Doch alles in Ordnung? Nein, seine Atmung war viel zu langsam und unregelmäßig. Die Hebamme befühlte seine winzigen Händchen. Seine Fingerspitzen. Sie fühlten sich kalt an. Aber Jacob war in mehrere Lagen Tücher eingewickelt und es war sehr warm in dem Raum. Sie legte ihn auf das Bett und befreite ihn von den Tüchern. Als er so fast nackt vor ihr lag erschreckte sie sich förmlich. Diese bläuliche Haut. Sie beugte den Kopf zu ihm herunter und legte ihr Ohr auf den ihrer Erfahrung nach zu kühlen Brustkorb des Säuglings. Sein Herz schlug genauso langsam wie er atmete. Seltsam. Sie befreite ihn weiter von den Windeln. Da nahm sie einen sonderbaren Geruch war. Der Kleine stank unangenehm. Seine Windel war voll. Der Geruch wurde stärker. Die Hebamme kämpfte mit sich. Eine Übelkeit stieg in ihr auf. Dieses Gemisch aus Fäkalien und Verwesung erfüllte mittlerweile den ganzen Raum. Sie schluckte, versuchte die Übelkeit zu unterdrücken. Mit schnellen Schritten war sie am Fenster und riss es energisch auf. Tief atmete sie die frische Frühlingsluft ein. Sie liess das Fenster offen und ging wieder zu dem Säugling. Sie zuckte zusammen.
Ihr war plötzlich alles klar! Sie kannte diesen Geruch. Es war der eklige Gestank des Todes. Sie säuberte den Kleinen. Dabei beruhigte sie sich langsam wieder. Vielleicht erledigte sich die Sache ja auch von selber. Die Kindersterblichkeit war sehr hoch in Bayern. Und dieser durchdringende Verwesungsgeruch deutete auf abgestorbenes Gewebe in seinem Inneren hin.
Doch die Frau täuschte sich. In Jakobs Inneren war nichts abgestorben. Es waren lediglich seine Ausscheidungen die so stanken. Die Bakterien in seinen Gedärmen zersetzten die Nährstoffe wesentlich effektiver. Der dabei produzierte Kot stank im wahrsten Sinne des Wortes gottserbärmlich. Die Bäuerin war wieder aufgestanden und wollte von der Hebamme wissen:
„Was meinst? Is des normal?“
„Mhmm, also so fehlen tut ihm nix. Trinkt er?“
„Ja, aber so langsam, des konn i ned braucha.“
„Weißt du Bäuerin, a bissl schwach ist er schon, der Jacob. Wenn er aber die ersten zwei Wochen überstanden hat, dann brauchst dir keine Sorgen mehr machen.“
Traurig senkte die Bäuerin den Kopf und streichelte über das Köpfchen von Jakob.
„Hast’ du’s auch gerochen? Der stinkt ja wie zehn Odelgrubn zusammen.“
„Ja, Bäuerin, vielleicht kommt des, weil du schon über der Zeit warst.“
Die Bäuerin nickte verständnisvoll.
Die Hebamme holte nun eine Dose aus ihrer Tasche und schmiert den Jacob die Händchen und das Gesicht mit dem Inhalt ein. Die Dose gab sie der Mutter Gurrer.
„Er hat halt a bissl a dünne Haut, dass die Leut ned reden, schmierst ihn damit ei... und... Bäuerin, der Kloane is ned krank oder damisch, es is oas dro an eam. Vielleicht ist er was Besonderes. Aber nimms ned zu schwer wenn er es wirklich ned packen sollt.“
Die Bäuerin schaute die Hebamme fragend an. Die wickelte den Jacob wieder ein und legte ihn ihr auf die Brust. Jetzt sah der Jacob ganz normal und zufrieden aus. In der Salbe war eine Farbe reingemischt, wie in modernem Rouge. Die Mutter lächelte.
„So gfallt a ma schon viel besser.“
„Siehst du Bäuerin.“
Anders als die Hebamme befürchtet hatte, stirbt Jakob nicht. Im Gegenteil. Er lag in seinem Bettchen und schlief friedlich. Er erfreute sich bester Gesundheit. Er liess sich mit dem Trinken an der Brust unheimlich viel Zeit. Und wenn er die Stoffwindel füllte, war es fast nicht auszuhalten.
Wann immer der kleine Jacob fremden Personen gezeigt wurde, schmierte ihn seine Mutter vorher mit der roten Salbe ein. Die Familie findet sich notgedrungen mit seiner blauen Hautfarbe ab. Nicht jedoch mit seiner sonstigen Behinderung. Vor allem der Bauer selber beklagt mit den Jahren den zusätzlichen Esser, der ihm auf dem Hof nie wird helfen können. Außerdem fürchtet er das Gerede der Leute im Dorf. Ihnen allen wurde schon sehr bald nach seiner Geburt bewusst, dass er völlig anders als alle anderen Menschen ist.
Jacob musste deshalb den größten Teil seiner Kindheit im Haus verbringen. Man kann sagen, dass er von seinen Eltern und den Geschwistern regelrecht versteckt wurde.
Von seinen Schwestern wurde er allerdings geliebt und beschützt. Mädchen und Frauen wurden von seinem Aussehen und seiner seltsamen Art förmlich angezogen. Jacob wurde immer hübscher, je älter er wurde. Er hatte ein engelhaftes, fast androgynes Aussehen. Rein und unverdorben. Kühl und unnahbar. Sie verehrten ihn, weil er so anders war. Als wenn die Frauen und Mädchen wüssten welche Wirkung er als erwachsener Mann auf sie ausüben würde.
Seine Langsamkeit war für seine Mutter eine riesengroße Belastung, die sie jedoch gewillt war zu meistern. Kind war Kind, da machte sie keinen großen Unterschied. Das Anlegen an die Brust dauerte im Vergleich zu ihren anderen Kindern eine kleine Ewigkeit. Auch seine Bewegungen waren unendlich langsam. Richtig gegraust hat es der Mutter aber nur beim Wickeln des Säuglings. Sein Urin und Kot verbreitete einen ungeheuerlichen Gestank. Sein Urin den er in der Windel hinterließ war eher bräunlich und roch richtig unangenehm. Aber sein großes Geschäft, das war auch für die Mutter eine Herausforderung. Von grauer bis fast schwarzer Farbe war der Kot eingefärbt. Und der Gestank war eine ekelhafte Mischung aus Fäkalien und Verwesung. Das lag vielleicht wirklich daran, dass er nicht wie andere Kinder dauernd die Hosen voll hatte, sondern nur alle zwei, drei Tage oder noch länger. Es war aber wirklich abstoßend.
Nach gut einem halben Jahr war Jacob nur unmerklich größer geworden. Die herbeigerufene Hebamme untersuchte das Baby ein weiteres Mal ausgiebig. Sie konnte aber wieder nichts Krankhaftes feststellen. Seine Haut war noch fester geworden, genauso wie seine Ärmchen und Füße. Wenn er schrie, dann nur sehr kurz und mit langen Pausen dazwischen. Dabei wurde er fast dunkelblau im Gesicht. Das verlangsamte Wachstum konnte sich auch die erfahrene Hebamme nicht erklären. Dergleichen war ihr bis jetzt noch nicht begegnet. Sie war außerstande der Familie einen Rat zu geben, wie sie mit dem kleinen Jacob umgehen sollten. So blieb alles beim Alten. Denn zu einem ordentlichen Arzt oder ins Hospital, das konnten sich die Gurrers keinesfalls leisten.
Anna, seine Schwester kümmerte sich anstelle ihrer Mutter um Jakob, sooft und so gut es ging. Die anderen hatten genug mit sich selbst und der Bewirtschaftung des Hofes zu tun. Freie Zeit war sehr knapp auf dem Bauernhof. Jede Hand wurde gebraucht.
Zwei Jahre später lag Jacob immer noch in seinem Wiegebettchen. Er war jetzt schon erheblich größer geworden. Er konnte auch schon sitzen. Ein erheblicher Fortschritt in seinem Leben. Wenn es die Zeit zuließ, wurde er gerne von seinen älteren Schwestern herumgetragen. Wobei seine älteste Schwester Anna weiterhin ein besonderes Verhältnis zu ihm entwickelte. Sie war inzwischen auch die einzige, die es schaffte ihn zu säubern wenn er in die Windeln gemacht hatte. Die Mutter oder die Mägde wurden bei dieser Tätigkeit von einem nicht zu unterdrückenden Brechreiz befallen.
Ansonsten gingen sie mit ihm um wie mit einem Spielzeug. Wenn sie ihn auf den Boden legten, drehte er sich in Zeitlupentempo auf den Bauch. Dort verharrte er schwer atmend minutenlang. Bis er sich dann mühsam aufstützte und mit abgehakten Bewegungen wie eine Echse loskrabbelte. Immer mit Pausen zwischen jeder Bewegung. Nach ein paar Metern, war er meist so erschöpft, dass er zu Boden sank und einschlief. Die anderen Kinder lachten. Der Ton auf dem Bauernhof war ausgesprochen derb. Die männlichen Mitglieder dieser Gemeinschaft hatten nicht nur im wörtlichen Sinn die Hosen an. So wurde Jacob von ihnen nur als unnötiges Spielzeug, als Puppe für die Mädchen angesehen. Akzeptiert wurde Jacob von den Männern jedenfalls nicht im Geringsten. Da waren die Männer, jung wie alt, alle auf einer Linie. Für sie war Jacob ein lästiges Anhängsel. Eine Missgeburt. Ein unnötiger stinkender Esser. Etwas, wofür man sich zu schämen hatte. Auf Jakob brauchte man keinen der männlichen Gurrers ansprechen. Wenn außerhalb des Hofes, in der Dorfwirtschaft, oder bei anderen Feiertagen ein abfälliges Wort über den schwächlichen jüngsten Bruder fiel, flogen schon mal die Fäuste.
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