Noch ein Raum folgte, die Spiegelkammer. Eingelegt in weißen Marmor, facettierten hunderte und tausende Bergkristalle das Bild der Vorüberschreitenden.
Schließlich war man da, im Regenbogensaal, im fürstlichen Thronsaal.
Der Regenbogensaal erwies sich als eine lange, hochgewölbte Halle, deren vordere Hälfte an den Wänden und auf dem Boden mit Edelsteinen so ausgelegt war, daß sie in den Farben des Regenbogens leuchtete. Beim Eingang des Saales gossen Rubine und Granate Blut über das Gewölbe; Bernstein und Goldtopas schlossen mit der Lichtheit des Tagesgestirns an; Smaragde und Turmalin erinnerten an Natur und grünendes Leben; Saphire und Aquamarin erweiterten den Raum zum Baldachin des Himmels; mit der Nachdenklichkeit ihrer Farbe schlossen Amethyste das Prunkwerk ab. Die zweite, mit dunkleren Gesteinen, Onyxen und Achaten, ausgelegte Hälfte des großen Raumes wurden von einem mit Türkis und Lapislazuli gefaßten mächtigen Quelltopf ausgefüllt, in dem klares Wasser quoll. In der Mitte des Beckens ragte ein auf wohlgeformten weißen Tropfsteinen wie auf Löwenpranken abgestützter Sitz.
Konrad, der seiner Führerin staunend in den funkelnden, in allen Farben der Welt und des Lebens blinkenden Regenbogensaal gefolgt war, bemerkte auf dem Thron eine großgewachsene, von langen grünen Haaren und einem ebensofarbenen Bart wie von Wasserpflanzen umwallte Gestalt, die mit über einem silbrigen Schuppenleib gefalteten Händen und mit abwägenden Augen den Ankömmlingen entgegensah. Noch ehe Konrad sich ein Bild von dem im Wasserrund thronenden Wesen machen konnte, raunte im Vladana beschwörend ein paar Worte zu.
„Ich verändere jetzt meine Gestalt, mein Liebster. Erschrick nicht!“
Sprach´s, drückte Konrad liebevoll an sich, glitt vom Rand des Beckens ins Wasser und schwamm schon mit dem kräftigen Schlag eines Fischschwanzes, den sie plötzlich gleich ihrem fürstlichen Vater statt ihrer Beine trug, durch die Quelle zu dem Thronsitz hin. Dort verharrte sie.
„Guten Tag, Väterchen", wandte sich Vladana dem sich zu ihr herabbeugenden Wesen zu.
„Guten Tag, meine Tochter", grüßte der Angesprochene mit einer Stimme zurück, die etwas vom Orgeln und Brausen eines Wasserfalls an sich hatte.
„Da bin ich wieder einmal", fuhr Vladana zunächst belanglos fort wie jemand, der sich vor einem schwierigen Gespräch weiß und noch unsicher ob des richtigen Beginns ist.
„Das sehe ich", antwortete der Vater ebenso harmlos, doch mit einem Blick über den Quelltopf zu Konrad hinüber, als sei er sich über die Ursache des Erscheinens seiner Tochter bereits im klaren. „Ich freue mich immer, dich wiederzusehen. Willkommen zu Hause."
„Darf ich mich nach Euerem Befinden erkundigen, mein Vater?"
„Danke, es geht mir gut", antwortete der Fürst mit gemessener Würde. „Wie geht es dir selbst, mein Kind?"
„Oh, ich bin zufrieden", bestätigte auch Vladana ihr Wohlbefinden.
Vater und Tochter zögerten einen Augenblick: Vladana, weil sie unsicher war, wie sie zum Kern ihres Anliegens vordringen sollte; ihr Vater, weil er aus Erfahrung wusste, dass Geheimnisse von Untertanen und von Kindern durch geduldiges Abwarten am sichersten gelüftet werden.
Vladana gab sich einen Ruck und kam direkt zur Sache.
„Ich bin gekommen, um Euch meinen Gemahl vorzustellen, mein Vater.“
Damit war es heraus.
„Sagtest du - Gemahl?"
Fürst Ahira gab sich erstaunt. Er richtete mit einer geradezu offiziellen Wendung die Augen auf Konrad und musterte ihn ernsthaft.
„Meinen Glückwunsch", fuhr der Fürst fort. „Wie schön."
Doch mit ungläubigem Ausdruck und scheinbar harmlos fügte er hinzu: „Aber ist er nicht ein Mensch?"
„Er ist ein Mensch!"
Diese Antwort wurde von Vladana so bestimmt und fast trotzig gegeben, als solle schon durch den Tonfall klargestellt werden, dass sie mit diesem Einwand gerechnet habe, auf ihn vorbereitet, nicht aber gewillt sei, ihn zu akzeptieren.
Hatte Vladana an dieser Stelle eine spontane und heftige Äußerung des Unmuts erwartet, so musste sie diese Erwartung als Fehleinschätzung erkennen. Fürst Ahira antwortete weder laut noch leise; er schwieg und strich sich nur nachdenklich den Bart, so dass dieser wie der bedächtige Flossenschlag eines großen Fisches hin und her wogte. Seine Zurückhaltung entsprach der uralten Gepflogenheit der Mächtigen, sich in schwieriger Lage nicht festzulegen, sondern erst einmal anzuhören und zu schweigen und sich dadurch die natürliche Unsicherheit des Schwächeren zum Verbündeten zu machen.
Prompt preschte Vladana in das Vakuum vor.
„Wir lieben uns", schob sie einfach und ohne rhetorische Schnörkel nach und unterstrich mit der Einfachheit dieses Bekenntnisses die Endgültigkeit ihrer vorher bekanntgegebenen Entscheidung, denn zur Übermacht von Gefühlen gibt es in keinem Fall eine Alternative.
„Ich bin sehr verwundert über dich, meine Tochter", deutete Fürst Ahira nun doch Distanzierung an.
Dem maßvollen Ton dieser Antwort, das Ausbleiben von Tadel und Kritik wertete Vladana sofort zu ihren Gunsten. Entsprechend lebhaft fuhr sie fort.
„Ihr müsst Konrad kennenlernen, mein Vater"! rief sie überschwenglich. „Er ist der wunderbarste Mensch!"
„Aber eben nur ein Mensch", kam Fürst Ahira auf die Ursache des unausgesprochenen Unbehagens und den Punkt möglicher Schwierigkeiten. „Es fällt mir schwer, deine Entscheidung zu verstehen, Vladana. Musste das sein? Vor allem die Schnelligkeit deines Entschlusses! Konntest du dir nicht Zeit lassen?"
Vladana wurde gleich wieder kühler.
„Bei allem, was geschieht, kann man sich immer die Frage stellen, lieber Vater: Muss das sein oder nicht! Ich weiß nicht, woran man erkennt, ob und wann etwas sein muss oder nicht. Man kann das nicht lernen. Was für Euch gilt, lieber Vater, muss nicht unbedingt für mich gelten. Obwohl wir einer gemeinsamen Wurzel sind, sind wir doch nicht gleich. Wir sind verschieden und verschieden sind unsere Bedürfnisse und Gefühle."
„Du redest wie eine verliebte junge Frau, Vladana", fiel Fürst Ahira mahnend in die Rede seiner Tochter. „Ich habe es immer befürchtet." Die innere Bewegung des Fürsten wurde nun auch äußerlich sichtbar, denn der grüne Bart wallte wie in der Strömung eines kräftigen Baches.
„Du hattest immer einen eigenen Kopf, Vladana" fuhr er fort, „vorsichtig ausgedrückt. Immer wolltest und suchtest du das Besondere - was stets ein Quell für Unsere Besorgnis war. Das Glück liegt im Gewöhnlichen - nicht im Ungewöhnlichen. Es ist der große Irrtum, dem so viele - leider auch unseres Geschlechtes - erliegen, zu denken, das Fremde sei dem Eigenen vorzuziehen. Der Reiz des Augenblicks verfliegt schnell. Was kommt dann? Wird sich um einer kurzen Freude willen eine lange Entbehrung lohnen? Es bleibt die Ernüchterung, es bleibt der Jammer. Den wollen Wir dir ersparen. Dein Mann, den vorzustellen du gekommen bist, ist nur ein Mensch. Hast du vergessen, was es bedeutet, sich mit einem Sterblichen einzulassen?"
„Ich habe es nicht vergessen, mein Vater", beruhigte Vladana. „Ihr unterschätzt mich."
„Dann verstehe ich deine Entscheidung nicht", brach es aus dem Fürsten hervor. „Wenn ich etwas als richtig und sinnvoll erkenne oder begreife, dann handle ich danach."
„Das sagt Ihr so einfach, Vater", wandte Vladana ein. „Es hört sich auch einfach an. Ich habe Euch schon immer um die Kraft Euerer Vernunft bewundert, aber könnte man nicht sagen, einmal das große Glück gefunden und erlebt zu haben, einmal einen wunderbaren Höhepunkt in seinem Dasein gehabt zu haben - und sei es nur für die kurze Spanne eines Menschenlebens - wiegt das nicht alle Nachteile und späteren Kümmernisse auf? Entschädigt uns das nicht für alle möglichen Entbehrungen?"
„Von Erinnerungen wird man nicht satt", antwortete der Fürst. „Ein Fluss fließt bergab, nicht umgekehrt. Aus der Vergangenheit erwachsen uns keine Chancen, nur aus der Zukunft. Du musst nach vorne blicken und leben, Vladana!"
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