1 ...7 8 9 11 12 13 ...19 Das zweite Mal hab ich bei der Schulfreundin zu Hause Puppenkleider mitgehen lassen. Warum weiss ich nicht. Ich hab meine Hosentaschen mit diesen Kleidern gefüllt und ihr dann einen Tag später diese auch noch gezeigt. Natürlich wusste sie, dass es ihre Sachen sind und wollte sie zurück haben. Ich hab behauptet, es wären meine. Ich hab nicht gelogen, ich hab wirklich geglaubt, es wären meine und war wütend, weil ich sie zurückgeben musste, ihre Mutter hat es verlangt. Ich hatte gar keine Puppen und ich spielte auch nicht gern mit Puppen.
Dann hab ich mit 16 ein paar Sachen geklaut, weil ich wissen wollte, ob ich das kann. Ich hab es gleich weiterverschenkt, mir ging es nur darum, meine Fähigkeiten zu testen. Im Restaurant dann hab ich einkassiert, ohne getippt zu haben, daran hab ich mich tatsächlich bereichert, in meinen ersten Restaurantjobs.
Seit vielen, vielen Jahren schon, nehm ich absolut nichts Fremdes mehr. Sogar wenn mir nach Sitzungen ein Kugelschreiber in der Handtasche übrigbleibt, achte ich darauf, den gleich wieder ins Büro zurück zu bringen. Nicht weil ich Angst habe erwischt zu werden, sondern weil ich mich unwohl fühle, etwas zu haben, was nicht mir gehört. Ich will es nicht. Aber es war im Grunde meine Mutter, die mir das beigebracht hat. Erwähnte ich das hin und wieder, dann winkte sie das ab und lachte darüber „Ach das war doch nicht so ernst gemeint. Das waren andere Zeiten.“ Sie ist sich keiner Schuld bewusst. Schliesslich ist sie ihr Leben lang das arme Opfer und das Leben hat es gar nicht gut mit ihr gemeint, dass sie mich zum Stehlen geschickt hat, lag nur daran, dass es ja ihr rechtmässiges Geld war.
Alle meinten immer, für sie sei es nicht leicht, ich würde das verstehen, wenn ich mal selbst Kinder habe. Aber das Gegenteil ist geschehen. Ich verstehe es noch weniger seit ich selbst Mutter bin. Ich kann mir nicht vorstellen, wie wütend ich auf meinen Sohn sein müsste, um ihm Unglück zu wünschen. Ich kann mir das überhaupt nicht vorstellen, dafür ist meine Wut umso mehr auf meine Mutter gewachsen.
Mein Vater hat mir zwar nie Unglück gewünscht, aber auch er hielt mich für eine Kriminelle. Also traf ich ihn zusammen mit Livia und Matteo in seiner Stammkneipe, damit „sie“ die Unterlagen haben kann. Da haben wir auch das letzte Mal von Angesicht zu Angesicht gesprochen, ich war 23. Sieben Jahre später hab ich auf dem Fussgängerstreifen für ihn angehalten, er hat mich nicht gesehen.
Jahrelang hatte er meine Nummer nicht. Nachdem sich so langsam herumgesprochen hatte, dass ich eine Ausbildung gemacht, einen guten Job habe und die Karriereleiter emporsteige, hat er Livia ständig in den Ohren gelegen, dass er mich vermisst und gerne Kontakt zu mir hätte. Aber ich wollte nicht, dass sie ihm meine Nummer gibt. Irgendwann hat ein Freund von ihm meine Nummer gesuchmaschint. Seither hat er einmal im Jahr angerufen und genau eine Viertelstunde lang erzählt, was es so Neues bei ihm gibt. Ich liess ihn erzählen.
Es war schon traurig. Mein eigener Vater hat sich gar nicht dafür interessiert, was es denn so bei mir gibt und wie es mir geht, wie es seinem Enkel geht. Er erzählte immer, wie toll es ihm gehe, wie gut er es hat und das Leben sei ach so schön. In Wahrheit hatte er seinen Job verloren, lebte von Sozialhilfe und war sehr krank. Doch er jammerte nie, erwähnte nie, dass er Schmerzen hat oder es ihm nicht gut geht. Das letzte Mal rief er an, um mich zu fragen, ob ich das Land in Orenda erben will oder ob er es verkaufen soll. Ich sagte, ich will es nicht, er soll es verkaufen.
November 2014
Montagabend nach meinem qualvollen Wochenende, ruft mich Mutter an. Seit Jahren gilt die Regel, dass sie mich nur bei etwas Wichtigem oder im Notfall anrufen darf, sonst nicht. Sie hat sich auch daran gehalten.
Sie teilt mir mit, mein Vater ist tot. Ein Freund von ihm hat ihm montags zuvor ein Medikament vorbeigebracht, aber er war zu schwach, um zur Eingangstür runter zu gehen, also liess der Freund das Medikament im Briefkasten. Sein Neffe starb am Dienstag, man hat versucht ihn zu erreichen, aber er nahm nicht ab. Die ganze Woche war er telefonisch nicht erreichbar. Als sein Freund am Montag wieder nach ihm sehen wollte, sah er, dass das Medikament immer noch im Briefkasten ist und er meldete sich auf sein Klingeln nicht. Er holte den Hausverwalter, aber der durfte nicht ohne die Polizei rein, also riefen sie die Polizei und fanden ihn tot in seiner Wohnung vor. Die meinten, er sei schon seit einer Woche tot.
Über die Tratsch-Leitung hat diese Nachricht meine Mutter erreicht und nun teilt sie sie mir mit. Ich frage, ob sie seine Familie benachrichtigt hat. Nein, auf die Idee ist sie natürlich nicht gekommen. Sie hat den ganzen Nachmittag am Telefon gesessen, halb XXX und Dreiviertel Hivasee über seinen Tod informiert, aber ist nicht auf die Idee gekommen, seine Familie zu informieren. Ich motze sie an, warum sie unwichtigen Leuten davon erzählt, aber nicht die kontaktiert, denen sie es sagen soll. Ich bin richtig angepisst, das ist so typisch für sie. „Informiere verdammt noch mal seine Familie und hör auf dich aufzuspielen. Er muss ja beerdigt werden, frag sie, was sie wollen“ zicke ich sie an.
Ich schreib meiner Schwester, frage, wie es ihr wegen Vater geht. Ich gehe davon aus, dass Livia diese Nachricht natürlich lange vor mir erhalten hat. Immerhin ruft meine Mutter sie fast täglich an. Meine Schwester ruft an, hat keine Ahnung, was ich mit meiner Nachricht meine. „Du weisst nicht, dass Vater tot ist?“ Ich bin wirklich überrascht. Nein, sie hat keine Ahnung, sie ist geschockt. Sie weint „Scheisse, ich wusste nicht, dass es mich so mitnehmen würde.“
Ich trage ihr auf, seine Familie zu kontaktieren, wegen der Beerdigung fragen, wir würden hier alles erledigen und ihn nach Orenda verfrachten, aber unten müssen sie sich darum kümmern. Wir sind zwar alle aus Orenda, aber mittlerweile leben alle in Hivasee. Ich hab kaum noch was an Familie in Orenda, aber dort liegen unsere Toten begraben. Am Sonntag ist die Firmung von Matteo, wir können nicht runter. Ich hab nie Kontakt zu seiner Familie gehabt und nur weil er jetzt tot ist, hab ich nicht vor, das zu ändern. Schliesslich haben sie sich ja all die Jahre nie bei mir gemeldet, nicht mal als ich ein Kind war. Seine Schwester ist meine Taufpatin. Es hat sie nicht grossartig gekümmert und wir können es dabei belassen.
Ich gehe zu Matteo ins Zimmer und sag ihm, dass mein Vater gestorben ist. Er springt vom Bett auf und umarmt mich. Bis jetzt war ich gar nicht traurig, aber in seinen Armen, fange ich heftig an zu weinen. Nun schüttle ich mich und die Tränen fliessen. Ich kann nicht aufhören. Der Arme weiss gar nicht, was er sagen oder wie er reagieren soll, er hält mich einfach nur fest. Das Telefon klingelt.
Den ganzen Abend bin ich entweder mit der Mutter, Livia, Tante oder dem Beerdigungsinstitut am Telefon. Seine Familie hat keine Ahnung, was er wollte, ob er hier oder in Orenda begraben werden wollte. Seine Schwester ist gerade im Urlaub in der Türkei. Sie meint, sie hätte ihn mal darauf angesprochen und er hätte geantwortet, er wolle nicht darüber reden, irgendjemand würde sich sicher darum kümmern. Seine Familie überlässt uns die Entscheidung, wo wir ihn beerdigen wollen, würden es aber besser finden, wenn er unten beerdigt wird. Leider, leider können sie keinen Finger rühren, haben viel zu tun.
Na schön, entscheide ich, wir werden uns eben darum kümmern und ihn hier beerdigen. Wehe, ich höre dann irgendwelche Klagen. Sie wurden gefragt, aber sie sind zu faul, es gibt ja nun kein Geld mehr von ihm.
Ich vereinbare mit dem Beerdigungsinstitut, dass wir ihn am Freitag hier beerdigen. Wir machen für den nächsten Tag einen Termin aus, sie haben auch schon einen katholischen Pfarrer informiert. Den rufe ich auch gleich am nächsten Tag an, wir wollen uns tags darauf treffen, um alles zu besprechen. Er sagt, am Mittag geht nicht, da er seine Tochter hüten muss, bis seine Frau nach Hause kommt. „Wie bitte? Sind sie ein katholischer Pfarrer?“ ich bin verwirrt. Ja, meint er, er erklärt es mir, ich verstehe es nicht ganz.
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