»Gut, dass du dieses Thema gerade ansprichst...« Ich stutzte. »Warum willst du nicht das Gleiche werden wie ich?«, hakte ich nach.
»Nö, ich will doch kein Seeräuber werden!«
»Wie kommst du darauf, ich sei ein Seeräuber?«
»Na ja, deine Haare! Und du bist immer eine Zeitlang weg. Und wenn du wiederkommst, bringst du Mama immer Gold mit!«, erklärte er geduldig.
… Früher, als ich noch ein Mensch war, war es als Nordmann sozusagen Pflicht, ein paar Raubzüge zu machen. So gesehen hat Agnir recht. Andererseits, könnte ich auch bei einer Versicherung gearbeitet haben. Denn wir cleveren Nordmänner haben die Versicherung gewissermaßen erfunden. Wir drangsalierten die Leute solange, bis sie uns Schutzgeld zahlten. Danach konnten sie versichert sein, dass wir so schnell nicht wieder auftauchten...
»Seltsam, viele Jungen würden alles geben, um Pirat zu werden. Aber ich bin kein Pirat! Jedenfalls jetzt nicht mehr. Siehst du vielleicht einen Handhaken und eine Augenklappe?«
»Nein, aber du hast Ohrringe!«, versicherte er mir.
»Ja, das ist schon richtig, aber ich habe keine Augenklappe! Weißt du, was das Schlimme an einer Augenklappe ist?«
»Dir würde ein Auge fehlen?«
»Das auch, aber mit einer Augenklappe sieht keiner, wenn du schielst!«, lachte ich und verwuschelte meinem Sohn das Haar. »So, und jetzt tigern wir gleich los. Du willst doch in die Schule, damit du mal ein gescheiter Doktor wirst. Geh du schon mal raus, ich hole noch ein paar Sachen und dann treffen wir uns vor der Garage, alles klar?«
»Jepp, ich wollte dir da sowieso etwas zeigen!«, meinte er und stürmte hinaus.
»Langsam!«, mahnte ich, doch er hatte schon die Tür hinter sich ins Schloss geknallt. Seufzend ging ich nach oben und packte ein paar Klamotten zusammen.
… Was wollte dieser neunmalkluge Knirps in der Schule? Er konnte doch schon lesen. Seine Schwester weihte ihn in dieses Geheimnis ein. Das merkte ich daran, als er sich beschwerte, dass die Sieben Zwerge keinesfalls mit ihren Keulen auf die böse Stiefmutter einschlugen. Dabei wollte ich das Märchen einfach nur mit mehr Action ausschmücken. Er nahm mir das Buch aus der Hand und las mir vor. Ich war nicht nur erstaunt, sondern wenig später auch eingeschlafen und wachte nur auf, weil mir der Sabber aus dem Mundwinkel tropfte und den schlafenden Kater Joey weckte...
Ich suchte wie blöde und fand meine goldene Geldklammer nicht, die ich von Gungnir zu Weihnachten bekommen hatte. Auch Amanda vermisste eine goldene Kette. Und Annie suchte ihre goldene Gartenkugel. Ebenso meinte Sascha, sie hätte ihren Schlüsselanhänger verloren, den mit der großen Strasskugel. Ich hoffe nur, der Junge steckt nicht dahinter... Obwohl, ich kann mir nicht denken, er könnte anderen Leuten das Eigentum wegnehmen. Dafür ist er zu klug. Das Reinigungspersonal ist auch absolut integer. Zwar gehen bei uns die Zwerge ein und aus, aber bisher hatten sie unserem Besitz - außer meinen Getränken - noch nie große Beachtung geschenkt. Und wenn sie es auf Gold abgesehen hätten, würden sie einfach diesen dämlichen Contest gewinnen. Auch mein Team hielt sich bei unseren Pokerpartien im Haus auf. Doch sind sie wie Brüder für mich und keiner würde den Schneid besitzen, mich zu bestehlen. Sie würden wohl kaum den Anschiss mit heiler Haut überstehen. Nun denn, falls es in unserem vier Wänden einen Dieb geben sollte, würde ich ihn früher oder später in die Finger bekommen. Ich werde einen Köder auslegen und wenn die Falle zuschnappt - dann gnade ihm Gott!
*
Die Welt, obgleich sie wunderlich, ist genug für dich und mich.
(Wilhelm Busch)
E s ist wirklich toll, noch einmal nach über 600 Jahren Vater zu werden, bzw. zu sein. Natürlich habe ich aus meiner zweiten Ehe drei Kinder - Gungnir, seinen Zwillingsbruder Wally, zu dem ich keinen Kontakt habe, und meine Tochter Mara -, doch wie gesagt, sie sind schon mehr als nur erwachsen, so gesehen, regelrecht steinalt. Meine beiden Zwillingssöhne waren schon zwei steinharte Brocken, trotzdem bin ich immer wieder überrascht, was kleinen Kindern für denkwürdige Sachen einfallen. Und die Fragen erst mal, die sie ständig stellen! Da gehen mir schon mal die Antworten aus. Irgendwie überraschte es mich gar nicht, was ich unten vor der Garage zu sehen bekam. Agnir spielte sehr oft mit Karl-Heinz, dem depressiven, letzten Einhorn. Und diesmal hatte mein Sohnemann den Bogen doch für meinen Geschmack ein wenig zu sehr überspannt. Verständlicherweise finde ich es gut, wenn der Kleine den armen Karl-Heinz auf andere Gedanken bringt, ihn aber so zu hintergehen, finde ich schon mehr als geschmacklos.
»Moin Ragnor, na? Wie sehe ich aus?«, fragte Karl-Heinz in ungewohnt heiterem Ton.
»Moin, Flauschi. Äh, na ja. Unter uns, du siehst ganz schön gefährlich aus!«, log ich.
»Ja, ich bin ein Indianerpferd, das bereit ist, in die Schlacht zu ziehen!«, bekundete er. »Weißt du, es befriedigt mich nicht auf Dauer, nur meinen Kopf in den Schoß einer Jungfrau zu legen. Früher freuten sich die jungen Damen, brachen gerührt in Tränen aus, aber heutzutage? Sie treten dir in den Hintern und brüllen etwas von ›Sexueller Belästigung‹ und ob ich pervers sei!«, schüttelte er seinen Kopf. »Die Jungfrauen sind auch nicht mehr das, was sie mal waren! Und immer nur als Motiv für die Federmäppchen kleiner Mädchen herzuhalten, nein, das macht mich regelrecht unglücklich! All diese Pastellfarben, Glitzer und Regenbogen; Plastikfiguren mit frisierbarer Mähne! Also, das habe ich wirklich nicht verdient!«, seufzte er resigniert. Ständig öffnete ich den Mund, um etwas zu erwidern, aber Karl-Heinz redete sich dermaßen in Rage, dass ich keine Lücke fand, um etwas einzuwerfen.
»Du hast es gut, Ragnor! Du hast einen sinnvollen Job, darfst immer wieder die Welt retten und hast somit eine Daseinsberechtigung -, aber ich? Nein, ich wäre wirklich lieber ein Streitross und würde vorzugsweise im Schlachtengetümmel sterben, als weiterhin niedlich genannt zu werden! Wolltest du was sagen?«, fragte das Einhorn.
»Nee, ist alles okay, sehe ich genauso!«, winkte ich ab. Meine Aufmerksamkeit richtete sich auf meine Lendenfrucht. »Agnir, kann ich dich mal für einen Moment sprechen?«, nickte ich in Richtung Garage, die ich öffnete. Brav folgte er mir.
»Ja? Papa, was gibt´s?«
»Was es gibt? Wenn ich nicht so ein friedlicher Zeitgenosse wäre, eine Handvoll Schläge! Was denkst du dir nur dabei, Karl-Heinz mit einer Fleischzerlegungsskizze zu verzieren? Bisher sah ich noch nie ein Indianerpferd, dass für das Filetieren beschriftet war! Und woher hast du den Lippenstift? Der ist doch bestimmt von Mama, habe ich recht?«
»Äh, ja... Wenn er auf dem Schlachtfeld sterben will, hat er sicherlich nichts gegen ein Schlachthaus einzuwenden. Den Plan sah ich beim Metzger, da dachte ich mir, er sieht aus, wie eine Bemalung für Indianerpferde«, erklärte er mir. »Und den Lippenstift habe ich von Mama, die sagte, sie hätte sich in der Farbe vergriffen und sähe mit diesem Rot aus, wie eine Hure. Er lag im Mülleimer! Also wollte sie ihn nicht mehr. Papa? Was ist eine Hure?«
… Huch, ich wusste, eines Tages würde diese Frage kommen, so wie jede andere Frage, die es auf dieser Welt gab. Agnir wollte immer alles ganz genau wissen...
»Ja, eine Hure ist eine Liebesdienerin, eine Dienerin der Käuflichen Liebe.«
»Hm, komisch, ich wusste gar nicht, dass man Liebe kaufen kann. Wie viel kostet denn Liebe, und warum will Mama keine Liebesdienerin sein?«
»Na ja, das ist Körperliche Liebe, die man kauft, und der Preis ist je nach Dienstleistung unterschiedlich. Ich will mich jetzt nicht auf einen Preis festlegen. Außerdem machen das Frauen, die das Geld brauchen. Und Mama verdient recht gut, also braucht sie keine Liebe zu verkaufen. Sie hat uns so sehr lieb, dass gar keine Liebe mehr übrigbleibt, die sie verkaufen könnte. Hast du das jetzt verstanden?«
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