»Wichtig ist auch hier die so schmale Gratwanderung zwischen Realität und ihrem möglichen Bruch. Abbruch. Den wir oft so sehr fürchten, weil wir für unbestimmbare Zeit den Boden unter den Füßen verlieren.«
Er sah mich an. Sein Gesicht hatte Farbe bekommen. Er zupfte an seiner Weste herum. Dann ging er zum Hoffenster und schloss es.
Er liebe diese Brüche und er liebe die Versicherungen gegen solche Brüche.
»Denn Versicherungen sind wie Brücken. Wir gehen über sie und lassen unsere Angst zurück. Wir übersteigen unsere kleinen und großen Katastrophen und kommen sicher auf die andere Seite.«
Er wisse nicht genau, was er mehr liebe, den Bruch oder das Aufscheinen einer Hoffnung, die sich in unserem Versicherungspaket dartut. Wahrscheinlich liebe er den Wechsel von einem zum anderen. Bilder zu erfinden, die den Wechsel zwischen Abbruch, aufflackernder Panik und Fortgang des Gewohnten reibungslos ermöglichen, werde also meine Aufgabe hier in seinem Unternehmen sein.
Er zog eine Mappe aus seiner Ledertasche. Es war mein Arbeitsvertrag. Er legte ihn auf den Schreibtisch, den mir Lisa zugewiesen hatte. Über mein Gehalt habe ich den anderen Mitarbeitern gegenüber zu schweigen. Den Vertrag solle ich unterschrieben nur ihm persönlich zurückgeben. Er sah mich an. Es sei eine Menge Vertrauen, das er mir da entgegen bringe, sagte er. Schließlich kenne er mich kaum. Aber er vertraue Max.
»Also dann fangen Sie mal an«, sagte er und öffnete die Tür zum Sekretariat.
»Lisa, Sie werden Anna Hausen Zugang zu allen hausinternen Passwörtern geben. Einschließlich die zu den Netzwerken.«
»Jawohl«, antwortete Lisa Beckmann und fragte dann aber doch mal nach.
»Zu allen?«
»Ja, zu allen.«
Er sah auf die Uhr und verschwand, ohne sich zu verabschieden.
Lisa Beckmann erfüllte ihren Auftrag sofort. Sie gab mir alle Sicherheitscodes und die dazu gehörigen Pinnummern. Dann ließ sie mich unterschreiben, dass sie mich belehrt habe, die Passwörter nicht an Dritte weitergeben zu dürfen. Ich unterschrieb.
Nachdem Lisa Beckmann gegangen war, öffnete ich erst einmal wieder das Hoffenster. Dann starrte ich in den Bildschirm. Nach einer Weile suchte ich bei »Google« die Website der »Financal Times« und landete schließlich bei den Börsenkursen. Sie standen gut, jedenfalls für Max. Dann klickte ich einen Link zu einem CD-Discounter an. Für sechs Euro wurden im Sonderangebot sieben Walzer von Johann Strauß angeboten. Natürlich konnte man sie sich online anhören. Ich konnte nicht widerstehen. Ich ging auf Real Play. In erstaunlicher Qualität erklang der Kaiserwalser über die eher unscheinbaren Lautsprecher, die auf meinem mir zugewiesenen Schreibtisch standen. Begeistert von ihrem Klang, machte ich die Musik lauter.
Da kam Lisa Beckmann rein.
»Also Frau Hausen, das ist hier bei uns eher nicht üblich, dass wir Radio hören.«
Sie sagte das mit einem freundlichen Ton und versuchte zu lachen.
»Das müssten Sie dann mit der Geschäftsführung absprechen.«
Ich klickte, den Ton weg und entschuldigte mich, dass ich für einen Augenblick vergessen hatte, dass ich ja in einem Büro saß.
»Na, daran werden Sie sich noch gewöhnen. Selbst wenn es schwer fällt, solch ein freies Dasein, wie Sie es ja wohl hatten, aufzugeben. Aber schließlich, arbeiten müssen wir alle.«
Sie sah mich an.
Ich nickte.
»Wie gesagt, ich habe nichts dagegen. Nur letztlich muss das die Geschäftsleitung entscheiden.«
»Machen Sie sich keinen Stress Frau Beckmann. Ich kann, wenn ich wirklich Musik hören will, meine MP3-Player mitbringen«, versuchte ich sie zu beruhigen.
Sie sagte nichts und zog sich in ihr Sekretariat zurück.
Ich starrte auf den Hof. Ich bemühte mich, keinen Blickkontakt mit den Angestellten in dem gegenüberliegenden Archiv aufzunehmen. Eine Weinranke war die einzige Pflanze auf dem Hof. Dass sie gerade an der Wand zu meinem Fenster hochwuchs, nahm ich als Geschenk hin. Wenn ich also schon den Himmel nicht sehen konnte von diesem Büro aus, so konnte ich mit einem Blick aus dem Hinterhoffenster, Parterre, zumindest an dieser Ranke wahrnehmen, welche Jahreszeit draußen war. Ich widerstand der Versuchung, auf den Hof zu gehen, um nachzusehen, ob sie in einem Kübel gepflanzt war, oder ob ihr Samen dort zufällig im Mauerwerk Wurzel geschlagen hatte.
Nach diesem ersten Bürotag hatte ich eine unbändige Lust, ins Fitnessstudio zu gehen. Ich wollte auf das Laufband. Aus Angst, ich könnte den Herausforderungen dieses Jobs körperlich nicht gewachsen sein, kaufte ich mir gleich eine Jahreskarte für das Studio. Sie war ein Sonderangebot und wirklich sehr günstig.
Marion lästert ja über mich, weil ich das Bandlaufen so liebe. Sie meint, meine Neigung zum Laufband mache mein abnormes Verhältnis zur Welt sichtbar. Neben der Kunst lasse ich nichts wirklich gelten. Welcher gesunde Mensch mit ausgeglichenem Verstand käme sonst auf die Idee, rastlos auf der Stelle zu treten, wenn er einen Park vor der Haustür hat, sagt sie. Ich subsumiere eben alles unter Bilder, auch die Natur, sagt Marion. Selbst das Laufband sei für mich eine Metapher, die mir klarmachen soll, dass auch ich nicht wirklich vorankäme, sagt sie.
Aber das stimmt so nicht. Ich mag das Laufen auf dem Band seines Kicks wegen, den es auslöst, jedenfalls bei mir. Denn nach etwa fünfzehn Minuten Laufen habe ich mich derart auf der Stelle eingelaufen, dass ich die Studiosituation um mich herum vergesse. Nach 50 Minuten wird das Bandlaufen dann eine Herausforderung durchzuhalten, nach spätestens 90 Minuten höre ich auf und gehe mit weichen Knien vom Band und spüre und denke nichts mehr. Und eben diesen Zustand mag ich.
Heute probierte ich erstmalig die neuen Laufsocken aus, die ich in Washington gekauft hatte. Max hatte mir zu dieser Sorte geraten, und Max verstand etwas von Laufsocken. Schließlich läuft er viel länger als ich. Wir haben uns beim Laufen auf dem Campusgelände kennen gelernt. Damals war ich mit einem Kunststipendium in Buffalo. Und weil wir häufig zusammen liefen, fühlte sich Max ein wenig verpflichtet, zu meiner Präsentation in der Buffalo Hall zu erscheinen. Ich hatte ihm, während wir die Runden drehten, davon erzählt. Eher aus Höflichkeit blieb er dann auch zum Empfang. Dort erzählte ich von meiner großen Wohnung in Berlin und dass ich sie gelegentlich vermiete, behauptete Max. Ich erinnerte mich nicht. Ich erinnere mich selten, was ich so vor mich hinerzähle auf Empfängen. Auch Max selbst hatte ich beinahe vergessen, als seine Mail mit der Anfrage kam, ob er bei mir zwei Zimmer mieten könne. Natürlich sagte ich zu. Denn die Aussicht, dass er für zwei Jahre käme, würde bedeuten, dass ich für zwei Jahre meine Mietfrage gelöst hätte und mein Atelier behalten könnte.
Max war auf Suche nach Streichinstrumenten aus den volkseigenen Beständen der zahlreichen DDR-Orchester. Er hoffte, wenigstens eine oder zwei Stradivaris unter den Geigen zu entdecken. Auch ein Violincello von Guarneri oder Rugeri hoffte er zu finden. Doch die Sammlung aus der ehemaligen DDR enthielt nichts wirklich Großes, wie mir Max irgendwann enttäuscht gestand. Aber er wollte nicht aufgeben. Daher dehnte er seine Nachforschungen auf die ehemaligen Ostblockstaaten aus, wofür er aus New York auch tatsächlich Gelder bekam. So wurden aus zwei Jahren letztlich vier. Er reiste viel durch ehemalige Volksrepubliken von Warschau bis Bukarest, von Moskau bis Alma Ata. Bald kannte er Osteuropa besser als ich.
Erst allmählich begriff ich: Max war auf der Suche nach dem perfekten Klang. In den Geigen von Stradivari meinte er, ihm nahe zu sein.
Da er in der ehemaligen Sowjetunion, was die Stradivaris betraf, am fündigsten wurde, reiste er immer wieder dort hin. Meist nicht länger als eine Woche. Er hörte auf Anhieb, ob ein Instrument echt war. Er brauchte keine Expertise, hat er mir des Öfteren nicht ohne Stolz gesagt.
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