„Ich bin hier jetzt wohl überflüssig", versuchte Konrad die Gelegenheit zu nützen, um sich aus dem Staub zu machen. „Da kommt dein Freund. Du kannst die Unterhaltung mit ihm fortsetzen".
Er erhob sich gemessen und stapfte in langsamer Eile zu seinem wartenden Pferd.
Vladana nahm den Abschied nicht an. Vielmehr musterte sie den Ausreißer mit dem Blick einer Katze, die sich zum Sprung nach einem Vogel niederkauert.
„Was will der Wicht hier"? meldete sich, ohne zu grüßen und mit barschem Ton, der angekommene Rubecol bei der Angebeteten.
Er wurde auf das Liebenswürdigste empfangen. „Grüß dich, Rubecol", flötete die Sitzende mit einem großartigen Augenaufschlag. „Wie schön, dich wieder einmal zu sehen. Man trifft sich doch viel zu wenig. Wie geht es dir? Du hast dir sogar die Hände gewaschen, wie ich sehe."
Der Riese warf einen überraschten Blick auf seine erdigen und rußigen Pranken. „Ja, hm, tatsächlich, hm hm", erinnerte er sich verlegen erleichtert. „Heute hab ich´s nicht vergessen. Dir zuliebe, Vladana."
Nichtsdestoweniger bemühte sich Rubecol, seine Hände aus dem Blickfeld Vladanas zu bringen.
„Sag, hat er dich belästigt", kehrte der Riese zu dem ihm wichtiger erscheinenden Thema zurück.
„Wer?"
„Na, dieses Kind!"
„Du meinst den jungen Edelherrn", stellte sich die Befragte naiv und fuhr mit gespielter Gleichgültigkeit fort. „Nein! Wieso? Wie kommst du nur darauf? Belästigt hat er mich nicht. Er hat mich gefragt, ob ich mit ihm kommen und seine Frau werden möchte."
„Was hat er?" knurrte der Riese und prustete, als fahre ein Gewitterstoß durch die umstehenden Bäume."Er will dich zur Frau haben? Dieser Winzling? Das hat er gewagt? Sag das noch einmal!"
„Ja, natürlich. Wieso nicht! Ist etwas Schlechtes dabei? Meinst du etwa, ich wäre nicht gut genug für ihn?“
„Was hast du geantwortet", wollte der Riese wissen.
Seine Kohleaugen glühten vor Eifersucht und sein Brustkasten arbeitete grimmig.
„Also Rubecol! Ich muss doch sehr bitten!" antwortete das Mädchen hoheitsvoll und mit gekränkter Miene. „Das geht dich wirklich nichts an. Frage ich etwa dich nach deinen Geheimnissen aus? Sagen wir so: Vom Äußeren her entspricht der Junge vielleicht nicht so ganz meinen Vorstellungen, aber unhübsch ist er auch nicht. Das musst du zugeben. Eigentlich wirkt er sogar recht anziehend. Dass er ein Spruchbeutel ist, dem man nicht trauen darf, das hat mit seinem Äußeren nichts zu tun."
Rubecol hielt es kaum auf seinem Platz. Er waberte von einem Bein auf das andere, als sei er mit siedendem Wasser gefüllt.
„Ist dir der Wicht zunahegetreten?" brüllte er schon fast. „Sag an, hat er dich beleidigt?"
„So würde ich das nicht nennen", stellte sich Vladana beschwichtigend. „Wie du weißt, kann man nicht vorsichtig genug sein. Mir kommt der Junge allerdings etwas eingebildet vor, aber vielleicht hat er alles nicht so gemeint. Ich möchte ihm nicht unrecht tun. Allerdings für einen Augenblick empfand ich sein Verhalten schon als etwas verletzend - mich erst mit einem Heiratsantrag zu überfallen und dann so zu tun, als sei es nur ein Spass gewesen“.
In den Augen Rubecols loderte die Kohle.
„Das soll er büßen", platzte er heraus, außer sich vor Wut. „Ich versprech es dir, Vladana. Ich werd´s ihm eintränken! Ich zertrete diesen Wurm! Ich zerreiße ihn!"
„Halt! Warte! Alles gelogen!" meldete Konrad von seinem Pferd eine andere Sicht der Dinge an. „Ich habe dem Mädchen niemals einen Heiratsantrag gemacht. Im Gegenteil. Ich wollte fort. Sie hat mich nicht gelassen."
„Da hast du es, Rubecol", piepste Vladana resignierend und jetzt auch, unüberhörbar eine Spur gekränkt. „Man darf ihm nicht trauen. Er dreht alles um."
„Ich werde dir dein loses Maul stopfen, du Nichtsnutz, dass du nie wieder einen Ton hervorbringst!" Es war Rubecol unmöglich, länger an sich zu halten.
„Nein! Halt! Augenblick!" versuchte Konrad von seinem Pferd ein zweites Mal den Dienst an der Wahrheit. „Hör mich an! Glaube diesem Mädchen nicht. Es lügt! Ich habe es nicht belästigt! Kein einziges wahres Wort. Ich will nur fort von hier."
Von Vladana kam ein kleiner spitzer Schrei, Ausdruck höchster Entrüstung. Rubecol tobte.
„Warte! Mich kannst du nicht hinter´s Licht führen!"
Die Keule aufnehmend brach das vierschrötige Waldungetüm gegen Konrad los. Gorid scheute und schlug heftig aus. Der junge Reitersmann hatte Mühe, sich im Sattel zu halten. Er wurde, sowie er das Pferd wieder fest im Griff hatte, sehr ernst.
„Hör zu! Ich habe dem Mädchen nichts getan. Lass mich in Frieden ziehen!"
Rubecol war nicht mehr ansprechbar. Mit einem gewaltigen Streich seiner Keule versuchte er den vermeintlichen Nebenbuhler aus dem Sattel zu fegen. Ohne Erfolg. Der junge Mann war blitzschnell von seinem Pferd herunter, hatte das Schwert aus der Scheide gerissen, den runden Kampfschild ergriffen und trat furchtlos dem Riesen entgegen. Rubecol fuhr erneut mit der Keule gegen ihn. Er traf Konrad so wenig wie das erste Mal. Leichtfüßig hüpfte der Angegriffene zur Seite und die schwere Keule schwang ins Leere. Wie er begonnen, so ging der Kampf weiter. Rubecol versuchte mit seiner Keule den Gegner zu zerschmettern, Konrad wich den Schlägen geschickt aus. Dafür kriegten die umstehenden Bäume und Sträucher einiges ab. Dann, in einem Augenblick der Unachtsamkeit, konnte Konrad dem Riesen einen ersten Schwerthieb versetzen. Schon tropfte es rot auf die dunkle Walderde. Wildes Wutgeheul war die Antwort Rubecols auf diesen Erfolg seines Gegners. Wieder stürmte er vor und wetterte blindlings gegen den behenden Gegner los. Der Wald dröhnte und schallte von Schlägen und Schreien. Doch je unbeherrschter Rubecol losrannte, desto vergeblicher waren seine Bemühungen, Konrad zu Boden zu strecken.
Vladana, als sei dieser Kampf auf Leben und Tod eine Veranstaltung zu ihrer besonderen Kurzweil, beobachtete das Getümmel mit unverhohlener Faszination und zupfte nach dem Vorbild des Verliebtenspiels: Er liebt mich, er liebt mich nicht! den Blumen zu ihren Füßen die Blütenblätter aus. Dann, als sich der Kampf in die Länge zog: Er gewinnt, er gewinnt nicht! Das Orakel fiel von Blume zu Blume anders aus.
Es wollte Rubecol nicht gelingen, den jugendlichen Gegner entscheidend zu treffen. Wenn er ihm je die Keule auf den Schild donnerte, so erwies sich Konrad durchaus nicht als ein Gegenüber, der deswegen gleich in die Knie ging. Im Gegenteil. Mit blitzschnellen Ausfällen nützte er jede Unachtsamkeit und Leichtfertigkeit des Grobians, traf diesen, wo er ihn treffen konnte, und bald war der schwarze Pelz des Unholds von Rot überfärbt. Der Blutverlust und Konrads große Beweglichkeit begannen, den Schwarzen mehr und mehr zu schwächen und zu ermüden. Er erlahmte, und der Fortgang des Duells wurde immer mehr von Konrad bestimmt.
Zur Beendigung des Kampfes kam es, als Rubecol in blindwütiger Aufwallung über einen morschen Ast stolperte und zu Fall kam. Sofort war Konrad über ihm und setzte ihm die Schwertspitze an die Kehle.
„Gnade", schnaufte der Gestrauchelte schweratmend und rollte seine Augen wie kläglich davonlaufende Murmeln. „Du hast gesiegt! Ich ergebe mich!"
„Ich könnte dir den Hals auf der Erde festspießen!" fauchte Konrad noch im Zorn des Kampfes. „Oder soll ich dir den ganzen Kopf herunterschlagen? Du Narr!"
„Nein! Das nicht! Ich ergebe mich ja!" flehte der Geschlagene unterwürfig.
„Ich sollte dich in Stücke hauen", knurrte Konrad, immer noch wütend. „Hab ich dir nicht gesagt: Das Mädchen lügt!"
„Das glaube ich jetzt", beteuerte Rubecol, die Augen voll Angst auf die Spitze des Schwertes fixiert. „Ich wollte Vladana immer heiraten. Aber damit wird es wohl nichts mehr."
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