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Meine Eltern hatten darauf bestanden, dass ich kommen sollte: „Du wohnst seit einem halben Jahr in München, das ist doch keine Entfernung. Wir reden kein einziges Wort mehr mit dir, wenn du nicht zu unserer goldenen Hochzeit erscheinst!“
Mein innerer Widerstand war grenzenlos. Befürchtungen, Erinnerungen, unendlich große Fehler und dann all diese unverdrängten Erinnerungen. „Sie“ würde auch kommen, und noch einige mehr. Das war genau das Dilemma. Mit Absagen hatte ich nie ein Problem gehabt. Bei meiner Mutter, da schaffte ich das nicht. Sie steht mit einem Glas Sekt in der Hand neben einer jüngeren Frau und versucht durch Winken meine Aufmerksamkeit zu erregen. Ich werde sie nicht beachten, denn ich weiß, wer diese Frau ist: Sandra, frisch geschiedene Tochter einer Freundin meiner Mutter. Natürlich erkenne ich auch, was sie beabsichtigt und sehe einfach nicht hin.
Die Auswahl am Buffet scheint langwierig zu werden, sie steht jedenfalls immer noch an der gleichen Stelle. Ihre Emotionen kann ich natürlich nicht erkennen, aber seit einigen Minuten ist ihr Blick zumindest auf eine bestimmte Attraktion direkt vor ihr gerichtet.
Es ist auch dieses Kleid, das mir die Gewissheit gibt: Blumen, Blümchen, Millefleurs. Der Stoff fließt über ihren Rücken, gleitet perfekt am Gesäß herunter. Diese Blümchen hat sie schon immer geliebt. Sehr genau kann ich mich noch an ihre Lackschuhe mit ähnlichem Muster erinnern: „Sieh mal, ich laufe in Tausendblümchenschuhen!“ Dabei hatte sie immer so hell gelacht, dieses Lachen, das bis heute oft in meinen Träumen auftaucht. Schuhe, jeder Gang in ein Geschäft wird für mich zur Suche nach Erinnerungen. Lackschuhe im Millefleursmuster fand ich nirgends, so sehr ich auch in der ganzen Welt danach gesucht hatte.
Mein Blick ist heute sehr viel ausgeprägter. Die schwachen Einkerbungen an der Hüfte und an den Oberschenkeln verraten es so, als wenn ich durch Millefleurs hindurchschauen könnte. Kein String, kein normaler Slip, sie trägt eine Panty. Sie hat sich für eine Nummer kleiner entschieden, damit sie unter dem Kleid nicht aufträgt. Zu unserer Zeit hätte ich niemals ein Auge für solche Details gehabt. Erst mit Amelie ist mein Bewusstsein dafür erweckt worden.
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Brazzaville, es war der Start eines Projektes vor mehr als zehn Jahren. Mein Blick wurde von einer Schönheit an der Hotelbar magnetisch angezogen. Sie kam aus Paris und war für die Konkurrenz im Geschäft, bevor wir beschlossen, uns zusammenzutun. Als wir zum Aufzug schritten, blieb meine Hand wie zufällig auf ihrer Hüfte liegen, strich von dort in die Tiefe und fühlte immer noch nichts. Zu dem Zeitpunkt war ich ein Ignorant, was Schmuckstücke unter Kleidern anbelangte. Auf meine ordinäre Frage, was das denn für ein Slip sei, der sich weder abzeichnete, noch ertasten ließe, zeigte sie es mir im Fahrstuhl. Seitdem habe ich gelernt, jede mich interessierende Frau mit diesem Mikrometerblick abzutasten und zu analysieren. Manchmal gelingt es mir sogar, die Farbe zu erkennen. Den Unterschied zu einem „Nichts“, wie Amelie es mir im Lift präsentierte und einer Panty erkenne ich in einer Sekunde.
Deutlich länger allerdings, nämlich fast zwei Jahre hat dann die Liaison mit Amelie angedauert. Es war das Projekt mit der bislang höchsten Überschreitung an Zeit und Budget. Zerstörte Infrastruktur durch den Bürgerkrieg, unklare Verhältnisse, wen man wie bestechen musste, ein halbes Jahr ging verloren, bevor ich die alternativen Wege im Griff hatte. Meine Entscheidungen wurden immer erfolgreicher, seitdem ich die Blicke dieser Männer, mit denen sie Amelie auszogen, analysieren konnte. Es gab drei Kategorien: Einmaliger Fick mit Amelie, Fick plus etwas Geld und dann die ganz Großen, die man ausschließlich mit sehr viel Geld überzeugen konnte, weil sie genügend eigene Frauen hatten.
Auf dem Kongo sind wir dafür Wasserski gefahren, hatten zusammen Krokodile und Warzenschweine geschossen und Berggorillas beobachtet. Letztendlich konnte ich nur froh sein, dass sie mir lediglich einen heute noch sichtbaren Cut an meiner rechten Augenbraue und eine aufgeplatzte Lippe verpasst hatte.
„Mein Flieger nach Deutschland geht morgen früh. Du weißt, dass ich dich nie geliebt habe. Leider bist du so unendlich schön. Das ist aber nicht dein einziger Fehler!“, meine Ankündigung hatte bei ihr eine halbstündige Gewaltattacke ausgelöst.
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Als ob mein Blick auf ihrer Haut einen spürbaren Abdruck hinterlassen würde, richtet sie sich soeben kerzengerade auf und streicht ihr Kleid glatt. Meinen Atem lasse ich anhalten, meine Fantasien jedoch tiefer wandern, durch Millefleurs und Panty noch näher zur Hautoberfläche. In Erwartung, dass sie sich errötend umdrehen wird, schweben vor meinem inneren Auge diverse Variationen: Buschig, rasiert, sowie alle Styles, die mir Amelie als Auswahl präsentiert hatte. Es ist nicht fair, dass mein Gehirn mich gerade jetzt zwingt, über all diese unter Slips versteckten Geheimnisse zu sinnieren.
Ebenso werde ich gezwungen, näher an sie heranzutreten, um zu ergründen, was sie sich soeben in die Hand legt. Es gibt hier keine Äste, Blätter, Sträucher, die meine Annäherung durch Geräusche verraten könnten. Meine Schritte jederzeit lautlos unter Kontrolle zu halten, hatte ich im Dschungel von Lampang erlernt. Auch das Wittern versteckter Lagerfeuer durch ein Ansaugen der Luft durch geblähte Nüstern, langsames Ausatmen und dann eine Wiederholung für alle vier Himmelsrichtungen, das hatten sie mir beigebracht. Im „Goldenen Dreieck“ sind das überlebenswichtige Kenntnisse!
Floral, es ist ein Hauch von Lavendel, der mich an die Provence erinnert. Grasse, ehemalige Metropole der Duftproduktion, dort, wo mein schönstes Projekt bereits nach nur vier Wochen abgeschlossen war. Die Augen schließen, noch näher ...
Lavendel, eigentlich eine Herrennote, hier wird sie mit Orangenblüten und Patchouli sinnlich abgerundet. Ihre Nackenhärchen bewegen sich im Takt meiner Atmung. Sie hat mich bemerkt, ich erkenne es an den ersten Anzeichen einer Gänsehaut an ihrem Hals. Als sie sich abrupt umdreht, stoßen unsere Nasen fast zusammen.
Zuerst empört, dann belustigt sieht sie mich an: „Du musst Michael sein! Früher hast du mich immer mit einem Grashalm gekitzelt. Hast du den etwa immer noch hinter deinem Rücken versteckt?“
„Du, du bist so schön wie immer!“, unfähig, etwas Sinnvolles zu sagen bleibt mir nur diese Plattitüde.
„Ja, früher hatte ich ja auch diese Zahnspange, die hat alles etwas aufgewertet. Aber du, du siehst irgendwie, lass mich sehen, ja, reifer, reifer und erfahrener siehst du aus!“, sie hat dabei tatsächlich mein Kinn in ihre Hand genommen und meinen Kopf zur besseren Begutachtung nach links und rechts gedreht. Didaktisch war sie mir als kleines Mädchen schon überlegen. Ich hatte sie immer reden lassen und wollte ihr eigentlich nur zuhören.
„Wann haben wir uns das letzte Mal gesehen? Es muss doch bestimmt 19 Jahre her sein?“, wenn sie lacht, kommt dieses Grübchen hervor. Ich wollte sie immer nur zum Lachen bringen und dann meinen Finger in diese leichte Vertiefung am Kinn stecken. Das mache ich auch jetzt. Mein Blick fällt auf ihren Mund, kirschrot, die Farbe, die uns verbindet. Das Rot, das wie ihr Lachen in meinen Träumen erscheint und das jetzt auch in ihrer linken Handfläche aufblitzt.
„Du liebst immer noch diese Kirschen?“, mein Gesichtsausdruck bringt sie noch mehr zum Schmunzeln und meine Fingerkuppe wird durch ihr Grübchen fast umschlossen.
„Ja, die Kirschen. Aber du weißt, das hier sind nicht die richtigen. Diese sind nämlich von eurem Baum und die zählen nicht. So hatten wir es doch immer gehalten? Besser ich lege sie zurück und wir holen uns die guten!“, mit diesem Satz hat sie meine Hand, die ihr Kinn betastet hat, genommen und zieht mich in den Garten.
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