»Ja, ich glaube schon«, nickte er nachdenklich.
Ehrlich gesagt, fand ich diesen roten Lippenstift sehr erotisch auf Amandas Lippen. Und ich fände es nicht schlimm, wenn sie speziell für mich wie eine Hure aussähe. Wie heißt es immer so schön? Eine Frau soll in der Küche ein Engel sein und im Bett eine Hure. Für mich darf sie aber auch mal gern in der Küche eine Hure sein, das macht mir nicht das Geringste aus. Ehrlich nicht!
»Okay, wir wollen los. Fährst du mit deinem Rad?«, fragte ich und sah die Lücke in der Garage, wo eigentlich mein roter Sportwagen stehen sollte.
»Nein, ich reite! Und zwar auf Karl-Heinz!«
»Wie? Du reitest auf Karl-Heinz... Wie kommst du denn auf ihn rauf? Du bist noch viel zu klein für so ein großes Ross. Reiten solltest du lieber auf Duffy, dem Haflinger deiner Schwester. Aber der steht drüben im Stall und da latsche ich jetzt nicht erst hin.«
»Das wirst du schon sehen wie ich auf Heinzis Rücken komme, das habe ich schon x-mal gemacht«, prahlte der kleine Angeber.
»Aha, jetzt hast du dich verplappert! Hier, dann setz gefälligst deinen Fahrradhelm auf! Den wirst du noch brauchen!«, stöpselte ich ihm das Ding auf den Kopf.
»Och, Männo!«, moserte er zurück und machte den Kinngurt zu.
… Am liebsten hätte ich auch gemosert, denn Annie nahm statt unserer Familienkutsche, wieder mal meinen Sportwagen. Mir ist klar, dass er ein wenig mehr Wumms hat, als unser SUV. Doch ist ein Zwölfzylindermotor, mit 6,5 Litern Hubraum und über 500 KW, einfach kein Gefährt, womit man Sascha von der Schule abholt. Mal ganz davon abgesehen, wie es aussieht, wenn vorne auf dem Beifahrersitz ein Kindersitz festgeschnallt ist! Der Wagen war ein Geschenk von Gungnir, den ich eigentlich nicht haben wollte (Den Wagen, nicht Gungnir!), weil es mir peinlich war, vom eigenen Sohn ein Auto zum Geburtstag geschenkt zu bekommen. Zuerst wollte ich ihn verkaufen (Ich rede immer noch vom Wagen, nicht von meinem Sohn!), doch als ich dann das erste Mal mit dem Wagen fuhr, überlegte ich es mir anders. Das war eindeutig ein Spielzeug für mich. Nichts für eine ältere Dame, denn das Geschoss fährt sich wie ein Römischer Kampfwagen. Dringend musste ich mal ein paar Takte mit Annie sprechen...
»Gut, dann kann es ja losgehen. Und überlege dir schon mal, wie du wieder das Fell von Karl-Heinz sauber bekommen willst.«
»Ach, Männo!«, sprach´s, trat an das Einhorn heran, das bereitwillig den Kopf senkte. Agnir fasste das Horn, hielt sich daran fest, während Karl-Heinz ihn auf den Rücken hievte. Das sah wirklich nach einem eingeübten Stück aus. Der Junge wickelte seine Hand in die lange weiße Mähne und gab Bescheid, dass er soweit wäre. Endlich konnte wir los zuckeln. Karl-Heinz nahm mir die Jutetasche ab und ließ sie an seinem Horn baumeln.
»Hurra, wir gehen jetzt fischen!«, jubilierte Agnir.
»Ja, aber erst gehen wir zur Zentrale, danach fischen wir, klar?«
Wieder kam ein »Ach, Männo!«, doch wenn er den Grund unseres Besuchs erfuhr, würde er darauf anders reagieren. Sehnsüchtig blickte er dem kleinen See hinterher, an dem wir vorübergingen. Von der Villa Ballerburg bis zur Zentrale ist es schon ein gutes Stück Fußmarsch. Endlich angekommen, nickte ich den Wachposten zu, verschaffte uns mit meiner Mitarbeiterkarte Einlass und blickte zum Einhorn. »Gehst du mit rein?«
»Nein, ich gehe nicht mehr zu Dr. Dr. Gütiger. Ich bin austherapiert, er bekommt nur meinetwegen auch noch Depressionen. Ich geh mal zu Yak, dem Ripper rüber, mal sehen, was es Neues gibt. Man sieht sich!«, seufzte er.
Wir winkten ihm hinterher. Er wischelte mit dem Schweif, trottete seines Weges, nicht ohne vorher noch zu versuchen, sich von einem Jeep anfahren zu lassen. Nur kannten wir alle unseren Depri-Karl-Heinz. Wenn er sich nähert, werfen alle sofort die Micke rein, damit sein Selbstmord keinen Erfolg hat. Armer Kerl.
Agnir ist, so wie seine Schwester Sascha, der Liebling aller Mitarbeiter. Kaum einen Meter kommen wir weit, nicht ohne von jemanden angesprochen zu werden. Agnirs Kopf wird mehr getätschelt, als Ernestine, das kleine Socken-Monster. Außer Agnir, Sascha und die Tochter von Simon und Delia, die den obskuren Namen »Nevia Navi« trägt, gibt es keine weiteren Kinder in unseren Reihen. Natürlich haben andere Mitarbeiter auch Kinder, doch ist ihnen der Zutritt unserer geheimen Zentrale verwehrt. Niemand würde glauben, was hier bei uns alles herumläuft. Außerdem müssen alle Mitarbeiter eine Schweigeklausel unterschreiben, was ihre Angehörigen betrifft. Annie weiß zwar, dass ich ein Vampir bin, denn wie anders hätten wir ihr erklären können, wieso unser Agnir wie Unkraut wuchs? Mir fiel es nicht leicht, ihr dieses Geständnis zu machen, doch tätschelte sie mir lediglich die Wange und sagte: »Ich wusste gleich von Anfang an, dass du etwas Besonderes bist. Es ist schön, einen starken Mann im Haus zu haben, der die Gläser aufschrauben kann, aber eins sage ich dir, Freundchen! Wenn du jemanden von uns beißt, dann ergeht es dir schlecht. Und dies ist keine leere Drohung!«
Ja, das ist Annie. Doch merkte sie sehr bald, dass ich keinerlei Interesse an ihrem, oder am Blut meiner Lieben hatte. Es war sehr kompliziert ihr das Wichtigste zu erläutern, doch ging sie damit relativ gelassen um. Sascha dagegen wusste es schon, sie begleitete ihre Mutter öfter mal zur Arbeit und ist auch das Patenkind von Cornelius, zu dem sie ein inniges Verhältnis hegt, was ihr daraufhin ein Pony einbrachte. Und Kinder gehen wie selbstverständlich mit Abnormitäten um. Offenbar erstaunt sie nichts so schnell und sie legen eine Toleranz an den Tag, von der wir Erwachsenen uns noch einen Scheibe abschneiden können. Vielleicht liegt es am Fernsehen, weil sie dort alle möglichen CGI-Effekte sehen und schnell abgebrüht gegenüber Absonderlichkeiten sind. Immerhin wachsen sie mit Hobbits, sprechenden Mäusen, singenden Chipmunks, und blauen Schlümpfen auf. Selbstverfreilich nicht das depressive Einhorn zu vergessen, das ständig um unser Haus herumlungert. Ich nahm Agnir auf dem Arm, damit er nicht von Ogern, Zentauren, oder Orks niedergetrampelt wurde. Für ihn war es jedes Mal wie ein Besuch im Disneyland.
»Siehst du da die Topfpflanze in der Ecke?«, fragte ich ihn. Er schaute mich an und nickte.
»Wenn ich nicht mit meinem Aurenblick geguckt hätte, wäre mir der Kerl gar nicht aufgefallen. Wer verkleidet sich schon als Ecke eines Raumes?«, meinte Agnir verwundert.
»Das ist unser Spezialist der Abteilung ›Tarnen, Trügen und Täuschen‹ er nennt sich ›Will Inkognito‹, er will in cognito bleiben. Manchmal gibt er sich aber auch die Namen: ›Mister X‹, ›John Doe‹, und ›Dr. Strange‹, wobei er es deutsch ausspricht, und nicht englisch. Letztens war er ›Wer? Meinen Sie mich?‹ Wenn du mich fragst, hat der Kerl eine Persönlichkeitsstörung! Damit du es verstehst, der Typ ist balla balla!«
Ich flüsterte dem Kleinen etwas ins Ohr und er grinste. Wir liefen an der getürkten Zimmerecke vorbei, während Agnir winkte und rief: »Hallo, Herr Inflagranti!« Worauf ein leise gemurmeltes: »Ach! So ein Mist!« ertönte. Ja, bei Salomons Ring laufen schon die absonderlichsten Leute herum. Und wenn sie nicht herumlaufen, sitzen sie in irgendwelchen Büros.
»Agnir? Wollen wir erst mal Anna Stolz besuchen? Ich kann jetzt einen Kaffee gebrauchen, mit dir kleinem Quälgeist kommt man ja zu nichts!«
»Klar, ohne Kaffee kann man nicht kämpfen!«, grinste er und tätschelte mir die Wange.
»Wo hast du den Spruch schon wieder aufgegabelt?«, fragte ich erstaunt.
»Von Nana, den sagt sie immer, wenn sie sich einen Kaffee eingießt.«
Bereitwillig ließ Agnir sich von mir in die Kantine tragen. Er besuchte diese Räumlichkeiten nur zu gern, weil Anna, meine Diätassistentin, immer eine kleine Überraschung für ihn parat hat. Als sie uns beide sah, strahlte sie über beide drallen Backen. »Ja, wer kommt denn da? Wenn das nicht unsere beiden Hünen sind! Was kann ich für euch tun? Eine Portion Blut für jeden?«, fragte sie und drehte sich schon halb in Richtung des Schranks, in dem sie das Blut aufbewahrte.
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