Denn hätte er sein Pfadfindermesser bei sich gehabt, hätte er zwischen die kämpfenden Hunde gehen und den Kampf beenden können, so dachte er. Es war zwar ein schon älteres, eher kleines Messer, dass Andy einmal von seinem Vater geschenkt bekommen hatte. Ein Werkzeug und kein Bärentöter mit Blutrinne.
Auf Pfadfinderfahrten hatte er damit schon vieles getan. Essen zubereitet, Holz gemacht, Dosen geöffnet und nahezu alles andere.
Zwar achtet und schützt der Pfadfinder alles Leben, aber in einer Situation der Notwehr, war er nicht zum ersten mal bereit zu Handeln.
Das wäre zwar auch eine äußerst schwierige und moralisch fragwürdige Situation gewesen, aber er hätte nicht nur untätig daneben stehen müssen, vollkommen ohne Kontrolle und ohne Einfluss auf den Ausgang des Kampfes, sondern er hätte die Wahl gehabt, um eine, wenn auch sehr schwierige Entscheidung treffen zu können. Die in ihm aufflammende Erinnerung an das traumatische Erlebnis in Schweden bestärkte seinen gefassten Entschluss nur noch mehr.
Nach wenigen Stunden rief Frank zu Hause an und meldete, dass Lexi über den Berg sei. Die Verletzungen waren Gott sei Dank nur oberflächlich und sie könne noch am selben Tag wieder mit nach Hause kommen. Andy war heilfroh, als er erfuhr, dass es seinem geliebten Hund einigermaßen gut ging, denn insgeheim hatte er mit dem Schlimmsten gerechnet.
„Hoffe das Beste, aber erwarte stets das Schlimmste“ war einer der wenigen Philosophien, die Andy damals hatte. Und so berichtete er seinen beiden Geschwistern voller Erleichterung, dass es Lexi den Umständen entsprechend gut gehe und sie bald wieder zu Hause sein würde.
Am Abend lag Andy noch lange Zeit wach im Bett und dachte über die Geschehnisse des Tages nach. Es ließ ihm einfach keine Ruhe, er konnte und wollte auch nicht einschlafen. Er war aufgewühlt und aufgebracht. Erst allmählich kam sein kühler Kopf zurück, und dieser hatte mit dem Tage noch nicht abgeschlossen. Er musste noch irgendetwas tun.
Aber was? Nach einigem hin und her entschied sich Andy, vorerst nur die Dinge aufzuschreiben, die er aus dem Vorfall gelernt hatte. Er nahm sich das kleine rot-schwarze Büchlein zur Hand und schrieb auf:
Regel Nr. 1 Gehe niemals ohne dein Messer aus dem Haus
Regel Nr. 2 Sehe niemals etwas als selbstverständlich an
Regel Nr. 3 Zufälle gibt es nicht
Das gefiel ihm. Einfache und klare Regeln, wie ein Codex. Er dachte über sie nach, wie ihn diese drei Lehren, wenn er sie denn vorher wahrgenommen oder erkannt hätte, vor viel Schaden und Leid hätten bewahren können. So fügte er auch noch die Dinge hinzu, die es ihm Wert erschienen, nun auch eine Regel zu werden. Also notierte er weiter:
Regel Nr. 4 Bring keine Ausreden, sondern Ergebnisse
Regel Nr. 5 Lebe und lerne
Es war inzwischen mitten in der Nacht, aber Andy fand immer noch keinen Schlaf. Es ließ ihm immer noch keine Ruhe. Er musste mit dem Pitbull Besitzer reden. Oder so...
Das Ereignis des Tages war für ihn noch nicht vorbei. „Morgen bin ich zur selben Zeit am selben Ort, aber dieses mal vorbereitet. Und dann werden wir sehen was passiert“ dachte er sich aggressiv und immer noch sehr aufgebracht. Bald darauf fiel er in einen unruhigen und kurzen Schlaf.
Der nächste Schultag ging kaum vorbei, denn Andy hatte ja am Nachmittag eine Aufgabe zu erledigen. Für sein Gewissen brauchte er etwas... Das Gefühl kannte er nicht. Ob es Rache war oder Zorn? Er konnte es nicht zuordnen.
Als seine Schulkameraden und auch Freund Tommy von der Geschichte erfuhren, pöbelten sie alle gleichermaßen: „Ich hätte den Pitbull umgebracht, wenn der meinen Hund so zugerichtet hätte! Und den verantwortungslosen Besitzer gleich mit!“
So etwas ist immer leicht und schnell gesagt, wusste Andy, aber wirklich etwas getan bzw. überhaupt reagiert hätten in dieser Situation wohl die Wenigsten. Nach der Schule eilte Andy nach Hause, denn er wollte sehen, wie es Lexi inzwischen ging. Sie war zwar über den Berg, sagte der Arzt, doch sie lag tagelang mit Verbänden und Mullbinden verbunden nur in ihrem Korb. Sie war verängstigt und verstört, und selbst zur Familie Wolf hatte sie eine Distanz aufgebaut. Viel Liebe und Zuneigung und noch mehr Streicheleinheiten und Hundekuchen waren der einzige Weg sie wieder aufzubauen.
Am Mittagstisch kamen langsam die ersten nüchternen Reaktionen auf den Vorfall von gestern. Frank pöbelte nicht mehr wahrlos: „Wenn ich diesen Typen und seine Bestie in die Finger kriege...“ sondern er sagte nun ganz ruhig und gelassen:
„Andy, du musst mir nochmal genau beschreiben, wer das war mit dem Pitbull.“
„Keine Ahnung, hab den Besitzer nicht gesehen, habe ich doch gestern schon hundert mal erklärt“ antwortete er maulig. Er fühlte sich schuldig und machte sich große Vorwürfe einen Fehler begangen zu haben.
„Und wo war das noch gleich?“ hakte Frank weiter nach. „Am Anfang des kleinen Waldes in den Feldern.“ rekapitulierte Andy missmutig.
„Jungs, lasst es gut sein, Lexi ist okay und den Pitbull Besitzer werdet ihr wohl nicht finden“ unterbrach sie Kate. „Nun lasst uns in Ruhe weiter essen.“
Andy war von seiner Mutter sichtlich überrascht. Wollte sie einfach alles gut sein lassen und den Hausfrieden wahren?
Aber eigentlich konnte das Andy doch nur recht sein, denn er hatte ja seinen ganz eigenen Plan, was er unternehmen würde.
Um halb vier packte er sein Messer ein und sagte seinen Eltern, er ginge zu Tommy, der im selben Ort wohnte. Tatsächlich ging er aber die selbe Strecke wie gestern in der Hoffnung, jemand ganz bestimmtem zu begegnen. Er hatte zwar auch etwas Angst, aber der Zorn und die Wut in ihm triumphierten und so zog er rachsüchtig seine Runden durch den kleinen Wald. Doch er begegnete nicht einer Menschenseele, was vielleicht auch besser war. Schließlich, nach einer Stunde erfolglosem Herumgeirre, hatte er dann genug. Er wollte nach Hause gehen.
Dort angekommen kuschelte er erst einmal ausgiebig mit Lexi.
Andy wünschte sich, dass sie seine Gedanken lesen könnte, damit sie wüsste, dass er mit dem Vorfall noch nicht abgeschlossen hat. Ihretwegen.
Und dennoch fühlte er sich schuldig für Lexis Leiden und ihre Schmerzen, denn es oblag seiner Verantwortung seine Familie, und zu dieser zählte gewiss auch Lexi, vor Schaden zu bewahren. Und am Abend notierte Andy wieder ein paar neue Erkenntnisse, besser gesagt neue Regeln:
Regel Nr. 6 Carpe Sanitas - Nutze deine Gesundheit
Regel Nr. 7 Von nichts kommt nichts
Regel Nr. 8 Familie hört nicht beim Blut auf
Regel Nr. 9 Schütze deine Familie
Regel Nr. 10 Ein reines Gewissen ist ein sanftes Ruhekissen
Regel Nr. 11 Ein Blick hinter dich kann niemals schaden
Das sollte ihm für heute reichen.
Andy lag im Bett und war schon kurz vor dem Einschlafen als ihm schlagartig klar wurde, dass ein Leben, manchmal vielleicht sogar das eigene oder das geliebter Menschen, sehr schnell vorbei sein kann, ohne dass man es erahnen oder verhindern konnte. Von dieser beängstigenden Tatsache gefesselt überlegte er daraufhin energisch, was wohl der eigentliche Sinn des Lebens und des Daseins sei, aber fand auf diese einfache Frage keine taugliche Antwort. Außer, der Hauptzweck des Lebens, des Daseins, ist es, zu genießen.
Er ertrank in seinen Überlegungen, und als er schließlich auf die Uhr schaute, war es weit nach Mitternacht und eigentlich sollte er schlafen, denn am nächsten Tag musste er ja zur Schule gehen.
Aber er war versessen darauf, sich diese einfache und etwas kindische Frage selbst zu beantworten. Andy war schon immer ein Typ, der seine eigenen Erfahrungen machen musste, und der alles selbst herausfinden oder erkennen wollte.
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