„Alles klar bei dir, Cheol-Hee?“
Der junge Mann zupfte sich sein grünes T-Shirt zurecht und schob seine randlose Designerbrille ein Stück weiter den Nasenrücken hoch, bevor er zu Soo-Jung hochblinzelte, als würde er in die Sonne starren.
„Ach, welch eine Überraschung. Dich werde ich wohl nie los. Hast du kein Leben?“, scherzte er.
Kurt Cobain huschte zwischen Soo-Jungs Beinen umher.
„Flohfänger sind hier eigentlich nicht erlaubt.“
„Mach eine Ausnahme. Wir sind doch Freunde.“
„Ja, ja du mich auch“, sagte Cheol-Hee lachend. „Du kannst ihn bei mir lassen. Die Nummer 12 ist frei.“
Es war mittlerweile Brauch, dass sich Soo-Jung einen Smalltalk mit dem sympathischen Informatikstudenten lieferte. Cheol-Hee arbeitete hier, um sein Studium zu finanzieren. Er bekam die Stelle nur, weil der Besitzer ein Geizhals war und Cheol-Hee nicht nur den Portier spielen musste, sondern auch nebenbei die Computer warten durfte. Soo-Jung ließ seinen Blick durch den schmucklosen Raum wandern. Trotzdem mochte er die Atmosphäre hier. Das synchrone Raunen der PC-Lüfter, das unkoordinierte Klicken von Mäusen und das Klappern der Tastaturen wie lose Schrauben im Werkzeugkasten auf der Ladefläche eines Pickups, während der Wagen über unzählige Unebenheiten fuhr. Alles zusammen ergab eine digitale Symphonie. Nachdem er sich aus dem Kühlschrank eine Zitronenlimo genommen hatte, nahm er seinen Platz ein. Hier lief alles so ab, wie in einem anständigen Wohnhaus. Jeder scherte sich um seinen eigenen Kram. Für Laien war es nur eine Ansammlung flimmernder Bildschirme, aber Soo-Jung studierte gerne das Mienenspiel der übrigen Gäste. Konzentriert verkrampfte, amüsierte, verärgerte und sanft verzauberte Gesichter, alle hier Seite an Seite in den Zauberkasten starrend. Der Klappstuhl vor seinem Rechner bot zwar nicht viel Komfort, aber das war Soo-Jung nicht wichtig, solange ihm ein erfrischendes Getränk die Kehle runterlief und er über digitale Autobahnen ein anregendes Gespräch führen konnte. War er erstmal drin, unterschied er sich kaum von den anderen Zombies hier, die mit fahlen Gesichtern in ihren Welten versanken und die reale Welt immer mehr zur digitalen wurde. Er machte sich daher keine Illusion, dass er anders war.
Bluebird27 war da und Browneyes55 übernahm das Ruder, da zunächst keine Reaktion erfolgte.
Browneyes55: Wen haben wir denn hier? ;)
Bluebird27: Wie schön, dass du auch mal wieder hier auftauchst.
Browneyes55: Wer bist du, meine Mutter? War beschäftigt.
Bluebird27: Lass uns mal wieder ein Bier trinken gehen. Diesmal zahle ich.
Browneyes55: Klar, wie wäre es mit heute. Ist mein freier Tag.
Bluebird27: Der feine Herr hat heute also frei. Sehr gerne, meine Mutter hat wieder die Putenrunde ins Haus geholt. Ich muss hier weg.
Browneyes55: ????
Bluebird27: Stell dir 3 Bonzenweiber vor, die den ganzen Tag darüber tratschen, wie toll doch ihre Kinder sind und wo es die besten Friseure gibt. Dieses oberflächliche Gehabe, das hält kein Mensch aus.
Browneyes55: Klingt als hättest du eine Menge Spaß.
Bluebird27: Du kannst mich mal. Mein Vater macht allerdings Stress, wenn ich jetzt wieder das Haus verlasse und den ganzen Abend durch die Gegend streife. Ach was soll´s. Ich komme raus. Pfeif auf ihn.
Cheol-Hee hatte sich über Soo-Jungs plötzlichen Aufbruch zwar gewundert, aber er hatte ohnehin andere Dinge zu tun. Ruhig auf seinem Platz bleiben konnte er nicht. Die Computer waren teils so veraltet, dass die Beschwerden der Gäste stoßweise auf ihn einhagelten.
Dieses Mal hatte Haekwon den Treffpunkt bestimmt, was Soo-Jung Unbehagen bereitete. So chaotisch sein Tagesablauf auch wirkte, war er trotzdem jemand, der gern Kontrolle über das Chaos hatte. Selbst die spontansten Entscheidungen, waren nicht so spontan wie sie auf andere wirkten. Mit der Metro fuhr er einige Stationen bis zur Konkuk Universität. Die Horden von Studenten, die hier mit ihm ausstiegen, vermengten sich zu einem Stimmgewirr, aus dem Soo-Jung hauptsächlich Ängste und Sorgen heraushörte. Prüfungen, Abschlüsse und die Zukunft, darüber redeten die jungen Leute als stünden sie vor einem Untersuchungsausschuss, der ihre Leben bis ins kleinste Mosaik unter die Lupe nahm.
Durch die Menschenmenge erkannte er bereits Haekwon, der auf den von Straßenlampen beleuchteten Stufen vor dem quadratischen Gebäudekomplex saß. Seinen eckigen Kopf mit dem Bürstenschnitt hatte er an den Sockel einer Statue gelehnt, die einen Akademiker in stolzer Pose darstellte, der seinen autoritären Schatten über den Campus warf. Entspannt blinzelte er zu Soo-Jung hoch, obwohl dieser das künstliche Licht mit seinem Körper verdeckte. Der Campus war leergefegt und die Studenten wie emsige Ameisen in ihre jeweiligen Lernkammern geströmt. Begierig neues Wissen aufzunehmen, das sie auf das Leben projizieren konnten. Nur noch die beiden Ungelernten standen hier auf diesem Geistergelände. Ächzend richtete sich Haekwon auf. Soo-Jung hatte schon beim ersten Treffen bemerkt, dass der Junge zu viel auf den Rippen hatte. Dick war er allerdings nicht, sondern nur etwas aufgedunsen. Haekwon schlug gleich vor, einen kleinen Straßenstand aufzusuchen, an dem hervorragendes Feuerfleisch angeboten wurde. Widerwillig willigte Soo-Jung ein, da ihm noch die Instantnudeln schwer im Magen lagen.
Kurze Zeit später befanden sie sich in einem Zelt, das sich von dem Odengstand neben dem Seoul Tower optisch kaum unterschied. Hier roch es allerdings nach salzigem Sesamöl und gegrilltem Bauchfleisch.
„Also, du hast ein Mädchen kennengelernt“, sagte Haekwon gedämpft, da er sich etwas Rindfleisch in den Mund geschoben hatte, das appetitlich in einem Salatblatt verpackt war.
„Hab sie mal beliefert. Naja, jetzt nicht mehr. Trotzdem treffen wir uns.“
Soo-Jung kippte sich etwas Soju in den Rachen und verzog das Gesicht. Normalerweise trank er keine Spirituosen und er hatte das Gefühl, dass Feuerameisen seine Speiseröhre runterkrochen.
„Was ist denn los mit dir? Willst du nichts essen?“
„Nein, keinen Hunger.“
Abrupt stoppte Haekwon seine Kaubewegung und blickte Soo-Jung ernst an. Eine Weile schwiegen beide. Nur das aus der Propanflasche strömende Gas, was die Flamme nährte und das auf der Metallvorrichtung brutzelnde Fleisch waren zu hören, während ein Schleier aus Rauch sie voneinander trennte.
„Was hast du? Habe ich etwas falsch gemacht?“
„Nein, es geht mir gut. Ich mache mir nur Sorgen um das Mädchen. Hyuna heißt sie übrigens. Ihr Vater scheint sie schlecht zu behandeln. So ein kleiner degenerierter Fettsack.“
Es drängten sich mehr Leute in das kleine Zelt, hauptsächlich Studenten, die nach dem Lernen sich den vergnüglicheren Teil des Lebens widmen wollten. Die zierliche Bedienung, wahrscheinlich die Tochter des Besitzers, hetzte von einem Tisch zum nächsten, ihr Gesicht zu einer gestresst freundlichen Miene verzogen. Die jungen Leute verstanden es, zu essen, zu trinken und zu leben. Haekwon bewunderte diesen Lebensgeist. Schon bald war das Zelt gefüllt mit hellen Stimmen und aufrichtigem Gelächter, sodass man sich vorkam, als wäre man auf einer kleinen Privatparty. Soo-Jung nahm sich eine Peperoni und dippte sie in die scharfe Sojapaste. Das brennende Gefühl auf der Zunge versuchte er mit Soju zu löschen, während Haekwon ihm mit einem amüsiert und leicht vernebelten Blick dabei zusah.
„Was ist?“, fragte er, weil der Borstenschnitt immer noch grinste.
„Ich habe mir nur überlegt, wie gerne ich eigentlich dein Leben führen würde“, lallte Haekwon und schenkte noch etwas Reisschnaps nach.
„Du spinnst doch. Ich bin arm und du bist reich. Du kannst den ganzen Tag tun, was du willst. Ich muss für meinen Lebensunterhalt strampeln, damit ich nicht untergehe.“
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