5 Erinnern Sie sich an eine Situation in Ihrem Leben, in der etwas ganz Entscheidendes gefehlt hat. Etwas, was Ihnen wichtig gewesen wäre. Was war das, als Sie das Gefühl hatten, hier fehlt etwas Entscheidendes, hier fühle ich mich nicht wohl? Was genau hat Ihnen gefehlt?Und nun schließen Sie diese Phase ab, stehen vielleicht einmal auf, gehen ein paar Schritte und setzen dann den Prozess fort:
6 Lassen Sie vor Ihrem geistigen Auge eine Arbeitssituation entstehen, bei der Sie die Arbeit gern gemacht, Sie sich wirklich wohlgefühlt haben. Was war da? Was war entscheidend für den Eindruck, dort genau richtig zu sein? Nennen Sie wieder alles, was Ihnen einfällt.
7 Denken Sie an eine Situation in Ihrer Partnerschaft, in der Sie sich ganz wohlgefühlt haben, wo es Ihnen richtig gut ging. Was war da? Was war wichtig, so dass es zu diesem Wohlgefühl gekommen ist? Spüren Sie in die Situation hinein, was sehen Sie? Was entwickelt sich vor Ihrem geistigen Auge? Vielleicht hören Sie auch etwas? Erinnern Sie sich an ein Gespräch, Stimmen, Geräusche? Vielleicht verbinden Sie die Situation auch mit einem bestimmten Geruch oder Geschmack? Welches Gefühl verknüpfen Sie mit der Situation? Lassen Sie sich Zeit, dem noch einmal nachzuspüren. Was war da, dass Sie sich so gut gefühlt haben? Was macht das Wesentliche aus?
8 Und nun erinnern Sie sich an Situationen mit Freundinnen und Freunden, die Sie sehr genossen haben. Vielleicht entsteht ein Bild vor Ihrem geistigen Auge, möglicherweise hören Sie noch Worte? Oder es stellt sich ein bestimmtes Gefühl ein? Was hat dazu beigetragen, dass Sie sagen: Ich fühle mich wohl? Welcher Wert gehört für Sie dazu?
9 Und schließlich versuchen Sie sich an eine Situation zu erinnern, in der Sie sich mit sich allein äußerst wohlgefühlt haben. Wie war das, was war da, dass es Ihnen so gut ging? Was war Ihnen wichtig?
10 Tauchen Sie noch einmal ein in die Erinnerungen. Genießen Sie die Situationen, in denen es in Ihrem Leben wirklich gut gelaufen ist, ganz besonders, einmalig, unvergleichbar. Was ist es, wofür es sich lohnt, zu leben, aktiv zu werden, sich zu motivieren?
11 Schließen Sie den Prozess jetzt ab und schauen Sie sich die Liste an. Tauschen Sie sich – soweit möglich – mit Ihrem Partner oder Ihrer Partnerin aus. Gab es Mehrfachnennungen? Was scheint Ihnen besonders wichtig zu sein? Gibt es einen obersten Wert? Was fällt überhaupt auf?
Solange wir unser persönliches Wertesystem zum Maßstab für alle erklären, müssen wir uns nicht wundern, dass wir ganz vielen schwierigen Menschen begegnen. Kurzum: Wir können die Welt nicht ändern, aber wir können unsere Erwartungen zu verändern.
Schließlich ist es durchaus möglich, dass Ihr Gegenüber ähnliche Stoßseufzer gen Himmel schickt, wie ich Sie eingangs mit dem Wörtchen „Wenn…“ eingeleitet habe, nur mit dem kleinen, aber feinen Unterschied, dass in diesem Fall Sie die Ursache des Ärgers sind. Vielleicht stört sich der Kollege an Ihrer einen oder anderen Gewohnheit ...? Denn so manche Eigenart wirkt auf andere wortwörtlich eben eigenartig. Merke: Es sind nicht immer nur die anderen, die als schwierig empfunden werden.
Man könnte jetzt einwenden: „Das mit der eigenen Wahrnehmung, das kann schon sein. Aber ist es nicht auffallend, dass es auch Menschen gibt, mit denen ganz viele ihre Probleme haben? Z. B. die Kollegin Angela Zober. Kaum einer lässt ein gutes Haar an ihr. Mit kaum jemandem hat sie Kontakt, gerade dass sie mal grüßt. Selbst beim Mittag bleibt sie meist für sich. Viele haben den Eindruck, dass sie sich für jemand Besseres hält ...“
Sicher gibt es Menschen, die bei vielen auf Abwehr stoßen, weil ein markanter Wesenszug oder auffällige Verhaltensweisen nicht gerade Sympathien auf sich ziehen. Menschen, die es scheinbar geradezu herausfordern, dass man sich ihnen gegenüber distanziert, seinerseits unfreundlich oder vielleicht sogar aggressiv wird. Hilfreicher wäre es zu wissen, was hinter dem Verhalten steckt.
Gar nicht selten stellt man bei vielen Nervensägen eine Parallele fest: Sie leiden unter einer geringen Selbstachtung. Möglicherweise leidet die Person selber darunter, Außenseiterin zu sein, kann aber nicht oder hat nicht gelernt, mit anderen auf positive Weise in Kontakt zu treten. Wie wäre es, wenn Sie einen Schritt auf den Menschen zugehen und ihn z. B. ermuntern: „Wollen Sie sich nicht zu uns setzen? Das wäre doch schön.“ Oder Sie fragen im weiteren Verlauf vorsichtig: „Ich habe das Gefühl, dass es Ihnen nicht so gut geht oder täusche ich mich da?“
Haben Sie den Kontakt gut aufgebaut, könnten Sie ihm in einer ruhigen Minute auch ein Gespräch unter vier Augen anbieten und sagen, was Sie beschäftigt: „Ich habe den Eindruck, dass die Beziehung zwischen uns belastet ist. Geht es Ihnen ähnlich?“ Manchmal gelingt ist, mit Fragen wie diesen ins Gespräch zu kommen oder ganz einfach zu erfahren, was Ihr Gegenüber bewegt.
Wenn man mehr über die mögliche Ursache eines bestimmten Verhaltens weiß, ist es leichter, angemessen mit der Person umzugehen. Oder würden Sie sich weiter dem schwierigen Kollegen gegenüber so distanziert verhalten, wenn Sie wüssten, dass er enorme private Probleme hat, z. B. gerade geschieden wurde, sich Sorgen um das Kind macht oder an einer Krankheit leidet?
Checkliste – das Wichtigste auf einen Blick
Ich kann mein Gegenüber nicht sympathischer machen. Ich kann aber versuchen, besser zu verstehen, warum ich bei bestimmten Menschen so ärgerlich werde.
Wir empfinden andere als schwierig, wenn sich eine Diskrepanz zwischen unserer Erwartung und dem, was er oder sie tatsächlich macht, ergibt.
Wir können die Welt nicht ändern, aber wir können unsere Erwartungen verändern.
Werte bestimmen unsere Gefühle und unser Verhalten. Zu Kollisionen zwischen Menschen kommt es, wenn die Werte des oder der anderen missachtet werden.
Jeder Mensch ist mal schwierig.
Warum Umerziehungsversuche nichts bringen
„Auf kaum etwas reagieren Menschen so empfindlich
wie auf die Einschränkung ihrer Freiheit.“
Christian-Rainer Weisbach, Kommunikationspsychologe
Eigentlich sollten wir es wissen: Der Versuch, andere nach unserem Willen zu formen, sie gar umzuerziehen, ist zum Scheitern verurteilt. Das kennt man doch aus der Partnerschaft: Am Anfang, wenn die Liebe den Blick verklärt, ist alles so wunderbar. Macken des Partners werden als interessante Besonderheiten gesehen oder gar nicht wahrgenommen. Doch je mehr der Alltag eintritt und die Sicht klarer wird, wächst oft auch der Wunsch, das eine oder andere am Partner zu ändern. Plötzlich fühlt man sich gestört von den Eigenarten, die am Anfang nicht weiter beachtet wurden. Nun beginnt der Versuch, den anderen umzukrempeln. Und schon steckt man im schönsten Streit. Weil der Partner oder die Partnerin gar nicht versteht, was plötzlich so falsch sein soll. Sie hingegen wissen genau, was sich ändern sollte. Sie haben da schon ganz konkrete Vorstellungen ...
Ist es nicht eigenartig, dass wir die störenden Eigenarten des oder der anderen deutlich benennen können und uns auch ganz klar ist, was dagegen zu tun wäre? Beim Blick auf uns selbst sind wir oft weniger kritisch. Die eigenen Verbesserungsmöglichkeiten werden leicht übersehen – wie bereits in der Bibel nachzulesen ist: Als Matthäus zwischen zwei Streithähne trat, zitierte er ein Wort, das er Jesus einmal hatte sagen hören:
„Hört auf, euch gegenseitig zu richten. Denn nach welchem Maßstab ihr richtet, werdet ihr auch gerichtet werden; und so wie ihr messt, werdet ihr auch gemessen werden. Warum schaust du denn auf den Splitter im Auge deines Bruders und siehst nicht den Balken in deinem Auge? Oder wie kannst du zu ihm sagen: Halt, ich will dir den Splitter aus deinem Auge ziehen, und dabei hast du einen Balken in deinem eigenen Auge? Du Heuchler, zieh doch zuerst den Balken aus deinem Auge; danach sieh zu, wie du den Splitter aus deines Bruders Auge ziehst.“ 7
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