„Jawohl, Sir.“ James Blake, der persönliche Assistent, der mitverantwortlich war für die Sicherheit des Staatschefs, nickte.
„Und Blake, den Angehörigen der Opfer sprechen Sie bitte unser tiefstes Mitgefühl aus. Helfen Sie ihnen, wo es uns möglich ist. Stellen Sie sich ein Team zusammen und delegieren Sie, wenn nötig.“ Jetzt sah Harper alle Anwesenden der Reihe nach eindringlich an. „In fünfzehn Minuten werde ich eine Pressekonferenz geben, die Menschen brauchen Zuspruch. Karen, Sie bringen mir diesen Cole sofort hierher. Blake, geben Sie ihr die nötige Sicherheitsfreigabe.“
Blake sah Karen zweifelnd an. „Aber Sir, das verstößt gegen die Vorschriften …“
Harper hob die Hand. „Mr Blake, ich bin mir sicher, Sie werden das hinbekommen.“
Blake presste die Lippen zusammen. Karen wusste, dass sie in ihm keinen Freund hatte. Was daran liegen mochte, dass er sie mehrfach gebeten hatte, mit ihr auszugehen, und sie mehrfach abgelehnt hatte. Blake war seine Karriere wichtiger als alles andere, Karen wusste, dass er nur eine Trophäe in ihr sah.
„Ich sehe, wir verstehen uns“, sagte Harper jetzt, und ein stählerner Unterton schlich sich in seine sonst so sanfte Stimme. „General Mason, ich möchte, dass Ihre Truppen unsere Polizeikräfte unterstützen, um auf unseren Straßen wieder Ordnung herzustellen. Ziehen Sie öffentlich auf keinen Fall irgendwelche Schlüsse, spekulieren Sie nicht, sondern warten Sie die Konferenz ab, bevor Sie sich irgendwie äußern. Das gilt für alle hier! Das Meeting ist beendet. Wir treffen wieder zusammen, wenn wir mehr Informationen vorliegen haben. Gott schütze Britannien.“
Karen warf Blake einen auffordernden Blick zu. „Können Sie mir die Freigabe jetzt gleich erteilen? Ich kümmere mich selbst um einen Wagen und zwei Sicherheitsleute, die mich begleiten.“
Blake sah sie einen Moment an, als müsse er sich daran erinnern, wer sie war. „Natürlich“, erwiderte er kühl. „Sie erhalten das Dokument sofort über das Intranet.“
Covent Garden,London/11.15 Uhr (GMT)
Ich drehte die Teetasse in den Händen und starrte ins Leere. Das innere Zittern wollte einfach nicht nachlassen. Mach dich bereit, hatte sie gesagt. Paul fing an, die Aschenbecher einzusammeln und die Stühle hochzustellen, so dass Betty morgen leichter durchwischen konnte. Würden wir morgen öffnen? Oder überhaupt jemals wieder? Ich stemmte mich hoch, stellte die Tasse zu den gebrauchten Gläsern auf dem Tresen und ging noch einmal hinaus auf die Terrasse. Mittlerweile war die Polizei vor Ort, riegelte alles ab und hatte in Windeseile eine Art Plane über den ganzen Bereich gezogen. Doch ich würde das Bild vor meinem inneren Auge nie wieder vergessen, auch wenn sie den Platz neu betonieren würden.
„Dave, wir haben Besuch.“ Pauls Worte rissen mich aus meinem Gedanken. Sie wirkten zwischen den Tischen völlig deplatziert: zwei schwarz gekleidete Männer und eine junge Frau. Wow, ist die heiß, fuhr es mir durch den Kopf. Die Jungs hingegen sahen aus wie die typischen Bodyguards. Sonnenbrille, Bürstenhaarschnitt und – ich traute meinen Augen kaum – Halfter unterm Jackett. Was sollte das denn?
„David Cole?“, fragte die Hübsche ohne Einleitung.
„Das wäre dann ich, Miss.“ Ich stand auf und reichte ihr die Hand. Konnte ja nicht schaden, höflich zu sein. Aus dem Augenwinkel sah ich, wie Paul am Tresen lehnte. Seine lässige Haltung konnte nicht über seine Anspannung hinwegtäuschen.
„Karen Stanley, Büro des Premierministers, Mr Harper wünscht Sie zu sprechen.“
„Im Ernst? Der Premierminister? Hatte er auch, wie hast du das genannt, Paul? Kopfkino?“
„Soweit unsere bisherigen Informationen es zulassen, können wir sagen, dass jeder Mensch auf diesem Planeten Sie sehen konnte, Mr Cole.“
Ich warf Paul einen hilflosen Blick zu. „Na heilige Scheiße, eins zu null für dich.“ Ich fummelte mir eine Zigarette aus der Hose, und Paul gab mir ebenso wortlos Feuer.
„Mr Cole, Sie kommen jetzt mit uns“, sagte einer der beiden Herren.
„Nehmen Sie mich fest?“, fragte ich und trat vorsichtshalber ein paar Schritte zurück, bis ich an einen Tisch stieß.
Die Assistentin des Premiers hob beschwichtigend die Hände. „Nein“, sagte sie. „Aber wir müssen herausfinden, was hier vor sich geht und was Sie damit zu tun haben.“
„Gar nichts!“, betonte ich, doch ich wusste, dass ich gegen die zwei Gorillas keine Chance hatte. Um nicht völlig das Gesicht zu verlieren, antwortete ich schnoddrig: „Also, Schätzchen, da es sich scheinbar nicht vermeiden lässt, würde ich Folgendes vorschlagen: Wir haben uns alle lieb, die beiden Men in Black lassen ein bisschen Luft aus dem Hemd, und wir fahren auf dem Weg zur Downing Street noch schnell beim nächsten Corner Shop vorbei. Ich brauch noch Bensons.“ Kaum hatte ich meine Rede beendet, wusste ich, dass ich übers Ziel hinausgeschossen war.
Die junge Dame trat auf mich zu, bis sie direkt vor mir stand. In ihren Augen funkelte es, als sie trocken erwiderte: „Die Zigaretten sind Nebensache. Jeder Mensch auf der Welt kennt jetzt Ihr Gesicht. Glauben Sie mir, Mr Cole, ohne uns kommen Sie momentan maximal zwei Blocks weit. Leisten Sie keinen Widerstand, oder ich setze Sie auf dem Trafalgar Square aus … Schätzchen.“
Paul begann schallend zu lachen. „Aua, das hat gesessen“, sagte er, als er wieder reden konnte, klopfte mir auf die Schulter und warf sich seine Lederjacke über. „Ich komme mal besser mit, irgendjemand muss ja auf dich aufpassen.“
Karen Stanley musterte ihn kurz und gab mit einem fast unmerklichen Nicken ihr Einverständnis. Ehrlich gesagt, war ich froh darüber. Mir zitterten nämlich immer noch die Knie. Im Gänsemarsch verließen wir das Lokal, Paul zog die Tür mit einem heftigen Ruck zu und schloss sorgfältig ab.
Die beiden Gorillas positionierten sich links und rechts der schwarzen Limousine. Davor und dahinter stand jeweils ein Streifenwagen mit blinkenden Lichtern. Vor dem Einsteigen zögerte ich dennoch. „Ich weiß, dass wir es irgendwie eilig haben, aber könnten wir wirklich nicht kurz halten? Nur zwei Päckchen… Es dauert nicht lange, bestimmt…“
Karen Stanley ignorierte mich einfach. „Wir haben eine Polizeieskorte bis zur Downing Street, meine Herren. Also steigen Sie schon ein.“ Sie setzte sich uns gegenüber, schlug die Beine übereinander – schöne Beine in hochhackigen Schuhen, wie ich nicht umhin konnte zu bemerken –, und fixierte mich. „Und nun Folgendes, Mr Cole. Das gilt auch für Sie, Mr Richards: Alles, was Sie ab jetzt hören, unterliegt der Geheimhaltung. Ich weiß, Sie haben damit Erfahrung. Haben Sie das verstanden?“
Wir nickten beide wie die Schuljungen.
„Wenn wir angekommen sind, werden Ihnen einige Mitarbeiter Fragen stellen und Sie einer ärztlichen Untersuchung unterziehen. Wir gehen davon aus, dass Sie kooperieren.“
„Ich auch?“, fragte Paul dazwischen.
„Nur wenn Sie darauf bestehen“, gab Miss Stanley ungerührt zurück. „Anschließend wird Mr Cole dem Krisenstab bitte erklären, was er über diese Sache weiß. Bei Fragen wenden Sie sich bitte ausschließlich an mich. Diese beiden Herren“ – sie wies auf die Gorillas – „werden sich um Ihre Sicherheit kümmern. Sie sind bis auf Weiteres als stark gefährdet eingestuft, Mr Cole. Falls Sie etwas aus Ihrer Wohnung benötigen, werden wir es holen lassen. Und wenn Sie mir bitte noch Ihr Handy aushändigen würden.“ Sie streckte die Hand aus.
Verdattert griff ich in meine Hemdtasche und gab ihr mein Telefon.
„Danke. Alles klar? Mr Richards, für Sie gilt selbstverständlich das Gleiche. Ihr Handy, bitte.“
Paul sah erst sie, dann mich mit hochgezogenen Brauen an. „In Ordnung, Madam“, sagte er dann, und es schwang etwas wie Anerkennung in seiner Stimme mit. Er reichte ihr sein Telefon, und Karen steckte es ein. „Wie gesagt, da Sie beide militärische Vorkenntnisse haben, sollten Ihnen die grundsätzlichen Abläufe ja vertraut sein.“
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