Von Riddagshausen erstarrte. „Was sagten Sie da gerade? Wie soll ich das, bitte schön, verstehen?“
„Keine Nation ist fähig, allein auf dieser Welt zu herrschen, von uns Briten unter gewissen Bedingungen einmal abgesehen. Unser früheres Imperium darf doch als kleiner Beweis dafür gelten.“
Von Riddagshausen sah Clark skeptisch an. Auf so ein Gespräch war er nicht vorbereitet.
„Mister Clark, seit etwa vierundzwanzig Jahren treffen wir uns regelmäßig, und bis heute haben wir uns, so glaube ich zumindest, sehr gut verstanden. Ich weiß es und ich akzeptiere es ja auch, dass ich Ihnen etwas schulde. Ich weiß sehr wohl, wofür. Und ich tue ja etwas für Sie. Wie damals abgemacht! Auch wenn mir im Laufe der Zeit immer klarer wurde, dass es eigentlich nichts anderes als Schaumschlägerei gewesen ist.“
Clark grinste. „Harte Worte, Professor: Schaumschlägerei!“
„Ja, Mister Clark! Schaumschlägerei! Spielen wir endlich mit offenen Karten. Wir beide wissen, dass ich für Sie nur Scheinarbeit geleistet habe. Heute ist ja das allererste Treffen, wo wir uns über solche Sachen unterhalten.“
Statt einer Antwort trank Clark einen Schluck Wasser.
“Mister Clark! Ich habe Sie gefragt, ob …“
„Ja, ich weiß, Albert. Es ist diesmal aber viel komplizierter. In einem Punkt haben Sie Recht! Wir haben Ihre Geduld und Ihre Bereitschaft wirklich hart geprüft. Es war aber keine Schaumschlägerei. Unser Job ist Warten! Sehr oft weiß man nicht einmal, worauf man wartet! Aber manchmal hat man Glück! Wie jetzt! Und auf so einen Tag wie heute mussten wir sehr lange warten. Vierundzwanzig Jahre, Herr Professor! Vierundzwanzig Jahre! Aber es hat sich gelohnt! Dabei hätte es wirklich anders aussehen können. – Hören Sie, Albert, vor Ihnen kann ich ja mit offenen Karten spielen …“
„Dann tun Sie es und sagen Sie endlich, was Sie heute zu sagen haben.“ Von Riddagshausen leerte sein Glas und stand auf. Er ging unschlüssig im Raum auf und ab, bis er neben Clark zu stehen kam. Er blickte müde zu ihm hinunter. „Worauf haben wir so lange gewartet, Mister Clark? Was ist unser Erfolg?“
„Setzen Sie sich wieder, Albert! Gleich werden Sie sich tierisch freuen. Also, wie ich schon sagte: Wir hätten es damals miteinander und nicht gegeneinander machen sollen …“
„Immer noch das gleiche Lied?“ Von Riddagshausen kehrte wieder an seinen Platz zurück. „Wie soll ich das, verdammt noch mal, verstehen?“
„Genau so, wie Sie es hören. Dafür braucht man unsere Intelligenz und echte Führungsfähigkeit, aber auch eure manchmal sogar ziemlich blinde Ordnung. Diese Ordnung hätte uns zum Beispiel helfen können, das ganze unnötige und in der Welt überflüssige Gesindel zu beseitigen. Meinetwegen auch in Auschwitz. Aber um Gottes willen nicht die Juden, deren Intelligenz wir mit Sicherheit notwendig brauchen.“
Von Riddagshausen wurde übel. Die arme gequälte Kreatur trat vor seine Augen, und die entsetzlichen Bilder kehrten zurück. Als er langsam wieder zu sich kam, hörte er Clark weiterreden.
„… die Juden muss man ja nicht gleich lieben. Die Welt braucht sie aber. Mehr, als sich die meisten Menschen vorstellen können. Sie sind schließlich für alle Zweige der Wissenschaft unersetzlich. Ob es uns gefällt oder nicht. Bevor die Bauern Traktoren bekamen, wurden keine Zugpferde abgeschlachtet … Was ist mit Ihnen, Herr Professor?“
„Ach, nichts. Ich wollte nur etwas frische Luft schnappen.“
„Ich dachte schon, Sie fühlten sich nicht wohl …“
„Könnten Sie nicht endlich sachlicher werden und verraten, um was es heute eigentlich geht, Mister Clark?“ Seine Stimme klang gequält.
„Jawohl, Herr Professor, das werde ich jetzt tun. Es geht um Ihren Gast, Mister David Fastman. Sie brauchen mir nichts über ihn zu erzählen. Überhaupt nichts, Albert! Wir wissen es schon. Alles, möchte ich sagen! Wir wissen auch, dass Sie seinen Mitarbeiter vor vier Wochen in Frankfurt kennen gelernt haben. Und wenn Sie nur die geringste Möglichkeit sehen, mit Fastman zusammenzuarbeiten, dann werden Sie natürlich zugreifen. Dass Sie ihm auch Ihr Gästehaus zur Verfügung gestellt haben, freut uns um so mehr. Es kann der kleine Anfang einer großen Männerfreundschaft werden. Das würde uns natürlich überglücklich machen.“
Von Riddagshausen kniff die Augen zusammen. „Sagen Sie Clark, was wird hier gespielt? Geht es Ihnen um meinen Gast? Was hat er, verdammt noch mal, mit uns und dem großen Tag zu tun?“
Clark schien die Aufregung des Professors zu ignorieren.
„Ja, Albert! Es geht um Ihren Gast! Um Ihren Gast aus den Staaten! Um den berühmten Doktor David Fastman, den Professor vom Institute for Advanced Study , dem renommiertesten Forschungsinstitut der Welt. Womit er sich beschäftigt und was der gute Fastman als Physiker in der Welt bedeutet, wissen wir selbstverständlich bis ins Detail. Seit Jahren! Schon vor zwei Wochen haben wir von unserem Mann aus Chicago Nachricht erhalten, dass Fastman nach Deutschland kommen würde, aber erst gestern, Gott sei Dank noch rechtzeitig, erfuhren wir, dass Sie, Albert, sein Gastgeber sind. Da das Gebiet seiner revolutionären Forschung uns sehr am Herzen liegt, war es meine Pflicht, Sie hierher zu bitten. Und da Sie ein sehr begabter Physiker sind, werden Sie das sicher gut verstehen, lieber Herr Professor von Riddagshausen. Es wäre natürlich viel besser gewesen, wenn es uns gelungen wäre, dieses Gespräch vor Fastmans Besuch bei Ihnen zu führen … Na ja, Ihre reizende Tochter wird bestimmt nicht allzu traurig darüber sein, dass sie sich während Ihrer Abwesenheit um einen so attraktiven jungen Mann kümmern muss … Oder irre ich mich, wenn ich glaube, dass Sie sie darum gebeten haben?“
„Sie irren sich nicht. Aber jetzt lassen Sie die Katze aus dem Sack: Was hat unser heutiges Treffen mit meinem Gast zu tun? Dass er ein sehr sympathischer junger Mann ist, der schon viel auf seinem Forschungsgebiet geleistet hat, ist meiner Aufmerksamkeit freilich nicht entgangen.“
„Schon viel auf seinem Forschungsgebiet geleistet hat!“ äffte ihn Clark nach. „Mehr als die meisten in Jahrzehnten. Das ist aber jetzt unwichtig. Wichtig ist, dass die Gunst des Schicksals es einem echten Briten und einem aufrichtigen Deutschen ermöglicht hat, der ganzen Welt zu zeigen, wo es langgeht. Und diese Gunst werden wir sofort beim Schopf packen. Wir werden einen kleinen Weltkrieg machen, wenn Sie verstehen, was ich meine …“
Sein kreisendes Wasserglas stand plötzlich still.
„Stellen Sie sich vor, Albert, wir werden den modernsten Weltkrieg aller Zeiten führen. Einen Krieg, in dem es keinen einzigen Schuss gegen unbeteiligte Menschen geben und in dem keine einzige Bombe fallen wird. Diese einmalige Chance müssen wir doch nutzen! Wir werden beide in die Geschichtsbücher kommen. Noch Generationen nach uns wird man von uns als den Vätern eines revolutionären Zeitalters des Fortschritts und des Friedens sprechen.“
Von Riddagshausen sprang aus seinem Sessel auf und ging zum Fenster. Dieser Mann war irr! Ruckartig drehte er sich um und fixierte ihn.
„Meinen Sie nicht, Mister Clark, dass …“
„Langsam werde ich ungeduldig, Herr Professor von Riddagshausen. Vergessen Sie bitte nicht, dass ich hier das Sagen habe! Nicht Sie ! Verstanden? Das Sagen habe ich ! Deshalb möchte ich Sie bitten, mich wenigstens so lange nicht zu unterbrechen, bis ich fertig bin. Ich lasse Sie dann schon wissen, wann das sein wird!“
Er erhob sich, fasste von Riddagshausen am Arm und führte ihn zu seinem Sessel zurück.
„Nehmen Sie jetzt bitte wieder Platz, sonst kann ich mich nicht konzentrieren. Und wahrscheinlich auch nicht beherrschen! Noch ist es eine Bitte! Verstanden?“
In diesem Augenblick wurde von Riddagshausen klar, dass er seine mühsam aufgebaute Loyalität den Briten gegenüber verloren hatte. Er wusste, dass es zur Zeit keine Möglichkeit gab, sich von Clark zu befreien. Aber in Zukunft würde es für ihn einen stetigen Begleiter zu den Treffen geben: Angst. Mit diesem Gedanken ließ er sich in den Sessel fallen.
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