Ich wäre so gerne mit in der Kabine gewesen, um alles zu sehen.
Aus diesem Grunde schielte ich von außen, unter dem Vorhang durch, dadurch brachte ich meinen Großvater zum Lachen, und die Bilder waren nicht verwendbar.
Erst als ich mich in der Kabine auf seinen Schoß setzen durfte und wir beide zusammen uns fotografieren ließen, ist es ihm gelungen, seine amtlichen Fotos auszudrucken, die er benötigte.
Ich war inzwischen mit unseren gemeinsamen Bildern beschäftigt, die ich absolut toll fand. Später präsentierte ich sie triumphierend meiner Oma und gab sie natürlich nicht mehr her oder teilte sie.
Der Tag war noch nicht zu Ende, wir machten noch einen kleinen Stadtbummel.
Es gab in der Stadt ein riesiges Kaufhaus, mit vielen Lichtern, große Ein- und Ausgänge. Hinter den Schaufensterscheiben standen Menschenpuppen, die ganz toll angezogen waren: Frauen, Männer, Kinderpuppen.
Ich staunte.
„Komm, wir gehen mal rein und schauen uns um“, sagte mein Opa verschmitzt.
Ich war begeistert, ich sah so viele Dinge.
Es gab eine Rolltreppe, die ganz nach oben fuhr, Stockwerk für Stockwerk. Ich bestaunte das Kaufhaus, bis wir ganz oben ankamen.
Da befand sich die Spielzeugabteilung.
Ich war völlig entzückt, konnte mich kaum noch bewegen, drehte mich um, hielt mir die Hände auf dem Mund, um meine Begeisterung nicht herauszuschreien.
Spielzeug, Autos, Puppen, Kaufläden und Stofftiere Teddybären, einer größer, schöner, bunter, als der andere.
Bevor mich mein Opa festhalten konnte, lief ich an einen großen runden Ständer, der fünf Ablagen hatte.
Im unteren Ablagebereich saß er ...
mein Bär.
Mit gelblich flauschigem Fell, großen Augen, runden Plüschohren und roter Schleife.
Rief er mich???
Ja, ich hatte es genau gehört!
Ich schnappte ihn, drückte ihn an mich, bei dieser Bewegung hörte ich ein dumpfes Brummen aus seinem Bauch.
„Bääh", sagte er.
Meine dunklen Augen suchten das Gesicht meines Opas.
Mein trutziges Gesicht und die vorgeschobene Schnute signalisierten ihm:
Keine Diskussion.
Bitte - der muss es sein, das ist meiner!
Mein Großvater kam her, streichelte meinen Kopf, nahm mir den Bär aus dem Arm und schaute auf den ausgezeichneten Preis.
Sein Gesicht legte sich danach etwas sorgenvoll in Falten.
„Das wird eng", hörte ich ihn murmeln.
Er nahm meine Hand, ging zur Kasse und bezahlte das Stofftier.
Ich jubelte, drückte den Bär an mich.
Danach hatten wir beide einen langen Nachhauseweg.
Opa hatte kein Busgeld mehr für uns.
Wir mussten laufen.
Kapitel 10
Es kam die Schulzeit.
In der Schule war ich ein zurückhaltendes Kind mit wenig Freunden, trotzdem voller Fröhlichkeit und zufrieden.
„Sonnenscheinchen“ nannte mich meine erste Lehrerin, Frau Goldmann. Sie mochte meine Grübchen, die sich in meinen Backen zeigten, wenn ich lachte. Ich hatte lange dunkle Zöpfe, die meist mit roten Schleifen am Ende zusammengehalten wurden. Ich war inzwischen etwas pummelig, aber nicht wirklich dick. Leider musste ich die Kleider auftragen, die von Kirchenspendern vorbeigebracht wurden, da meine Großeltern sehr wenig Geld hatten.
Ich mochte die Sachen nicht gerne anziehen, meine Mitschüler kicherten oft hinter vorgehaltener Hand deswegen. Sie waren besser gekleidet. Deshalb hatte ich auch fast keine Freunde, außer Soraya, einem Mädchen aus Griechenland. Sie hatte auch nicht viel. Im Rechnen kam ich nicht gut mit. Mein Onkel Karl versuchte mir mit Nachhilfestunden zu helfen, er bemühte sich wirklich redlich. Doch ich war mit meinen Gedanken immer woanders. Aber in Deutsch war ich richtig gut. Wenn ich einen Aufsatz schrieb oder vorlas, war ich wirklich in meinem Element.
Frau Goldmann setzte Soraya zu mir an meinen Tisch, damit ich ihr beim deutsch Schreiben helfen konnte und das klappte prima. Soraya und ich verstanden uns ohne Worte.
Als ich siebeneinhalb Jahre alt war, spürte ich ein komisches dunkles Gefühl wieder, das mir bekannt war - irgendwie, das ich vergessen hatte.
Das Gefühl war kalt, hässlich und lähmte mich.
Es waren Schübe, ich versuchte sie zu bekämpfen.
Opa musste so viel zum Arzt, hatte wenig Zeit für mich. Er wurde so dünn, so hässlich mit großen Augen, umringt mit dunklen Rändern, musste sich so viel hinlegen, ausruhen, schlafen.
Opa, den ich Papa nannte, sagte einmal zu mir: „Kind, glaub mir, es gibt Menschen, die würden gerne den Teller leer essen, wenn sie könnten. Sei lieb, und iss fertig, was Oma dir ausgeschöpft hat!“
Heute weiß ich, er hatte Speiseröhrenkrebs.
Er kam ins Krankenhaus.
Ich fing wieder an, Daumen zu lutschen, was mir den Spott meiner Mitschüler einbrachte, wenn ich mich „vergaß“.
Ich war mit Oma alleine, durfte nicht mit ins Krankenhaus.
Er war so lange weg. Ich habe ihn so vermisst!!
An einem Tag kam ich von der Schule an dem Haus meiner Tante vorbei.
Im Parterre das Küchenfenster war weit geöffnet.
Tante Inga beugte sich heraus, und rief:
„Isabella, Isabella, dein Opa ist zu Hause.“
Sie lachte.
Ich blieb wie angewurzelt stehen,
„Wirklich?“ fragte ich ungläubig.
„Ja, lauf!“ bestätigte Sie.
Ich warf meinen Schulranzen, im hohen Bogen über den kleinen Gartenzaun des Vorgartens und rannte los, so schnell mich die Beine trugen, nach Hause.
Ich lief und lief, die Treppen, die Stufen des Wohnhauses hinauf, hämmerte mit den Fäusten an die Eingangstür.
Als diese geöffnet wurde, sah ich ihn und fiel meinem Opa um den Hals.
Alles Glück der Erde, er war wieder da.
Ich war so glücklich.
Es ist alles so anders als vorher. Er ist so viel alleine im Zimmer, schläft, der Arzt kommt, oft.
Ja, er ist da, ich gehe zu ihm, aber er ist immer so müde.
Dieses komische Gefühl ist wieder da, ich habe Angst, will wieder, dass es wie damals ist, als wir so viel Spaß hatten.
Als ich acht Jahre alt war, starb mein Opa.
Sie kamen in sein Zimmer und legten ihn in einen Sarg, liefen mit ihm die Treppen hinunter.
Ich weinte nicht.
In mir war alles nur kalt.
Du bist jetzt fort.
An irgendeinen anderen Ort.
Ich bin allein, es ist dunkel,
Mir ist kalt,
Meine Hände sind zu Fäusten geballt.
Wünsche mir, dass das Leben.
Aufhört,
Die Sonne nicht mehr für mich
Aufgeht.
Ich schließe die Augen.
Sehe ein kleines Licht.
Erkenne dein Vertrautes,
Lächelndes Gesicht.
Du sagst ganz leise:
„Denk das nicht,
Kämpfe,
Nicht aufgeben,
Es gibt noch soviel.
Zu erleben,
Ich vergesse.
Dich nicht.
Wir werden uns.
Wieder finden.
Im Licht.“
3.11.2011
Kapitel 11
Dunkle Träume.
In der Schule blieb ich fast sitzen, entwickelte ein Art Autismus. Meine Umwelt und das Geschehen nahm ich wie ein Zuschauer wahr, der sich einen Film betrachtet.
Ich lutschte Daumen, um mich zu beruhigen, aß schlecht und versuchte leidenschaftslos meinen Alltag zu bewältigen. Oma ging viel in die Kirche. Einmal mittwochs und am Sonntag morgens und nachmittags.
Sie nahm mich mit. Ich fand den Kirchgang zu viel, zu oft, wagte aber nicht zu widersprechen, da ich wusste, wie viel er Oma bedeutete.
Auch beobachtete ich immer wieder, dass Oma Geld spendete in Briefkuverts, fast bei jedem Besuch. Es war ein Kasten im Inneren der Kirche aufgestellt. Neben den Kasten stand immer ein Priester, der sich für die Spende bedankte.
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