1 ...7 8 9 11 12 13 ...22 „Wo ist Mutter?“, fragte Haekwon den schwarzen Fleck.
Trotz der Dunkelheit erkannte er, dass Hee-Chul immer noch in seinen Geschäftsanzug gezwängt war. Er schwieg zunächst und nahm einen Schluck Whiskey.
„Setz dich erstmal. Wir müssen reden.“ Haekwon besorgte die Ernsthaftigkeit, die in der Stimme lag. Er war noch berauscht vom Bier. Vermutlich genauso berauscht wie sein Vater. Trotzdem hoffte er, dass Hee-Chul den Biergestank, der seine Speiseröhre wie eine unangenehme Befürchtung hochkroch, nicht bemerken würde.
„Nun“, fing Hee-Chul an und stellte das Glas auf den Tisch ab, „deine Mutter und ich machen uns Sorgen wegen dir.“
„Weswegen?“
„Es geht um deine Zukunft. Wenn du nicht mal deinen Schulabschluss schaffst, wie willst du dann die Universität absolvieren. Du solltest dir mal ernsthafte Gedanken darüber machen. Ich will meine Firma nicht an dich übergeben, wenn du keinen akademischen Abschluss hast.“
Haekwon wusste, dass der ruhige und bereits leicht lallende Ton die Ruhe vor dem Unwetter war. Es erschien ihm fast schizophren, als sein Vater ihm die warme Hand auf den Rücken legte, vertrauensvoll und warnend zugleich.
„Nächstes Jahr werde ich es bestimmt schaffen. Ihr braucht euch keine Sorgen zu machen.“
„Aber wie?“, stöhnte Hee-Chul lauter und lehnte sich wieder zurück. „Wenn du nicht den ganzen Tag draußen rumlungerst und Blödsinn treibst, sitzt du stundenlang vor dem Computer, statt zu lernen. Ich will keinen Taugenichts als Sohn haben. Hast du das verstanden? Wenn du keinen Abschluss hast, bist du nicht mehr mein Sohn.“
Haekwon antwortete mit Schweigen und ließ seinen Vater ratlos zurück. Instinktiv schaltete er seinen Laptop ein, um Trost in den Weiten des Internets zu suchen. Unverhofft ploppte ein Chatfenster auf.
Browneyes55: Sorry, habe unseren Termin völlig verpennt.
Bluebird27: Nicht schlimm. Hatte sowieso andere Pläne.
Browneyes55: Ach ja, welche denn?
Bluebird27: Habe mich mit Leuten getroffen.
Browneyes55: Sicher, dass du nicht sauer bist?
Bluebird27: Ja
Browneyes55: Trotzdem möchte ich es wieder gut machen. Ich gib dir ein Essen aus. Eine Portion von Gyeongs berühmten Nudeln.
Bluebird27: Das brauchst du nicht.
Browneyes55: Doch ich will es aber. Und ich habe dir was Wichtiges mitzuteilen.
Wie Worte doch die Stimmung eines Menschen verändern konnten. Die milde Dankbarkeit der alten Gemüsedamen schlug in Zufriedenheit um, die mahnende Ansprache seines Vaters bedrückte ihn und machte nachdenklich. Neugier und Vorfreude waren es nun, was Haekwon empfand. Es war für ihn ein Tag gewesen, an dem er alle Gefühle dieser Welt verspürte, ohne jemals einen festen Bezug zu ihnen zu entwickeln, als wäre er einfach ein stummer Zuschauer. Erschöpft legte er sich ins Bett und drückte seine Ohrmuschel gegen die Wand. NICHTS. Heute gab es keine Daily Soap, keine Streitigkeiten an diesem Abend. Anscheinend hatte der Alkohol Hee-Chuls Geist gefügig gemacht. Haekwon hasste seinen Vater zwar nicht, aber dennoch ertappte er sich dabei, wie er Verachtung empfand, die ihn auf Distanz zu ihm hielt. Gelegentlich schämte er sich, weil er so fühlte. Ertappt von seinem eigenen Gewissen wie es oft Ladendieben erging. Seine Mutter liebte er über alles. Verhätschelt hatte sie ihn dennoch nie. Das war es, was er an ihr am meisten mochte. Die liebevolle, aber dennoch rationale Beziehung zu ihr.
„Hast du dir schon mal gewünscht, jemand anderes zu sein?“
Heute hatte sie ausnahmsweise nicht ihre Schuluniform an, was Soo-Jung befremdlich vorkam. Sie saßen auf einer Mauer und blickten in den aschgrauen Himmel. Die dichte Wolkendecke löste sich nur zähflüssig auf. Darunter eine Ansammlung spärlicher Behausungen, die von schmalen Wegen als Geiseln genommen wurden. Die Armut kroch den steilen Hügel hinauf und verschwand in der Weite, als würde sie vor sich selbst flüchten.
„Nein“, war seine kurze und zögernde Antwort gewesen.
Ihr Seufzer klang nach Erleichterung. Soo-Jung schaute ihr Ernst in die Augen, bis sie ihren Blick von ihm abwandte. Es war das dritte Treffen mit ihr und er genoss die Zeit ohne Hektik.
„Willst du denn jemand anderes sein?“
Auch sie grübelte lange darüber nach, als wenn sie eine lebenswichtige Entscheidung treffen müsste. Mit den Hacken ihrer Turnschuhe schlug sie gegen die marode Mauer, sodass der Putz unauffällig runterrieselte. So schüchtern und leise wie sie.
„Manchmal wünschte ich, dass ich jemand wäre, der sich mit anderen Problemen befasst als mit seiner Familie.“
„Das ist ein ziemlich bescheidener Wunsch.“
Soo-Jung, der selbst keine Familie besaß, wusste nicht, was er davon halten sollte. Als Waise war es nun mal nicht nachvollziehbar, welche Probleme man mit seinen Blutsverwandten haben konnte. Wie ein Hund nicht verstehen konnte, warum sein Herrchen Geld verdienen musste. Manchmal lag er in seiner heruntergekommenen Wohnung auf der Matratze und stellte sich vor, wie seine Eltern ausgesehen haben mochten. Im Heim hatte er ein Foto von ihnen verlangt, aber die Leiter, mürrisch und kalt, verweigerten seinen Wunsch. Mit Vierzehn floh er schließlich aus diesem Rattenloch, das die Seelen unschuldiger Kinder verschlang. Einige Zeit schlug er sich als Botenjunge für zwielichtige Geschäftsmänner durch, was ihm zuwider war. Es kam ihm töricht vor, sich einer solchen Gefahr auszusetzen. Schließlich erbarmte sich Gyeong seiner und gab ihm ein regelmäßiges Einkommen. Es reichte, um seine Kosten zu decken und ein wenig anzusparen. Für was, das wusste er selbst noch nicht. Sein Kopf war noch nicht gefüllt mit Träumen und Visionen. Eine Tatsache, die ihn selbst zum Grübeln brachte. Wohin sollte das Schiff steuern? Hauptsache immer weiter Richtung Sonne.
„Schlägt er dich?“, fragte Soo-Jung.
Wieder blickte Hyuna zu Boden und weigerte sich eine Antwort zu geben.
„Weißt du, manchmal, wenn ich mich schlecht fühle, reise ich mit meinen Gedanken in ferne Länder. Und in jeder Fantasie reite ich auf einem Tier. Ich versinke in dem Traum auf einem Kamel durch eine Wüstenlandschaft zu reiten, einem Elefanten durch den indischen Dschungel mit ihren antiken Tempelanlagen oder auf einem wilden Pferd durch die mongolische Steppe, wie es unsere Vorfahren getan haben.“
Soo-Jung überkam ein Gefühl von Scham, denn offensichtlich wusste das zarte Mädchen von Nebenan mehr über die Welt als er. Er kannte nur die Ecke, wo er aufgewachsen war.
„Du scheinst viel zu lesen“, stellte er neidlos fest.
„Gelegentlich lese ich meinem Bruder eine Gutenachtgeschichte vor. Ich liebe ihn. Er ist das Einzige, was mir wichtig ist.“
Der Himmel wurde dunkler und es kündigte sich ein Regenschauer an, der die ganze Stadt bedrohte. Nur wenige Leute liefen durch die Gassen, meist waren sie in Eile. Soo-Jung sprang von der Mauer und reichte Hyuna die Hand. Als er auf seinen Drahtesel stieg, setzte sie sich auf den Gepäckträger. Zunächst drehten sich die Räder langsam. Der Hinterreifen wurde kaum von ihrem zierlichen Körper belastet. Dann trat Soo-Jung kräftiger in die Pedale und gemeinsam sausten sie durch das Labyrinth. Vor Hyuna zogen Betonmauern, rote Dachziegel und Bewohner vorbei, die ihr mit voller Bewunderung hinterher sahen. Sie schloss die Augen, um den Zugwind zu genießen, der ihr Gesicht umwehte und die Haare aufwirbelte. Soo-Jung spürte, wie sich die warme Stirn des Mädchens gegen seinen Rücken lehnte. Während er fuhr und sich einen Weg durch das Gewirr aus engen Gassen bahnte, musste er lächeln. Seit langem fühlte er sich wieder frei und glücklich.
„Komm mich doch öfters besuchen“, hörte er ihre sanfte Stimme.
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