Und wie sollte sie mit der Forderung umgehen, der Polizei nichts zu erzählen? Sie kam nicht weit mit ihren Überlegungen, denn die Tür wurde aufgerissen und Sophia stürmte herein. Hinter ihr lugte vorsichtig ein kleinerer Junge ins Zimmer.
„Sie sind wach“, strahlte Sophia. „Geht es Ihnen gut?“
Nathalie war froh, dass sich das Mädchen nicht in ihre Arme warf, sondern vor dem Bett stehen blieb.
„Hallo Sophia“, lächelte sie. „Ich bin froh, dass dir nichts passiert ist. – Ist das dein Bruder?“
Sophia warf einen ungeduldigen Blick zur Tür.
„Komm schon rein, Benni, Nathalie ist total nett. Und unheimlich klug!“
Als der Junge zögernd das Zimmer betrat und näher kam, war deutlich zu erkennen, dass er Sophias Bruder war. Die gleichen blonden Haare, und die gleichen blauen Augen. Doch er wirkte vorsichtiger, schüchterner. Nathalie schätzte sein Alter auf ungefähr zehn Jahre.
Sie lächelte ihn freundlich an.
„Hallo Benni, freut mich, dich kennen zu lernen.“
Benedict Hunter stand mit niedergeschlagenen Augen vor ihr und seine Hände krampften sich nervös ineinander. Er wirkte, als hätte er noch nie eine fremde Frau gesehen.
Sophia plapperte dagegen sofort los.
„Tom hat gesagt, dass Sie Schmerzen haben, aber es nicht zugeben wollen. Das ist aber alles andere als klug! Ich hab mal gelesen, dass Schmerzen einen verkrampfen lassen und dann wird alles nur noch schlimmer.“
Nathalie musste lachen und verzog sofort das Gesicht.
„Dein sogenannter Onkel hätte dir das nicht erzählen sollen, Sophia. Es ist meine Entscheidung, was ich aushalten will und was nicht.“
Sie wurde sofort knallrot.
„Tut mir leid. Das mit dem Onkel mein ich. Aber wenn ich Ihnen gesagt hätte, dass er mein Leibwächter ist, hätten sie vielleicht gedacht, dass ich mich wichtigmachen will. Das wollte ich nicht.“
„Sophia, du bist wichtig! Jeder Mensch ist wichtig. Und wenn deine Eltern glauben, dass du Schutz brauchst, werden sie ihre Gründe haben und es muss dir nicht peinlich sein.“
Das Mädchen grinste wieder.
„Sie sind wirklich klug. Danke. Und noch mehr danke, dass Sie mich beschützt haben. Ich bin so froh, dass diese Bastarde Sie nicht schlimmer getroffen haben.“
„Bastarde ist kein guter Ausdruck“, tadelte Nathalie lächelnd.
„Das waren ja auch keine guten Kerle“, verteidigte sich Sophia. „Und außerdem hat Dad den Begriff benutzt. Dann darf ich das ja wohl auch.“
„Da kann ich wohl nicht widersprechen.“
Nathalie musste sich zwingen, nicht laut loszulachen. Sophia war zweifellos temperamentvoll, aber dazu ausgesprochen ehrlich in ihrer Art. Das gefiel ihr. Ihr Blick glitt wieder auf Sophias Bruder, der inzwischen vorsichtig zu ihr hochsah.
„Gehst du auch auf die Marble Hills High School?“
Er schüttelte den Kopf, aber es war Sophia, die antwortete.
„Benni hat einen Privatlehrer. Dad meint, dass das sicherer für ihn ist.“
„Hm.“ Nathalie überlegte, was sie darauf antworten sollte. Noch wusste sie zu wenig über diese Familie. Doch klar war jetzt schon, dass Sophia Hunter keiner durchschnittlichen amerikanischen Familie angehörte.
„Na, ich hoffe, der Lehrer ist wenigstens nett“, lächelte sie dann. Ein schüchternes Lächeln stahl sich auf Bennis Gesicht.
„Er ist sehr nett.“ Die Antwort kam leise aber bestimmt.
„Sehr schön. Ist Mathe zufällig auch dein Lieblingsfach?“
Sein Lächeln wurde zu einem breiten Grinsen.
„Mathe ist cool. Sophia ist nur zu dumm dafür.“
Seine Schwester schnaufte empört, aber Nathalie sah das belustigte Funkeln in ihren Augen und freute sich. Offenbar mochten die beiden Geschwister sich und das war wundervoll.
„Benni ist echt gut in Mathe“, bestätigte Sophia. „Dafür hat er überhaupt kein Gespür für fremde Sprachen. In Französisch ist er grottenschlecht!“
Benni verzog das Gesicht, aber Sophia quietschte plötzlich begeistert auf.
„Aber jetzt sind Sie ja da! Sie können ihm doch erklären, wie das mit der Lernstrategie funktioniert.“
„Das kannst du doch auch, Sophia“, wandte Nathalie lächelnd ein, aber das Mädchen schüttelte energisch den Kopf.
„Das hab ich schon versucht, hat aber nicht geklappt. Ich kann das nicht so gut rüberbringen wie Sie. Bitte! Erklären Sie es Benni auch.“
Nathalie seufzte innerlich, aber ihr war klar, dass sie nicht daran vorbei kommen würde. Schon allein deshalb nicht, weil sie Bennis hoffnungsvollen Gesichtsausdruck vor sich hatte.
„Ich hoffe ja nicht, dass ich allzu lange hier sein werde“, meinte sie, „aber gut. Ein zwei Stunden werde ich sicherlich Zeit dafür haben.“
„Ja!“ Sophia klatschte triumphierend in die Hände. „Super. Benni, glaub mir, das katapultiert dich weit nach vorne.“
„Moment“, bremste Nathalie ihre Euphorie. „Das hängt einzig und allein von deinem Bruder ab. Ich kann nur die Strategie liefern. Umsetzen muss er es alleine.“
Es klopfte an der Zimmertür und eine junge Frau trat ein.
Nathalie war erst irritiert von ihrer Bekleidung. Sie trug ein knielanges graues Kleid mit einer weißen Schürze. In den Händen hielt sie ein Tablett.
„Ich bringe Ihr Abendessen. Dr. Bates.“
Ihr Lächeln war freundlich aber distanziert.
„Oh.“ Nathalie richtete sich langsam auf. „Das ist sehr nett von Ihnen. Darf ich wissen, wer Sie sind?“
„Das ist Daisy, unser Hausmädchen“, tönte Sophia. Nathalie runzelte die Stirn und sah sie unwillig an.
„Sophia, dich habe ich nicht gefragt! Und ich denke, die junge Frau kann selber antworten.“
„Tschuldigung“, murmelte Sophia und zog den Kopf ein.
„Es ist nicht schlimm, Dr. Bates“, versicherte das Hausmädchen hastig. „Sophia meint das nicht böse.“
„Das weiß ich, Daisy.“ Nathalie lächelte sie freundlich an. „Aber es ist eine Frage des Respekts. Nochmals danke für das Essen.“
Daisy stellte das Tablett auf den Beistelltisch.
„Soll ich Ihnen helfen?“
„Danke, aber das krieg ich schon irgendwie hin.“
Als Daisy verschwunden war, meinte Sophia ärgerlich:
„Was meinen Sie mit Respekt? Ich hab doch nur ...“
„Sophia“, unterbrach Nathalie sie. „Wem habe ich die Frage gestellt?“
„Äh ... Daisy.“
„Genau. Hast du geglaubt, dass Daisy nicht in der Lage ist zu antworten?“
Sophia wurde rot.
„Nein“, murmelte sie dann.
Nathalie nickte. „Dann wirst du auch wissen, was ich damit meine. – Aber du kannst mir gerne helfen. Ich glaube, das Tablett steht auf meinen Beinen besser als auf dem Tisch da.“
Sekunden später stand vor ihr ein respektables Abendessen und sie schickte die Kinder hinaus. Sie brauchte Zeit zum Nachdenken. Immerhin musste sie sich entscheiden, ob sie Tom Jordans Ansinnen nachkommen wollte.
Noch am gleichen Abend erhielt sie weiteren Besuch.
Julia Hunter war eindeutig Sophias und Benedicts Mutter. Das gleiche blonde Haar und die gleiche Kinnpartie. Aber ihr schien es, dass Benedict seiner Mutter mehr ähnelte, als Sophia. Vermutlich kam das Mädchen mehr nach dem Vater.
In Julia Hunters braunen Augen stand Neugier, aber auch eine gewisse Ablehnung geschrieben.
„Sie sind Professorin an der Stanford University!“
„Hm, so ist es.“
Nathalie beschloss, erst einmal unverbindlich freundlich zu sein und herauszufinden, warum Julia Hunter sie nicht mochte, obwohl sie sich nie begegnet waren.
„Sophia hat mir erzählt, dass Sie ihr bei Mathe geholfen haben.“
„Hm, auch das ist richtig. Allerdings habe ich ihr nicht unbedingt bei Mathe geholfen. Ich habe ihr nur gezeigt, wie Sie Mathe am besten lernt. Und Ihre Tochter ist erfreulicherweise klug genug, das umzusetzen.“
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