„Du meine Güte!“, rief Adala aus. „Du siehst aus wie ein Stachelstern mit all diesen Kerzen.“
„Der Doktor sagt, das wäre eine neue Behandlungsmethode bei Bauchschmerzen“, nuschelte Ticky, vorbei an den Kerzen in seinem Mund.
„Aha, soso“, murmelte Adala. Dann brachte sie Ticky zurück an seinen Platz.
In Windeseile versteckte er die Kerzen im Bett unter dem dicken Wolkenkissen. Dabei fiel ihm eine runter und rollte unters Bett. Genau in diesem Augenblick sah Ticky, wie der Mond sich auf den Weg zu ihm machte. Schnell schlüpfte er unter die Wolkendecke. Die heruntergefallene Kerze konnte er später aufheben.
Zum Glück hatte der Mond nichts gemerkt. „Schlaf schön, Ticky“, sagte er nur und ging an seinem Bett vorbei.
In der darauffolgenden Nacht war es dunkler am Himmel als sonst. Ticky blickte sich um. Woran mochte das liegen? Alle Sterne standen an ihrem Platz und funkelten wie immer.
Auf einmal ging ihm ein Licht auf. „Wo ist der Mond?“, rief er.
„Sag bloß, das weißt du nicht!“ Plutolo und Saturno waren überrascht. „Er nimmt doch alle vier Wochen einen Tag Urlaub.“
„Und was macht er, wenn er Urlaub hat?“, erkundigte sich Ticky neugierig.
„Das weiß niemand. Er bleibt in seiner Wolkenvilla.“
„Beobachtet er von dort die Sterne?“
„Vielleicht.“
„Trotzdem!“, dachte Ticky. „Heute wage ich es. Ich zünde eine Kerze an, stelle sie auf meinen Platz und reise zur Erde.“
Als er eine unter seinem Wolkenkissen hervorzog, durchfuhr ihn in heißer Schreck. Er hatte zwar Kerzen. Aber wie sollte er sie anzünden?
Er sprang zu Plutolo hinüber. „Wie kann ich eine Kerze anmachen?“, fragte er leise.
Plutolo blickte sich nach allen Seiten um, ehe er zurückflüsterte: „Du brauchst Streichhölzer.“ Er griff hinter sich in seinen Schrank. „Ich habe noch eine Schachtel. Aber pst! Kein Wort zu Saturno!“
Der liebe Plutolo! Ticky umarmte ihn.
Auf dem Rückweg ging er auch bei Saturno vorbei.
Der alte Stern rief ihn zu sich. „Ich sehe, du hast eine Kerze auf deinen Hocker gestellt“, raunte er.
Ticky erschrak. Hoffentlich machte Saturno jetzt kein Theater!
„Du brauchst Streichhölzer, um sie anzustecken!“, fuhr Saturno fort. Er kramte in seinem Schrank. „Hier ist eine Schachtel, die ich aufbewahrt habe. Aber pst! Kein Wort zu Plutolo!“
Auch bei ihm bedankte Ticky sich herzlich. Er fand das großartig! Nun hatte er nicht nur massenhaft Kerzen, sondern auch zwei volle Streichholzschachteln. Das würde für ziemlich viele Reisen zur Erde reichen.
Unternehmungslustig hielt Ticky nach der Wolke mit dem ausgefransten Rand Ausschau.
Und da ... Es war beinahe wie Zauberei. Als ob Adala Gedanken lesen könnte, denn plötzlich erschien sie am Himmelsrand und kam rasch näher.
Ticky griff hinter sich nach dem Schalter auf seinem Rücken, knipste das Licht aus, zündete die Kerze an und winkte.
Adala hielt an. „Wohin soll die Reise diesmal gehen?“, fragte sie.
„Bring mich irgendwohin, wo es schön ist.“
„In Ordnung. Ich zeige dir das Schönste, was es gibt.“
„Au ja! Was ist es?“
„Abwarten! Steig ein!“
Während der Reise schaute Ticky ungeduldig durch ein Bullauge nach unten. Undeutlich konnte er größere und kleinere, dunklere und hellere Flächen erkennen. Als er das Wolkenfenster öffnete, hörte er seltsame Geräusche: Sausen und Brausen, Plätschern und Rauschen, Brummen und Dröhnen. Und überall roch es anders.
Das alles war sehr spannend, aber nicht wirklich schön.
„Wann kommen wir endlich zu dem, was du mir zeigen willst?“, fragte er die Wolke.
„Wir sind schon da.“
Ticky lehnte sich noch weiter hinaus. „Ich sehe nichts.“
„Du musst nach oben schauen, durch die Dachluke.“
„Da ist bloß ein Stern“, sagte Ticky.
„Das ist Siriu s, der Hundsstern.“
„Ja, und?“
„Fällt dir nichts auf?“
„Er leuchtet ziemlich hell.“
„Genau. Er ist der hellste Stern am Nachthimmel. Ist er nicht wunder-, wunderschön?“
„Adala!“ Ticky ließ sich enttäuscht auf dem Boden nieder. „Sterne sind doch nichts Besonderes.“
„Da bin ich ganz anderer Meinung“, widersprach Adala. „Du wolltest, dass ich dir was Schönes zeige. Und Sterne sind das Schönste, was es gibt.“
„Aber Sterne kenne ich in- und auswendig. Ich will was sehen, was ich nicht kenne.“
„Hör auf zu meckern“, erwiderte Adala. „Außerdem müssen wir zurück. Der Morgen kommt.“
Ticky schaute besorgt nach oben. Die Wolke hatte recht. Das Nachtschwarz des Himmels wurde bereits blasser.
Die Sonne ging genau in dem Augenblick auf, als Ticky aus Adalas Wolkenwattebauch sprang.
„Danke!“, rief er ihr zu. „Aber das nächste Mal bringst du mich richtig zur Erde. Versprochen?“
„Ich verspreche gar nichts“, grummelte Adala und segelte davon.
Am nächsten Abend tauchte der Mond wieder am Himmel auf. Obwohl er einen Tag frei gehabt hatte, sah er blass und mickrig aus.
Ticky wurde ungemütlich, als der Mond auf ihn zusteuerte. Das Donnerwetter, das es geben würde, wenn er den Kerzen-Trick durchschaut hätte, mochte er sich gar nicht vorstellen! Doch der Mond zog nur stumm an ihm vorüber. Ticky atmete auf.
Er leuchtete eine Weile vor sich hin, aber es dauerte nicht lange, bis er traurig wurde. So traurig, dass seine Zipfelzacke tief herunterhing.
In der Ferne tauchte Adala auf. Sie näherte sich dermaßen schnell, dass Ticky überhaupt keine Zeit hatte zu überlegen. Er schnappte sich eine Kerze, zündete sie an und sprang in die Wolke hinein.
„Hallo, Adala!“, rief er. „Bring mich bitte zu einem Berg.“ Das sagte er, weil er nichts anderes kannte. „Aber pass auf, dass du dich nicht daran stößt und weinen musst“, fügte er hinzu.
„Vielen Dank für diesen klugen Rat“, schnaufte die Wolke und flog los.
Schnell kam etwas Hohes, Dunkles in Sicht.
„Ist das der Berg von neulich?“, erkundigte sich Ticky.
„Das ist nicht nur ein Berg, sondern ein ganzes Gebirge mit vielen Bergen“, erklärte Adala.
Ticky öffnete die Bodenluke. Er setzte sich auf die Kante, seine Beinzacken baumelten in der Luft.
Die Wolke hielt an. „Hier kannst du aussteigen!“
Ticky glitt durch die Öffnung nach unten. Noch hielt er sich am Rand der Luke fest. Als seine Beinzacken etwas Festes berührten, ließ er los.
„Mach’s gut!“, rief Adala. „Bis später.“
„Halt!“, schrie Ticky. „Wann? Wo? Wie?“
„Schau dich erst mal um. Du wirst mich später schon finden.“ Damit stieg Adala nach oben.
Doch so einfach, wie sie sagte, war es leider nicht.
Ticky setzte sich erst mal hin und lehnte sich an eine harte Wand. Um ihn herum war rabenschwarze Nacht. Doch er traute sich nicht, sein Licht anzuknipsen, aus Angst, der Mond könnte ihn entdecken.
Es war bitterkalt. Er konnte nicht ewig dort sitzen bleiben. Ticky stand auf und wollte einen Schritt nach vorn machen. Sein Fuß trat ins Leere. Im letzten Moment sprang er zurück.
Offenbar konnte er sich nur zur Seite bewegen. Vorsichtig tastete er sich voran. Er kam nicht weit, denn nach ein paar Schritten verlor das Gleichgewicht und fiel hin.
Nun kroch er auf allen Vieren vorwärts. Das ging ganz gut.
Nach einiger Zeit wurde er mutiger und krabbelte schneller. Das hätte er besser nicht getan, denn plötzlich war da nichts mehr, und er stürzte zipfelzackeüber, zipfelzackeunter in die Tiefe.
Ticky schrie und dachte: „Jetzt ist es aus mit mir.“
Читать дальше