„Reden Sie weiter, Clark“, sagte er leise.
„Wir müssen also unbedingt den ersten Schritt in diese einzig richtige Richtung tun …“
Clarks Zunge fuhr kurz über seine Lippen. Es sah irgendwie lächerlich aus.
„Im Übrigen: Sagen Sie bitte nie wieder Clark zu mir. Nie mehr! Haben Sie gehört? Wenn schon, dann Mister Clark oder Oberst Clark . Haben Sie mich verstanden, Riddagshausen?“
Von Riddagshausen sah ihn entgeistert an. Was war in ihn gefahren? Rastete er jetzt aus?
„Ihre Aufgabe ist eigentlich ganz einfach!“ fuhr Clark fort. „Sie müssen aus Fastman so viel Informationen wie nur möglich herausholen. Entscheidend ist, dass wir mit Ihrem Material in die Lage versetzt werden, die Ergebnisse vollständig zu rekonstruieren. Mit anderen Worten: Wir müssen sie nutzen können!“ Er hob sein Kinn. „Das war es eigentlich, was ich Ihnen sagen wollte. Den Rest werden Sie in wenigen Tagen, vielleicht schon am Montag, mit Professor Banx aus London besprechen. Punkt für Punkt! Ich meine natürlich das Fachliche.“
Von Riddagshausen kniff die Augen zusammen. Er spürte einen Stich im Kopf. Entweder war es der Alkohol oder die blitzartige Erkenntnis, dass sein Hals in der Schlinge steckte.
Clark wurde auf einmal ganz offiziell.
„Den heutigen Abend habe ich bereits für uns geplant. Ich habe Konzertkarten besorgt. Peter Tschaikowsky mögen Sie doch, oder? Die finanzielle Seite Ihres Besuches, Hotelrechnung und alles andere, haben wir schon geregelt. Wie immer sind Sie Gast der Royal Society .“
„Einen Augenblick bitte, Mister Clark“, sagte von Riddagshausen schnell. „Was soll das eigentlich bedeuten? Dass ich für Sie oder, um genauer zu sein, für Ihre Regierung etwas tue, war 1945 eindeutig abgesprochen. Damit bezahle ich schließlich Ihr Schweigen über meine wahre Identität. Bis jetzt konnte ich es auch mehr oder weniger mit meinem Gewissen vereinbaren. Bis vor wenigen Augenblicken war ich ja letztendlich davon überzeugt, auf der richtigen Seite zu stehen. Jetzt verlangen Sie aber von mir, so habe ich es jedenfalls verstanden, etwas zu tun, das gegen die Amerikaner gerichtet ist, die ja immer noch als unsere Verbündeten gelten. Nein, Mister Clark! Vergessen Sie es! Ich will keinen Krieg ohne Bomben führen! Ich will auch keinen Krieg ohne Schüsse führen! Ich will überhaupt keinen Krieg führen! Von Kriegen haben wir alle schon mehr als genug, verstehen Sie? Ich will nur anständig und in Ruhe leben! Für meine Familie und für mich! Nein, vergessen Sie es! Ich werde gleich nach Hause fahren. Und nicht nur, weil ich meinem Gast versprochen habe, heute Abend zurück zu sein. Ich glaube zu wissen, was für Konsequenzen ich dafür tragen muss. Ich werde es überleben müssen, Ihre Freundschaft nicht mehr genießen zu dürfen!“
Von Riddagshausen erhob sich und zeigte auf die Tür.
„Ich möchte Sie bitten, dieses Zimmer jetzt zu verlassen.“, sagte er ruhig.
„Besinnen Sie sich, Albert! Sie glauben zu wissen, was für Konsequenzen es haben würde? Nein! Sie haben keine Ahnung, mein Lieber!“ Clark lachte auf. „Das würden Sie doch Ihrer Familie nicht antun wollen, die Sie ja so sehr lieben. Nicht wahr? Oder glauben Sie etwa, dass es für Ihre Familie besonders opportun wäre, während des Besuches eines weltberühmten Gastes in Abwesenheit des Gastgebers erfahren zu müssen, was der liebevolle Ehemann und vorbildliche Vater als anständiger Bürger vor sechsundzwanzig Jahren einer jüdischen Familie angetan hat? Wie hieß diese Familie doch gleich? Grundman? Und die anderen? Was glauben Sie, wie Ihre netten Studenten und Kollegen reagieren werden, wenn sie erfahren … Lassen wir das. Lange Rede, kurzer Sinn: Sie werden schnell vor Gericht landen, mein Lieber – als Kriegsverbrecher!“
Von Riddagshausen hob halb drohend, halb abwehrend die Hand. „Wie lange wollt ihr mich eigentlich noch erpressen!?“ rief er erregt. Er atmete schwer. „Werde ich denn niemals eine Möglichkeit bekommen, selbst meine Vergangenheit offen zu legen? Es gab auch keine anderen Familien, verdammt noch mal! Nein, es gab sie nicht! Das einzige, was ich immer wollte, war, die Menschen zu retten! Und das wissen Sie. Oder haben Sie mir nie geglaubt?“
Von Riddagshausen sank schwer in den Sessel. Er presste beide Hände gegen seinen Kopf, als ob er das, was er eben erlebt hatte, wieder aus seinem Hirn herauspressen könnte.
„Mein letztes Wort: nein!“ Wie ein Schuss fiel Clarks Nein . „Eine solche Möglichkeit werden Sie nie bekommen! Haben Sie gehört? Niemals! Begreifen Sie immer noch nicht, dass es keinen Ausweg für Sie gibt? Man muss nun mal für die Fehler, die man begangen hat, ein Leben lang büßen und geradestehen, und übrigens: die Amerikaner waren unsere Verbündeten. Während des Krieges!“
„Ich habe mich also nicht geirrt?“ fragte von Riddagshausen leise.
„Was meinen Sie?“
„Müssen die Machthaber immer so arrogant sein? Müssen sie um jeden Preis ihre Macht zeigen?“
„Das ist keine Arroganz. Abgesehen davon, dass ich persönlich keine Macht habe. Ich handle lediglich im Namen der Macht. Das ist alles. Die Macht ist …“
„Sparen Sie sich das, Clark. Meinen Sie, ich wüsste nicht, was Macht bedeutet? Halten Sie mich denn für einen Grünschnabel?“
„Macht bedeutet, andere zu beherrschen. Über die, die man nicht beherrschen kann, hat man eben keine Macht. Um die Macht muss aber ständig gekämpft werden“, antwortete Clark, und von Riddagshausen meinte, ihn seufzen gehört zu haben. „Zum einen muss man um sie kämpfen, um sie zu erringen, zum anderen, um sie zu behalten.“
„Was ist mit Ihnen los, Norman?“
Von Riddagshausen sammelte alle Kräfte, um ruhig zu wirken. Er suchte Clarks Augen. Sie hatten einen fiebrigen Glanz. Die Augen eines Wahnsinnigen.
„Ich erkenne Sie nicht mehr, Norman. Sie waren nie so, so ... besessen. Was ist mit Ihnen?“
„Ich werde es Ihnen erklären.“
Clark drehte sich um und ging zu seinem Sessel. Zuerst sah es aus, als wollte er das Glas wieder in die Hand nehmen, um es zwischen seinen Fingern zu drehen, dann überlegte er es sich und ließ es stehen.
„Ja, Albert“, begann er. „Es ist nicht leicht, wenn man es mit einem so intelligenten Menschen wie Ihnen zu tun hat. Um sicher zu sein, dass man alle vorstellbaren Missverständnisse vermeidet, muss man alles, aber auch wirklich alles sagen, was man für wichtig hält. Und so einer wie Sie fühlt sich sicherlich gekränkt, wenn er hört, was er schon längst weiß. Sie fühlen sich von mir belehrt! Das war niemals meine Absicht, Albert! Niemals! Mein einziges Ziel ist es, Missverständnisse zu vermeiden! Lassen Sie mich also bitte ausreden! Auch wenn Sie es als Belehrung empfinden sollten! Also noch mal zum Thema Macht . Wenn man die erste Schlacht um die Macht gewonnen hat, verlieren die Mittel des Kampfes im Laufe der Zeit immer mehr an Bedeutung. Irgendwann, wenn in Vergessenheit geraten ist, dass die zum Machterwerb eingesetzten Mittel unanständig waren, wird keiner mehr die Anständigkeit des Machtinhabers in Frage stellen. Aus welchem Grunde auch immer. Um die Macht aber weiter zu behalten, muss man auch weiter kämpfen …“
„Mister Clark …“
Clark schien es nicht zu hören und redete weiter. „Diesmal sind aber die Mittel nicht mehr so unwichtig. Man darf auch nicht vergessen, dass die Macht nur durch eine winzige Minderheit ausgeübt wird. Und jetzt möchte ich Ihnen etwas über die Formen der Macht sagen und über den Kampf, an der Macht zu bleiben …“
„Mister Clark, bitte …“
„ …Totalitarismus, oder sagen wir lieber: das, was die große Mehrheit unserer westlichen Gesellschaft unter diesem Wort zu verstehen glaubt, kann mit Sicherheit nicht ewig halten. Dazu kommt, dass in den totalitären Ländern der Wahn der Ideologie die einfachste Logik besiegt. Und die Folge? Eine miserable Wirtschaft! Und genau das, was diese so genannten totalitären Regierungen mit ihrer Bevölkerung tun, tun die Amerikaner mit der ganzen Welt. Uns inklusive! Wenn Sie das verstanden haben, dann …“
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