Ein leises Lächeln zuckte durch Julia Hunters Gesicht.
„Ja, sie ist wirklich klug. Aber manchmal auch sehr anstrengend, weil sie immer alles besser weiß.“
Jetzt musste Nathalie doch lachen und das rächte sich sofort. Ein Zucken glitt über ihre Miene, doch sie schluckte den Schmerz hinunter und meinte: „Das hört sich nach einem pubertierenden Teenager an. Die sind meistens anstrengend.“
„Haben Sie auch Kinder?“
Nathalie schüttelte den Kopf.
„Nein, leider nicht.“
Sie kannte diese Frau nicht und würde ihr mit Sicherheit nichts von ihrer privaten Hölle erzählen.
„Dann haben Sie keine Ahnung, wie das ist“, erklärte Sophias Mutter. „Seien Sie froh. – Es tut mir leid, dass Sie verletzt wurden. Aber ich muss zugeben, dass ich dankbar bin, dass es Sie getroffen hat und nicht meine Tochter. Das hört sich zwar nicht nett an, doch wenn ihr etwas passiert wäre, wäre hier die Hölle los gewesen.“
Als sie Nathalies fragende Mimik sah, schob sie nach: „Mein Mann ist ein – na, sagen wir mal ein Choleriker. Und wenn es um unsere Kinder geht, ist er besonders empfindlich.“
Nathalie wurde aus dieser Frau nicht schlau. Sie wirkte zerrissen zwischen den verschiedensten Gefühlsebenen. Liebe, Hass, Enttäuschung, Zorn, Traurigkeit. Doch welches Gefühl galt wem?
Nathalie Bates war erleichtert, als sie kurze Zeit später wieder alleine war. An was für eine Familie war sie da bloß geraten? Nichts schien hier normal zu sein. Keine Harmonie, kein übliches Familienleben. Doch was war heutzutage schon normal? Wenn sie darüber nachdachte, fielen ihr nur erschreckend wenige Familien ein, die halbwegs funktionierten, wenn man einen konservativen Maßstab anlegte. Die meisten Ehen waren geschieden, Patchwork-Familien schon eine Normalität und Alleinerziehende keine Seltenheit.
Immerhin hatten Sophia und Benedict noch Eltern.
Ob sie den Vater auch noch kennenlernen würde?
Es war später Abend, als Tom Jordan das Zimmer wieder betrat. Als sie ihn nach Asher Hunter fragte, schüttelte er den Kopf.
„Er wohnt nicht hier.“
„Und diese Entführung ist kein Grund für ihn zu kommen?“, fragte sie erstaunt.
„Den Kindern geht es gut und hier auf dem Landsitz sind sie sicher“, kam die trockene Antwort. „Er kommt nur, wenn es absolut notwendig ist.“
Das war heftig. Und seltsam.
„Sophias Mutter hat angedeutet, dass ihm sehr viel an den Kindern liegt“, hakte sie vorsichtig nach. Tom schien mit sich zu ringen, doch schließlich meinte er:
„Er wäre sofort da, wenn Julia es zuließe. Sie will nicht, dass er kommt.“
„Das – tut mir leid. Wissen die Kinder davon?“
Er nickte. Spätestens jetzt war Nathalie klar, dass sie wohl niemals Julia Hunters Freundin werden würde. Wie konnte diese Frau ihren Kindern den Vater entziehen? Das war absolut inakzeptabel. Sie seufzte.
„Und Sie können sie nicht dazu bringen, dass die Kinder ihren Vater öfter sehen können?“
„Ich bin nur geduldet, Dr. Bates. Julia kann mich noch weniger leiden als ihren Mann. Sie akzeptiert meine Anwesenheit nur, weil sie Angst um ihre Kinder hat. – Haben Sie es sich überlegt, ob Sie unserer Bitte nachkommen wollen?“
Nathalie schürzte unbewusst die Lippen.
„Wissen Sie Mr. Jordan, ich lasse mich ungern zu so einer Entscheidung drängen. Anscheinend ist hier bei Ihnen alles ziemlich kompliziert. Mir ist durchaus klar, dass mich das Familienleben der Familie Hunter nichts angeht, aber Sie verlangen von mir etwas Ungesetzliches. Wenn ich mich darauf einlassen soll, brauche ich schon etwas Überzeugenderes als Familienzwistigkeiten.“
Er nickte. „Nennen Sie mich ruhig Tom, Dr. Bates. Und es liegt mir fern, Sie zu etwas zu zwingen. Allerdings hat Asher Hunter angeordnet, dass Sie erst gehen können, wenn diese Angelegenheit geklärt ist.“
Sie blinzelte überrascht. Das klang schon beinahe danach, dass man sie hier gefangen hielt.
„Hm, also ist dieses Zimmer hier eine gemütliche Gefängniszelle?“
Jetzt lachte er, doch sie registrierte, dass seine Augen nicht mitzogen.
„Keine Sorge, Dr. Bates, sie können sich frei bewegen. Aber das Gelände sollten sie tatsächlich nicht verlassen. Noch wissen wir nichts über die Entführer und Sie sind zu schwer verletzt.“
„Das war zwar keine echte Antwort auf meine Frage“, lächelte Nathalie, „aber zumindest haben Sie nicht unrecht. Im Übrigen können Sie mich Nathalie nennen, Tom. Der Dr. ist rein akademisch.“
Jetzt lächelten auch seine Augen und sie konnte sich vorstellen, ihn zu mögen. Doch eine Sache musste sie noch klären.
„Sie haben mir den Arm gebrochen, nicht wahr?“
Diese Frage traf ihn unerwartet und für einen kurzen Augenblick wurde er rot. Nathalie blinzelte. Waren das rote Muster auf seiner Haut gewesen?
Er räusperte sich und wirkte verlegen.
„Das tut mir aufrichtig leid, Dr. Bates – ich meine Nathalie. Sie haben mich angegriffen, weil Sie wohl glaubten, dass ich einer der Entführer war und – ich hab aus einem Reflex heraus gehandelt.“
„Das dachte ich mir schon“, lächelte sie. „Und ich bin Ihnen nicht wirklich böse. Wahrscheinlich muss ich sogar froh sein, dass Sie mir nur den Arm gebrochen haben.“
Wieder flimmerte es kurz rot über seine Haut.
„Wie gesagt, es tut mir sehr leid. Glauben Sie mir, Sophia hat mir schon die Hölle heiß gemacht. Sie war ausgesprochen sauer.“
„Na, dann kann ich mir die Mühe ja sparen“, schmunzelte Nathalie und legte sich in die Kissen zurück. Tom, der neben ihrem Bett gestanden hatte, nickte und wirkte erleichtert.
„Schlafen Sie gut, Nathalie.“
Sie sah ihm mit halbgeschlossenen Augen hinterher. Er war ihr immer noch unheimlich, doch dafür hatte er einige sympathische Züge durchblitzen lassen. Die nächsten Tage würden mit Sicherheit interessant werden.
Landsitz von Asher Hunter, Ohio
Der nächste Tag gestaltete sich ereignisreicher als Nathalie gedacht hatte.
Morgens erhielt sie zunächst Besuch vom Hausarzt der Familie.
Dr. Hopkins war ein älterer grauhaariger Herr, der recht gutmütig aber durchaus kompetent wirkte. Nathalie erfuhr, dass sie mit ihren Verletzungen einige Wochen zu tun haben würde. Das war nicht überraschend, doch äußerst ärgerlich. Er empfahl ihr zumindest eine Woche Bettruhe und dann regelmäßige, doch vorsichtige Bewegung.
„An Ihrer Stelle würde ich versuchen, so lange wie möglich hier zu bleiben“, lächelte er und zwinkerte ihr zu. „Das Essen ist wirklich gut.“
Nathalie lachte freundlich.
„Mag sein, doch ich habe einen Job und den will ich nicht vernachlässigen.“
„Ich werde Sie auf jeden Fall für die nächsten sechs Wochen krankschreiben“, schlug er vor. „Sie scheinen mir eine vernünftige Frau zu sein. Wenn Sie sich wider meiner Prognose bereits in fünf Wochen fit fühlen, können Sie ja selbst entscheiden, ob Sie die letzte Woche noch zur Erholung nutzen wollen.“
Das klang fair und Nathalie stimmte zu.
Die nächste neue Bekanntschaft ließ nicht lange auf sich warten. Benedict stellte seinen Hauslehrer vor.
Oliver Stewart war ebenfalls ein älterer Herr, dem Nathalie den Lehrer sofort abnahm. Er wirkte etwas verstaubt, sehr gelehrt, sehr autoritär aber nicht unfreundlich. Es sprach für Benedict, dass er diesen alten Knaben als nett empfand. Aber Nathalie vermutete, dass dem Jungen schlicht und ergreifend ein Vergleich fehlte.
Benni Hunter hatte Mr. Stewart anscheinend begeistert erzählt, dass Nathalie ihm strategisches Lernen beibringen würde und das wollte der Mann sich natürlich nicht entgehen lassen.
Mit skeptischer Miene betrachtete er die in seinen Augen junge Frau, die mit dicken Verbänden im Bett lag und irgendwie so gar nicht zu seiner Vorstellung einer Professorin passte.
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