„Mach mit dem Biest, was du willst"! Konrad begann, sich zu beruhigen. „Aber merke dir, das nächste Mal kommst du nicht so glimpflich davon."
„Ja!" Rubecol war nun ganz die Einsicht in Person. „Ich konnte dir nicht glauben. Vladana ist so schön.
„Konrad enthielt sich einer Äußerung zu diesem Lob. „Jetzt schwöre, dass du nie wieder die Waffe gegen mich erheben wirst", forderte er. „Falls ich nochmals in die Gegend komme. Und dass du mir zu Diensten sein wirst, wenn ich dich rufe!"
Rubecol, was blieb ihm anderes übrig, schwor die Urfehde.
Konrad ließ ihn laufen. Und Rubecol, nachdem er sich ächzend vom Boden erhoben und seine Wunden begutachtet hatte, trollte sich hinkend in den Wald davon, aus dem er hervorgewechselt war, den Weg mit Blutstropfen wie mit Blumen bestreuend.
Konrad blickte dem Davonhinkenden nach, bis er verschwunden war. Dann rieb er sein Schwert auf dem Waldboden blank und reinigte es mit Moos. Er wischte sich die Stirn.
„Jetzt zu dir, Vladana, du Hexe!" murmelte er, als er fertig war. „Du sollst an der Siegesfeier teilhaben, daß dir Hören und sehen vergeht!"
Vladana flog, als sie Konrad heranschreiten sah, von ihrem Platze hoch und, als sei nichts vorgefallen, dem jungen, prächtigen Sieger entgegen und an den Hals.
„Ich habe es gewusst!" jubelte sie begeistert. „Ich habe es gewusst, daß du endlich diesem ungewaschenen Rubecol eine Lehre erteilen wirst."
In der Gegenwart Rubecols vor wenigen Augenblicken ganz noch beleidigte Schöne, spröde und walderdekühl, war Vladana nun wie Butter in erwärmtem Topf.
„Seit ich mich zurückerinnern kann, verfolgt mich dieser schwarze Bär. Und immer mit schmutzigen Fingernägeln. Du warst herrlich, Konrad! Du bist ein Held, hast den Rubecol besiegt! Wie ich dich liebe!"
Das Echo auf soviel unwiderstehliche weibliche Treuherzigkeit kam ernüchternd. Konrad fasste die begeisterte junge Dame unsanft an den Handgelenken und befreite sich, auf Zärtlichkeit nicht eben bedacht, ruckartig aus dieser bestrickenden Schlinge.
„Du Schlange", fauchte er zornig. „Ich sollte dich zertreten wie eine Viper!"
Er wollte das Mädchen fortschleudern, doch Vladana klammerte sich fest.
„Wie stark du bist, Konrad", hauchte sie zärtlich bewundernd. „Wenn du mich doch nur ein bisschen liebhaben könntest..."
„Diesen Rubecol gegen mich aufhetzen! Mit unverschämten Lügen!" Konrad erbittert. „In einen Kampf auf Leben und Tod! Was hast du dir dabei gedacht?"
„Wenn ich dich nicht bekomme, soll dich niemand kriegen", gestand Vladana freimütig.
„Ich werde dir zeigen, was du kriegst", zürnte Konrad weiter, unbeeindruckt von soviel Freimut. „Das kriegst du!"
Ohne großes Federlesen fasste er das rätselhafte schöne Waldwesen, legte es über´s Knie und zahlte ihm den Lohn für sein Schelmenstück auf den blanken Hintern. Das klatschte wie das Flügelschlagen eines großen Vogels.
Vladana wehrte sich nicht, sondern ließ die Bestrafung demütig über sich ergehen. „Oh Konrad", wisperte sie in Schmerz und Bewunderung, Tränen in den Augen. „Besser du schlägst mich, als du siehst mich nicht einmal an. Du hast mich sehr gekränkt. Aber jetzt ist alles gut. Du wirst mein Mann!"
Und als ob sie sogar die strafenden Schläge, die Berührungen des Zorns und der Vergeltung, noch in einen Weg der Verführung und Verzauberung zu verwandeln vermöchte, so begann in Konrad der Wunsch nach Rache und Sühne zu erlahmen. Die Schläge auf das Hinterteil der zierlichen Zauberin wurden schwächer, klangen ab und versiegten. Konrad wollte das Mädchenwegschieben.
Doch: „Konrad!" hauchte dieses, richtete sich auf und küsste seine Hände. „Konrad, mein Geliebter! Warum hast du es mir so schwer gemacht? Hast du denn meine Liebe überhaupt nicht bemerkt?"
Während ein Lächeln einen ersten Regenbogen des Glücks in die Tränenspuren auf ihrem Gesicht zog, schlang Vladana ein zweites Mal die Arme um den Hals des jungen Reiters, und ein Paar junger Lippen suchte, jetzt endlich ungehindert, seinen Mund. Da war es eben doch um ihn geschehen.
Die Zeit der ersten Liebe zwischen Konrad und Vladana währte sieben Jahre.
Das erste Jahr war das Jahr des Feuers, dann folgte das Jahr des Wassers. Dann kamen das Jahr der Erde und das Jahr des Windes. Daran schlossen die Zeit der Sonne und die Zeit des Mondes an, die Zeit der Sterne und die Zeit der Kometen. Es folgten die Monate der Tannen und Eichen, es folgten die Monate der Anemone und des Seidelbasts. Und die Wochen des Rinds und die Wochen des Luchses. Schließlich kamen die Tage der Forelle und die Tage des Hechtes und die Stunden der Libelle und die des Schmetterlings. Und das ging so, bis alle Augenblicke erster Liebe erschöpft waren.
Als Konrad und Vladana nach sieben Jahren aus ihrem Rausch erwachten, fanden sie sich von wilden Rosen, von Fingerhut und Vergissmeinnicht überwachsen, fanden sie sich von den Helmbüschen des Grases und den Polstern des Mooses überdeckt. Als Konrad und Vladana nach sieben Jahren der Herrlichkeit ihre Augen aufschlugen, kletterten Goldschmied und Ameise durch ihr Haar und wohnte die Eidechse zwischen ihren Körpern.
„Wie lange haben wir gelegen", fragte Konrad, verwundert über die Veränderung seiner Umgebung.
„Du bist jetzt mein Mann", antwortete Vladana.
„Wo ist Gorid, mein Pferd?" fuhr Konrad fort. „Wo ist mein Schwert?"
„Ich werde dich meinem Vater vorstellen", sagte Vladana.
„Was hast du aus mir gemacht?" fragte Konrad erschrocken, als er an sich hinuntersah. „Sieh meine Haare, meinen Bart. Es ist, als seien Jahre vergangen."
„Wir waren sieben Sommer und sieben Winter zusammen", erklärte Vladana feierlich. Nichts konnte uns trennen.“
Die Feierlichkeit ihrer Stimme erreichte Konrad nicht. Er schaute sich um.
„Da! Mein Schwert!"
Die Waffe lag auf der Erde unter dem Gestrüpp. Konrad zog sie hervor. Das Leder der Scheide war rissig und spröde gebleicht, das Holz vermodert und der Griff von Schmutz überdeckt. Als Konrad das Eisen herauszog, mit Mühe, denn es saß wie festgewachsen, glänzte es nur matt und war von Rostflecken wie von Schorf besetzt.
„Sieben Jahre", schüttelte Konrad den Kopf, indem er ungläubig seine Waffe betrachtete und die Schneide mit dem Daumen prüfte. „Sieben Sommer und Winter habe ich bei dir gelegen, ich, Konrad, der ich auszog, die Welt zu erobern."
„Bedauerst du es", erkundigte sich Vladana, darum bemüht, in ihrer Stimme jede Andeutung von Spannung zu vermeiden.
Konrad, der mit Sand die Rostflecken von seinem Schwert zu scheuern und es glattzupolieren versuchte, warf einen nachdenklichen Blick zu Vladana.
„Nein", antwortete er einfach. „Ich bedauere es nicht. Warum sollte ich?"
„Wir gehören zusammen", atmete Vladana mit Erleichterung auf.
„Wie sollte ich nach diesen sieben Jahren jemals wieder von dir lassen?" wunderte sich Konrad über die Unsicherheit der Geliebten.
„Konrad, mein Geliebter", hauchte Vladana. „Jetzt sind wir für immer verbunden."
„So ist es wohl", erwiderte Konrad, durch einen Tonfall der Sachlichkeit die Unwiderruflichkeit dieser Tatsache am eindrucksvollsten bestätigend.
Aber dann, auf sein Äußeres weisend, fuhr er fort. „So kann ich nicht bleiben. Der Bart muss weg, die Haare müssen gekürzt werden, die Nägel geschnitten. Nicht dass ich Rubecol gleiche".
„Ich werde dich nie mit Rubecol verwechseln", beruhigte Vladana. „Selbst wenn du so schwarz wärest wie er."
Konrad kreiste, nachdem er sein Schwert gesäubert und sich umgegürtet hatte, suchend durch die umliegenden Büsche, ob er nicht weitere Spuren seiner Vergangenheit fände. Seine Bemühungen waren fast vergebens. Nur ein paar verrottete Kleinigkeiten waren unter den Bäumen und im Gestrüpp zu entdecken. Er ließ sie liegen.
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