Vielleicht ist auch in dieser Hinsicht das Augenmerk auf das Umfeld zu richten. Wieder geraten die gesellschaftlichen Rahmenbedingungen in den Blick. Muß möglicherweise ein Miteinander das Mitmachen herausfordern?
Zerstörung und Krieg, was beschwört sie herauf?
Gemeinhin wird unterstellt, daß neben der Leichtfertigkeit, unter der die Mäßigung leidet, der unselige Drang zur Gewaltanwendung im einzelnen Menschen angelegt sei. Er, der Mitmensch, der Nachbar, sei unbesonnen und streitsüchtig veranlagt. Er lasse sich zu leicht zu Ausfällen hinreißen. Folgerichtig müsse es darauf ankommen, die Erzihung und Bildung zu verbessern. Dem Menschen müsse beigebracht werden, an sich zu halten. Ihm müsse die Neigung ausgetrieben werden, auf unliebsame Begebenheiten bösartig, mit Ingrimm zu reagieren.
Mit hohem Pathos werden Friedenspreise verliehen. Sie werden Damen und Herren zuteil, die in ihrem Umkreis Zeitgenossen dazu veranlaßt haben, davon abzulassen, aufeinander einzuschlagen, oder die in ihren Publikationen eine Lanze für die Friedfertigkeit brechen.
Ohne Zweifel ist verdienstvoll, den Angehörigen der weltbewegenden Spezies anschaulich zu machen, daß Krieg verwerflich ist, unerfreulich und für den einzelnen selten bis nie von Nutzen. Unbestreitbar ist ehrenwert, dem Nachwuchs dieser Gattung zu verdeutlichen, wie schlimm die Auswirkungen von Wut und Waffen sind.
Der erhobene Zeigefinger hat seine Berechtigung. Doch weist er in die richtige Richtung? Sind es die Mitmenschen, die von sich aus auf Hieb und Stich aus sind? Etwa, weil sie mangelhaft unterrichtet oder schlecht erzogen sind? Oder steckt jemand oder etwas anderes dahinter?
Gefeiert werden Friedensaktivisten wie der Politologe Andreas Buro. Er fordert den „Aufbau ziviler Konfliktlösungsmuster“ und „kooperative Verhaltensweisen“ (In seinem Buch „ Gewaltlos gegen Krieg. Lebenserinnerungen eines streitbaren Pazifisten“ , Brandes & Apsel, Frankfurt a. M., 2011). Sein Appell richtet sich zwar in erster Linie an die Politikerin und den Politiker, läßt aber auch den Mann und die Frau auf der Straße nicht aus. Am Ende dringt auch er darauf, daß seine Mitbürger sich verträglich verhalten.
Es geht um die Natur des Menschen. Nehmen die Friedensfreunde die Veranlagung und das Wünschen und Wollen ihrer Mitbürger zutreffend wahr? Unbenommen ist beim Mitmenschen hin und wieder Angriffswut zu vermerken. Was aber ruft sie hervor? Schlechte Erziehung, mangelhafte Bildung? Oder ist dafür vielleicht eher das Umfeld verantwortlich? Kommt die Gewaltbereitschaft nicht von innen, sondern von außen?
Das Bestreben, den Menschen zu durchgehender Besonnenheit zu veranlassen, ist Gegenstand einer weltweiten Bewegung, die schon im Altertum ihren Ursprung hat, des Pazifismus. Sie erhielt besonders nach den Gräueln des zweiten Weltkriegs neuen Auftrieb. Den Ostermarschierern geht es erklärtermaßen darum, den Haß der Völker gegeneinander aus der Welt zu schaffen.
Nun ist allerdings sehr die Frage, ob diese Untugend oft oder überhaupt je die wahre Ursache der Kriege war. Haßten die Deutschen die Polen und Franzosen? Selbst wenn dies der Fall gewesen sein sollte, bliebe zu klären, ob diese Aversion in Erfahrungen des einzelnen ihren Ursprung hatte oder geschürt worden ist, von hoher Hand.
Weihnachten 1915 kam es in Flandern zwischen den Gräben zu einer Verbrüderung von britischen und deutschen Soldaten. Die Truppenteile mußten anschließend aus der Front genommen werden. Selbst in Stalingrad ereignete sich Weihnachten 1943 zuweilen ein friedlicher Kontakt zwischen russischen und deutschen Kämpfern. Die Ausführenden der Kriegshandlungen werden augenfällig selten von Abneigung gegeneinander beherrscht. Sie sind mehr Opfer als Täter. Nicht die Soldaten treiben zum Kampf. Krieg wird nicht von ihnen, sondern von ihrer Obrigkeit heraufbeschworen.
Heute haben die Europäer sich vereint. Was immer zwischen ihnen vorlag und geschehen ist, es ist nicht vergessen, aber weitgehend doch vergeben. Überall an niedergerissenen Schlagbäumen liegen sich Freunde in den Armen. War es mit der Feindschaft der Völker vorher vielleicht gar nicht so weit her?
Nebenbei sei angemerkt, die Tatsache, daß es während des Ost-West-Konflikts trotz einiger gefährlicher Eskalationen nicht zum Krieg gekommen ist, ist kaum das Resultat einer Friedenserziehung oder einer Friedenspolitik, sondern schlicht der Erfolg des Konzepts der Abschreckung.
Kriege finden statt. Zur Zeit – gottlob – nur begrenzt und überwiegend nur innerhalb der Staaten. Doch ist es so, daß die, die sich hier gegenseitig umbringen, ihrer Veranlagung folgen? Entspricht es ihrer Natur oder schlechter Erziehung oder vorhandener Abneigung, daß sich Mitmenschen gegenseitig nach dem Leben trachten?
Wo Menschen tatsächlich aus eigener Veranlassung zur Waffe greifen und töten, hat das einen Hintergrund, der gern außer Acht bleibt. Das Bemühen nämlich, den Mitmenschen dazu zu bringen, daß er sich verträglich verhält, stößt auf Begebenheiten, die diesem Anliegen eklatant entgegenwirken, Die Rede ist von Ungerechtigkeiten und Mangelerscheinungen.
Es geht unfair zu in der Welt. Zum einen werden Mitmenschen durch von den Regierenden geschaffene Verhältnisse drastisch benachteiligt oder psychisch verletzt. Zum anderen sind die Mittel und Möglichkeiten, ihre Bedürfnisse zu befriedigen, für die Menschen sehr ungleich verteilt. Noch nie war die Kluft zwischen den Armen und den Reichen in der Welt so groß wie heute.
Weltweit haben inzwischen fast zwei Milliarden Menschen nicht ausreichend Zugang zu Trinkwasser. Und die Vereinten Nationen rechnen damit, dass sich diese Zahl in wenigen Jahren verdoppeln wird.
Je nachdem, wer die Zählung vornimmt, hungern derzeit etwas mehr oder etwas weniger als eine Milliarde Menschen, mithin etwa jeder siebente Mensch auf der Erde. Jedes Jahr sterben annähernd neun Millionen Menschen, hauptsächlich Kinder, an Hunger, was einem Todesfall alle drei Sekunden entspricht (Wikipedia).
Ob, wer des Trinkwassers oder der Nahrung enträt, sich dauerhaft dareinfinden wird, das Verdursten oder Verhungern widerstandslos hinzunehmen, darf hinterfragt werden. Zumal die neuen Medien jedermann wissen und sehen lassen, daß dort gepraßt, während hier gedarbt wird.
Gegenüber einer Zurücksetzung, die keine Berechtigung, aber arge Auswirkungen hat, sowie gegenüber einer nicht selbst verschuldeten Bedrängnis, deren Verursacher dingfest zu machen sind, dürfte mit Friedenserziehung wenig auszurichten sein. Hier wird die Aufforderung an den einzelnen, sich zu fügen, zur Absurdität. Gegen offensichtliche Benachteiligung als Ursache zu erleidender Not ist kein Erziehungskraut gewachsen. Gegen den Ingrimm der Zurückgesetzten mit der Friedenspalme zu wedeln, macht nur für diejenigen Sinn, die aufgerufen sind, aber es nicht fertigbringen, die Ungereimtheiten zu beseitigen.
Gegen Ungerechtigkeit, Benachteiligung und Erniedrigung, gegen Not und berechtigte Angst ist mit Belehrung und Druck schwerlich etwas auszurichten. Wenn es nicht gelingt, die Anlässe für die Beklemmungen zu beseitigen, wird der Ruf nach Aggressionsabbau und Abrüstung weiterhin ungehört in der Wüste verhallen.
Wer demnach Frieden haben will, wird mehr tun müssen, als an Um- und Nachsicht zu appellieren. Wo eine Drangsal vorliegt, ist mit Beschwichtigung und Belehrung kaum etwas zu bestellen. Erneut gerät das Umfeld in den Blick.
Die hier vorliegende Frage ist, wer oder was verursacht die stattfindende Verwüstung und Zerstörung. Wer oder was bringt die Menschen gegeneinander auf? Wer oder was läßt sie Mitmenschen töten und Kulturgüter vernichten?
Reine Angriffslust ist beim Menschen äußerst selten anzutreffen. Haß und Wut gehören ebenfalls nicht zu seinen hervorstechenden Neigungen. Wo er von sich aus zur Waffe greift, will er in der Regel eine Not beenden oder eine Erniedrigung. Diese Widrigkeiten aber setzt nicht der Mensch als einzelner in Funktion. Wer oder was ihn damit belastet, ist der wahre Schuldige.
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