Eine Woche später war ich schon in Mumbai.
In ihre Augen zu sehen, vermeide ich tunlichst, denn diesmal sind es zwei Tränen bei mir. Aber sie bemerkt es trotzdem, meine Hand, die sie hält, die zittert leicht.
„Ah, da ist Christoph ja schon!“, sie lächelt zwar, aber nicht mit dem Lächeln, das sie mir geschenkt hat. Ihn wollte ich jetzt eigentlich nicht sehen. Aber ich muss gestehn, er ist groß, stattlich und sieht auch ein wenig sportlich aus. Ich darf nicht eifersüchtig sein, sie hat alles richtig gemacht. Smalltalk kann ich überhaupt nicht. Es reicht mir, wenn ich dabei ihren roten Mund betrachten kann. Die beiden Tränen konnte ich wegwischen, nicht jedoch deren Spuren auf meinen Wangen, die sie jetzt entdeckt hat.
Soviel habe ich falsch gemacht, habe mich selbst bestohlen und habe sie betrogen. Um was, das weiß ich nicht, aber es war sehr viel. Es muss gesühnt werden, jetzt und heute! Meine vielen anderen Vergehen dann am besten gleich mit!
„Du hast doch immer gesagt, wer stiehlt oder Böses tut, der muss dafür betraft werden. Ohne Strafe bekommt man Bauchschmerzen und ich habe Bauchschmerzen!“, ihre Hand habe ich dabei an mein rechtes Ohrläppchen gezogen.
„Wie lange hast du das denn, ich meine diese Schmerzen?“, ihr Blick ..., erwartungsvoll.
„Unendlich verfluchte lange Jahre habe ich das jetzt schon, meine ganzen gestohlenen Jahre. Du musst auch sehr fest ziehen, denn es sind maßlos böse Dinge, die ich Menschen angetan habe!“, jetzt ist es mein Blick, der abwarten erregt wirkt. Die Sehnsucht nach Erlösung muss in meinen Augen deutlich erkennbar sein.
„Unendlich Böses? Du hast noch nie gewusst, was ‚böse‘ ist. Weglaufen ist nur ganz wenig böse. Nein, du nicht, ich war es. Was du siehst, ist nicht das, was es scheint. 19 Jahre lang war alles falsch. Wenn du es nicht schaffst, so stark zu ziehen, dass es richtig schmerzt, dann werde ich mich für den Rest meines Lebens schuldig fühlen. Also, streng dich diesmal an!“, dabei hat sie meine Hand an ihr rechtes Ohr geführt.
Es geht nicht um meine letzten Jahre, es geht hier um mein zukünftiges Leben. Schuldfrei werde ich niemals wieder werden, aber davon losgesprochen, das würde helfen. Aber nur, wenn ich auch bei ihr richtig ziehe. Heute kann ich das!
Man darf den Kopf nicht zur Seite neigen, wenn es schmerzt. Jammern und Schreien, alles ist verboten, sonst wirkt es nämlich nicht. Ansehen ist erlaubt. Es ist erlaubt, zu erkennen, wie die Schuldenlast bei jedem Ausatmen etwas weiter aus dem Körper herausgedrängt wird, wie der Schmerz alle Erinnerungen an das Böse herauspresst und in das Weltmeer der Sühne entlässt. Ihre Fingernägel durchbohren meine Haut am Ohrläppchen. Ich fühle, wie es tropft. Der Stecker ihres Ohrringes, der ihre Haut jetzt einreißen, der bewirkt das Gleiche. Aber es muss sein, es geht schließlich um unser Weiterleben. Kirschrote Tropfen auf Millefleurs, ich erkenne ausgeatmete Astralschuld und sie die meine, die grenzenlos größer sein muss.
„Was? Was verdammt noch mal macht ihr denn da?“, Christoph will dazwischengehen, aber sie schiebt ihn mit ihrer freien Hand einfach zur Seite.
Christoph rüttelt an mir, will, dass ich loslasse. Diesmal nicht! Ich werde weder loslassen noch weggehen. Ich weiß es, sie wird bei mir solange ziehen, bis es ausreichend ist. Ob mein Ohrläppchen noch jemals auf die gleiche Länge kommen wird, glaube ich schon nicht mehr. Es wird auch eine bleibende Narbe geben. Das ist auch gut so. Ihr Ohrstecker droht bereits, das Ohr mit einer langen Kerbe nach unten zu verlassen, als sie dann loslässt: „He, du kannst es ja heute wirklich! Ich hätte auch nicht geglaubt, dass deine Schuld tatsächlich so groß ist. Wir waren die ganze Zeit anscheinend immer Kopf an Kopf.“
„Seid ihr total verrückt geworden? Was soll das denn werden?“, ihr Mann Christoph sieht empört auf ihr immer noch blutendes Ohr. Aber ihre Augen treffen nur meine. Christoph zerrt an ihr und sie dreht sich zu ihm, sieht ihn an: „Ich werde dich verlassen. Heute noch!“
Sie zeigt auf meine linke Hand, in der ich immer noch die Kirschen halte: „Du hast diesmal nur einen einzigen Versuch und ich rate dir, gut zu treffen!“
Wie oft hatte ich mich gefragt, was ich damals falsch gemacht hatte. Tausend Strategien für den schlechtesten Kirschkernspucker der Welt hatte ich mir zurechtgelegt. Klar, der Kern muss zunächst einmal mit den Zähnen und der Zunge glatt wie eine Glasmurmel vorbereitet werden. Dann kommt es auf einen richtig gespitzten Mund an, zusätzlich auf die Richtung und die Höhe. Alle Parameter waren mir immer wieder durch den Kopf gegangen, aber niemals hatte ich bis heute auch nur eine einzige Kirsche in den Mund genommen.
Meine Angst ist grenzenlos, als ich ihren leicht geöffneten roten Mund sehe, der unerreichbar weit entfernt ist. Aber dann erkenne ich es. Ich kann nicht daneben treffen. Geöffnete Kirschlippen bewegen sich auf mich zu. Diesmal werde ich es schaffen!
Ihr Mund, eng gepresst auf meinem ...
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