Sie sind wahrscheinlich gerade empfindlicher als ein rohes Ei mit angebrochener Schale. Sie werden durch diese Phase durchkommen, dazu aber bedarf es nicht nur viel Kraft, sondern auch Selbstvertrauen und die rechtzeitige Einsicht, alle Möglichkeiten auszuschöpfen, die Ihnen Ihrer Auffassung nach wirklich Hilfe versprechen.
Diesen Rat gebe ich Ihnen – wie eingangs ausgeführt – nicht als Hobby-Therapeut, sondern als Leidensgenosse, der Ihre katastrophale Lage am eigenen Leibe und in epischer Breite selbst durchleben musste. Ob ein Sie begleitender psychologisch geschulter Experte es auf ebensolche Weise empfiehlt oder ausdrückt, kann ich Ihnen nicht sagen. Es sind meine eigenen Erfahrungen und Reaktionen, Entscheidungen und Maßnahmen, von denen ich heute weiß, dass diese mir (persönlich, individuell) sehr geholfen haben, in meiner Apokalypse zu „überleben“. Mir ist es mehr als bewusst, dass wir Menschen sehr unterschiedlich sind, entsprechend individuell reagieren, denken und fühlen. Nicht alles, was für mich selbst als richtig verstanden werden kann, muss demnach auch für Sie gelten. Deshalb ist es so wichtig, dass Sie bei der Lektüre dieses Buches stets auch ein Auge darauf haben, was jeweils Ihre eigene Position ist, was Ihnen Ihr tiefstes Inneres sagt und empfiehlt. Aber ungeachtet des Umstandes, wie hoch unsere Übereinstimmung auch ausfällt, es ist für Sie als Leser/in mit großer Wahrscheinlichkeit hilfreich, die Sichtweise und das Handeln eines anderen Suizid-Hinterbliebenen in der Art und Tiefe zu erfahren, wie ich diese in dem Ihnen vorliegenden Buch anbiete.
Hinweis und Empfehlung zur Lektüre dieses Buches
Auch wenn ich mir als Autor Mühe gegeben habe, dieses Buch thematisch so zu strukturieren, dass ich Sie, verehrte/r Leser/in, behutsam und empathisch durch dieses Werk führen kann, so ist es Ihnen ganz allein überlassen, ob Sie meinem Vorschlag folgen wollen/können, denn allein Sie selbst können empfinden, welche Reihenfolge der von mir verfassten Texte für Sie die geeignetste ist.
Schauen Sie sich deshalb (nochmals) das Inhaltsverzeichnis an und entscheiden Sie selbst, welche der Themen Sie gegenwärtig am meisten interessieren und mit den vielen Fragen und Irritationen in der von Ihnen erwünschten Abfolge korrespondieren. Es tut diesem Buch keinen Abbruch, wenn Sie sich Ihre eigene Struktur schaffen. Springen Sie bei Bedarf hin und her – es sind allein Ihre Emotionen und Bedürfnisse, die zählen. Entscheiden Sie selbst, wann Sie sich für bestimmte Themenfelder in diesem Buch interessieren, wann Sie innerlich bereit und in der Lage sind, sich mit diesen auseinander zu setzen.
Überblättern Sie überdies die Stellen, die Ihnen zurzeit noch zusätzliche Schmerzen bereiten. Kommen Sie auf diese dann zurück, wenn Sie innerlich dazu bereit sind, oder durch das vorliegende Buch überzeugt werden, diese Passagen dann doch zu lesen. Seien Sie sich dabei gewiss, dass ich sehr wohl weiß, wie schmerzvoll und anstrengend, wie belastend und mühselig ein solches Lesen/Hören ist.
Als Autor kommt es mir allein darauf an, Ihnen in der wohl schwersten Zeit Ihres Lebens eine Hilfe angedient haben zu können – und diese ist weder protokollarisch festgelegt, noch quantitativ vorgegeben.
Teil 1: Das Unfassbare begreifen
In diesem Buchteil befasse ich mich mit unserer Verzweiflung, die so groß ist, dass wir aufpassen müssen, nicht selbst ein nachhaltiges Trauma zu entwickeln. Wir müssen uns deshalb mit dem Grundsätzlichen auseinandersetzen: dem Willen unseres geliebten Menschen zu sterben. Und ich greife dazu auch die Frage auf, warum wir höchstwahrscheinlich keinen Hilfeschrei wahrgenommen haben.
Dass Unfassbare. Wie anders können wir es ausdrücken? Es ist der Zeitpunkt unseres Eintritts in die Hölle, die Sekunde auf unserer Lebensuhr, die fortan nichts mehr so sein lassen ließ, wie es zuvor noch war. Unsere Welt zerbarst in Myriaden von Teilchen, verschwand in einer Apokalypse. Und das Leid, die Schmerzen und Qualen, die wir nun zu durchleben haben, sind mit keiner Sprache zu beschreiben. Unfassbar, dennoch wissen wir: es ist geschehen.
Unser geliebter Mensch hat seinem Leben selbst ein Ende gesetzt. Er hat sich vernichtet. Und wir begreifen es nur sehr langsam, dass auch unser Leben damit nahe einer Vernichtung steht. Denn ein Großteil von uns hat dieser Mensch mit in seine Auslöschung genommen. Liebe, Miteinander, Zusammengehörigkeit, Wünsche, Pläne, Zukunft, Freude und Leichtigkeit. Alles im Tausch gegen tiefe Verzweiflung, quälende Fragen, unendliches Leid und eine gebrochene Seele – alles allein uns nun auferlegt. Wir stehen unvermittelt einem Schutthaufen gegenüber und realisieren mit voller Wucht: Unser Leben wird fortan ein anderes sein.
Und an alledem ist nichts Gutes zu finden. Es erfüllt keinen höheren Zweck, nichts wird dadurch besser, nichts hat einen Sinn. Egal, was uns andere auch immer an klugen oder weisen Kalendersprüchen offerieren, hoffend, wir halten uns an diesen Strohalmen aus Worthülsen fest um nicht gänzlich abzusaufen, sie haben alle gar keine Vorstellung über das Leid, welches wir nun zu durchleben haben. Und nur wir selbst können lernen, mit dieser Katastrophe für den Rest unseres Lebens klar zu kommen, lernen zu begreifen, was da passiert ist. Und je schneller wir damit beginnen, desto wirkungsvoller wird unser Lernergebnis sein. Zögern wir, verschleppen wir, ja leugnen wir vielleicht sogar die Realität, wird es einen Schaden geben, der gewaltig sein kann.
Helfer sind notwendig und nützlich – sofern sie es richtig anstellen und gewisse Regeln beachten. Vor allem aber dürfen sie nicht eine einzige Sekunde annehmen, sie könnten antizipieren, was in uns vorgeht, es sei denn, sie haben eine derartige Tragödie selbst durchleben müssen. So müssen unsere Helfer mit uns gemeinsam lernen – durch Zuhören, durch emotionale Intelligenz, durch allergrößte Vorsicht und schier übermenschliche Geduld. Sie müssen uns noch stärker lieben, als sie es bisher getan haben, sie müssen bereit sein, ihre kulturellen Klischees ad acta zu legen und ab sofort nur noch auf ihr Herz zu hören. Und wenn sie uns steuern, uns justieren müssen, dann mit Behutsamkeit und ohne Egozentrik.
Wir müssen begreifen – nicht belehrt werden.
Wir müssen akzeptieren – nicht gezwungen werden.
Wir müssen verstehen – nicht missioniert werden.
*
Niemand wird jemals wieder diesen einen Augenblick vergessen können. Den Moment der Wahrnehmung, dass der geliebte Mensch Suizid begangen hat und nicht mehr lebt. Ob durch behutsame Mitteilung eines mitfühlenden Verwandten oder durch das eigene und damit zutiefst schockierende Auffinden des Leichnams. Wir wurden mit etwas konfrontiert, was einer Totalvernichtung gleichkommt. Das Schicksal zeigt einen Rest an Milde, wem es die Bilder der/des Toten erspart. Denn die Härte dieser erkennen wir erst Zug um Zug, mit jeder Nacht mehr, mit jedem Tag intensiver. Und sie lassen uns nicht mehr los, überdecken alle schönen Erinnerungen, geraten zur Unerträglichkeit und vergrößern unseren Schmerz mit jedem Erscheinen vor unserem inneren Auge, so dass wir fragen:
„ Hast Du das tatsächlich gewollt?!“
„ Hast Du mir diesen Anblick wirklich zugemutet?!“
„ War es Dir so egal, was Du damit anrichtest, oder hast Du einfach nicht mehr darüber nachdenken können?!“
Der geliebte Mensch hat sich für seine Selbstvernichtung entschieden. Uns hat er mit dieser Entscheidung aus unseren Lebensbahnen entgleisen lassen. Wir können es nicht begreifen, nicht nachvollziehen. Wir ringen nach Luft, wollen es nicht wahr haben, hoffen auf einen Alptraum, auf das schnelle Erwachen, auf das Ende dieser schrecklichen Schmerzen. Denn es bleibt für uns noch lange Zeit etwas entsetzlich Unfassbares.
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