„Ja, aber ich kenne Sie doch überhaupt nicht.“
„Sie sehen meine Handynummer und Sie werden es vielleicht schnell erraten, wenn Sie vor Ort sind.“
Joey atmet erleichtert auf.
„Selbstverständlich werde ich nichts erwähnen. Weder auf welchem Wege, noch von wem ich informiert wurde. Das versichere ich Ihnen.“ Gespannt hält er den Atem an. Ein leises Klicken im Hintergrund weist darauf hin, dass er wohl nervös auf einem Kugelschreiber herumdrückt.
Absinth seufzt tief. „Also gut! Er hält sich in Loewenherz auf. Und er wohnt zur Untermiete in der Tulpengasse 10, bei einem Jackson Green. Wenn Sie mich verraten, mach‘ ich Ihnen das Leben zur Hölle. Das schwöre ich!“
Und damit unterbricht er die Leitung. So bekommt er den Jubelschrei von Joey nicht mehr mit. Abs lässt eine neue Dose aufzischen. Jeder nach seinem freien Willen, Jacks, denkt er verbittert und nimmt einen tiefen Schluck.
Als Jackson mit einem schiefen Grinsen und der Ankündigung „Ich bin mal oben bei Abs“, die Wohnung verlässt, ahnt Luca, dass die zwei Freunde sich gleich mächtig in die Haare kriegen. Ein vernünftiges Gespräch bringen die beiden niemals zustande. Ohne Streit? Pah!! Da hilft ihm auch das Bier nicht. Absinth ist dermaßen eifersüchtig. Luca atmet tief durch. Einerseits freut er sich über Jacksons unerwartete Bereitschaft, Abs klare Grenzen aufzuzeigen. Sie hatten nicht explizit darüber gesprochen, doch dass weder er selbst noch Jackson es toll finden würden, wenn sich der jeweils andere mit einem fremden Kerl vergnügt, versteht sich von selbst.
Andererseits … Absinth ist gleichzeitig Jacksons bester Freund; seit … schon immer. Und dass Jacks in Kauf nimmt, dass diese Freundschaft nun wegen Luca zerbrechen könnte. Wow! Das ist ganz schön hart. Schließlich kennen sie sich erst einige Tage. Sie sind furchtbar verknallt, doch ob daraus wirklich eine längere Beziehung werden kann? Luca seufzt. Vielleicht haut das ja tatsächlich hin! Gegen alle Widerstände. Dann wäre ich nicht mehr so furchtbar allein. Denn das ist das Schlimmste an meiner ganzen Situation. Ich würde alles viel leichter wegstecken, wenn da abends jemand wäre, der mich in den Arm nimmt … und mehr ! Und schon lächelt er wieder. Der geniale Sex der letzten Tage hat ihn Blut lecken lassen. Endlich fühlt er sich nicht mehr wie die groteske Version eines Mannes.
Gerade als Luca beschließt, sich endlich mal wieder bei seiner Familie zu melden, klingelt es an der Türe. Er öffnet und steht einem riesigen Kerl gegenüber. Riesig, breit, grobschlächtig. In seinen Bauarbeiterhänden hält er einen Geschenkekorb; edel in Folie verpackt.
„Bist du Luca?“, dröhnt es zum Angesprochenen hinab, als dieser sicherheitshalber einen kleinen Schritt zurück tritt.
„Ja“, erwidert Luca unsicher.
Jetzt grinst der Riese, was nicht bedeutet, dass sein Gesicht dadurch ungefährlicher wirkt.
„Du hast Magdalena geholfen. Sie ist meine Frau und hatte große Probleme mit Schwangerschaft“, erklärt er mit russischem Dialekt. „Jetzt geht es ihr viel besser. Du bist großer Heiler hat sie gesagt und ich habe nicht geglaubt. Aber du hast kein Geld genommen, also bist du ehrlicher Mann. Danke!“
Fast gleicht die Übergabe des Präsentkorbes einem tätlichen Angriff. Das Korbgeflecht quietscht und die Folie knistert, als das schwere Geschenk gegen Lucas Brustkorb trifft. Instinktiv packt er zu.
„Oh … danke sehr. Das wäre nicht nötig gewesen …“
„Pavel“, wirft sein Gegenüber ein.
„… Pavel. Das hab‘ ich gern gemacht. Und eigentlich wollte ich Magdalena noch einmal besuchen. Oft ist es sicherer, wenn ich mehrmals … helfe.“
„Ja, komm vorbei, wann immer du Zeit hast.“ Jetzt sieht er Luca tief in die Augen. „In unserer Heimat glauben wir an Leute wie dich; dass du helfen kannst. Und wir erweisen Respekt dafür. Wenn du einmal meine Hilfe brauchst, dann sagst du Bescheid.“
Ein letztes ernstes Nicken, der Riese dreht sich um und stapft die Treppe hinauf.
Luca nickt ebenfalls, obwohl Pavel das schon nicht mehr mitbekommt. Er schließt die Türe und wuchtet ächzend den schweren Korb auf den Küchentisch. Den hat er sich wirklich was kosten lassen , stellt er anerkennend fest. Luca erhält immer wieder Präsente; die unterschiedlichsten Dinge lassen sich die Leute einfallen, um ihre Dankbarkeit zu zeigen. Angefangen vom selbstgehäkelten Schal bis zur Armbanduhr von Maurice Lacroix war schon alles dabei. Joey kümmert sich um diese Geschenke, wenn Luca nicht darauf besteht etwas davon für sich zu behalten. Die teure Uhr hatte er beispielsweise für einen guten Preis verkauft. Das Geld floss auf ihr Sparkonto für das gemeinsame Haus-Projekt.
Na, da können wir heute Abend ja wie die russische Mafia speisen . Luca erspäht eine dicke Flasche Wodka, Krimsekt, zwei Sorten Kaviar, Gebäck, Konfekt und etliche Konservendosen mit exotischem Inhalt. Zwischen der Folie steckt ein kleiner Briefumschlag. Luca zupft ihn heraus und liest:
Lieber Luca,
es geht mir schon viel besser! Ich weiß nicht wie du es gemacht hast, doch ich blute nicht mehr. Ich bin noch recht schwach und schone mich, doch ich spüre irgendwie, dass du etwas verändert hast. Ich danke dir so sehr. Vor allem auch dafür, dass du mich nicht einfach weggeschickt hast. Du bist ein guter Mensch! Meine Gebete werden dich immer begleiten.
Magdalena
Gerührt von diesen ehrlichen Worten legt Luca das Briefchen auf den Tisch und genießt das Gefühl, geholfen zu haben. Das sind die Momente, die ihn in seinem Tun bestärken. Die Dankbarkeit der Menschen trifft immer wieder sein Innerstes. Menschen wie Magdalena sind der Grund, warum ich weiter mache.
Schließlich dreht er sich um und schlendert ins Wohnzimmer. Auf dem flachen Tisch liegt sein Handy. Luca schaltet es an und setzt sich im Schneidersitz aufs Sofa. Er tippt auf die Kurzwahl ‚Famiglia‘ und wartet.
„Denero“ Seine Mutter ist am Apparat.
„Mama, hier ist Luca.“
„Luca! Mein Schatz, wie geht es dir? Wir haben so lange nichts von dir gehört. Dein Telefon war ausgeschaltet. Ich habe die letzten Tage versucht, dich zu erreichen.“ Seine Mutter klingt ganz aufgeregt.
Ich hätte mich direkt nach meiner Ankunft melden sollen! So ein Mist! Nur, weil ich das Scheißding wegen Joey ganz abschalte !
„Das tut mir leid, Mama! Ich konnte … ich wollte … ach, Mama!“
Wie immer, wenn Luca mit seiner Mutter spricht, wird aus dem Wort ‚Mama‘ eine typisch italienisch gesungene Vokabel mit der Betonung auf dem ersten ‚A‘. Und das, obwohl seine Mutter Deutsche ist und Luca die italienische Sprache auch nicht hundertprozentig beherrscht. Doch seine Mutter hat in ihrer langjährigen Ehe natürlich ebenfalls ein wenig die italienische Redensart angenommen.
„Ist doch gut, mio angelo“, redet sie sanft weiter. „Was ist denn los? Geht es dir gut? Du weißt, dass wir sofort kommen, wenn irgendetwas sein sollte.“
„Ja, Mama, ich weiß! Mach‘ dir keine Sorgen. Ich musste einfach mal weg, mal abschalten. Darum hab‘ ich auch das Handy ausgemacht … damit Joey mich nicht dauernd anruft.“
„Du machst Urlaub, Schatz? Das ist doch toll! Wenn du frei hast, könntest du uns doch besuchen kommen! Lina ist fürchterlich sauer, weil du immer noch nicht definitiv zugesagt hast. Deshalb hatte ich auch versucht, dich zu erreichen.“
Lina ist Lucas kleine Schwester. Der Nachzügler, das Nesthäkchen, Papas Liebling und Mamas ‚Herausforderung auf meine alten Tage‘ – wie sie gerne lächelnd anführt. Doch das sagt sie nicht umsonst, denn Lina ist ganze zehn Jahre jünger als ihr großer Bruder.
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