Warum Marathon. was hat meine starke Sehbehinderung damit zu tun. was hat mich dazu bewegt? Ein kleiner Rückblick in die Vergangenheit
Einerseits habe ich mich das schon selbst gefragt und sicher auch der ein oder andere von Ihnen da draußen, warum man sich so ein Ziel überhaupt steckt. Warum sollte man seinen Körper 42 Kilometer lang quälen? Ein Marathon verlangt einem das Letzte ab und wenn man ihn bestehen will, ohne zwischenzeitlich oder am Schluß zusammenzubrechen, muss man zum einen gut trainieren, zum anderen seinen Körper gut kennen und sich seine Kraft einteilen.
Seit ich denken kann, interessiere ich mich für Sport und betreibe diesen selbst seit meiner Kindheit. Früher wollte ich immer Boxer werden. Diese Illusion haben mir meine Eltern mit einer 5 %igen Sehleistung auf einem Auge natürlich geraubt. Auch ein Rennfahrer und Wrestler würde niemals aus mir werden. Ich verfolgte diese Sportarten im Fehrnsehen und träumte davon einen Körper wie einer dieser Athleten zu haben. Da ich im Salzburgerland groß wurde und es dort zu meiner Zeit kaum Fitnessstudios gab, wenn dann konnte man sich die hohen Mietpreise nicht leisten, musste ich mit 10 Kilogramm Hanteln von meinem Vater vorlieb nehmen. Wir hatten viel Bergland, also konnte ich Fahrradfahren, trainierte mit meinen 10 Kilogramm Hanteln, machte jeden Tag Liegestütze und Situps, sowie Kniebeugen und Stretchübungen. Außerdem durfte ich Judo machen. So konnte ich mich fit halten und ich möchte auch keineswegs auf die Fallübungen, welche ich im Judo gelernt habe verzichten, jedoch war Judo nicht mein Kampfsport. Ich wollte eine Schlagsportart lernen wie Karate oder Tae-kwon-do. Dies ließen meine Eltern aufgrund der Gefahren nicht zu. Ich war und bin ein begeisterter Snowboarder, stoße aber auch hier an meine Grenzen. Einen Freestylekontest werde ich nie bestreiten können, dafür reicht mein Augenlicht nicht aus. Jahre später als ich erwachsen wurde und mein eigenes Geld verdient habe, konnte ich meine Risiken selbst bestimmen. Zunächst meldete ich mich in einem Fitnessstudio an und ich probierte die Sportart Kraftdreikampf aus. Das ist für Blinde und Sehbehinderte Menschen eine schöne Sache, du brauchst nichts sehen, du brauchst nur Kraft. Ich war aber mit mittlerweile 23 Jahren nicht mehr wirklich ein junger Kraftdreikämpfer und hatte zwar Kraft, merkte aber bald, dass mir Kraftausdauersportarten weit mehr liegen. Folglich suchte ich nach einer anderen Sportart die mich mehr ansprach.
Meine Behinderung hat mich persönlich nur wenige Male in meinem Leben wirklich belastet. Dies war zu Zeiten meiner Kindheit, weil nan mich ständig deswegen getratzt hatte und später als Jugendlicher die Tatsache als ich begreifen musste, niemals autofahren zu dürfen und auch meinen Traumberuf, welchen auch mein Vater ausübte, KFZ-Mechaniker, niemals erlernen zu können. Mittlerweile lache ich darüber, es gibt einfach Wichtigeres im Leben als ein Auto zu haben und das ich kein Mechaniker geworden bin, ist für mich auch kein Weltuntergang. Da ich, wenn ich nicht gerade arbeite oder mich um meine Frau Claudia kümmere, mich meinen Hobbies, dem Sport und der Musik hingebe, sehe ich nun eher die Vorteile darin, nicht noch zusätzlich ein Auto finanzieren zu müssen, ja es in derzeitiger finanzieller Lage nicht einmal zu können. Ich müsste vieles von dem was mir wirklich was bedeutet aufgeben um ein Auto fahren zu dürfen. Auch bin ich wie bereits gesagt kein Mensch, der mit seiner Behinderung Profit schlagen will, oder Anerkennung sucht. Alles was ich will ist ein normales Leben führen, die Behinderung ist da, sie wird akzeptiert, ist aber nicht Hauptbestandteil meines Lebens. Ich war und bin stets bestrebt, alles was mir Spaß macht zu versuchen, meine Grenzen auszuloten und wenn man dies mit Verstand tut, kann man einiges mitmachen, was viele nicht von einem glauben würden. So bin ich heute sogar in einem Boxgym angemeldet und darf sogar leichtes Sparring machen.
Ob es gefährlich ist? Naja, ein bisschen Gefahr ist doch immer dabei. Dabei ist es egal ob du mit dem Snowboard über die Piste heitzt, mit den Inlinern dich auf der Halfpipe versuchst, oder dein Herz nach 30 Kilometern Laufen einfach sagt: „Es reicht!“ Und es aufhört zu schlagen. Ich mache oft mehr als es ein „Normal Sehender“ tun würde, das ist aber doch nicht mein Problem oder? Das ist auch nicht der Punkt. Wenn man mir als „Paktisch Blinder Mensch“ mit einer angeborenen Sehnervathropie alles verbieten will, mir nichts zutraut, obwohl man noch nicht einmal definitiv bestimmen kann was ich sehen kann und was nicht habe ich doch genau zwei Möglichkeiten: Die eine ist, du lässt dies zu, setzt dich in eine Ecke, und trauerst darüber das es so ist wie es ist, die andere Variante ist, du überlegst dir was du machen willst und wie du dieses Ziel mit deinen Möglichkeiten erreichst. Viele denken zum Beispiel wenn ich sage ich gehe Snowboard fahren, ich würde mich blindlings die Piste hinunterwerfen. Wer das macht, ist nich nur lebensmüde, er ist ein Narr und gefährdet nicht nur sich sondern auch seine Mitmenschen. Ich für meinen Teil mache das bedacht, checke die Pistenverhältnisse, ist viel oder wenig Betrieb, wie ist die Sicht, etc. Dann setze ich meinen Rest Augenlicht und all meine Sinne ein um snowboarden zu können. Dass ich hier keine Bestzeit den Hang runterfahren kann ist mir schon bewußt und das ich gern mal ein Risiko eingehe, indem ich auf einer freien Piste mal die Sau rauß lasse, das ist doch völlig menschlich oder? Ja und ein bisschen Glück hat noch keinem geschadet, das brauchen wir alle. Oder wollen Sie nicht Behinderten da draußen mir nun ernsthaft weiß machen, Sie hätten noch nie was riskiert und verdammtes Glück gehabt? Wenn ja ist die Frage, leben Sie? Leben ist immer in irgend einer Art und Weise ein Risiko. Als ich 2006 erstmals das Ziel hatte am Frankfurt Marathon teilzunehmen, fühlte ich mich unverwundbar. Ich war voller Energie, wollte immer nur Vollgas geben, glaubte alles was ich will zu packen, ja, ich glaubte sogar alles auf einmal zu können. Ich hatte damals meine Abschlussprüfung zum Bürokaufmann, wollte aber zusätzlich noch an einem Kraftdreikampf teilnehmen und zwar einen Tag vor der Prüfung und danach wollte ich ins Marathontraining eintauchen. An diesem Punkt meines Lebens sollte ich meinen Körper einmal von einer ganz anderen Seite kennelernen und ich sollte verstehen lernen, wie sich ein Psychisches Problem auf den gesamten Organismus auswirken kann.
Das Ganze begann an meinem Geburtstag, dem 5. April 2006, an dem ich plötzlich über Herzrasen, Schweißausbrüche und Atemnot klagte. Ich machte mir schon Sorgen über mein Herz, glaubte jeden Augenblick einen Infarkt zu erleiden. Ich ließ mich von Kopf bis Fuß durchchecken, gefunden wurde nichts. Man schickte mich zum Neurologen, es sei ein psychisches Problem, ich leide unter Panikstörungen, diagnostizierte man mir. Ich verstand die Welt nicht mehr! Sollte ich doch körperlich gesund sein und mich „nur wegen der Psyche“ nicht mehr voll belasten können? Ja, denn es ist nicht nur die Psyche wie ich es heute endlich, 4 Jahre später, gelernt habe zu verstehen. Es ist „DIE“ Psyche die der Körper braucht um überhaupt erst Leistung bringen zu können. Grundsätzlich kannst du es drehen und wenden wie du willst. Für mich ist eines ganz klar geworden, Körper und Geist müssen eine Einheit sein, willst du ein Ziel erreichen. Sicher kannst du mit deinem Geist den Körper antreiben obwohl der schon nicht mehr kann, du gehst aber das Risiko ein, dass der Körper daran zugrunde geht. Bilden dein Geist und dein Körper aber eine Einheit ein Ziel zu erreichen, dann wird dieses Vorhaben gelingen. Das ist mein Wissensstand zum Zeitpunkt als ich begann dieses Buch hier zu schreiben. Das war genau zwei Tage nach dem Staffelmarathon am 31. Oktober 2010 in Frankfurt am Main.
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