In der Bauernfamilie schliefen die Kinder, solange sie noch kleiner waren, normalerweise alle in einem Bett. Nur mit Jacob wollte keiner in einem Bett schlafen. Das lag natürlich hauptsächlich an seiner gelegentlichen Ausdünstung. Den Jacob war auch mit zwei Jahren immer noch nicht sauber. Deswegen konnte es passieren, dass er im Schlaf einen ziemlichen unangenehmen Geruch verbreitete. So zog die Anna mit Jacob in eine Gesindekammer. Ihr machte Jacob keine Angst und ihr grauste es auch nicht vor seinen körperlichen Absonderungen. Sie liebte ihn so wie er war. Für sie war Jacob etwas ganz Besonderes. Ein Geschenk Gottes. Für alle anderen eine Schande, eine Missgeburt.
Mit vier Jahren versuchte Jacob seine ersten Schritte. Das Gleichgewicht halten konnte er sehr gut. Aber sein Tempo sich zu bewegen, konnte man nicht als agile, kindliche Mobilität bezeichnen, eher als das Gegenteil. Die Mädchen sahen darüber hinweg, denn er war ein unglaublich hübscher Junge. Sein pechschwarzes Haar war sehr, sehr dicht und stets seidig glänzend. Auch ohne Waschen verfilzte es niemals. So glatt war es. Und fest. Man brauchte eine sehr scharfe Schere um es zu schneiden. Das Innere seines Mundes und seine Zunge waren gleichfalls von blauroter Farbe. Dazu die eisblauen leuchtenden Augen und sein bläulicher Teint. Diese Mischung gab ihm etwas mystisches, ja Exotisches. Und er entwickelte eine sehr freundliche, liebevolle Art. Wenn er lachte, blitzten seine makellosen weißen Zähne zwischen diesen blauroten Lippen hervor. Es verlieh ihm ein unwirkliches Aussehen.
So mancher Besuch, der ihn zu Gesicht bekam, schreckte vor ihm zurück. Ein kleiner hübscher Junge, der nicht redete, für sein Alter viel zu klein war und diese kühle Hautfarbe besaß, das war doch ziemlich unheimlich. Er lernte aber doch zu reden, sehr langsam und abgehackt. Das Keuchen zwischen den Worten wurde zu seinem Markenzeichen.
Wenn er abends mit Anna im Bett lag erzählte sie ihm immer Geschichten. Sie erzählte ihm von den Arbeiten auf dem Hof und was sie den ganzen Tag gearbeitet hatte. Geschichten aus der Schule interessierten ihn besonders. Bald merkte sie, dass Jakob diese Geschichten begierig aufnahm. Er verstand jedes Wort. Sein Körper passte nur nicht so richtig zu seinem Geist. Sie trug ihm in unzähligen Übungen kurze Sätze vor und Jakob versuchte sie flüssig nachzusprechen. Es fehlte ihm nicht am geistigen Verständnis, nein, er schaffte es nur nicht, mehrere Wörter hintereinander zu sprechen ohne Luft zu holen. Es klang sehr seltsam wenn er ein Gedicht aufsagte. Trotz seiner Fortschritte schickten sie ihn nicht auf die Schule. Schulpflicht gab es in Bayern erst seit wenigen Jahren. 1806 wurde sie eingeführt. Auf dem Land gab es verständlicherweise große Widerstände dagegen. Die Kinder wurden als Arbeitskräfte gebraucht. Deshalb wurde die allgemeine Schulpflicht bei der Landbevölkerung nicht flächendeckend eingehalten. Die staatlichen Behörden hatten große Nachsicht mit den Schulunwilligen. So war es nicht verwunderlich, dass Jakob von den Behörden gar nicht erst erfasst wurde.
Sein gesamtes Wissen und seine Bildung vermittelte ihm seine Schwester Anna. Dazu muss man wissen, es war üblich nur ein oder zwei Kinder zur Schule zu schicken, das genügte meistens, denn diese gaben ihren Lernstoff an die anderen Geschwister weiter. Ohne Anna hätte Jakob niemals Lesen und Schreiben gelernt. Sie war diejenige, die dafür sorgte dass ihr kleiner Bruder von der Welt da draußen etwas mitbekam. Jakob durfte, als er selber gehen konnte nur bei diversen familiären und kirchlichen Feiern dabei sein. Die restliche Zeit verbrachte er in der Kammer seiner Schwester. Manchmal, im Sommer, meistens am Sonntagnachmittag, da wurde nicht auf den Feldern oder im Haus gearbeitet, half Anna dem kleinen Jungen mit der blauen Hautfarbe ins Freie, an die frische Luft zu kommen. Das freute ihn besonders. Das Grün, die Blumen, das Geschwirr von Insekten, Jakob konnte sich nicht satt sehen.
Die Jahre vergingen. Die Kindheit dehnte und streckte sich über viele Jahre hinweg. Zäh und langsam waren die Tage für Jakob. Er wurde größer und größer, aber alle hatten das Gefühl er würde sein ganzes Leben lang ein Kind bleiben. Auch Jakob selber wusste nicht so recht ob er jemals die Größe und das Erscheinungsbild seiner Brüder oder seines Vaters erreichen würde. Wie er seine Tage als Erwachsener gestalten sollte, darüber hatte er keinerlei Vorstellung. So blieb ihm nichts anderes als zu warten.
Meine ersten Erinnerungen sind ziemlich schwach. Nur langsam formen sich Bilder. Eindrücke, Erinnerungen. Die mit Abstand wichtigste Person, die für mich mehr Mutter als Schwester war, ist Anna. Ohne sie wäre ich irgendwo dahinvegetiert und bestimmt früh gestorben. Aber Gott sei Dank hatte sie sich um mich gekümmert. So lange sie lebte. Dafür werde ich sie immer lieben und verehren. Leider habe ich sie später einmal sehr verärgert und ihr großes Unheil zugefügt. Das tut mir immer noch aufrichtig leid. Wenn ich an Anna denke, wünsche ich mir immer öfters das Geschehene rückgängig zu machen. Nur ihretwegen. Doch damals war mir nicht bewusst wie die Ereignisse sie treffen würden. Aber das ist alles sehr lange her. Alles der Reihe nach.
Meine Aufzeichnungen habe ich später verfasst. An meinem wohlverdienten Lebensabend. Ich liege schon seit geraumer Zeit in einem Altenheim. Gut gepflegt. Man kann nichts schlechtes sagen. Mir geht es gut. Womöglich habe ich manche Erlebnisse weggelassen, vielleicht weil sie mir nicht wichtig genug waren. Aber die wichtigsten Stationen meines Lebens habe ich notiert. Mein Gedächtnis funktioniert immer noch hervorragend. Die Geschichten die ich nachfolgend beschreibe sind noch so lebendig in mir, als wäre es gerade eben geschehen. Schade, dass mir jetzt im hohen Alter, in dem ich mehr oder weniger gezwungen bin, tagaus, tagein untätig herum zu liegen, das Leben draußen in der Welt ohne mich, ohne meine Mitwirkung abspielt. Im Grunde ist mein jetziger Zustand vergleichbar mit meiner Kindheit.
In die Schule wurde ich natürlich nicht geschickt. Wie denn auch. Der Weg dahin wäre für mich niemals zu bewältigen gewesen. Meine Geschwister mussten den Weg zur Dorfschule Sommers wie Winters zu Fuß gehen. Das waren damals einige Kilometer Fußmarsch. Außerdem schämte sich fast die ganze Familie für mich. Ich sollte so wenig wie möglich mit den anderen Dorfbewohnern in Kontakt treten. Auch Anna wollte nicht, dass ich wie eine Kuriosität herumgezeigt wurde. Dafür war ich ihr das ganze Leben lang dankbar. Damals wie heute, bin ich nur in der Lage kurze Distanzen zu gehen. Auch das Sprechen, das ich als kleiner Junge angefangen hatte zu lernen, viel mir Anfangs viel zu schwer. Schnell reden, oder lange Sätze machen mir auch heute noch schwer zu schaffen.
Mein Atmungsrhythmus ist vermutlich genetisch bedingt so langsam, dass ich bei der geringsten Anstrengung keine Luft mehr habe um schnell zu sprechen. Ich habe mir so im Laufe meines Lebens angewöhnt, Unterhaltungen auf das Wesentliche zu reduzieren und nur das Nötigste zur Konversation beizutragen. Wer mich nicht kannte, nicht wusste, wer ich bin, gewann ansonsten gleich den Eindruck einer geistigen Behinderung. Denn wer sich mit Jacob Gurrer unbedingt länger unterhalten wollte, musste viel Zeit und Geduld mitbringen. Bei solchen Gesprächen zeigte ich allerdings meinen Gesprächspartnern, dass ich in keiner Weise einen geistigen Makel hatte. Im Gegenteil.
Zehn Jahre war ich nun schon alt. Zehn lange Jahre kümmerte sich Anna bereits um mich. Und ich war nur so groß wie ein vier- oder fünfjähriger Bub. Wer mich tatsächlich für nur fünf Jahre alt hielt, war allerdings erstaunt über meine geistige Entwicklung. Meine Schwester Anna brachte ungeheuer viel Mühe auf, mir etwas bei zu bringen. Meine geliebte treue Anna. Ich habe sie so geliebt. So geliebt wie nie einen anderen Menschen auf dieser Welt.
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