1 ...8 9 10 12 13 14 ...22 „Das werde ich“, war seine ehrliche Antwort. Denn mit ihr fühlte er sich wohl. Soo-Jung hatte noch nicht viel Erfahrung mit Mädchen gehabt, aber er spürte, dass sie zu ihm passen könnte.
Zunächst fielen nur einige dicke Tropfen vom Himmel und benetzten den staubigen Weg, dann öffneten sich die Schleusen. Soo-Jung spürte wie sich sein T-Shirt immer enger um seinen Oberkörper schnürte, während ihm die Muskeln brannten und der Regen ihm klamm von seinem kahlen Schädel perlte. Genauso durchnässt klammerte sich Hyuna enger um seine Hüfte, seine Wärme suchend, die er ihr gerne geben wollte. Die Gummireifen ließen das trübe Wasser an Betonwände spritzen, wenn er durch eine Pfütze fuhr. Gemächlich lief es dort hinunter und versickerte in den Ritzen. Am Ende des Weges erkannte sie ihr Haus. Der Regen fiel noch stärker und behinderte die Sicht, aber das baufällige Gebäude würde sie auch unter noch schlechteren Wetterverhältnissen wiedererkennen.
Unter dem Vordach stand Jun-Su. Schon von Weitem erkannte sie, dass er getrunken hatte.
„Wo bist du solange gewesen?“, brüllte er in den Schauer hinein. „Komm sofort ins Haus!“
Am wankenden Gang ahnte sie, dass es nicht bei einer Flasche Soju geblieben war. Sein fleckiges Unterhemd klebte an seinem runden Bauch und die fettige Haut glänzte noch mehr durch die Nässe. Hyuna stieg schnell vom Gepäckträger, um ihm entgegen zu laufen, weil sie wusste, wie ihr Vater war. Mit Leichtigkeit wurde sie zur Seite gestoßen. Wie ein zorniger Bulle stürmte er auf Soo-Jung zu. In seiner Brust spürte der Junge wie sein Herz immer schneller klopfte, aber seine Miene blieb mutig. Diesem Unmenschen wollte er keineswegs seine Furcht zeigen. Die Genugtuung wollte er ihm nicht geben. Noch den Hintern am nassen Sitz und ein Bein in eine Wasserlache gestemmt stand er da. Jun-Su redete nicht lange, sondern packte ihn am Kragen und zog ihn hoch. Dem kleinen, dicken Mann hätte Soo-Jung nicht so viel Kraft zugetraut. Das Fahrrad kippte zur Seite und die ölige Kette wurde noch feuchter.
„Du lässt deine dreckigen Finger von meiner Tochter! Hast du verstanden?“
Durch den trüben Regenvorhang sah Soo-Jung, wie Hyuna sich aufrappelte und zu ihm eilte.
„Papa, lass ihn. Er hat doch nichts getan!“, schrie sie schon aus der Ferne. Die Verzweiflung in ihrer Stimme jagte Soo-Jung einen Schauer über die Haut.
„Deine Tochter darf ausgehen mit wem sie will“, schleuderte er dem Vater grinsend ins Gesicht. Dann spürte er einen dumpfen Schmerz in der Magengegend. Der Fausthieb war gezielt und fest. Soo-Jung fiel auf den steinigen Boden. Der Schmerz betäubte kurz die Kälte, die klamm seinen Körper umklammerte. Auf ihn herab blickte Jun-Su, wie ein unbezwingbarer Fleischberg.
„Aber nicht mit so einem streunenden Köter wie dir.“
Der kalte Blick des Dicken traf ihn fast so hart wie der Fausthieb. Hyuna stand hinter ihrem Vater, traurig und ratlos. Es tut mir leid, sagten ihre schmalen Augen als sie Soo-Jung anblickte. Es tut mir so leid.
Ist schon gut , flüsterte er ihr in Gedanken zu, während Jun-Su sie Richtung Haustür stieß.
Mittlerweile war seine Hose völlig durchtränkt. Trotzdem blieb er eine Zeit in der Pfütze sitzen. Sein Blick, getrübt vom Regenvorhang, auf das Haus gerichtet, in dem sie verschwunden war. Verschlungen vom Rachen des Gebäudes mit seinem schmutzigen, weißen Gemäuer. Aus dem Inneren drang noch lautstarker Streit, der vom Geräusch des fallenden Regens gedämpft wurde. Man konnte einen kleinen Jungen weinen hören, so dezent wie ein Staubkorn auf einer Tischfläche. Mit zitternden Knien richtete sich Soo-Jung auf und stieg auf sein Fahrrad, das halb versunken in der Wasserlache lag. Mit einer gewissen Erleichterung verließ er das Viertel, obwohl er auch Stolz fühlte. So hatte er doch vor dieser zähnefletschenden Bulldogge keine Furcht gezeigt, sondern kühn in ihre vom Alkohol geröteten Augen geblickt. Er machte sich Sorgen um…. Konnte er das wirklich schon denken? Ja, er machte sich Sorgen um seine Freundin. Möglicherweise musste sie jetzt für sein Verhalten büßen.
Das Nudelhaus erschien ihm in diesem trüben Wetter wie ein Lichtschimmer. Ein sicherer Zufluchtsort, der ihn vor den Witterungen des Lebens schützte. Gyeong, dem Soo-Jung im Treppenhaus begegnete, starrte ihn verwundert an, als er völlig durchnässt und verdreckt das Fahrrad in den Flur schob. Trotzdem stellte er keine Fragen, was Soo-Jung an ihm sehr schätzte. Der alte Koch warf einen Plastikbeutel mit fauligen Gemüseschalen in die Tonne und verschwand wieder im Imbiss. Als Soo-Jung die Stufen hochstieg, spürte er jeden Muskel in Oberschenkel und Waden, die wie ein Inferno des Schmerzes seine Nervenenden versengten. Er hörte bereits das Kratzen hinter der Tür, die er langsam öffnete, und Kurt Cobain, den er den ganzen Tag allein gelassen hatte, huschte durch den Spalt und kletterte vor Freude sein Bein hoch. Den kleinen Taiwanhund hatte Soo-Jung bereits ins Herz geschlossen.
„Immer sachte, Kleiner“, begrüßte er sein neues Haustier lachend, während er ihm das leicht gräulich schimmernde Kurzhaar kraulte. Nach einem ereignisreichen Tag gab es nichts Schöneres als von einem guten Freund empfangen zu werden. Seine nassen Sachen streifte er ab und hing sie auf eine grüne Wäscheleine, die über dem Balkon gespannt war und dicht unter dem Vordach Schutz vor Feuchtigkeit bot. Kurt Cobain folgte jedem seiner Schritte. Ob er die Wäsche aufhing, den Kühlschrank öffnete oder nur in Boxershort am Tisch sitzend eine heiße Schale Ramyun zu sich nahm. Eine Sünde, wenn man bedachte, dass einige Stockwerke unter ihm Gyeong die besten Nudeln der Stadt zauberte. Mit wedelndem Schwanz und folgsamen Blick wollte Kurt Cobain bei ihm sein. Als Belohnung für seine Anhänglichkeit holte Soo-Jung dem kleinen Taiwanhund eine Wurst aus dem Kühlschrank, die Kleinkurt unverzüglich verschlang und wieder zu Soo-Jung aufblickte.
„Du frisst mir noch die Haare vom Kopf“, klagte er lächelnd und schmiss ihm noch ein paar Instantnudeln hin, die das Tier hastig vom Linoleumboden aufschleckte. Noch die dampfende Kunststoffschale vor sich blickte Soo-Jung aus dem Fenster. Der frische Regen hatte aufgehört und die feuchte Luft hüllte die Wohnblocks in einen grauen Dunst. In dieser Eintönigkeit strahlte die Stadt eine gewisse Schönheit aus, da sie sich nicht mehr so stark hinter funkelnden Reklametafeln verstecken konnte. Sie wirkte authentischer. Der Schauer hatte die Schminke abgewaschen und das wahre Gesicht der Stadt kam zum Vorschein. Er brauchte nicht lange, um zu Kräften zu kommen. Nur eine Nudelsuppe und gute Gesellschaft. Diesmal verließ er den Wohntrakt mit seinem Hund, um gemeinsam die asphaltierten Wege unsicher zu machen. Soo-Jung genoss diese kleinen Spaziergänge. So konnte er den Puls der Stadt fühlen und ihren vielfältigen Geruch einatmen. Ein olfaktorisches Sammelsurium aus Fischmarkt, Abgasen und Schweißgeruch. An jeder Straßenecke brüllten Händler ihre Verkaufsparolen und lieferten sich Preisschlachten, um die Konkurrenz auszustechen. Früher schwang man die Keule, heute die Zunge.
Den frischesten Tintenfisch, hier nur bei uns!
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Perlenketten in verschiedenen Farben! Deine Freundin wird es dir danken!
„Ja, meine Freundin“, wiederholte Soo-Jung und entschied sich für eine Kette mit bunten Strasssteinchen. Es kam ihm zwar ein bisschen albern vor und er wusste nicht, wie Hyuna darauf reagieren würde, aber was wäre das Leben schon ohne Risiken.
Das Internetcafé, das er ansteuerte, war früher ein alter Schallplattenladen gewesen. Man stellte einfach ein paar Rechner rein und bot dazu den surfenden Gästen einige Getränke an, und schon hatte der Papagei die Farbe gewechselt. Am Empfangstisch saß ein junger Mann mit Strubbelhaar, das sich auftürmte wie ein Vogelnest.
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