Szwan nickte.
„Weil das scheiß Internet das Gegenteil von anonym ist. In dem Moment, wo Sie etwas elektronisch verarbeiten, kann es jemand abfangen.“ Er verdrehte die Augen: „Früher hat man Briefe geschrieben. Die konnte man auch abfangen, aber man musste dafür jemanden an der richtigen Stelle einschleusen. Heute sitzt ein fetter Wichser irgendwo auf der Welt in seiner vollgepissten Bude und klaut überall auf der verdammten Welt elektronische Post. Und mit so einem Apparat“, er zeigte mit dem Zeigefinger auf den Laptop, „soll ich einen Mordauftrag erteilen?“
Phil schüttelte den Kopf. Er warf einen Blick auf den Zettel, prägte sich die Adresse ein und legte das Papier zurück auf den Schreibtisch.
„Sie haben 48 Stunden Zeit. Ich erwarte, dass Sie den Auftrag erledigen und sich dann eine Woche von mir fern halten, klar? Egal, was passiert: Sie melden sich nicht!“
„Wollen…“
„ Sie melden sich nicht, habe ich gesagt. Wenn Sie erfolgreich sind, kriege ich das mit. Wenn Sie es vergeigen, kriege ich es auf jeden Fall mit. Ein Kontakt zwischen uns und somit eine rekonstruierbare Verbindung ist also nicht notwendig. Und jetzt verschwinden Sie.“
Die Szene der Auftragsmörder ist ein Milieu, das sich ständig verändert. Das liegt zum einen daran, dass ständig Leute sterben und weggesperrt werden, zum anderen an den vielen Konflikten auf der gesamten Welt.
Sie verstehen das nicht?
Kein Problem: Sagen wir, in einem viertklassigen Land bekämpfen sich zwei Gruppen, am besten noch unterstützt durch Waffenimporte aus dem Ausland, damit auch alle was davon haben. Jede Gruppe bildet über kurz oder lang Spezialisten aus, um gezielt Feinde zu töten.
Es dauert zwar mal länger, mal kürzer, aber in der Regel ist irgendwann jeder Konflikt irgendwann einmal beendet oder mittelfristig unterbrochen: Entweder weil die eine Gruppe nicht mehr existiert oder weil beide Gruppen schlicht nicht mehr können. Irgendwann gehen sie wahrscheinlich wieder aufeinander los, aber für eine Zeit herrscht Ruhe. Im Schatten der jubelnden Weltgemeinschaft bleiben dann jene zurück, die sich die letzten Jahre oder Jahrzehnte ausschließlich aufs Töten spezialisiert haben.
Was sollen sie machen? Sie haben Familien, Kinder und Frauen. Sie müssen Geld verdienen.
Also gründen sie ein Start-Up und machen sich selbstständig.
Und deswegen gibt es immer wieder Wellen von neuen Killern.
Aber das ist es nicht nur.
Ich glaube, dass langsam auch ein Generationenwechsel einsetzt – was sich dumm anhört, denn so alt bin ich ja noch gar nicht.
Aber die Jungs, die heute frisch nachkommen, die Zwanzigjähren oder so, sind anders großgeworden: Mit Splatterfilmen und Ballerspielen. Sie wollen töten und sie wollen es jetzt.
Für mich ist das Töten nichts, was Spaß macht, sondern lediglich Mittel zum Zweck – und der Zweck ist Broterwerb.
Aber diese Generation brennt förmlich darauf, sich zu beweisen. Vor lauter Ehrgeiz vergessen sie dabei die Grundregeln und damit wird ihr Ehrgeiz zu meinem Problem, denn ich bin dafür verantwortlich, dass diese Abteilung läuft.
Eine Vorstellung, die ich alles andere als prickelnd finde.
Warum?
Ganz einfach: Ich habe immer eher komplizierte Jobs angenommen. Diese werden besser bezahlt und dadurch muss man nicht im Akkord ran.
Im Schnitt waren das vielleicht alle sechs Wochen ein Job.
Bedeutet zwei Jobs in drei Monaten.
Acht Jobs im Jahr.
Bei jedem Job kann etwas schief gehen.
Zeugen, Autopannen, die Liste ist lang.
Aber man kann die Fehlerwahrscheinlichkeit eindämmen.
Unterm Strich musste ich meinen Kopf für acht Jobs pro Jahr hinhalten, wobei ich persönlich dafür sorgen konnte, dass die Wahrscheinlichkeit, dass etwas dazwischen kommt, möglichst gering blieb.
Und jetzt?
Jetzt muss ich phasenweise jede Woche einen Job delegieren !
Nachdem Gregor Gian Mateo ersetzt hatte, stand erstmal der Frühlingsputz an: Mögliche Konkurrenten ausschalten, hier und da ein Zeichen setzen… Es war eine elende Plackerei. Natürlich mussten wir auch ein paar alte, hochkarätige Berufskollegen erledigen, die es mit ihrer Loyalität zu meinem verstorbenen Vorgänger Figerd übertrieben haben – oder ihrem Ehrgeiz.
Das alles hat die Killer-Szene mächtig durcheinandergewirbelt.
Die alte Generation hat ordentlich geblutet, im wahrsten Sinne des Wortes.
Also ist frisches Blut nachgekommen.
Und damit muss ich mich jetzt rumschlagen.
Ryan Ferdinand ließ der drängelnden, hektischen Masse den Vortritt, die es nicht erwarten konnte, den Zug zu verlassen, um zu einem Meeting oder sonst was zu rennen.
Er hatte Zeit.
Er hatte keine Termine.
Langsam stieg er aus dem Zug, den Lederkoffer in der rechten Hand, und sah sich um: Der Bahnhof hatte sich in den vergangenen Jahrzehnten verändert. Auf dem Boden klebten Kaugummis, Graffitis verunzierten die Wände und es roch latent nach Urin.
Ryan Ferdiand musste trotzdem lächeln: Endlich wieder zuhause.
Phil wischte sich den Mund ab.
Oh scheiße! Ich bin tot!
Ihm war klar, dass das hier kaum gut ausgehen konnte.
Was soll ich machen?
Vor ihm lag die Leiche von Walt Gouren. Den hatte er erledigt, wie er sollte.
Ein Schuss in den Hinterkopf.
Saubere Arbeit – bis dahin!
Aber dann…
Es war bereits dunkel, als Ian den Wagen auf dem Parkplatz hinter der Tankstelle abstellte.
Edgar Svenson stieg in dem Moment in Ians Wagen, als der gerade den Motor ausschaltete.
„Abend“, sagte der wortkarge Schwede, während er die Tür zuzog.
„Hi.“ Ian wollte das hier so schnell wie möglich hinter sich bringen: Diese Treffen waren notwendig, aber er fühlte sich nie wohl dabei.
Svenson gehörte zur städtischen Polizei. Sie durften nicht zusammen gesehen werden, weswegen sie ihre Treffen so diskret und selten wie möglich abhielten.
„Du wolltest mich sprechen“, stellte Ian fest, womit er eigentlich sagen wollte: Jetzt mach schon, ich habe nicht ewig Zeit.
Svenson nickte: „Ja.“
Er wartete eine Weile. Nicht, weil er Ian provozieren wollte: Er wusste, zu wem er ins Auto eingestiegen war. Nein, es war einfach seine Art, alles bedächtig zu machen. Das war auch der Grund, warum Ian ihm als Quelle vertraute: Svenson war ebenso gründlich wie er selbst.
„Sie wollten, dass ich Sie darüber informiere, wenn etwas passiert.“
„Und ist etwas passiert?“
„Nein.“
Ian stutzte: „Und warum sitzen wir dann hier?“
„Weil etwas passieren wird. “
Ian unterdrückte ein Stöhnen, das diese Unterhaltung nur weiter verlängert hätte. Svenson fuhr fort: „Es wird etwas passieren, davon ist auszugehen.“ Er nickte bedächtig. „Alles deutet darauf hin.“
„Wie kommen Sie darauf?“ Es fiel Ian zunehmend schwer, sich zu kontrollieren. Er hatte genügend Stress, da…
„Es ist jemand mit dem Zug heute Mittag angekommen.“
Jetzt hatte Svenson Ians ungeteilte Aufmerksamkeit: „Wer?“
Svenson wartete einen nervtötenden Augenblick, dann sagte er: „Ryan Ferdinand.“
Ian spürte, wie sich seine Nackenhaare aufstellten. Er musste nicht fragen, wer Ryan Ferdinand war.
Jeder kannte diesen Namen.
Und das hatte einen Grund.
***
Die zweite Nachricht, die Ian Degrys Stresslevel in die Höhe jagte, erhielt er am nächsten Morgen wie alle Leser der örtlichen Tageszeitung als kleine Randnotiz: Haus abgebrannt!
Ian saß mit einem Kaffee am Küchentisch, von dem er vor Schreck etwas verschüttete, woraufhin er die Zeitung fallen ließ: „Scheiße!“, rief er und sprang auf, um sinnfrei an seiner Jeans herumzuwischen.
Читать дальше