Margot benutzte mich deshalb schon in meinen frühen Kindesjahren oft dazu, um gegen unsere Schwester Rosalie vorzugehen. Zum Beispiel hob sie mich meist in den Himmel um Rosalie richtig schlecht machen zu können. Das tat sie aber nicht nur als wir noch Kinder waren, sondern auch als wir bereits erwachsen waren hörte das nicht auf. Rosalie hatte deshalb wenig Chancen voll und ganz im Leben zu bestehen, jedenfalls baute sich das im Laufe der Jahre so auf. Und obwohl sie eigentlich die Hübschere von beiden war und die besseren schulischen Leistungen und Erfolge hatte, oder gerade deswegen, hat Margot sie ständig gegängelt und verspottet. Nur wenn Rosalie sich Margot unterordnete, war alles in Ordnung. Sowie sie jedoch ihren eigenen Weg gehen wollte und etwas nicht nach dem Willen und unter der Kontrolle von Margot lief, war Rosalie der unfähigste Mensch in Margot‘s Munde. Doch angeblich wollte ihr Margot ja nur helfen, wie sie immer behauptete. Rosalie jedoch war aufgrund der ganzen Streitereien im Laufe der Jahre in all ihren Verhaltensweisen immer unsicherer geworden, was meine Eltern aber mit Schwäche von ihr deuteten. Sie traten ihr deshalb umso mehr wehleidig gegenüber, denn sie schienen nicht zu ahnen, was sich all die Jahre im Hintergrund abspielte. Margot verstand es nämlich immer wieder, sich nach außen hin als die besorgte Schwester aufzuführen, weil sie die Große war und sich in einigen Dingen ja auch um uns kümmerte. Dass sie dies aber extrem nur zu ihrem Vorteil tat, konnte anfangs noch keiner ahnen, denn das kam erst im Laufe der Jahre immer mehr zum Vorschein. Und ich denke Margot wusste selbst auch nicht was sie da tat, denn anscheinend hatten meine Eltern sie einfach zu selbstsüchtig erzogen und sie immer gewähren lassen.
Meine Kindheit aber lief ansonsten ziemlich reibungslos ab und wenn ich daran zurück denke, war ich eigentlich glücklich.
Nebenan in dem Haus wohnten übrigens die Mutter und die Schwester meines Vaters mit ihrer Familie. Sie hatten vier Kinder, drei Mädchen und einen Jungen und wir drei Schwestern hatten so immer jemand zum Spielen. Und ich und meine Cousine Moni waren sogar in einer Klasse. Sie war so lange meine Freundin, bis wir aus der Schule waren und in der Stadt eine Lehre aufnahmen. Von da an hatten wir nicht mehr so viel Zeit füreinander. Und außerdem ist Moni mit Ihrer Familie auch bald darauf in die Stadt in eine Neubauwohnung gezogen. Ihre Eltern hätten sonst an ihrem Haus so viel machen müssen, weil alles schon ziemlich alt war. Und für die Wohnung in der Stadt mussten sie nur wenig Miete bezahlen und hatten dafür allen Komfort. Zu der Zeit wurden nämlich bei uns im Osten viele neue Häuser gebaut,die hatten alle Zentralheizung und warmes Wasser. Es waren Blöcke aus Beton, die sehr einfach und nicht besonders schön aussahen, aber eben diesen Vorteil hatten.
Aber in den Jahren vorher traf ich mich fast jeden Tag mit meiner Cousine Moni und in der Schule waren wir ja auch immer zusammen. In fast allen Unterrichtsräumen saßen wir nebeneinander und ich musste ihr oft helfen, da sie nicht so gut in der Schule war wie ich. Da gab es einmal eine Begebenheit, die ich bis heute nicht vergessen habe, denn ich habe mich danach immer wieder gefragt, wie ich diese Sache so schnell hingekriegt habe. Das war in der vierten Klasse. Jeder sollte als Hausaufgabe in Deutsch einen Aufsatz über ein bestimmtes Thema schreiben, welches ich heute allerdings nicht mehr weiß. Der Aufsatz sollte als Leistungskontrolle am nächsten Tag von einigen Schülern vorgelesen werden, die noch Zensuren brauchten. Es kamen also nicht alle Schüler mit Vorlesen dran. Damals wusste Moni mal wieder nicht, was sie schreiben sollte und fragte mich am späten Nachmittag ob ich den Aufsatz schon fertig hätte und ob ich ihn ihr einmal zur Anregung geben könnte. Ich ahnte ja nicht, dass ihr überhaupt nichts einfiel und sie einfach meinen Aufsatz abschreiben würde! Sie dachte wohl nicht daran, dass wir beide mit vorlesen dran kommen könnten, denn unsere Nachnamen standen im Klassenbuch genau hintereinander. So dachte sie sicher, dass das ziemlich unwahrscheinlich war. Tatsächlich kam Moni dann mit Vorlesen dran und ich fiel aus allen Wolken, als sie vom Wortlaut her genau meinen Aufsatz vorlas. Sie bekam dafür eine zwei und war überglücklich. Als jedoch unsere Lehrerin danach den nächsten Namen aufrief, dachte ich, ich höre nicht richtig! Rief sie doch tatsächlich meinen Namen auf. In dem Moment schossen mir alle Gedanken durch den Kopf. Sollte ich die Wahrheit sagen, oder was sollte ich jetzt tun? Als ich dann aber mein Heft aufschlug, las ich plötzlich wie automatisch meinen Aufsatz so vor, dass die Sätze umgestellt waren, veränderte vor allem den Anfang und fügte immer wieder andere Passagen zwischendurch ein, etwas, was mir gerade noch einfiel zu diesem Thema. Ich muss das jedenfalls so perfekt hingezaubert haben, dass der Lehrerin nicht aufgefallen war, dass eigentlich zwei die gleichen Ausätze in unseren Heften standen und bekam auch eine zwei dafür. Ich war so stolz auf mich! Abgesehen davon natürlich, dass ich auf meine Cousine total sauer war. Aber wenn ich heute daran zurück denke, frage ich mich immer noch, wie ich so schnell reagieren konnte und muss immer noch über mich selber lachen.
Ein anderes schönes Erlebnis aus meiner Kindheit, welches ich nie vergaß, hatte ich, als ich in der fünften Klasse war. Es war kurz vor Weihnachten an einem Samstagvormittag. Wir Kinder waren gerade allein zu Hause, als die Postfrau bei uns klingelte und ein Paket brachte. Wir freuten uns jedes Mal riesig, wenn ein Paket kam, denn wir wussten ja, dass es nur von meinen Tanten aus dem Westen kommen konnte. Und da waren immer schöne Sachen für uns drin, vor allem vor Weihnachten. Aber aufmachen durften wir das Paket alleine nicht. Wir mussten also noch warten, bis unsere Mutter vom Einkauf zurück war. Und als ich so darauf schauen wollte, von welcher meiner Tanten das Paket eigentlich war, sah ich, dass es nur an mich adressiert war. Ich dachte, ich traue meinen Augen nicht! Und der Absender war von einem Mädchen, welches ich überhaupt nicht kannte! Was sollte das sein, dachte ich in dem Moment! Woher kam dieses Paket? Das konnte doch gar nicht meins sein? Nun konnte ich es natürlich erst recht kaum erwarten, bis meine Mutter endlich zurück war um das Paket zu öffnen. Und als es so weit war, war es so, als wäre schon Weihnachten. In dem Paket waren vor allem Dinge drin, die ich für die Schule gut gebrauchen konnte, Hefte, bunte Umschläge und eine Federmappe, die so ausgestattet war, wie es das bei uns im Osten noch nicht gab. Dann waren noch Malhefte drin, ein Füller und Filzstifte, die damals erst erfunden wurden und die man bei uns deshalb überhaupt noch nicht kannte. Und außerdem waren noch jede Menge weihnachtliche Süßigkeiten dabei und ein Brief. In dem Brief stand dann, dass das Mädchen mir dieses Paket geschickt hatte, weil sie in der Schule gerade gelernt hatten wie man ein Paket packt und dieses dann für mich zusammen mit Ihrer Klasse im Unterricht gepackt wurde. Darüber war ich sehr erstaunt und meine Freude war unbeschreiblich groß! Denn wer hatte schon das Glück so ein Überraschungspaket von fremden Menschen zu bekommen? Dieser Moment war so schön, dass ich bis heute nicht vergessen habe, welche Freude mir diese Kinder bereitet hatten. Und das Mädchen, welches als Absender auf dem Paket stand, war die Nachbarin einer Bekannten meiner Mutter, mit der sie im Krieg zusammen in Gefangenschaft war und mit der meine Mutter noch lange Jahre danach in Kontakt geblieben war. Dieses Mädchen, Christiane, erhielt meine Adresse von dieser Frau und sie war von da an meine Brieffreundin.
Ich gehörte übrigens in der Schule immer zu den besten Schülern der Klasse und wurde jedes Jahr am Ende des Schuljahres dafür geehrt. Meist gab es als Auszeichnung ein Buch, welches mir dann am letzten Tag des Schuljahres beim Fahnenappell zusammen mit den besten Schülern aus den anderen Klassen überreicht wurde. Und außerschulisch gab es zur Freizeitgestaltung verschiedene Arbeitsgemeinschaften, von denen jeder Schüler mindestens eine besuchte. Ich war immer im Schulchor, denn das Singen machte mir großen Spaß. Wir sangen meist Heimatlieder oder Wanderlieder und Jugendlieder, aber auch Kampflieder im Sinne unseres sozialistischen Staates. Da unser Chorleiter auch der Leiter der Blaskapelle in unserem Dorf war, sangen wir bei öffentlichen Auftritten auch in musikalischer Begleitung, wie zum Beispiel am 1. Mai, dem internationalen Kampftag der Arbeiterklasse, der bei uns immer groß gefeiert wurde. An diesem Tag versammelten wir uns jedes Jahr zur Demonstration mit Plakaten und musikalischer Umrahmung, bei der alle Einwohner durch das ganze Dorf marschierten. Und am Schluss wurde dann immer traditionell der Maibaum gesetzt, ganz feierlich mit Vorführungen untermauert. Wir Kinder waren davor immer mächtig aufgeregt, dass auch alles glatt geht, wenn wir unseren Chorauftritt hatten. Und alle mussten natürlich ihre Pionierkleidung anziehen, weiße Bluse und blaues Halstuch, und die Jugendlichen trugen ihr Blauhemd, so wie es von unserer Schule aus generell bei feierlichen Anlässen vorgeschrieben war.
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