„Hast du … hast du das auch gehört?“, fragte ich und erkannte meine Stimme kaum wieder.
Paul nickte. „Ich mach uns erst mal eine Tasse Tee! Mit Schuss, denn ich glaub, das ist jetzt auch schon egal. Und dann erklärst du mir bitte, warum und worauf du Vollhonk dich vorbereiten sollst. Ich kenn dich jetzt echt schon lange, und soweit ich das einschätzen kann, sind deine einzigen Talente Saufen und Weiber Klarmachen.“
„So viel Blut und so viel Tod, Paul“, flüsterte ich und presste die Hände auf die Knie, damit sie aufhörten zu zittern. „Hat sie wirklich mich gemeint? Was mach ich denn jetzt?“
„Ruhig, Dave, bleib ruhig, okay!“ Paul hantierte hinter der Theke mit dem Wasserkocher. „Fakt ist, Dave, da draußen ist die Kacke am Dampfen, wenn ich auch keine Ahnung habe, was ich da gerade gesehen habe, und ja, scheinbar hängst du da irgendwie mit drin.“
„Ach du Scheiße, das glaubst du doch nicht wirklich, oder?“
„David Cole, du warst gerade in meinem Kopfkino, und das ist ein Ort, wo ich dich eigentlich nie im Leben sehen wollte, comprende? Ich hab dich, also uns beide, mit ihren Augen gesehen, verstehst du? Das war vollkommen abgefahren! Und ja, sie sagte was von wegen du sollst dich vorbereiten.“ Paul schenkte Earl Grey in zwei große Tassen und gab einen großzügigen Schuss Rum hinein. Er kam um den Tresen herum, drückte mir eine Tasse in die Hand.
Ich beugte mich darüber, atmete tief ein, der Bergamotte-Duft und die Wärme drangen in meine Nase, wanderten in mein Hirn, und so langsam begann ich wieder zu fühlen, wer ich war. Ich war Dave Cole, ein ganz normaler Barkeeper ohne Ambitionen als Filmstar. Mehrere Schlucke Tee später holte ich mein Handy hervor und wählte die Nummer meiner momentanen Flamme.
„Hey Claire, alles klar bei dir?“
Sie schrie ins Telefon: „Dave, verdammt noch mal! Was läuft denn bei dir, um Himmels willen? Du warst in meinem Kopf, David, also eigentlich in allen Köpfen, um genau zu sein. Alle meine Kollegen … was war das?“
Also hatte sie es auch gesehen … Ich schüttelte verzweifelt den Kopf. „Geh heim, Claire, und schließ die Tür ab, ich ruf dich wieder an, sobald ich weiß, was hier los ist, okay?“
„Dave, ich konnte es sehen! Wir alle konnten es sehen! Sie hat uns so viel Leid, so viel Schmerz gezeigt …“
Jetzt weinte sie, ich konnte die Hoffnungslosigkeit und Hysterie in ihrer Stimme hören. „David“, sagte sie schließlich. „Ich kann das nicht!“
„Was meinst du?“, fragte ich.
„Ich weiß nicht, in was du da hineingeraten bist, aber ich kann das einfach nicht! Es ist aus mit uns.“
„Hey, easy Claire, keine Ahnung, was hier läuft, aber ich werde es rausfinden, okay??“
Sie schluchzte leise: „Mach ’s gut, Dave!“ Die Leitung erstarb.
„Scheiße, ich glaub, ich brauch ’ne neue Freundin“, sagte ich zu Paul, nachdem ich das Handy weggelegt hatte. „Sie hat es auch gesehen“, ergänzte ich nach einem weiteren Schluck Tee. „Anscheinend hatten wir eine London-weite Live-Sendung.“
Paul lehnte sich neben mir an einen Tisch, atmete tief durch und sagte: „Trink aus. Und dann sollten wir vielleicht abwarten. Denn wenn das alles wirklich so gelaufen ist, wenn alle das gesehen haben, ist hier gleich eine ganze Menge los, glaub mir. Du kannst raten, ob erst die Bullen kommen oder das Fernsehen. Und wenn nicht, sollten wir uns unbedingt einweisen lassen.“
Downing Street Nr. 10, Westminster, London/10.30 Uhr (GMT)
Andernorts war hingegen an Tee nicht zu denken. Karen Stanley, die Bürochefin des englischen Premierministers Matthew Harper, führte ein Telefonat nach dem anderen. Die Informationen überschlugen sich regelrecht, aber es war meistens mehr wissenschaftliches Blabla, nicht die konkreten Erklärungen, die sie – und ihr Chef – sich dringend wünschten. Sie hätte am liebsten den Kopf in die Hände gestützt und in Ruhe darüber nachgedacht, was hier eigentlich vor sich ging, aber diesen Luxus konnte sie sich heute nicht leisten. Sie nahm die letzten Blätter aus dem Drucker, zupfte sich das Kostüm zurecht, warf einen kurzen Blick in den Spiegel und auf in den Kampf. Im Arbeitszimmer des Premierministers war der ganze Krisenstab zusammengekommen. Mit einem Wort: Ausnahmezustand.
„Wir müssen jetzt handeln, unbedingt eine Presseerklärung herausgeben, Sir“, ertönte es von einer Seite des Raumes.
„Wir sollten den nationalen Notstand ausrufen, Prime Minister“, hallte es von der anderen. Als Karen den Raum betrat, wurde sie von den Anwesenden kaum beachtet. In diesem Moment hörte sie gerade aus dem Lager der Royal Army verlauten: „Wir müssen jetzt unsere Truppen mobilisieren, Sir, jede Minute zählt.“
Premierminister Harper stand etwas abseits und blickte aus dem Fenster seines Arbeitszimmers. In der Ferne sah er Rauchsäulen aufsteigen, von mehr als nur einem Feuer.
„Prime Minister, wir müssen unsere Truppen mobilisieren“, wiederholte der General.
Jetzt drehte sich Harper um und verschränkte die Arme. „General, meine Herren, gegen wen sollen wir denn mobilmachen? Gegen eine unbekannte Frau? Was wollen Sie bekämpfen, General, von welcher Bedrohung reden wir denn hier? Wir müssen erst herausfinden, was genau geschehen ist! Also: Wenn jemand unter ihnen sein sollte, der mir sagen kann, wie ein Loch am Covent Garden entstehen kann und Augenblicke später wieder verschwindet, höre ich gerne zu. Und kann mir jemand erklären, warum scheinbar jeder Mensch auf der Welt diesen Wahnsinn vor seinem inneren Auge wahrgenommen hat?“
Nur Schweigen antwortete ihm. Die Mitarbeiter des Krisenstabs sahen ihn hilflos an.
Harper breitete die Arme aus. „Wir müssen erst einmal verstehen, womit wir es zu tun haben, dann können wir handeln.“
Die meisten nickten, nur General Mason schüttelte trotzig den Kopf. Karen seufzte lautlos. Für Mason gab es nur Angriff oder Niederlage, so kannte sie ihn.
Sie nutzte den Moment der Stille, trat auf den Premierminister zu und überreichte ihm die Mappe mit den Informationen, die sie bisher gesammelt hatte. „Sir, es gibt Neuigkeiten bezüglich des Mannes auf dem Balkon.“
„Danke, Karen, das ist sicher sehr nützlich. Schießen Sie los, wir sind ganz Ohr.“
„Ich, Sir?“
„Aber natürlich, es sind ja Ihre Recherchen.“
Karen wurde rot. Sie wusste, dass Harper ihre Arbeit schätzte, aber noch nie hatte er sie so in den Vordergrund geholt. Sie räusperte sich. „Der Mann, den wir alle auf dem Balkon gesehen haben, heißt David Cole. Er ist zweiunddreißig Jahre alt und arbeitet als Barkeeper in einer Bar, dem Drunken Pony. In Croydon aufgewachsen und zur Schule gegangen. Vater unbekannt, die Mutter Rosa ist 2010 verstorben. Cole war nach seiner Schulzeit bei der Horseguard und hat anschließend vier Jahre gedient. Während dieser Zeit wurde er einmal gerügt, wegen ungebührlichen Verhaltens. Man hat ihn sozusagen in flagranti mit einer Frau erwischt“, sie lächelte schief in die Runde, „und das auch noch während seiner Wache.“
Niemand lachte. Die Situation war zu ernst.
„Es gibt noch eine Anzeige wegen Körperverletzung“, fuhr sie fort, „die aber im anschließenden Verfahren fallengelassen wurde. Er ist in der Bar bei einem Ehestreit dazwischen gegangen und hat den Mann von der Terrasse über den Platz baumeln lassen, was der Richter als leicht übertrieben eingestuft hat. Es kam nur zu einem kleinen Bußgeld.“
Jetzt ertönte vereinzelt Gelächter.
„Cole lebt in einem Apartment in der Balcombe Street am Dorset Square. Aus Sicht der Nationalen Sicherheit gibt es keine Bedenken – er ist sauber.“
Der Premierminister nickte ihr zu. „Vielen Dank, Karen, wir sollten Mr Cole unverzüglich in die Downing Street einladen, um herauszufinden, was er damit zu tun hat. An seinem Lebenslauf kann es nicht liegen, vermute ich. Dennoch ist dieser Mann im Moment unsere einzige Option. Wir müssen feststellen, was hier vor sich geht. Ich will nicht, dass so etwas noch einmal passiert. Wir haben schließlich eine Verpflichtung gegenüber unserer Bevölkerung!“ Jetzt wandte er sich an den jungen Mann, der neben General Mason stand. „Blake, ich möchte unsere besten Wissenschaftler so schnell es geht hier haben. Und kümmern Sie sich darum, dass Callahan sofort eingeflogen wird.“
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