Daraufhin fing sich der Laden an zu füllen. Es war nicht so, dass Gäste durch die Tür eintrafen. Sie manifestierten sich nacheinander im Raum. Chi schien das nicht zu überraschen, was darauf hindeuten könnte, sie hätte die Gestalten erwartet oder vielleicht die ganze Zeit gesehen. Thomas wusste es noch immer nicht. So war eben sein Traum. Er selbst blieb auch darin verwundert und fühlte sich nicht wohl damit. Die Anwesenden schienen sich zum Teil zu kennen und saßen in Gruppen an den Tischen oder standen an die Wand gelehnt, Frauen die Hüften zur Musik wiegend. Thomas hörte jetzt Musik. Rockmusik. Das Publikum war eher mehr, als weniger betrunken und entsprechend ausgelassen. Bald trat jemand an ihren Tisch und fragte freundlich nach. Lud sie ein, mitzutrinken.
Da brachte der Junge zwei Coke, die Thomas dankend bezahlte. Der Junge wandte sich ab. Taxi momentan kein Thema. Und drin waren sie in einer der vielen Nächte, die der BLUE FOX in vergangenen Zeiten gesehen hatte. Der Junge war nun jünger und auch der Onkel sah schon weit fröhlicher aus. Seine Schwester werkelte zufrieden zwischen Spüle und Zapfhahn.
Im Traum verbrachten sie nun gut und gerne drei bis vier Stunden in der Gesellschaft von einer Mischung aus jungen und älteren Backpackern, Sinnsuchern, Weltreisenden, Kiffern, Alkoholikern, Gescheiterten, Selbstbefreiern, Freiern, Hippies, Rockern, die alle ihren Spaß hatten und vor allem das nicht mochten: Als Mitglieder von einer dieser Kataloggruppen bezeichnet zu werden. Jetzt gerade waren es lustige Menschen, die zusammen in einer Kneipe tanzten, redeten und herumsaßen. Chi und Thomas tranken längst selbst Alkohol, der ihnen ausgegeben wurde, bis sie wieder an der Reihe waren, zu spendieren. Inzwischen war das finanziell für Thomas nicht das geringste Problem und Chi wurde von ihm ausgehalten. Was sie schmunzeln ließ. Wusste sie doch um den weit größeren Reichtum ihrer Familie, was Thomas aber eigentlich selbst im Traum noch nicht wissen, sondern nur ahnen konnte. Er verkaufte sie als japanische Prinzessin, wenn sie nachfragten, warum sie so fein gekleidet waren, was in dieser Gegend eher nicht verbreitet war. Chi berief sich nur zu gerne darauf ganz schlecht Englisch zu verstehen, hielt sich wie eine Sphinx geheimnisvoll bedeckt und genoss so eine Beobachterrolle. Man tratschte über alles und jeden, wobei Thomas seine eigene Traveler-Zeit zu Hilfe kam und ihm manchen Respekt einbrachte, da seine Erzählkunst hier auf fruchtbaren Boden fiel. So viele Geschichten jeder selbst beisteuern konnte, so interessant war doch, was andere erlebt hatten. War es ähnlich, erleuchtete es das Verständnis auf eigene Erlebnisse, war es neu, konnte man etwas lernen. Am besten blieben doch die lustigen, magischen, wilden und wunderbaren Ereignisse. Man war bereit alles zu glauben. Und auch ein bisschen zu übertreiben. Viele sehr. Der Morgen dämmerte bis sich die Gemeinschaft langsam auflöste. Frühstücksgäste gab es kaum. Keine.
Thomas und Chi blieben zurück. Als Einzige.
Wollten sie nicht schon längst ein Taxi?
Thomas winkte beschwippst dem Jungen, der jetzt wieder älter wirkte. Na ja, nach so einer Nacht. Und erinnerte ihn an das Taxi.
Es würde bald kommen.
Der Onkel kam herüber.
Freundlich, fast väterlich sprach er zu Thomas und Chi.
„Vielen Dank. Gäste sind hier selten geworden.“
Thomas stutzte.
„Ihr seid die Einzigen.“
Thomas hob die Augenbrauen. Also doch, dachte er.
„Ja richtig, das Lokal ist leer. Jetzt, als ihr vorher hereinkamt und die ganze Zeit“, sprach der Onkel weiter, ohne dass Thomas gefragt hatte. „Ihr seid die einzigen Gäste seit langem.“ Pause.
„Da wollten wir die Gelegenheit nicht verpassen, bessere Zeiten wieder aufleben zu lassen.“
Das reimt sich, dachte Thomas im Traum.
Diese Ansprache träumte er in Deutsch. In Englisch, der Sprache, in welcher der Onkel in einer realen Situation zu einem Ausländer sprechen würde, reimte es sich nicht. Hätte sich ein träumender Poet einen englischen Vers ersonnen, so könnte er nur holprig und den Wortschatz des Onkel übersteigend ausfallen, der sicher in seiner Rede keinen Wert auf Reime zu legen vorhatte.
„So haben wir die Geister der früheren Gäste in die Bar projiziert und feiern lassen.“
„Die Geister?“, dachte Thomas.
Ich war ja auch einmal Gast, bin aber nicht tot.
Chi schien das alles gar nicht zu kümmern.
Sie hörte selig lächelnd zu.
„Wir sind dankbar, dass ihr geblieben seid und mitgefeiert habt“, fuhr der Onkel fort.
„So konnten wir ein seltenes Mal wieder erleben, wie es damals war, als hier eines der Backpacker-Zentren war.“
Damals, als das Hotel MALAYSIA jedermann ein Begriff war, oder zumindest denen, die es anging. Es hatte einen eigenen Status und das bald gegenüber eröffnete BOSTON INN bediente zwar aufgrund seines aktuelleren Standards neuerer Ausstattung ein leicht gehobenes Klientel, schaffte es aber nie, die Legende zu erreichen. Im MALAYSIA wohnten sie in den Anfängen schon deshalb, weil es die in der Folge in der Umgebung sprießenden Gästehäuser noch nicht gab. Es war weder eigentlich billig noch zu den wirklich besseren Hotels gehörend, doch für Devisenzahler, einfach des Währungsgefälles wegen, günstig und locker zu bezahlen und dabei mit im Vergleich zu den Guesthouses richtigen Zimmern gesegnet. Telefon, Minibar, also kleiner Kühlschrank, Schreibtisch, TV und Vorhängen als Standard der Ausstattung.
Vor allem mit jeweils eigenem Bad.
Es gab Zimmer mit Air Condition, die teurer und daher nicht so beliebt waren. Hinzu kam, das Ventilatoren für Raucher praktikabler sind, als geschlossene Fenster und Air Con. Denn so lautet die symptomatische Darstellung jener Zeitalter: Die Duldung und Praxis des Genussmittelkonsums ausländischer Besucher war trotz nach dem Gesetz schwerer Strafen selbst auf Besitz und Konsum von Verbrauchsmengen schon allein der Preise wegen in beider Hinsicht recht großzügig geworden. Sowohl die Staatskräfte hatten sich arrangiert, wie auch die Verbraucher ließen sich schwerlich aufhalten. So geht die Geschichte, ein forscher Ruf durch die Gänge des MALAYSIA, es fände eine Razzia statt, was gerne als Streich Einsatz fand, habe regelmäßig zu durchgängiger Betätigung der Toilettenspülung in praktisch allen bewohnten Zimmern geführt. Eventuell war es auch ein Verkaufstrick der Angestellten, die fürsorgliche Warnungen lieber einmal zu oft aussprachen, als den Gästen Ärger einzutragen. Logischerweise musste nach dem falschen Alarm schnell Nachschub her. So ließen sich die Händler einen freundlichen Ruf durch die Stockwerke sicher ein schönes Trinkgeld kosten. Tja, die Leute können einfach nicht genug bekommen. Tendenziell muss für die Marihuana-Händler mit den Besucherströmen junger Reisender aus dem Westen ein Eldorado angebrochen sein. Zahlungskräftig, friedlich und unwissend. Gute Umsätze und eine Polizei, die verständlicherweise weniger Lust auf internationale Komplikationen, als auf freundliche Geschenke hatte. Was wäre schon die Alternative gewesen? Ständig Festnahmen ausländischer Besucher? Bürokratie, überfüllte Zellen, die Gewalt zwischen Insassen begünstigten und eine Erklärungsnot gegenüber der Obrigkeit, weswegen in ihrem Distrikt so viele Probleme aufkämen, sie ihn wohl nicht im Griff hätten und ob sie ihren Job nicht richtig machten. Nichts wie Ärger also.
Da bevorzugte man lieber die Variante, alles sei bestens im Lot, die Sache ruhig, außer vereinzelter Kleindelikte. Harmlos, wie alle Ausländer und ihre Angelegenheiten. Eine solch wunschgemäße Version würde die Obrigkeit so wenig überprüfen, wie sie diese interessierte, solange man die Version einigermaßen glaubwürdig vermitteln konnte, da die Situation effektiv entspannt war. Solange jeder bekam, wonach ihm war. Ansonsten konnte man auch Geschenke an bestimmte Stellen weiterleiten, die so was auch mochten und sich darüber noch weniger um den Zustand und Verlauf in den Vierteln sorgten.
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