Schnaubend drückt Abs seine Kippe in einem alten mit Sand gefüllten Blumentopf aus, der neben der Matratze steht.
Jackson atmet tief durch. Er kann Abs‘ Ärger verstehen. Wenn er ehrlich ist, hatte er überhaupt keinen Gedanken mehr an seinen Freund verschwendet. Das Gespräch mit Luca, der Sex danach … das alles hatte ihn in eine andere Welt gezogen. In die Welt mit meinem Freund Luca , denkt er und schon nagt die Sehnsucht an ihm. Am liebsten würde er Absinth sein Bier in die Hand drücken, ‚Tschüss‘ murmeln und die beiden Treppen im Laufschritt nach unten zurücklegen.
Er zieht ein weiteres Mal an seiner Zigarette. Zeit schinden. Doch Abs kommt ihm zuvor.
Traurig starrt er auf seine Bierdose, während er einige Wassertropfen mit dem Daumen wegwischt.
„Lass‘ mal! Ich weiß, warum du dich extra zu mir bemühst, obwohl du das sonst nie tust. Du willst mir schonend beibringen, dass ich mich von dir fernzuhalten habe. Ich störe dich bei dem Techtelmechtel mit deiner …“ Er fuchtelt planlos mit seiner freien Hand. „… groooßen Liiebe“, beendet er süffisant seinen Satz.
Jackson fühlt sich scheiße. Schuldbewusst presst er die Lippen aufeinander.
„Ich kann doch nichts dafür, Abs. Du weißt doch, dass wir immer gesagt haben …“
„DU!“, fährt Absinth ihn sauer an. „DU hast immer gesagt. Das waren immer deine Regeln, nicht meine! Und du hast mich jedesmal benutzt, wenn du alleine warst; weil du ganz genau weißt, dass ich dich … ach … du bist ein Arschloch!!“, beendet er auffahrend sein Gestammel.
Er knallt die Dose neben sich auf den Boden und verschränkt beleidigt die Arme vor der Brust. Schützend zieht er seine Beine zu sich heran. Abs fühlt sich so beschissen einsam, dass sich sein ganzer Körper instinktiv zusammenzieht.
„Hennes“, setzt Jackson tröstend an. Auch sein Bier landet auf dem Boden. Er beugt sich über Abs und drückt die Kippe im Sand aus. Danach streichelt er ihm vorsichtig über den Arm.
Angepisst zuckt Absinth einmal kurz weg, doch dann lässt er die Berührung zu.
„Hennes“, wiederholt Jackson leise. „Ich will dir doch nicht wehtun. Und du hast zugestimmt, dass bei uns keine Garantie auf ein Zusammensein für immer besteht.“
„Für immer“, äfft Absinth ihn nach. „Aber du wusstest ‚immer‘, dass ich mehr empfinde!“, faucht er weiter. „Und würde es sich um simples Rumvögeln handeln, könntest du sicher sein, dass ich nicht so ausrasten würde. Aber du musst ja gleich auf Liebe machen!“
„Ja, aber ich hab‘ auch nie einen Hehl daraus gemacht, dass da von meiner Seite aus für dich nicht mehr als ein freundschaftliches Gefühl besteht“, beharrt Jackson unbeirrt auf seinem Hauptargument. „Sieh‘ mal, ich will doch auch nicht, dass wir uns jetzt streiten und gar nicht mehr sehen. Du bist mein bester Freund. Ich will dich nicht verlieren.“
Er streichelt immer weiter Absinths Arm … tröstend.
„Hmm? Hennes, … bitte!“, murmelt er hinterher.
Inzwischen laufen seinem Freund dicke Tränen über die Wangen. Mit belegter Stimme antwortet er.
„Weißt du, was das Schlimmste ist?“, presst er hervor und dreht endlich sein Gesicht in Jacksons Richtung. Der hält dem vorwurfsvollen Blick seines Freundes stand; auch wenn es ihm schwer fällt.
„Das Schlimmste ist, dass du mich ‚Hennes‘ nennst. Wenn du ‚Hennes‘ sagst, dann meinst du es ernst. Du nennst mich ‚Hennes‘ und ich weiß, ich hab‘ verloren. Das sagt mir alles, Jacks, wirklich alles. Du kannst jetzt gehen!“
Entsetzt starrt Jackson ihn an. „Nein“, keucht er widerspenstig. „Ich geh‘ jetzt nicht! Ich will, dass wir das vernünftig klären.“
„Klären?“, herrscht Abs ihn an. „Was willst du denn genau klären?! Dass alles nach deiner Pfeife zu tanzen hat, ja?! Das tut es doch IMMER“, schreit er ihm das letzte Wort entgegen. „Du entscheidest, wohin dein Weg dich führt, also bitte! Dann geh‘ einfach! Jeder nach seinem freien Willen, seinem Gutdünken! So siehst du es doch, oder? Und solange du dabei gut weg kommst, ist ja auch alles in Ordnung. MEIN freier Wille sagt mir gerade: Verpiss dich! Geh‘ zu deiner langhaarigen Beauty-Queen; zu Mister Über-Heiler. Los! Hau‘ schon ab! Aber untersteh‘ dich, bei mir angekrochen zu kommen, wenn er wieder weg ist.“
Jackson sitzt wie erstarrt neben seinem zitternden Freund. Dass es Abs dermaßen treffen würde, hätte er nicht erwartet. Ich bin so dumm, so egoistisch. Nie hab‘ ich darüber nachgedacht, wie sehr Hennes mich lieben könnte. Immer hab‘ ich seine Freundschaft als selbstverständlich hingenommen. Doch er wusste Bescheid. Das kann er mir nicht einfach so vorwerfen .
Erneut setzt er an. „Ich will dich nicht verlieren, Abs. Du bist mein bester Freund.“
„Ein Scheiß‘ bin ich“, knurrt Abs zurück, wischt sich die Tränen vom Gesicht und angelt nach seinem Tabak. Kurz zuckt er mit dem rechten Arm. „Nimm deine Finger weg!“
Er dreht sich eine Zigarette, zündet sie an und drückt anschließend seine Kopfhörer in die Ohrmuscheln. Jackson kann die laute Musik hören. ‚Forgotten Rebels‘, erkennt er sofort.
Zwecklos! Ich lass‘ ein bisschen Zeit vergehen und werd‘ dann nochmal mit ihm reden.
Mit diesem Gedanken rutscht Jackson von der Matratze und verlässt Absinths kleines Appartement.
Drei Dosen Bier später hat sich Abs genug Mut angesoffen. Immer wieder scrollt er auf seinem Pad rauf und runter. Er hat einen Namen und er hat eine Telefonnummer. Jetzt fehlt nur noch der letzte Kick. Soll er es tun? Soll er einfach dazwischenfunken; Jacksons Glück zerstören?
Pah! Glück! Ich verwette mein Sax, dass der Heiler nicht länger als eine weitere Woche da ist … zumindest nicht, wenn …
Vor seinem geistigen Auge sieht er all‘ die für ihn schrecklichen Szenen: Als sie ihm nicht geöffnet hatten. Als Jacks ihn bei seinem Streit mit Luca weggeschickt hatte. „Hennes, du gehst jetzt besser!“ Natürlich! Wenn einer weggeschickt wird, dann der allzeit bereite treue doofe Abs.
Das Gift der Eifersucht zerfrisst ihn. Und wie schlimm war es erst bei ‚Resi‘. Als hätte er nicht bemerkt, dass Jackson den ganzen Abend mit den Gedanken woanders war. Bloß, weil der andere Typ nicht kam. Von wegen wütend , denkt er sauer. Da hab‘ ich mich schwer verrechnet. Statt wütend zu sein, triefte Jacks die Trauer aus allen Poren, weil der langhaarige Blödmann nicht rechtzeitig da war. Und dann hat er doch tatsächlich nochmal das Lied gespielt … bloß wegen dem Heiler.
„Allein für ihn“, murmelt Abs und diese Erkenntnis trifft ihn mitten in sein blutendes Herz. Erneut greift er nach seinem Pad. „Josef Kaufmann.“ Er lallt bereits ein wenig. Doch jetzt steht seine Entscheidung fest. Er tippt die neben dem Namen aufgeführte Handynummer, räuspert sich und wartet. Es klingelt zwei-dreimal und dann wird abgenommen.
„Kaufmann“, meldet sich eine sonore Männerstimme.
„Ja, hallo. Sind Sie der Manager von Luca Denero?“
„Ja“ Ein halbes Fragezeichen begleitet die Bestätigung. „Kann ich Ihnen irgendwie helfen?“
Absinth schnaubt leise. „Ist wohl eher so, dass ich Ihnen helfen kann. Sie suchen doch nach Luca, oder?“
„Woher wissen Sie …“ Innerhalb des Bruchteiles einer Sekunde steht die Stimme am anderen Ende der Leitung unter Strom. „Wissen Sie, wo er ist? Sie müssen mir helfen, wenn Sie seinen Aufenthaltsort kennen. Bitte!“
„Eine Bedingung“, erwidert Abs.
„Ja, was denn? Ich werde alles tun, was in meiner Macht steht.“
„Kein Wort darüber, von wem Sie die Information erhalten haben.“
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