Adala blieb hartnäckig. „Wo genau willst du herumsegeln?“
„Erst geradeaus und dann rechts“, antwortete Ticky, weil ihm nichts Besseres einfiel.
„Wo rechts?“
„Egal. Flieg einfach los. Und vor allem flieg so tief wie möglich, damit ich was von der Erde sehen kann.“
Adala brummelte vor sich hin, doch sie setzte sich in Bewegung.
Der erste Ausflug mit dem Wolkenschiff
Ticky merkte schnell, dass es nicht nur ein bisschen schaukelte, sondern ziemlich stark. Hoffentlich stimmte es, dass ihm nicht schlecht wurde!
Er stand an einem der runden Wolkenfenster und blickte hinaus.
„Flieg noch tiefer! Ich kann kaum was erkennen.“
„Tiefer geht es nicht“, erklärte Adala, „sonst stoße ich mich.“
„Warum wäre das so schlimm?“
„Weißt du das etwa nicht?“
„Doch, natürlich“, behauptete Ticky schnell. „Ich will nur sehen, ob du es auch weißt.“
„Und ob ich das weiß! Es ist ganz schön unangenehm, kann ich dir sagen!“
„Stell dich nicht so an!“
Das sagten Plutolo und Saturno immer, wenn Ticky jammerte. Zum Beispiel, wenn er zu hastig aus dem Bett sprang, weil er sich verschlafen hatte, und dabei umknickte. Das tat scheußlich weh!
„Du musst eben früher wach werden und besser aufpassen“, meinte Plutolo dann.
Und Saturno mahnte: „Sei in Zukunft vorsichtiger und steh rechtzeitig auf.“
Manchmal ging es Ticky auf die Nerven, dass sie so oft das Gleiche sagten.
„Du musst eben vorsichtig sein“, riet er der Wolke jetzt.
„O danke, das ist ein ausgezeichneter Vorschlag!“, grummelte Adala, aber sie wirkte überhaupt nicht dankbar. Machte sie sich lustig über ihn?
„Wenn ich mich stoßen würde“, fuhr sie fort, „gäbe es einen gewaltigen Rums. Und wenn ich dann weine – du musst wissen: Alle Wolken weinen, wenn sie sich stoßen. Wenn ich dann also weine, löse ich mich auf. Was das für dich bedeutet, brauche ich dir wohl nicht zu erklären.“
Nein, das brauchte sie nicht. Ticky konnte es sich ziemlich genau vorstellen. Er würde fallen, fallen, fallen. Hart auf dem Boden aufschlagen. Und sich wahrscheinlich alle fünf Zacken brechen. Ein Schauer lief ihm über den Rücken.
Urplötzlich tauchte unter ihnen, gefährlich nah, etwas Dunkles auf. Ticky fuhr zurück. „Pass auf!“, schrie er.
Die Wolke lachte dröhnend. „Das ist die Spitze eines Berges“, erklärte sie und stieg höher. „Da hast du wohl Angst gekriegt, was?“
„Pah! Ich und Angst? Nie im Leben!“
Ticky versuchte, mit dem Zittern aufzuhören. Er blickte wieder aus dem Bullauge – und erstarrte. Der Mond stand nämlich genau dort, wo Ticky jetzt eigentlich stehen müsste. Sein Licht flimmerte grell vor Zorn.
„Adala, du musst mich ganz schnell zurückbringen!“
Die Wolke blickte nach oben. „Oje, der Mond ist böse“, stellte sie fest. „Warum wohl, frage ich mich.“
„Keine Ahnung. Adala, bitte, beeile dich!“
Die Wolke segelte schneller. Kurz darauf hielt sie genau unter dem Mond an. Mit einem Satz sprang Ticky hinaus. Lautlos glitt Adala davon.
„Hm-mm-mm!“ Der Mond räusperte sich.
„Ich ... ich ...“, stotterte Ticky.
„Hast du etwa geglaubt, ich würde nicht merken, dass du dich verdrückt hast?“, fuhr der Mond ihn an.
„Ich ... ich ...“
„Zur Strafe wirst du morgen früher aufstehen und eine Stunde länger leuchten als die anderen. Und wehe, du verkrümelst dich noch mal! Dann kannst du was erleben! Hast du mich verstanden?“
„Ja, Mond“, antwortete Ticky kleinlaut.
Erst als er allein war, stöhnte er.
Warum bist du in der letzten Zeit so still, Ticky?“, fragten Plutolo und Saturno eines Abends. „Und warum hängt dir deine Zipfelzacke ständig ins Gesicht?“
„Es ist alles in Ordnung“, behauptete Ticky.
Das stimmte aber nicht. Er langweilte sich. Doch die beiden würden ihn nicht verstehen. Sie waren alt und zufrieden damit, Nacht für Nacht an derselben Stelle zu stehen und zu leuchten.
Und da, wie aus heiterem Himmel, kam ihm ein großartiger Einfall. „Ich weiß jetzt, wie ich zur Erde reisen kann!“, platzte er heraus.
„Du kannst nicht zur Erde reisen. Der Mond merkt sofort, wenn du deinem Platz verlässt“, warnte ihn Plutolo.
„Wenn ihr es für euch behaltet, kriegt er es nie und nimmer raus!“ Ticky erklärte ihnen, was er sich überlegt hatte.
„Hm“, meinte Saturno, „so könnte es tatsächlich klappen.“
„Saturno“, rief Plutolo entsetzt, „du bist doch nicht etwa dafür, dass Ticky das macht?“
„Nein, nein“, versicherte Saturno schnell, „obwohl andererseits ...“
Die zwei berieten sich leise. „Also gut“, meinte Plutolo schließlich, „wir verraten dich nicht.“
„Aber wir werden dir keinesfalls helfen“, ergänzte Saturno.
„Das braucht ihr nicht.“ Ticky strahlte über sein ganzes Sternengesicht. „Ach, ihr seid wirklich meine aller-, allerbesten Freunde!“
Als der Mond kurze Zeit später vorbeikam, ließ Ticky seine Zipfelzacke hängen und hielt sich den Bauch.
„Hast du wieder zu viel Sternstaubzucker gegessen?“, fragte der Mond.
„Ich glaube nicht“, jammerte Ticky. „Au! Es tut schrecklich weh!“
Der Mond winkte eine große, strahlend weiße Wolke mit einem ausgefransten Rand heran. „Bring ihn zum Sternenhospital“, befahl er.
Stöhnend ließ Ticky sich in die Wolkenwatte sinken.
„Heute weißt du also zur Abwechslung mal, wohin die Reise geht“, stellte die Wolke mit brummiger Stimme fest.
„Adala!“, rief Ticky erfreut. Beinahe hätte er vergessen, so zu tun, als hätte er Bauchschmerzen. „Ich muss ganz schnell zum Sternenhospital“, fügte er mit kläglicher Stimme hinzu.
„Aha“, erwiderte Adala. „Soso ...“
Vorsichtshalber hielt Ticky den Mund, bis sie dort angekommen waren.
„Ich warte hier auf dich!“, sagte die Wolke, als er ausstieg. „Gute Besserung! Oder sollte ich sagen: Viel Glück?“
Was meinte sie damit? Ticky fragte lieber nicht. Gekrümmt schlurfte er auf den Eingang zu.
„Guten Abend, Ticky“, begrüßte ihn der Sternendoktor. „Was fehlt dir denn?“
„Mein Bauch tut weh.“
„Das haben wir gleich. Nimm diese Medizin, dann geht es dir bald besser.“ Der Doktor schob ihm einen riesigen Löffel bitteren, schwarzen Sternenstaub in den Mund.
Ticky verzog das Gesicht. Pfui Teufel! Wenn man kein Bauchweh hatte, konnte man von diesem Zeug glatt welches bekommen.
„Leg dich am besten zwei oder drei Nächte ins Bett“, riet der Sternendoktor.
„Aber im Bett kann ich nicht leuchten.“
„Kein Problem.“ Der Arzt stand schon im Türrahmen. „Lass dir in der Sternenapotheke ein paar Kerzen geben. Die zündest du an, wenn es dunkel wird. Dann merkt niemand, dass ein Stern fehlt.“
Es hatte geklappt! Vor lauter Freude vergaß er so zu tun, als wäre er krank. „Tausend Dank!“, rief er.
„Donnerwetter!“ Der Doktor wandte sich um. „Die Medizin hat aber wirklich schnell geholfen! Vielleicht brauchst du gar keine Kerzen mehr und kannst heute Abend schon wieder scheinen!“
Ticky schüttelte den Kopf und hielt sich den Bauch. „Bestimmt nicht!“
Er wankte zur Apotheke. „Ich bin ziemlich krank“, erzählte er dem Sternenapotheker. „Der Doktor meint, ich werde länger nicht leuchten können.“
„Dann brauchst du jede Menge Kerzen“, sagte der Apotheker. „Nimm so viele mit, wie du tragen kannst.“
Ticky nahm mehr mit, als er tragen konnte: Zwischen allen Fingern, unter den Armzacken, im Mund, selbst in Nase und Ohren steckten sie. Schritt für Schritt schob er sich zum Ausgang.
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