal war. Zuerst habe ich sie angerufen, da aber nur der Anrufbeantworter dran war, bin ich einfach zu ihr gegangen. Ich bin davon ausgegangen, dass sie schlicht und einfach verschlafen hat.“ „Sie arbeiten zusammen?“ fragte Micki weiter. Sie antwortete: „Nein. Sie ist selbstständig und hat mit zwei Partnern zusammen eine Art Callcenter. Ich arbeite nur in der Nähe ihrer Firma. Deshalb nimmt sie mich auch morgens mit. Abends fahre ich dann mit der Straßenbahn, weil Jana immer später Feierabend macht.“ Leni fragte weiter: „Sie sich scheinbar sehr gute Freundinnen, sonst hätten sie bestimmt keinen Schlüssel für ihre Wohnung. Wie lange kennen sie sich schon?“ Sarah Klimm überlegte einen Augenblick und fing an zu erzählen: „Fünfzehn Jahre kennen wir uns schon. Ich bin damals aus Bruchsal mit meinen Eltern hierher gezogen. Ich kam dann in die Klasse von Jana ins Theodor Heuss Gymnasium. Wir machten gemeinsam das Abitur. Sie wollte aber nicht studieren und begann eine Lehre als Grafikerin. Ich habe dann zwei Jahre Informatik studiert und hatte dann keine Lust mehr. War doch nicht so mein Ding mit Einser und nullen zu jonglieren. Sie hat mir dann zu einem neuen Job verholfen. Ihr damaliger Freund arbeitete in einer Druckerei und dort suchten sie noch jemand, der sich mit Computer auskennt. Na ja, dann habe ich dort angefangen, aber nach einem Jahr wieder aufgehört. Es war mir einfach zu nervig. Immer bis spät in die Nacht arbeiten war mir doch zu viel, also habe ich dort aufgehört.
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