Anne und ich gehen von einem Familienmitglied zum nächsten, Bussi hier, Bussi da, Smalltalk, man sieht sich, weiter. Die Leute, die ich nicht kenne, welche dann ja zu Paul´s Verwandtschaft gehören müssen (das, oder es hat sich herum gesprochen, dass es hier Essen für lau gibt), grüßen wir mit einem kurzen aber freundlichen „Hallo“. Man sind das viele. Manchen Familien müsste die Fortpflanzung verboten werden. Gut, Paul´s Eltern konnten ja nicht wissen, dass so etwas dabei herauskommt und wenn das Kind mal da ist, ist es für die Abtreibung ja auch zu spät, aber es gibt doch auch Babyklappen? Wenn der sich aber mal fest gesaugt hat, lässt er vermutlich nicht mehr locker. Wie kann ein einzelner Mensch so viel labern? Ohne Punkt und Komma. Wie hält Nicole das nur aus? Sie ist zwar eher der ruhige Typ und ich denke, in jeder Beziehung gibt es einen ruhigeren und einen impulsiveren, aber der ist nicht impulsiv, der ist einfach nur großkotzig, großmäulig, angeberisch und einfach unerträglich. Paul´s Nähe fühlt sich wie ein Schwarm Heuschrecken an, der über einen herfällt und nichts als Leere hinterlässt. Wenn ich bei meinen Eltern so über ihn lästere, verteidigt ihn meine Mutter mit den Worten „Aber er ist sauber und ordentlich und hilft immer, wenn man ihn braucht.“ Na dann, das qualifiziert ihn natürlich zum absoluten Traummann. Ich glaube Paul hilft nur, damit er wieder erzählen kann, was für ein toller Hecht er ist und was die Welt doch nur ohne ihn tun würde. Ich sage es dir, Paul: aufatmen! Und Mama, dich frage ich, sind das wirklich ausreichende Eigenschaften um miteinander das Leben zu verbringen? Okay, wer will schon gerne mit einem Messi zusammen leben, aber hätte ich die Wahl ..., zwingen Sie mich nicht zu einer Entscheidung!
„Das Buffet ist eröffnet“, holt mich Nicole aus meinen Gedanken zurück.
„Na nix wie hin“, sabbert Anne und zieht mich am Arm hinter sich her. Wir stehen in der Schlange am Buffet und ich lasse meinen Blick über die kulinarischen Köstlichkeiten gleiten. Da hat sich Paul wieder mal ins Zeug gelegt, aber er muss ja auch hinterher erzählen können, dass sein Polterabend der beste und tollste aller Zeiten war. Kartoffelsalat und Würstchen kann ja jeder, bei ihm muss es schon etwas protziger sein. Ich greife nach einem Teller, um mich meiner Gier hinzugeben, als ich spüre, dass schon eine andere Hand an meinem Teller hing.
„Upps, Entschuldigung“, lache ich und schaue in ein paar Augen, die mir irgendwie bekannt vorkommen. Das ist doch wieder der Typ von vorhin, habe ich es mir also doch nicht eingebildet.
„Kein Problem, Ladys first“, sagt er charmant.
„Da hier keine Lady im Raum ist, werden wir uns wohl um den Teller prügeln müssen“, antworte ich.
„Ich schlage mich doch nicht mit so einem hübschen Mädchen“, antwortet er spitzbübig.
„Oh, verstehe, du haust nur die hässlichen, wie ritterlich.“ Laut lachend überlässt er mir den Teller.
„Genauso frech habe ich dich in Erinnerung.“
„Wie meinst du das, wir kennen uns doch nicht, oder doch?“, frage ich etwas verwirrt.
„Ihr wart doch letztens im `Calypso`, du und deine Freundin oder nicht?“
Who the fuck is Calypso? Aaaah, langsam dämmert es mir, das Tanzlokal, wusste gar nicht, dass es auch einen Namen hat. Klar, der Barkeeper, der mit Sancho Panza unter einer Decke steckte.
„Na, ist der Groschen gefallen?“, fragt er, da man es meinem Gesichtsausdruck wohl ansieht, dass tatsächlich der Groschen oder der Cent gefallen ist.
„Ja, klar du bist der Barkeeper. Was machst du hier, verteilst du nachher noch Drinks oder bist du heute nur für Toilettenbeckenzerstörung verantwortlich?“, ärgere ich ihn.
„Ich bin heute mal genauso Gast wie alle anderen, nichts mit Drinks mixen“, antwortet er ganz gelassen, während er sich seinen Teller füllt.
„Und großen Hunger hast du auch mitgebracht“, ärgere ich ihn weiter.
„Genau wie du“, stänkert er mit einem Grinsen zurück.
„Stimmt, ich habe echt Hunger, aber bei meiner tollen Figur kann ich mir das ja auch leisten, meinst du nicht?“ Sam, sei nicht so eingebildet. Er schaut mich von oben bis unten an, was mir wirklich unangenehm ist, und sagt dann:
„Immer rein damit, ich stehe auf weibliche Rundungen.“
War das ein Kompliment oder eine Beleidigung?
„Das war ein Kompliment“, sagt er, als kann er hören, was ich denke, „du siehst toll aus.“
„Danke“, du auch, denke ich, spreche es aber nicht aus. Wir sind am Ende des Buffets angekommen und wissen beide nicht so recht, was wir jetzt tun sollen.
„Also dann, man sieht sich“, komme ich ihm zuvor und verschwinde in Richtung Anne, die sich irgendwie an uns vorbei geschlichen haben muss.
„Sam, wer war das denn? Der war ja süß“, kaut sie mit vollem Mund. „Ich wollte euch nicht stören, deshalb bin ich schon mal weiter gegangen. Nicht, dass sein Blick noch an deiner attraktiven Freundin hängen bleibt und er kein Auge mehr für dich hat.“
„Träum weiter, Baby. Außerdem habe ich meine attraktive Freundin heute zu Hause gelassen.“
Anne streckt mir ihre Zunge heraus, auf der sich etwas zerkautes befindet. Ich mache es ihr nach und klebe mir mit der Zunge zerkautes Essen an die oberen Schneidezähne, um es Anne lachend zu präsentieren.
„Sexy, ist hier noch frei, oder dürfen hier nur die Schweine sitzen.“ Der Barkeeper. Peinlich!
„Nein, auch die Jungs mit geschmacklosen T-Shirts, also setz dich“, antworte ich, während ich mir den Brei von den Zähnen lecke. Wir lachen alle drei und er setzt sich direkt neben mich.
„Ich bin übrigens Tom und wie heißt ihr?“
„Wir haben keine Namen, nenn uns einfach Schwein eins und Schwein zwei.“
Anne prustet vor lauter Lachen ihr Essen in Tom´s Richtung.
„Dann bist du wohl Schwein eins“ sagt er und reicht Anne die Hand. „Angenehm, ich bin Tom.“ Der ist echt witzig. „Solange du keine Rollmöpse auf mich kotzt, ist alles halb so schlimm.“
„Woher ...? Sam ...?“, fragt Anne mit aufgerissen Augen.
„Anne, ich kenne ihn seit fünf Minuten. Glaubst du, ich habe nichts Besseres zu erzählen, als dass meine Freundin Rollmöpse gekotzt hat? Er ist der Barkeeper in dem Lokal, wo wir letztens waren. Er war sozusagen Augenzeuge deines Auftrittes.“
„Oh mein Gott, wie peinlich.“
„Dann bist du also Anne und du Sam? Habe ich das jetzt richtig mitbekommen?“, fragt er und isst in aller Ruhe weiter.
„Du hast wohl schon schlimmere Sachen gesehen, als Rollmopskotze, weil du so gelassen bleibst?“, fragt ihn Anne voller Hoffnung, dass sie nicht das Schlimmste war, was er je gesehen hatte.
„Nein, eigentlich nicht. Das war schon ziemlich ekelig, ich wollte nur den peinlichen Moment herunter spielen.“
„Oh mein Gott“ und Anne verschwindet samt Teller und Glas. Ich kann mir das Lachen nicht verkneifen und sehe in meinem Augenwinkel, dass Tom genauso Spaß hat wie ich.
„Tut mir leid, ich bin manchmal ein ganz schönes Ekel“ meint er.
„Kein Problem, Anne und ich fassen uns auch nicht immer mit Samthandschuhen an.“
„Fasst ihr euch auch manchmal ohne Handschuhe an?“, fragt er wieder mit diesem verschmitzten Gesichtsausdruck und schaut mir in die Augen.
„Ja, sicher, aber nur wenn wir alleine sind. Und bevor du fragst, nein wir wollen keine Zuschauer“, antworte ich cool.
„Schade. Der Traum jedes Barkeepers war zum Greifen nah und du hast ihn zum Platzen gebracht.“
„Jeder Barkeeper träumt davon, dass sich zwei Mädels gegenseitig anfassen?“
„Unter anderem.“
„Und was für Träume habt ihr tollen Hechte noch?“
„Dafür kennen wir uns noch nicht gut genug, aber danke für den tollen Hecht.“ Er zwinkert mir mit seinen grünen Augen zu.
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