»Geben Sie mir bitte einmal den Bogen.«
Whiteside war erregt aufgesprungen, ging um den Tisch herum und schaute Tarling über die Schulter, der den Brief noch in der Hand hielt. Er wurde sehr erregt und packte Tarling am Arm.
»Jetzt haben wir ihn! Er kann uns nicht mehr entwischen!«
»Was meinen Sie damit?«
»Ich kann einen Eid darauf leisten, daß dieser Fingerabdruck mit den blutigen Spuren identisch ist, die wir auf der Kommodenschublade in Miss Riders Wohnung gefunden haben!«
»Sind Sie Ihrer Sache ganz sicher?«
»Absolut«, erwiderte Whiteside schnell. »Sehen Sie doch einmal diese Spirale, diese Linienführung – es ist genau dieselbe. Ich habe die Fotografie des blutigen Abdrucks bei mir.« Er suchte in seinem Notizbuch und fand die Vergrößerung.
»Vergleichen Sie doch!« rief Whiteside triumphierend. »Linie für Linie, Furche für Furche stimmt genau. Das ist Milburghs Daumenabdruck, und Milburgh ist der Mann, den wir suchen!«
Er zog schnell seinen Rock an.
»Wohin wollen Sie?«
»Zurück nach London«, sagte der Polizeiinspektor grimmig, »um einen Haftbefehl gegen George Milburgh ausstellen zu lassen, gegen den Mann, der Thornton Lyne und seine eigene Frau ermordete – den schwersten Verbrecher, den es augenblicklich gibt!«
29.
In diesem Augenblick trat Ling Chu wieder in das Zimmer. Seine Gesichtszüge waren undurchsichtig wie immer. Er brachte stets eine eigenartig geheimnisvolle Atmosphäre mit sich.
»Nun?« fragte Tarling. »Was hast du entdeckt?«
Selbst Whiteside horchte auf, obwohl er den Fall von sich aus als geklärt betrachtete.
»Zwei Leute kamen in der letzten Nacht die Treppe herauf«, sagte Ling Chu. »Auch mein Herr.« Er schaute auf Tarling, der zur Bestätigung nickte. »Die Fußspuren meines Herrn sind klar«, fuhr er fort, »ebenso diejenigen der kleinen, jungen Frau, auch die nackten Füße.«
»Hast du Spuren von nackten Füßen bemerkt?« fragte Tarling, und Ling Chu bestätigte es.
»War es ein Mann oder eine Frau?« forschte Whiteside.
»Das kann ich nicht entscheiden«, entgegnete der Chinese, »aber die Füße waren verletzt und bluteten. Draußen auf den kiesbestreuten Wegen sind Blutspuren.«
»Das kann nicht stimmen«, sagte Whiteside scharf.
»Unterbrechen Sie ihn nicht«, warnte Tarling.
»Eine Frau ging in das Haus und kam wieder heraus –«, fuhr Ling Chu fort.
»Das war Miss Rider.«
»Dann kamen eine Frau und ein Mann, später die barfüßige Person, denn die Blutspuren sind über den Abdrücken der ersteren.«
»Woher wissen Sie aber, welche Spuren von der ersten Frau und welche von der zweiten herrühren?« Whitesides Interesse war trotz der ablehnenden Haltung erwacht.
»Die Füße der ersten Frau waren naß«, erwiderte Ling Chu.
»Aber es hat doch nicht geregnet«, sagte der Polizeiinspektor.
»Sie stand auf dem Gras«, erklärte Ling Chu, und Tarling nickte bestätigend. Er erinnerte sich daran, daß Odette im Schatten der Büsche auf dem Rasen gestanden und sein Abenteuer mit Milburgh beobachtet hatte.
»Aber eines kann ich nicht verstehen, Herr«, sagte Ling Chu. »Es sind noch Fußstapfen von einer anderen Frau da, die ich auf der Treppe in der Halle nicht entdecken konnte. Diese Frau wanderte um das ganze Haus herum. Soviel ich feststellen kann, hat sie zweimal die ganze Runde gemacht. Dann ging sie in den Garten und zwischen den Bäumen hindurch.«
Tarling starrte ihn verwundert an.
»Miss Rider ging aus dem Haus auf die Straße«, sagte er, »und folgte mir später nach Hertford.«
»Ich habe aber außerdem noch die Fußspuren einer Frau entdeckt, die um das Haus herumgegangen ist«, erwiderte Ling Chu hartnäckig. »Und deshalb glaube ich auch, daß die Person, die mit nackten Füßen hier herumging, eine Frau war ...«
»Sind noch Spuren von Männern außer uns dreien vorhanden?«
»Das wollte ich eben erklären«, sagte Ling Chu. »Ich habe noch eine sehr schwache Spur von einem Mann entdeckt, der ziemlich früh kam. Die nassen Fußspuren bedecken die seinen. Er ist auch wieder fortgegangen, aber ich habe keine Spur von ihm auf dem Kies entdeckt, nur die Spur eines Fahrrades.«
»Das war also Milburgh«, ergänzte Tarling.
Ling Chu berichtete weiter: »Die Fußspuren der Frau, die um das Haus herumgehen, sind so schwer für mich zu erklären, weil ich sie nicht auf der Treppe finden kann. Und doch weiß ich, daß sie aus dem Haus herauskamen, ich kann sie genau in der Richtung von der Tür aus verfolgen. Kommen Sie bitte mit mir herunter, damit ich es zeigen kann.«
Er führte die beiden in den Garten. Whiteside bemerkte erst jetzt, daß der Chinese barfuß war.
»Haben Sie nicht vielleicht Ihre eigenen Spuren mit denen anderer Leute verwechselt?« fragte er scherzend.
»Ich habe meine Schuhe dort draußen hinter der Tür gelassen, weil es so viel leichter für mich ist, zu arbeiten«, sagte Ling Chu. Dann ging er wieder zur Tür und zog seine Schuhe an.
Er führte die beiden auf die Seite des Hauses und zeigte ihnen dort deutliche Spuren, die zweifellos von einer Frau stammten. Diese Spuren führten um das ganze Haus herum. Merkwürdigerweise waren sie vor allen Fenstern deutlicher wahrzunehmen, als ob dieser geheimnisvolle Besucher über die Gartenmauer gestiegen wäre und versucht hätte, irgendwo einen Eingang in das Haus zu finden.
»Was hältst du nun von allem, Ling Chu?« fragte Tarling.
»Jemand kam in das Haus, indem er sich durch die hintere Tür schlich und die Treppe hinaufstieg. Zuerst hat dieser Eindringling den Mord begangen, dann hatte er das ganze Haus durchsucht. Aber er konnte nicht mehr durch die Tür.«
»Da hat er recht«, sagte Whiteside. »Sie meinen doch damit die Tür, die von diesem Gebäudeflügel in das eigentliche Haus führt. Die war doch verschlossen, Tarling, als Sie den Mord entdeckten?«
»Jawohl«, sagte Tarling. »Die Tür war fest verschlossen.«
»Als sie merkten, daß sie nicht ins Haus hereinkommen konnten«, fuhr Ling Chu fort, »versuchten sie durch eins der Fenster einzudringen.«
»Sie – sie?« fragte Tarling ungeduldig. »Ling Chu, wer soll das denn sein? Meinst du die Frau?«
Diese neue Behauptung Ling Chus war wirklich verwirrend. Tarling hatte den zweiten Teilnehmer an dieser Tragödie erkannt – ein brauner Flecken auf dem Rücken seiner Hand erinnerte ihn deutlich an dessen Existenz. Wer war nun aber die dritte Person?
»Ich meine die Frau«, erwiderte Ling Chu ruhig.
»Aber wer wollte denn um Himmels willen noch in das Haus, nachdem er Mrs. Rider ermordet hatte?« fragte Whiteside nervös. »Ihre Theorie widerspricht der klaren Vernunft, Ling Chu. Wenn jemand einen Mord begangen hat, dann ist er eifrig bestrebt, sich so bald als möglich und so weit als möglich von dem Tatort zu entfernen.«
Ling Chu antwortete nicht.
»Wie viele Leute sind denn an diesem Mord beteiligt?« fragte Tarling. »Ein barfüßiger Mann oder Frau kam ins Haus und tötete Mrs. Rider. Eine zweite Person machte die Runde um das Haus und versuchte, durch eins der Fenster einzudringen –«
»Ich kann nicht genau sagen, ob es eine oder zwei Personen waren«, antwortete Ling Chu.
Tarling durchsuchte den hinteren Gebäudeteil noch einmal genau. Er war von dem übrigen Haus getrennt. Offensichtlich war alles so eingerichtet, damit Mr. Milburgh nicht gesehen werden konnte, wenn er seine Besuche in Hertford machte. Dieser Gebäudeteil bestand, aus drei Räumen: einem Schlafzimmer, das neben dem Wohnzimmer lag und offensichtlich von Mrs. Rider bewohnt wurde, denn man hatte ihre Kleider in dem Kleiderschrank gefunden, einem Wohnzimmer, in dem der Mord begangen wurde, und drittens dem Reserveschlafzimmer, durch das er mit Odette nach der Galerie der vorderen Eingangshalle gegangen war.
Читать дальше