I. Tame - Antiheld

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Luca ist ein sanfter mitfühlender Mensch. Seine Fähigkeiten als Heiler ebnen ihm einen neuen beruflichen Weg. Das ist jedoch nicht ganz einfach, wenn man einen skrupellosen Manager an seiner Seite hat. Luca fühlt sich ausgebrannt und haut in einer spontanen Nacht- und Nebel-Aktion ab. Nachdem er einige Stunden ziellos über die Autobahn fährt, entscheidet er sich spontan für die Kleinstadt Loewenherz, um sich dort für eine Weile zu verkriechen.
Hier lernt er Jackson kennen. Der hat gerade ein Zimmer zu vermieten und Luca packt die Gelegenheit beim Schopf.
Jackson führt ein eigenwilliges Leben. Er fährt Motorrad und spielt für sein Leben gern Gitarre. Auf einen festen Job pfeift er, denn mit Geld kann er nicht viel anfangen. Alles was er braucht, organisiert er sich – frei nach dem Prinzip: Eine Hand wäscht die andere.
Sein Motto: Jeder sollte nur das machen, was ihn wirklich von ganzem Herzen erfüllt.
Zwischen Luca und Jackson funkt es heftig. Und obwohl es scheint, dass sie so gar nicht zueinander passen, wollen sie es miteinander versuchen.
Ob das klappt? Ihre Chancen stehen 50:50.

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„Zugesagt?“ Lucas Kopf schwirrt. Seine Synapsen im Gehirn schalten nicht schnell genug.

„Luca!“, wirft seine Mutter ihm sanft vor. „Jetzt sag‘ bitte nicht, dass du ihren Geburtstag vergessen hast. Du hast ihr doch versprochen, zu kommen und mit der Familie zu feiern. Tante Sofia, Onkel Bruno, Tante Raffaela, Onkel Giovanni, Tante …“

„Ja, ja, um Gottes Willen, Mama! Jetzt zähl‘ bloß nicht unsere ganze Verwandtschaft auf.“

Doch gleichzeitig zieht ein breites Grinsen über Lucas Gesicht. Sie können ohne Ende nerven. Doch andererseits hab‘ ich noch nie so viel gelacht wie auf unseren Familienfeiern .

Auch seine Mutter lacht herzlich auf. „Und? Kommst du jetzt? Und bevor es peinlich wird: Ihr Geburtstag ist in vier Tagen; am Samstag. Sie darf eine ‚Fete schmeißen‘; und wehe du sagst ‚Party‘ dazu. Dann bringt sie dich um.“ Erneut ertönt das erfrischende Lachen seiner Mutter. Doch Luca wird ein wenig unwohl.

„Ich weiß das wirklich noch nicht genau. Ich bin schon seit einigen Tagen weg und Joey … den muss ich gleich auch noch anrufen. Ich bin einfach abgehauen. Zuhause soll angeblich der Teufel los sein. Eigentlich müsste ich zurück, aber ich will … ich kann einfach noch nicht.“

Einige Momente herrscht Stille am anderen Ende der Leitung.

„Luca“, spricht seine Mutter schließlich in ernstem Tonfall weiter. „Du arbeitest zu viel. Das ist das erste Mal seit … wieviel … seit drei Jahren, … dass du Urlaub machst. Und dann willst du nach einigen Tagen schon wieder zurück? Das ist nicht gut, Schatz. Das solltest du nicht tun. Wenn Joey das angeblich so toll managt, dann muss er auch Freizeit für dich einplanen. Jeder muss mal Urlaub machen. Und deine kleine Schwester liebt dich abgöttisch. Wenn du ihren achtzehnten Geburtstag verpasst, wird sie dir das nie verzeihen … und du dir irgendwann erst recht nicht.“

Luca kann nicht mehr ruhig sitzen bleiben. Er steht auf und blickt aus dem Fenster, während er versucht, sein schlechtes Gewissen zu beruhigen.

„Ja, ich weiß“, stimmt er schuldbewusst zu.

„Oh! Da kommt sie! Warte! Ich geb‘ sie dir mal!“

„Nein, Mama! Ich kann jetzt nicht … Hey Schwesterchen“, ergibt Luca sich in sein Schicksal.

Lina ignoriert seine gesäuselte Begrüßung.

„Luca! Wenn du nicht kommst, dann bist du für mich gestorben. Morto! Hast du verstanden?!“

„Lina, ich … ich will’s auf jeden Fall versuchen! Das versprech‘ ich dir!“

„Du Arschloch!“, ist alles, was seine Schwester empört in den Hörer blökt.

„Lina!“, mahnt ihre Mutter aus dem Hintergrund. Einen Augenblickt später hat sie den Hörer wieder am Ohr. Aus dem Hintergrund kreischt seine Schwester noch ein bitterböses „Vaffanculo!!“ Dann schlägt eine Türe und es herrscht Ruhe.

„Wow! Sie hat wirklich Papas Temperament geerbt!“, bemerkt Luca trocken, während er zwei Jungs vor dem Haus beobachtet, die Kunststücke auf ihren Skateboards üben.

„Das kannst du wohl sagen“, stimmt seine Mutter ihm zu. „Außerdem scheint sie gerade eine Punker-Phase zu durchleben. Ich musste lange Gespräche mit ihr führen, warum sie sich keinen Irokesenschnitt zulegen darf, Piercings in Gesicht, Brust und Genitalbereich nicht in Frage kommen und Neonpink in meinen Augen unkleidsam für ihren Teint ist.“

Jetzt muss Luca doch lachen.

„Die müsste mal Jacks kennen…“ Er verschluckt den Rest des Satzes. Seine ganze Familie weiß, dass er schwul ist. Und sie akzeptieren es achselzuckend, wie sie seine Heilerfähigkeiten akzeptieren.

„So ist er nun mal. Da machst du nichts. Er ist eben anders; das war er schon als Kind. Er liebt Männer?! Va bene! Na gut! Das Leben geht weiter. Aber hast du Rosalias Finger gesehen?! Er hat ihre Gicht gelindert. Das soll ihm erst mal einer nachmachen!“

So gesehen musste Luca seiner Familie und deren Freunden nichts vormachen. Doch ‚en détail‘ wollte wohl keiner von ihnen über sein Liebesleben Bescheid wissen.

„Wer ist Jacks?“, fragt seine Mutter arglos.

„Jackson? Niemand, Mama! Nur ein Kumpel, aber du kennst ihn nicht.“

„Bring‘ ihn doch mit! Ist zwar etwas eng in deinem alten Zimmer, doch das stört euch doch bestimmt nicht.“

„Ja, mal sehen!“, geht Luca den Weg des geringsten Widerstandes. „Ich muss ihn erst mal fragen.“

„Ja, mach‘ das! Und Luca … bitte … komm‘ am Samstag, ja?! Papa vermisst dich so sehr. Er würde es niemals zugeben, aber du kennst ihn. Und mir fehlst du auch!“

„Ja, Mama! Ihr fehlt mir auch. Ich rufe vorher nochmal durch, okay? Mach’s gut!“

картинка 17

„Jackson? Nur ein Kumpel, ein Niemand!“, knurrt eine angepisste Stimme direkt in Lucas Rücken. Vor Schreck fährt er herum und schlägt sich die Hand vor den Mund.

„Mein Gott, Jacks! Verdammt!“ Sein Herz scheint gleich aus der Brust zu springen. Er hatte wirklich nichts davon mitbekommen, dass Jackson hinter ihm steht. Seine Gedanken waren so weit weg; nicht einmal die alte knarzende Eingangstüre hatte er gehört.

„Bin ich dir peinlich?“, bohrt Jackson weiter.

Luca schiebt ihn ein Stück von sich weg, tritt an Jacks vorbei und schmeißt sein Handy auf den Tisch.

„Quatsch! Aber du weißt doch wie das ist mit der Familie.“

„Bist du nicht geoutet?“

„Doch, bin ich! Aber so lange … alles …“

„Ja?“, fragt sein Gegenüber beängstigend ruhig. Dabei verschränkt er die Arme vor der Brust.

Genervt atmet Luca laut aus. „Solange alles noch so … ungeregelt ist, müssen sie von uns nicht unbedingt wissen, oder?“

„Vielleicht gehst du ja sowieso davon aus, dass die Sache mit uns keine Zukunft hat. Das möchte ich nur genau wissen, damit ich weiß, warum ich gerade meinen besten Freund verprellt hab‘?!“

Luca tritt auf ihn zu. „Jacks“, setzt er versöhnlich an. Seine Hände fahren zärtlich durch Jacksons eh‘ schon zerzauste Haarpracht. „Sei nicht so, okay? Ich würde dich niemals verleugnen. Aber am Telefon ist das einfach … scheiße! Ich will vielleicht am Samstag zu ihnen. Meine Schwester wird Achtzehn.“

„Achtzehn? Wow!“, bemerkt Jackson anerkennend. Dabei schließt er genießerisch die Augen. Mhmm, diese kraulenden Finger. Einfach der Wahnsinn .

„Deine Mutter ist also eine Spätgebärende“, fährt er mit belegter Stimme fort. „Vielleicht ist sie inzwischen wieder schwanger?!“

Luca kichert bei dem Gedanken. „Wer weiß …“, erwidert er lächelnd. „Sie hat dich eingeladen. Wenn du möchtest … Schwiegersohn …“, frotzelt er, „… dann könntest du bei der Gelegenheit den ganzen Denero-Clan kennenlernen. Aber beschwer‘ dich hinterher nicht, falls dir von dem Geschwafel die Ohren bluten, capito?!“

„Mhmm … ja, rede in fremden Zungen mit mir! Das ist sowas von sexy“, haucht Jackson, bevor er seinen Mund mit Lucas sinnlichen Lippen verschmelzen lässt.

Wie nicht anders zu erwarten stürzen sie sich wie die Wölfe auf den Präsentkorb. Neugierig öffnet Jackson sämtliche Konserven und pickt in den eingelegten exotischen Leckereien herum.

„Mit Wodka geht alles runter“, grinst er breit und ‚na sdorowje ‘ nimmt er den nächsten Schluck.

„Mit dir zusammen werd‘ ich noch zum Alkoholiker“, lacht Luca, während er versucht, einen Löffel Lachskaviar auf einen Cracker zu schmieren. Schnell ist der Happen in seinem Mund verschwunden.

„Mhmm, oh Mann! Das schmeckt einfach geil!“, schwärmt er und greift ebenfalls automatisch nach seinem Glas.

Jackson liest gerade die Dankeskarte von Magdalena. Als er fertig ist, beobachtet er nachdenklich den neuen Kaviarliebhaber. Das ist wirklich unglaublich. Niemand würde mal eben so ein teures Geschenk machen. Er hat ihr tatsächlich geholfen; hat seine Hände aufgelegt – denke ich mal – und auf einmal blutet sie nicht mehr. Dieser Typ ist mir ein Rätsel. Klar, auch bei Absinth hat er was bewirkt; doch der wollte nicht so recht mit der Sprache rausrücken. Von ‚Ja, schon! Ist irgendwie anders!‘ über ‚Ist eher schlechter geworden. Meine Ohren tun weh, wenn ich raus geh‘ und den Straßenlärm höre‘ bis zu ‚Totaler Schwachsinn! Da tut sich nix!‘ war alles dabei. Aber Abs ist auch eifersüchtig auf Luca. Objektiv würde ich seine Äußerungen jetzt nicht gerade nennen. Doch Magdalena … sie schreibt, sie schließt Luca in ihre Gebete ein … sowas sagt man nicht einfach so daher.

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