Seufz. Also setze ich mich zu den Mädchen und zeige ihnen ein paar einfache Tricks, wie man sich gegen Festhalten wehrt. Ich versuche, ihnen zu vermitteln, dass niemand das Recht hat, sie gegen ihren Willen anzufassen. Egal, ob Junge oder Mädchen, Mann oder Frau. Nach und nach entwickelt sich „meine“ Ecke des Schulhofes zum Rückzugsraum vieler Mädchen der Schule. Es wird langsam eng. Aber hier ist eben AmO-freie Zone.
Und noch jemand, der einfach meine Schutzzone immer wieder durchbricht. Ben.
Er hat wohl einige Probleme, Anschluss beim Stoff zu bekommen. Es ist fast so, als hätte er schon eine Weile ausgesetzt. War er lange krank? Keine Ahnung. Etliche Male fragt er mich, ob ich Dieses oder Jenes verstanden hätte. Sein resignierter Blick lässt mich weich werden. Er wirkt wie ein geschlagener Welpe. Der Blick weckt Erinnerungen. Erinnerungen, die ich am liebsten verdränge. Denn solche Augen sah ich früher oft. Im Spiegel.
Ergeben setze ich mich in Freistunden zu ihm und erkläre es, so gut ich kann. Ab und zu gesellen sich Leute aus dem Sport-LK dazu und helfen ihm. Diese Einmischungen betrachte ich mit gesundem Misstrauen. Die Leute scheinen wohl nett zu sein, aber ich kann sie nicht einschätzen. Stellen sie für mich eine Gefahr dar, oder nicht?
Eines Abends sitze ich mit meiner Mom zusammen. Zu unseren Ritualen gehört, dass ich mich an sie kuschele und ihr von meinem Tag erzähle. Ihr gegenüber bin ich rückhaltlos offen. Niemandem schenke ich mehr Vertrauen als ihr. Aus sehr gutem Grund. Also erzähle ich ihr natürlich von AmO, den Mädchen und Ben.
Sie gibt mir einen sanften Kuss auf die Wange.
„Mein großes Mädchen. Du machst das richtig. Lass sie an dich heran. Deine Fortschritte sind so enorm. Öffne dich. Hilf ihnen. Du wirst sehen, dass es auch dir bekommt. Ich glaube, du bist langsam bereit, Freunde zu finden. Mit anderen Leuten Spaß zu haben.“
Ich kuschele mich etwas enger an sie.
„Mach deinen Sport weiter. Das gibt dir Sicherheit. Aber gehe auch auf die Mitschüler zu, bei denen du ein gutes Gefühl hast. So wie Ben. Fange wieder an zu leben.“
Lange denke ich über ihre Worte nach. So gern würde ich ein normales Leben führen. Hmm, das wird wohl nie passieren. Vielleicht finde ich „meine“ Normalität. Ich beschließe, auf den Rat von Mom zu hören. Ich werde den Mädchen, Ben und einigen Netten aus dem Sport-LK eine Chance geben. Irgendwann. Wir werden sehen.
Sport ist kein Mord
Ben
Der Bio-LK ist in Ordnung. Die Lehrerin versteht ihren Job. Larah neben mir ist ruhig. Sie hat eine schöne Handschrift und Ahnung von Bio. Wenn wir zusammen Experimente machen müssen, wird es mit ihr sicher nicht zu anstrengend. Ich habe mit ihr noch ein paar andere Kurse. Als Neue ergibt es sich irgendwie, dass wir immer nebeneinander sitzen. Es könnte unangenehmer sein. Zum Beispiel bei den Glitzer-Barbies oder ihrem Ken. Boah, sind die widerlich. Aber sie scheinen die tonangebende Clique in unserem Jahrgang zu sein. Dauernd gesellen sich andere Mädchen oder Jungs zu ihnen und himmeln sie an. Würg.
Larah scheint dagegen immun zu sein. Im Gegenteil. Einige Male sehe ich ihre finsteren Blicke, die sie der Gruppe zuwirft. Sie selbst ist stets zurückhaltend, misstrauisch, abwartend. Wie ich. Und sie beobachtet ständig, was die anderen tun. Ich auch. Paranoid.
In den Pausen sucht sie sich ruhige Ecken und verbringt die Zeit lesend. Unauffällig beobachte ich sie. Ihre Bewegungen sehen kraftvoll aus. Obwohl ihre Figur sehr schlank ist. Sie wirkt regelrecht athletisch. Auch wenn ihre allgegenwärtigen schwarzen Hoodies mit martialischen Aufdrucken das gut verbergen.
Erstaunt bin ich, dass wir beide Sport-LK haben. Nein, ich bin nicht erstaunt. Ihr Gesicht, ihre Figur, ihre Bewegungen zeigen, dass sie Sport macht. Sich fit hält. Was ich auch versuche. In den letzten Monaten fiel mir das schwer. Dafür wurde mein Leben zu sehr durcheinander gewirbelt. Aber langsam bekomme ich wieder einen Rhythmus. Dazu mache ich Sport eigentlich zu gerne.
Heute steht Leichtathletik auf dem Unterrichtsprogramm. Das ist gut. Blöderweise gehört auch Barbie-Ken zum LK. Er hat mich in letzter Zeit ein paar Mal dumm von der Seite angemacht. Solche Typen sind nur zufrieden, wenn sie Opfer finden. Anscheinend will er es bei mir ausprobieren.
Bei Larah hat er es genau einmal versucht. Scheiße, Mann, kann die finster gucken. Sie hat ihn mit irgendeinem Trick in die Knie gezwungen. Danach ist er abgedampft und macht seitdem einen großen Bogen um sie. Hat die Frau ein Selbstbewusstsein. Davon hätte ich gerne eine dicke Scheibe. Aber seit ein paar Monaten ist bei mir nicht mehr viel erhalten geblieben.
Zufällig laufe ich direkt hinter ihr von den Umkleiden zum Sportplatz. Sie hat ein langärmeliges Shirt an, aber nur kurze Laufhosen. Verdammt, hat sie muskulöse Beine. Also, toll muskulös, meine ich. Schlank, aber kräftig, das trifft es eher. Bin mal gespannt, wie sie sich nachher auf der Tartanbahn macht. Ihre Sportschuhe sehen wie oft benutzt aus. Meine bisherigen Eindrücke haben mich nicht getäuscht. Sie ist sportlich. Definitiv.
Herr Bilsbeck, unser Sportlehrer, lässt uns Aufwärmübungen machen. Einige Mädchen sabbern fast, wenn sie seinen fitten Körper betrachten. Der macht auch Sport. Reichlich. Barbie-Ken meint, er müsste sich hier produzieren. Natürlich rennt er im Muskelshirt herum. Damit auch jede(r) seinen Bizeps bewundern kann. Affe.
Schräg vor mir macht sich Larah warm. Oha, der Lehrer könnte von ihr noch etwas lernen. Blitzsauber führt sie die Übungen durch. Das macht sie nicht zum ersten Mal. Ich sehe, wie einige meiner männlichen Mitschüler sie verstohlen mustern. Vor allem ihren knackigen Hintern. Ich natürlich nicht. Nein! Auf keinen Fall.
Ein Pfeifen reißt mich aus meinen Überlegungen. „So, Herrschaften, sechs Runden um den Platz.“
Vereinzeltes Aufstöhnen begleitet seine Aufforderung. Letztlich setzen sich alle aber in Bewegung. Ich habe schnell mein Tempo gefunden. Gelaufen bin ich schon immer gerne. Vor allem die mittleren Distanzen liegen mir. Sprinten ist nicht so mein Ding. An meiner alten Schule war ich in der Leichtathletik-Mannschaft und Schulstadtmeister über 5.000 Meter. Barbie-Ken macht natürlich wieder den Maxen und sprintet los. Das wird er nicht lange durchhalten. Nach drei Runden bin ich längst an ihm vorbei. Wir sind zu fünft in der Führungsgruppe. Vier Jungs und Larah. Stetig trommeln unsere Schuhe den Kunststoffbelag der Laufbahn. Die letzte Runde beginnt. Noch 400 Meter bis zum Ziel. Jetzt gilt es. Ich ziehe an. Ruckzuck sind ein paar Meter zwischen mir und den anderen aus der Gruppe. Aber Moment, hinter mir höre ich ein Paar Füße. Dicht hinter mir. Um nicht aus meinem Rhythmus zu kommen, wage ich nicht, mich umzusehen. Die letzte Kurve. Ich höre immer noch ein Paar Füße hinter mir. Das Geräusch verändert sich. Es ist jetzt seitlich neben mir. Ein rascher Blick zeigt mir, wer mithält. Larah. Ein Mädchen ist schneller als fast alle Jungs. Gut, sie hat wirklich lange Beine. Einen kurzen Augenblick bin ich unaufmerksam. Deshalb verpasse ich den Moment, als sie beschleunigt. Schon ist sie mir zwei Schritte voraus. Ich gebe Gas. Sie auch. Langsam hole ich auf. Ganz langsam. Zu langsam. Noch zwanzig Meter. Jetzt gebe ich alles. Sie auch. Unglaublich. Ist sie schnell. Die Ziellinie. Einen halben Schritt ist sie mir voraus. Locker läuft sie aus. Als sie sich umsieht, umspielt ein leichtes Lächeln ihre Mundwinkel in dem geröteten Gesicht. Nach und nach erreicht der Rest des Kurses das Ziel. Einige lassen sich direkt fallen. Andere heben ihre Arme über den Kopf. Leute! Das waren nur sechs Bahnen! Ihr seid im Sport-LK, das müsst ihr drauf haben.
Larah geht ganz ruhig auf dem Rasen herum. Ihre Atmung hat sich schon wieder beruhigt. Herr Bilsbeck kommt mit seinem Klemmbrett zu uns.
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