Papillon
Die ersten Disziplinarstrafen verbrachte ich im Pavillon 8, und von Strafe war eigentlich kaum die Rede. Es gab die gleichen Zellen wie unten im Pavillon 6, die Freizeitgestaltung wurde gestrichen, und der Hofgang fand alleine, in einem Käfig, statt. In den gleichen gesetzlichen Richtlinien, die besagen, dass das Überfallen von Postämtern verboten ist, steht auch, dass der Strafvollzug für einen nicht Volljährigen in einer Anstalt für Erwachsene verboten ist. Aber genau das passierte hier – und nicht nur das, der Gefängnisdirektor verhängte für mich, einen Jugendlichen, die härteste Disziplinarstrafe, die ihm zur Bestrafung eines Erwachsenen zur Verfügung stand. Zwar waren die ersten Strafen halb so wild, aber der Freiheitsentzug erzeugt natürlich einen gewissen Druck, den ich selbstverständlich spürte. Ich hatte meine Freiheit verloren und wurde ständig durch Regeln unterdrückt. Die Bösewichte waren diejenigen, die die Regeln handhabten: die Wärter. Ich habe nie verstanden, wie man solch einer Tätigkeit nachgehen kann. Welches Niveau des menschlichen Daseins hat man, wenn man den ganzen Tag im Affenkostüm und mit einem großen Schlüsselbund Menschen einschließt? Findet man als Wärter Befriedigung in seiner Arbeit und geht man nach Feierabend nach Hause mit dem Gefühl, etwas Besonderes geschafft zu haben? Ich stellte mir vor, wie sie abends nach Hause kamen und von ihren Frauen mit einem Kuss und der Frage: „Wie war denn dein Tag, Schatz?“ begrüßt wurden. Und dann ihre Antwort! Die Möglichkeiten, tagsüber der Einsamkeit der Zelle zu entfliehen, sind in der U-Haftanstalt nur sehr begrenzt. Es gab die Möglichkeit, zusammen mit den übrigen Insassen der Abteilung in die Werkstatt zu gehen, und fast jeder nutzte dieses Angebot, denn so kam man raus aus der Zelle, traf andere Insassen und hatte soziale Kontakte. Man hörte den neusten Klatsch, und ein reger Austausch von Informationen und Drogen fand statt. Die angebotenen Tätigkeiten boten wenig Abwechslung. Man konnte Wäscheklammern machen, Schokolade – die jeder bespuckte oder mit Rotz beschmierte – einpacken, Weihnachtskarten einpacken oder große Umschläge leimen. Von 8 Uhr bis 12 Uhr arbeiten, eine halbstündige Kaffeepause um 10.30 Uhr und von 12 Uhr bis 13 Uhr in der Zelle Mittagessen. Am Nachmittag durfte man im Hof eine Stunde lang frische Luft tanken und wie ein Hamster im Kreis laufen. Mit dem Häftling, der mir in der Werkstatt gegenüber saß, lieferte ich mir eine Art Wettkampf. Wer ist der Schnellere im Kleben der Umschläge? Hans, so hieß mein Gegenüber, war einfach unschlagbar. Er war um einiges älter, und ich empfand ihn als eine sehr angenehme Gesellschaft. Außerdem erzählte er mir, dass er ein passionierter Leser war und in der Literatur komplett aufging. Hans gehörte schon fast zum Inventar, er hatte schon etliche Jahre auf den Buckel, und wenn er seine Geschichten erzählte, war ich ganz gefesselt. Weil er so viel las, hatte Hans eine sehr gute Allgemeinbildung, von der ich gierig profitierte. Er wies mich in die Gefängnissitten ein und zeigte mir, wie der Alltag hier ablief. Immer wieder riet er mir, ich solle lesen, weil ich so wissbegierig war. „Wissen ist Macht, Gerrit.“ Ich erzählte ihm, dass ich noch nie ein Buch gelesen hatte, dass ich kaum Bildung hatte und nur das Leben auf der Straße kannte. Immer wieder pochte er darauf, dass ich anfing zu lesen, und wollte mich mittags mitnehmen in die Bibliothek, um mich dort zu beraten, welche Bücher für den Anfang in Frage kämen. Manchmal sagte er Sachen wie: „Nicht du suchst ein Buch aus, das Buch sucht dich aus!“ Viele Jahre und hunderte von Büchern später kann ich dieser Behauptung beipflichten… Und so ging ich eines Tages zusammen mit Hans in die Gefängnisbücherei und suchte mir mein erstes Buch aus. „Papillon“ von Henri Carriere. Es ist die Autobiografie eines französischen Kriminellen aus den dreißiger Jahren und spielt in Paris. Henri, Erzähler und Hauptrolle des Buches, erlebt so manches. Er wird, wie er selber behauptet, unschuldig für den Mord an einem Zuhälter verurteilt. Henri wird zu einer lebenslangen Haft in der Strafkolonie auf Französisch-Guayana verurteilt. Zu der Zeit schob Frankreich alle Kriminellen und was dafür gehalten wurde, in die Kolonien ab. Die Lebensumstände waren so schlecht, dass viele schon auf der langen Seereise starben oder aber später in den Baracken an Unterernährung, den Folgen der schweren körperlichen Arbeit oder einer Tropenkrankheit. Einen Namen machte sich Henri durch seine ständigen Fluchtversuche und die extrem schweren Disziplinarstrafen, die er unter unmenschlichen Umständen erduldete. Sein letzter Fluchtversuch war ihm gelungen, und er lebte einige Jahre bei einem Indianerstamm irgendwo in Südamerika. Während des Lesens fragte ich mich, warum er diese Idylle wieder verließ, um in die zivilisierte Welt zurückzukehren. Ich sah nur die romantische Seite der Geschichte. Auch lange, nachdem um 24 Uhr das Licht gelöscht werden musste, las ich weiter. Ich setzte mich auf die Toilette und tat so, als hätte ich Bauchschmerzen, um weiterlesen zu können. Ich bin Hans sehr dankbar, denn so entdeckte ich die Bücher. Die Literatur mit all dem Wissen bot mir die Möglichkeit, der Realität zu entkommen, und so lernte ich – theoretisch – die Welt kennen.
Doch auch die Liebe fürs Lesen konnte mich nicht vor meinem eigenen aufbrausenden und zerstörerischen Temperament beschützen. Weil Hans und ich uns so gut verstanden, redeten wir ununterbrochen und machten viel Unsinn, und das wirkte ansteckend auf die restlichen Häftlinge. An unserem Tisch wurde es immer gemütlicher und voller, so voll, dass der Werkmeister dachte, er müsse eingreifen und uns auseinander setzen. Sofort bekam ich Krach mit ihm und der Wortwechsel eskalierte. Ich hielt das Ganze für Haarspalterei, und seine Argumente hatten in meinen Augen weder Hand noch Fuß. Der Mann regte mich dermaßen auf, dass ich sagte: „Jetzt hör mal zu, du Arschkriecher, ich werde dir einen Grund geben, um mich zu bestrafen.“ Ich stand auf und trat den Kaffeetisch mit allem, was darauf stand, um. Der Mann schaute mich ganz entgeistert an. Als Nächstes schnappte ich mir seinen großen Bürostuhl und schmiss ihn durch das Fenster zu dem Raum, in dem wir unsere Kaffeepause machten. „Und jetzt bist du dran“ rief ich. Er flüchtete in sein Büro und schlug sofort Alarm. Innerhalb weniger Sekunden war der Stoßtrupp da, und ich wurde von sechs Wärtern zu Pavillon 9 abgeführt. Im Aufzug stand ich in ihrer Mitte, und ich konnte spüren, dass sie wahnsinnig viel Lust verspürten, mir gewaltig aufs Maul zu hauen. Ich hielt mich bedeckt, denn bis dahin war noch nichts passiert. Angekommen im Pavillon 9, musste ich mich vor allen Wärtern komplett ausziehen. Wenn ich mich weigerte, würde man mir ein wenig helfen! Nachdem ich mich ausgezogen hatte, wurden alle Körperöffnungen auf Schmuggelware kontrolliert. Ich musste mich sogar vornüberbeugen und meine Arschbacken auseinanderziehen, sodass man mit vereinten Kräften in meinen Anus schauen konnte. Ich glaube nicht, dass sie wussten, welches Privileg das war! Die Demütigung ist kaum zu beschreiben, wenn man diese Prozedur das erste Mal über sich ergehen lassen muss. Scham und Hass wechselten sich ab. Die Scham sollte schnell vergehen, aber der Hass wuchs ins Unermessliche. Ein Wärter schmiss mir Gefängnisunterwäsche vor die Füße. Sehr elegant war sie nicht, saß aber recht komfortabel. Dann, klatsch… wieder vor meinen Füßen, ein Gefängnisoverall ohne Knöpfe, den ich anziehen sollte, und ein paar Plastik-Latschen, bei denen ich mich weigerte, sie zu tragen, weil sie einen bestialischen Gestank verbreiteten. Des Weiteren hatte ich ein Anrecht auf ein Sitzelement, das ich aber nie bekam, und eine Bibel. „Viel Spaß“, sagte einer der Wärter, und die schwere Stahltür wurde mir vor der Nase zugeschlagen. Das Adrenalin schoss immer noch durch meinen Körper, aber da stand ich nun, äußerlich völlig ruhig, aber innerlich kochte ich vor Wut. Das war die härteste Strafe, die dem Direktor zur Bestrafung eines Erwachsenen zur Verfügung stand, und anfangs erkannte ich noch nicht, was die besondere Härte ausmachte. Du stehst da, und eine Weile schaust du nach draußen, verfolgst die Aktivitäten im Industriegebiet, ich nahm die Bilder am Horizont auf und entdeckte jedes Mal etwas Neues. Dann lief ich auf und ab in meiner Zelle… dabei dachte ich an einen dummen Witz. Es ist erstaunlich, wie der menschliche Geist auf die soziale Deprivation reagiert. Wie ich schon erwähnt habe, herrschte in der Isolierzelle absolute Stille; kein einziges Geräusch von außen drang hinein – nichts. Durch die Stille und das Fehlen äußerer Reize hat der Geist freie Bahn, wodurch eine introspektive Selbstanalyse in Gang gesetzt wird. Natürlich wusste ich damals noch nicht, dass man diesen Prozess so nennt. Ich stellte fest, dass mein Geist sich öffnete und anfing, sich selber zu untersuchen. Erinnerungen, von denen ich nicht einmal mehr wusste, dass es sie gab, traten wieder an die Oberfläche wie die sprichwörtliche Büchse der Pandora. Vieles hatte ich verdrängt, und nun standen die Erinnerungen glasklar vor meinem geistigen Auge. Das Kinderheim, die darauffolgenden Jahre in Vrieheide, die Gewalt, die Familiensituation und meine abweichende Erziehung sowie die Inzesterfahrungen durch meinen Halbbruder Janus. 24 Stunden täglich, 14 Tage lang, hatte mein Geist freie Bahn und untersuchte sich selber. Ich hatte das Gefühl, keinerlei Einfluss darauf zu haben und meinen Gehirnaktivitäten wehrlos ausgeliefert zu sein. Wer war ich eigentlich? Aufgewachsen war ich in einem Kinderheim, danach die Grundschule in Nieuw-Einde, meine abweichende Erziehung oder besser gesagt das Fehlen einer Erziehung, die Gewalttätigkeiten, die ich gesehen hatte, die Belästigungen durch Janus. Die Freundinnen, die ich bis dato gehabt hatte, die Freunde, mit denen ich umgegangen war, kurz gesagt alles, was ich bis dahin in meinem kurzen Leben erlebt hatte, waren die persönlichen Ausgangspunkte, die meine Identität geformt hatten. Und das sah nicht gut aus! Vielleicht war das mit Janus meine eigene Schuld? War ich homosexuell und hatte es provoziert? Vielleicht hatte ich es nicht besser verdient; einen Vater hatte ich auch nie gehabt, er fand mich wohl auch nicht der Mühe wert? Und meine Mutter hatte mich auch nie umarmt und mir gesagt, dass sie mich liebt. Nie! Auch nicht, als ich noch klein war! Zuhause in Nieuw-Einde hatte ich immer das Gefühl gehabt, unsichtbar zu sein; keiner nahm Notiz von mir, egal was ich tat.
Читать дальше