Das war grundlegend falsch, denn die Welt konnte so viel einfacher sein, wenn er nicht immer alles zerdenken, tot analysieren und hinterfragen würde.
Fortan wollte er sich nicht mehr über alles und jeden den Kopf zerbrechen, sondern die Dinge einfach so hinnehmen, wie sie waren, und darauf aufbauen.
Es war eine merkwürdige Stimmung, in der Andy sich befand. Es fühlte sich an wie eine Suche nach etwas. Jedoch konnte er das Ziel noch nicht beziffern oder benennen.
Aber er war nun um eine Erkenntnis reicher: Nur wer etwas sucht, der wird etwas finden. Und Andy suchte. Er wusste zwar noch nicht genau was, er wusste nur, dass er auf der Suche war. Doch dann hatte er plötzlich einen Geistesblitz:
Die Suche, auf der er sich befand, war die Suche nach sich selbst.
Fest steht: Andy war niemand.
Er war niemand, bis zu genau dieser Sekunde war er ein Niemand, ein Versager. Er lebte sein Leben so vor sich hin, von nirgends her kommend und nirgends hin gehend.
Er fühlte sich nur wie ein Sandkorn am Strand des Lebens. Ziel- und orientierungslos, keine große Aufgabe mit seinem Dasein erfüllend. Es war fast so, als hätte er sein Leben bis dahin in einer Art Trance verbracht, und erst der Vorfall mit Lexi hatte ihn wachgerüttelt.
Ihm wurde nun klar:
Die Auseinandersetzung mit dem Tod macht das Leben klarer.
Als Andy sich darüber im Klaren war, stand für ihn fest: Ich will mein Leben nach meinen Vorstellungen und Idealen, Wünschen und Zielen und mit meinem eigenen Charakter leben. Autonom ein Selbstbestimmtes Leben führen, einen eigenen Lebensweg wählen und den eigenen Idealen und Wertvorstellungen entsprechen.
Kurz: Lebe deinen Traum!
Und dafür muss ich erst einmal eigene Wünsche und Ziele finden und meine eigenen Regeln aufstellen, um diese Wünsche und Ziele zu erreichen. Dadurch ergeben sich Möglichkeiten und Chancen, die ich dann nur zu nutzen brauche so dachte Andy. Er wollte etwas erschaffen, er wollte ein Ich erschaffen, auf das er getrost stolz sein konnte, also musste er an sich selbst, seinem Denken und Handeln einiges verändern.
Denn wer etwas erschaffen will, braucht zunächst Material, und genau das waren die Regeln für Andy. Ein außerordentlich gutes Gefühl durchströmte ihn abermals, denn er hatte die wahrscheinlich wichtigste Erkenntnis für sich gewonnen: die Selbsterkenntnis.
Er wollte sich selbst verwirklichen, und dazu musste er erst einmal ganz genau wissen, was und wie er sein wollte.
Er fragte sich nun: Wer bin ich ? Und was will ich?
Doch er war ein Niemand. Bis gerade eben war es ihm auch vollkommen egal gewesen wer, was oder wie er war. Das musste er mit Bedauern feststellen. Er suchte nun ein Ideal, das es für ihn anzustreben galt. Wenn du nicht weißt wer du bist oder was du willst, gehe in die Welt hinaus und finde es heraus.
Und so beschloss er, dass er fortan ein Leben führen wollte, wie er es sich wünschte, und das er der Mensch werden wollte, der seinen Vorstellungen entsprach.
Schluss mit den Ausreden an sich selbst! Auch wenn er noch nicht ganz wusste, was das bedeuten mochte.
Das waren vorerst die Fragen des Lebens, auf die Andy eine Antwort finden wollte, da war er sich gewiss. Er hatte verstanden, dass er hart an seiner Integrität arbeiten musste. Das heißt, dass Ideal und die eigene Lebenspraxis übereinstimmen.
In diesem Moment hatte Andy das Gefühl einen neuen Lebensabschnitt, ein neues Kapitel begonnen zu haben. Und das war gut, denn es wurde höchste Zeit für ein neues Kapitel. Er hatte das Gefühl eine Brücke überquert zu haben und sein „altes Leben“, in dem er unglücklich und unzufrieden mit sich selbst war, hinter sich gelassen zu haben.
Nun war er zufrieden und voller Zuversicht auf den nächsten Tag. Er überdachte sogar noch einmal den Plan, den er gestern geschmiedet hatte, und befand es für besser, dass er heute auf seinem Streifzug niemandem begegnet war. Andy wollte auch eigentlich gar nicht so primitiv und rachsüchtig sein, aber das war er wohl im Eifer des Gefechtes und er wollte zukünftig anders, klüger, besonnener und bedachter handeln.
So notierte er noch:
Regel Nr. 12 Was du nicht willst, das man dir tut, das füge auch keinem anderen zu.
Dann fiel er nachdenklich in einen kurzen Schlaf.
Einige Tage vergingen, in denen sich Lexi gut erholte und auch wieder Ruhe in die Familie Wolf einkehrte.
Andy war nun mitten in der Klausurphase in der Schule und er bemühte sich darum, sich zusammenzunehmen und zu lernen, jedoch erfolglos. Er war einfach unkonzentriert und abgelenkt, obwohl er es fast verdrängt hatte, das Ereignis von neulich. Die Suche nach sich selbst, nach seinen Träumen und Wünschen, nahm sein gesamtes Denkvermögen ein. Da er mit seinem „alten Ich“ schlicht und einfach nicht mehr leben konnte und die unbegründete Furcht vor allem oder eben nichts abgelegt hatte bzw. daran arbeitete, war es tatsächlich an ihm, nun einen neuen, unbekannten Weg zu beschreiten.
Er wollte vor seinen Fehlern nicht mehr weg laufen, sondern aus ihnen lernen und sie korrigieren, so gut es eben ging.
Dann war es wieder mal an der Zeit, mit Lexi zu gehen, und Andy hatte genau dies zu seiner persönlichen Aufgabe erklärt. Lexi immer an der Leine, sein Messer für den Notfall immer in der Hosentasche. Als Andy dann einmal leichte Zweifel in den Sinn kamen, ob es denn überhaupt notwendig oder gar sinnvoll sei, das Messer wirklich immer dabei zu haben, dachte er an James Pearl, den Vater seines besten Freundes Sam. Er war Soldat und sagte immer „Egal wo auf der Welt, man braucht nur ein Messer, um zu überleben“. Als Soldat war das bestimmt so, aber auch als Zivilist?
Doch da bedachte Andy die Vorteile, die ihm das Mitführen eines Messers bieten konnte, und sie überwogen die Nachteile um eine Vielzahl. Und so waren Andys Zweifel rasch wie weggeblasen. Zwar fühlte sich Andy nun sicherer, immerhin war er bewaffnet und durch seine jahrelange Pfadfindererfahrung wusste er auch hervorragend mit dem Messer umzugehen, doch der Vorfall hatte ihn verändert. Andy war nun nachdenklicher und objektiver geworden.
Er hatte offenbar eine Fähigkeit erlangt, die er vorher nicht besaß.
Praktische Vernunft, so nannte er selbst diesen Sinneswandel. Aber auch Lexi hatte sich verändert. Sie war nicht mehr der junge, offene Hund, der mit allem und jedem, egal ob Mensch oder Hund, gerne spielte. Sie war nun vorsichtig und zurückhaltend und auch etwas ängstlich, was die ganze Familie Wolf zu tiefst bedauerte. Im altbekannten Wald angekommen, waren sie beide merklich angespannt. Sie nährten sich der Stelle, an der das Unglück geschah.
Andy bedachte seine Regeln. Gerade jetzt dachte er an
Nr. 1 Gehe niemals ohne dein Messer aus dem Haus
Nr. 3 Zufälle gibt es nicht
Nr. 11 Ein blick hinter dich kann niemals schaden.
Und so schaute er immer mal wieder hinter sich, nur für den Fall der Fälle. Doch ihre Runde verlief so weit ganz ruhig und ohne Zwischenfälle.
Die beiden hatten den Wald gerade verlassen, als sie einen anderen Hund laut bellen hörten. Lexi zuckte zusammen und suchte direkt Schutz zwischen Andys Beinen. Dieser stand an Ort und Stelle, regungslos, lauschend und erahnend, was passieren mochte. Er hatte die Quelle des Bellens schnell ausfindig gemacht. Da sah er auch schon den weißen Pitbull samt seinem Herrchen, wie sie auf seinen Weg einbogen. Andy ergriff die Gelegenheit, denn er wollte dem Hundebesitzer ja noch eine Standpauke halten. Das würde seinem Gewissen sehr viel weiter helfen und es beruhigen. Jetzt oder nie, dachte er sich, befestigte Lexis Leine an einem Zaunpfahl und ging auf dem Pitbull und seinen Besitzer zu. Jetzt hatte er ein wenig Angst, aber er musste eine Konversation starten. Er konnte den Vorfall nicht einfach unkommentiert lassen. In der Angst, der Pitbull könne jederzeit wieder auf ihn zu rennen, hielt er sein Messer griffbereit in der Hosentasche. Doch dann erkannte er, dass der Hund dieses Mal an der Leine war, was seine Angst beträchtlich minderte.
Читать дальше