So weit war ich aber zum Zeitpunkt dieser Diagnose 2006 noch lange nicht. So stark ich mich vorher fühlte, so schwach und angreifbar war ich zu diesem Zeitpunkt. Ich konnte mich noch nicht mal gegen das sinnlose Geschwätz der Leute wehren wenn sie mir pofezeiten: „Wir haben's dir immer schon gesagt, du machst zuviel, du willst zuviel!“ Nun bin ich auch kein ruhiger Mensch, zappel gern, bin auch gern mal hektisch. Alles das sollte man mir nun als Fehler offenbaren und die Antwort darauf sein, warum ich mich nun in diesem Zustand befinde. Jeder meiner Familienmitglieder, meine Frau, meine Kollegen, meine Therapeutin, alle wußten Sie warum es mir ging wie es mir ging. Nichts, einen Scheißdreck wußten sie! Um eine Panikstörung verstehen zu können, musst du diese selbst erleben. Hätte man mir das vorher gesagt, wo es mir noch gut ging, ich hätte den jenigen als psychisch krank definiert und ihm versichern können, dass mir sowas nie passieren würde. Erklär mal jemandem dass du Angst hast einkaufen zu gehen, weil du dich zu schwach dafür fühlst, dass du Angst hast Angst zu bekommen. Dass du mit deiner Frau nicht essen gehen willst weil dich dort die erste Attacke erwischt hat und du Angst hast, diese dort wieder zu bekommen. Erklär jemandem warum du dich nur daheim sicher fühlst und glaubst dort passiert dir nichts. Der Mensch verdrängt schlimme Gefühle, aber der Körper vergißt sie nicht. Damit will ich sagen, wenn ich das heute so schreibe kann ich selbst oft nicht mehr verstehen, warum ich so lange brauchte um dieses Problem zu beseitigen. Ich habe auch diese Gefühle der Ausweglosigkeit, die Tränen und Verzweiflung wegen dieses Problems verdrängt. Wenn es mir aber mal wirklich nicht gut geht, es mir mal schwindlig wird oder Ähnliches, dann kommt dieses Gefühl zurück. Ich kann dann mit Progressiver Muskelrelaxation dagegen vorgehen, kann mich beruhigen da ich das Gefühl ja kenne und mittlerweile einordnen kann, aber der Körper vergißt das nicht. Fakt ist, ich habe 2005 einen guten Freund und Bandkollegen auf der Bühne beim Musikmachen verloren. Er ist mit 54 Jahren einfach umgefallen und war tot - Herzstillstand. Ich stand daneben und konnte nichts tun, wir alle standen daneben und konnten nichts tun. Die Panikattacken kamen ein Jahr später und ich glaube heute, sie sind rein auf diesen Zwischenfall, den ich bis heute nicht ganz verdaut habe und der ein ziemliches Drama in meinem Kopf hinterlassen hat, zurückzuführen. Ich glaube nicht das ich mich wirklich überlastet habe, nunja, vielleicht auch da mag ein bisschen was dran sein. Allerdings, wäre das 2005 nicht passiert, hätte es mich nicht so stark erwischt, dessen bin ich mir sicher.
Eine ganze Zeit lang rückte daher das Ziel, einen Marathon zu bestreiten, ganz weit in den Hintergrund. Ich musste erstmal überhaupt wieder fähig sein zu trainieren und zwar ohne Angst. Die Angst sollte mich Monatelang, Jahrelang begleiten, stetig und überall hin. Egal ob ich auf die Bühne ging, im Urlaub mit meiner Frau Claudia war, oder einfach nur in einer Ecke saß, die Angst war immer da. Die Angst zu sterben, am Ende zu sein, mit 26 Jahren alt zu sein. Ich habe nie aufgegeben und zwei ganz wichtige Personen zu dieser Zeit waren mein Onkel Helmut und meine Frau Claudia. Helmut kannte dieses Problem Panik gut, er hat es selbst erlebt und redete offen mit mir darüber. Im Laufe der Zeit lernte ich viele Menschen mit diesem Problem kennen, ich war nicht mehr alleine, es gab mir Auftrieb. Claudia stand stets zu mir, kaum eine Partnerin könnte das, war ich doch Monatelang aufgrund meiner Psyche von einem auf den anderen Tag zu nichts zu gebrauchen. Hinzu kam die ständige Rückversicherungsfrage an Claudia ob sie glaube das alles ok sei und ob sie auch glaube was die Ärzte sagen und so weiter. Das alles aufzuführen würde den Rahmen dieses Buches sprengen und das Thema völlig verfehlen. Fakt ist, da ich nie aufgab und immer weitermachte, lernte ich im Laufe der Zeit wieder „neu laufen“. Nicht nur negativ waren diese Panikattacken, ich lernte somit meinen Körper neu kennen, ihn besser einschätzen, mehr auf ihn zu hören, meinen Geist besser auf ihn abzustimmen. Deswegen bin ich heute 4 Jahre später ganz felsenfest davon überzeugt, dass ich den Frankfurt Marathon 2011 definitiv schaffen werde, nicht in Bestzeit, aber in meiner persönlichen Bestzeit. Und warum ich Ihnen diesen Rückblick beschrieben habe? Weil auch diese Etappe meines Lebens für meinen Marathonwunsch ausschlaggebend ist. Denn mit diesem Ziel schaffe ich mir ein persönliches Example. Ich bin jetzt überhaupt erst bereit, so empfinde ich, dass ich mir so eine Belastung antun kann. Ich habe die Panikattacken überwunden, sie gelernt zu verstehen, ich habe mir ein Leben aufgebaut, mit dem ich zufrieden bin, habe eine treue Ehefrau die mich in meinem Vorhaben unterstützt und kann mich völlig klar und ungehämmt diesem Traum hier widmen. Und da Sie mich ja von Anfang bis zum Ende auf meinem Weg mit diesem Buch begleiten werden, können Sie meine eventuell auftretenden Selbstzweifel später besser verstehen, ich nehme Sie außerdem mit auf die Marathonstrecke und werde Ihnen beschreiben wie ich mich dort gefühlt habe.
Das Laufen ist eines der einzigen Sportarten, die du als Sehbehinderter Mensch legal und auf höchstem Niveau ausüben kannst. Du kannst dich „normal“ fühlen, deine Behinderung tritt in den Hintergrund. Ich bin nun 30 Jahre alt und somit für das Marathonlaufen nicht zu alt, zudem in guter körperlicher Verfassung. Außerdem zugegeben, Marathon laufen ist eine Sache, die kann nicht jeder. Hat man mich als Kind oft „Blinde Sau“ genannt, so weiß ich heute das ich diese Art Menschen in Grund und Boden laufen würde, ich bin ihnen psychisch und geistig, sowie physisch überlegen. Das war ich damals schon und daher wurden mir diese Wörter oft aus Neid hinterher gerufen. Ich mache das aber nicht um Ihnen da draußen oder meiner Familie und meinen Freunden was zu beweisen. Ehrlich gesagt liebe ich Herausforderungen und vorallem diese, die nicht jeder schafft. Das macht mich stark und es verschafft mir Anerkennung. Ich liebe das wenn die einen sagen du bist wahnsinnig, die anderen sagen ich zieh den Hut vor dir und auch die, welche dir einfach gratullieren. Das gibt mir so ein Gefühl zurück was ich als Jugendlicher nicht haben durfte. Ich war nie jemand der besonders viele Frauen in seinem Leben hatte, ein tolles Auto fuhr, oder irgendwie großartiges Ansehen in seiner Jugend genoss. Ich war eher das Gegenteil von all dem. Selbst als ich mit Anfang 20 versuchte ein guter Gewichtheber zu werden, gelang mir das nicht wirklich, weil ich für diesen Sport nicht geboren bin. Ich habe auch keinen Job der den Mädels ein "Oh" entlocken würde, es ist nicht mal ein Job, der mich wirklich sonderlich glücklich macht. Das einzige gute an ihm ist, ich kann mein Geld damit verrdienen und mir somit mein Leben schön gestalten, kann mit meiner Freizeit machen was ich will. Denn das ist eine gute Seite an meinem Job, er lässt mir Freizeit übrig. Ein großer Boxer zu werden, wovon ich als kleiner Junge immer träumte ist unrealistisch, wobei man das vielleicht gar nicht ganz so sagen kann. Es gibt Meister im Kung Fu, die können blind kämpfen, es gibt sicher genug andere Sehbehinderte, Blinde, oder Leute mit noch schlimmeren Behinderungen die das geglaubte Unmögliche möglich machen. Dann hätte aber meine Jugend anders verlaufen müssen, ich hätte in solch einer Hinsicht gefördert werden mussen. Jemand der blind kämpfen kann ist zum einen nicht blind, er kämpft mit verbundenen Augen und vor allem ist er darauf jahrelang trainiert worden. Das kann man genauso wenig mal eben aus einer Laune heraus machen, als einen Marathon zu bewältigen. Ich versuchte es auch mit Skaten und konnte natürlich nicht die heißen Sprünge wie andere Jungs durchführen, die die Mädels dafür bewundert haben. Es ging einfach aufgrund der Behinderung nicht, es war zu riskant. Und sind Sie doch mal ehrlich, jeder Mensch sucht nach Anerkennung, jeder will geliebt werden, jeder liebt es wenn er bewundert wird oder? Der eine braucht das mehr, der andere eben weniger. Und dann gibt es noch die Sorte Mensch, die das nie öffentlich zugeben würden, dass dem so ist. Schauen Sie sich doch nur mal unsere heutigen Jugendlichen an. Viele von Ihnen machen doch nur deshalb Blödsinn auf den Straßen, weil sie keine Perspektive in ihrem Leben sehen. In unserem Boxgym des PSV-Frankfurt nehmen wir solche jungen Menschen auf und zwar nicht um ihnen beizubringen wie man sich auf der Straße richtig prügelt, sondern um ihnen beizubringen was es heißt, ein Team zu sein, miteinander zu reden, zu trainieren, gemeinsam an einem Ziel zu arbeiten. Den meisten von ihnen hilft das, schwarze Schafe gibt es ja immer und überall. Die Jugendlichen sehen wieder einen Sinn im Leben und wenn dieser erstmal darin besteht, pünktlich und zwei bis dreimal die Woche zum Boxen zu erscheinen, wo aufgenommen zu sein wo jeder gleich behandelt wird, egal welche Nationalität, welches Geschlecht, welche Hautfarbe, ja sogar welche Behinderung du hast. Und dann kann jeder für sich herausfinden wo seine persönliche Grenze liegt und diese stetig erhöhen oder eben bis dahin zu trainieren. Jeder bekommt in unserem Boxgym das Gefühl jemand zu sein, etwas Wert zu sein, nicht der Looser der Nation zu sein. Und das ist doch für einen jungen Menschen in der heutigen Zeit so wahnsinnig wichtig, wo es schwierig ist einen Job zu finden und man sich in der schnelllebigen Gesellschaft schwer tut, seinen Weg zu finden.
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