Die Arrestzellen lagen auf der zweiten Etage des Polizeibüros, ein langer Gang mit Zellen an beiden Seiten und einem ca. 120 cm hohen Schrank in der Mitte über die gesamte Länge. Um auch Personen mit einer Phobie gegen geschlossene Räume unterbringen zu können, gab es eine Zelle mit einer gläsernen Tür. Als ich hinaufgebracht wurde, sah ich dort im Vorbeigehen eine blonde Frau in der Ausnüchterungszelle sitzen. Durch den Schrank in der Mitte von ihr getrennt, schloss man mich in die Zelle direkt gegenüber ein.
Unser Essen wurde mit einer Abdeckung aus Metall serviert, die ich benutzte, um eine Schraube aus der Freisprechanlage zu montieren. Aus dem Verhörraum hatte ich ein Gummiband mitgenommen, das ich an der Schraube befestigte. Damit schoss ich den Spion meiner Tür kaputt, pulte das Glas heraus und rief der Frau zu: „Hey, ich kann dich sehen!“ Sie glaubte mir nicht, und deshalb rief ich: „Halte ein paar Finger hoch.“ Fehlerfrei nannte ich ihr die Anzahl der gezeigten Finger, und als sie überzeugt war, rief ich: „Zeig mir deine Titten!“ – „Idiot, du hast sie doch nicht alle, ich habe einen Freund.“, rief sie zurück. Gleichzeitig legte sie ihren Zeigefinger auf den Mund, um mir verständlich zu machen, dass ich still sein solle. Sie öffnete ihren Overall, und heraus quollen ein paar gewaltig große Titten mit großen rosafarbenen Nippeln. Natürlich wollte ich mehr und sagte: „Über dir befindet sich ein Gitter, zieh dich daran hoch.“ Sie verstand sofort, was ich wollte, ließ ihren Overall fallen und zog sich splitternackt an dem Gitter hoch. Ganz uncharmant stemmte sie ihre viel zu großen Füße gegen die Glastür und gönnte mir die Aussicht auf ihre dichtbehaarte Weiblichkeit. Dort blieb sie gerade lang genug hängen, damit ich mein eigenes Geschäft erledigen konnte. Als ich fertig war, musste ich lauthals lachen. „Wieso lachst du?“, fragte mein Nachbar. Ich nannte ihm den Grund, legte das Gummiband für ihn zurecht, und in den kommenden Tagen lachten wir zusammen. Wie sich herausstellte, handelte es sich um einen alten Bekannten. Freek, der es bei der Sache mit dem Käfer und dem Knie für meine Mutter aufnehmen wollte. Später erzählte er meiner Mutter, dass er noch nie im Leben so viel Spaß in der Zelle auf dem Polizeirevier gehabt hatte!
Wieder musste ich an Janus denken. Hätte er nur seinen Mund gehalten! Nun hatten wir beide ein Ticket ohne Rückfahrt für die U-Haftanstalt Maastricht, in der wir bis zur Gerichtsverhandlung bleiben würden. Das Prozedere verläuft so, dass nach dreimal 30 Tagen Haft die Verhandlung stattfindet. Der Staatsanwalt verliest die Anklageschrift und hält sein Plädoyer. Im Anschluss daran erfolgt nach einer Frist von 40 Tagen der Urteilsspruch des Richters. Ich war nun schon das zweite Mal in Haft, saß aber immer noch in der Zelle auf dem Revier. Das erste Mal wegen der Sache mit dem Juwelier und jetzt das. Ich nahm es gelassen, das Essen war ganz gut, und ich schlief viel. Dann brachte mich der Gefangenentransportbus in die U-Haftanstalt Maastricht. Es war das erste Mal, dass ich in ein richtiges Gefängnis kam, und ich war schwer beeindruckt. Die U-Haftanstalt Maastricht war ein modernes Gebäude, wie ein Hochhaus, und hatte neun Etagen. Mit unserem Bus fuhren wir in das vollautomatische Schleusensystem, bei der die zweite massive Stahltür sich erst öffnete, wenn die erste geschlossen war, und überall hingen Kameras und Stacheldraht. Alles war super gesichert. Neugierig wartete ich, was passieren würde. Einer nach dem anderen wurden wir aus dem Bus heraus in eine kleine Zelle gelotst, von dort aus weiter zum Bademeister, bei dem wir uns ausziehen mussten und alles gründlich nach Waffen und Drogen durchsucht wurde. Ich bekam einen Plastikkorb mit Wäsche. und unter Aufsicht führte man mich in einen großen Aufzug. Die Türen wurden von außen verschlossen, und so rauschte ich wie Fisch in Dose zum Pavillon Nummer 6. Die Pavillons 6 und 7 waren die Abteilungen für die Neuzugänge. Nach einer 14-tägigen Beobachtungsdauer sollte ich von hier aus in die für mich am besten geeignete Abteilung wechseln. Ich bekam eine Zelle zugewiesen. „Mach dein Bett. Ich komme später wieder für ein Aufnahmegespräch.“, brummte der Wärter gefühllos. Klack, klack, die Tür wurde verschlossen, und da stand ich mit meinem gelben Wäschekorb aus Plastik. Ich sah mich um, und detailliert nahm ich die Zelle in mich auf. Es war ein ziemlich neues Gebäude und entsprach so gar nicht dem, was ich eigentlich erwartet hatte. Das hier ähnelte eher einem Hotelzimmer. Ich hatte ein Fenster, ca. 1 m², mit richtigen Gardinen. Die Aussicht war genial, und in der Ferne sah ich das Stadtzentrum von Maastricht. Unten beobachtete ich einige Häftlinge bei ihrem täglichen Hofgang. An der Wand hing eine Freisprechanlage für den Fall, dass man einen Wärter brauchte. Außerdem zwei Radiosender mit akzeptablem Klang und last but not least meine eigene Toilette mit einem kleinen Waschbecken, ein Einzelbett, ein Tisch mit zwei Stühlen, von denen einer zum Essen und der andere als bequemer Stuhl gedacht war, ein Wäscheschrank und ein Hängeschrank, ein Mülleimer, Kehrblech mit Feger und ein Aufnehmer. Die Stahltür hatte ein Guckloch, ca. 10 x 10 cm groß. Ich machte mein Bett und setzte mich an den Tisch. Gedankenverloren starrte ich aus dem Fenster, es war 1980, und vor ein paar Monaten war ich 16 Jahre alt geworden… Klack, klack, die Tür wurde so abrupt geöffnet, dass ich erschrak. Ja, daran musste ich mich erst gewöhnen. Mit einem dicken Stapel Unterlagen in der Hand kam der Wärter herein, setzte sich und fing an, seine routinemäßige Litanei über das Wie und Was in der Anstalt runterzubeten. Er überreichte mir ein Heft mit Regeln, an die ich mich zu halten hatte. Die seltsamste Regel war, dass ich morgens um 7 Uhr geweckt wurde. Um 8 Uhr sollte ich angezogen meinen Kaffee oder Tee mit Brot in Empfang nehmen. „Und dann?“, fragte ich. „Und dann nichts. Du wartest, bis es Abend wird, um 20 Uhr darfst du dich dann wieder schlafen legen.“ Man durfte also den ganzen Tag nicht auf dem Bett liegen! Ob ich alles verstanden hätte, und wenn nicht, durfte ich jederzeit nachfragen. „Versuch das Beste daraus zu machen, Junge.“ Klack, klack, und weg war er. Damals schlief ich noch wie ein Bär; sobald ich meinen Kopf auf das Kissen legte, war ich eingeschlafen.
Tag 1, sieben Uhr, klack, klack… die Tür ging auf, und gleich zu dritt standen sie vor meiner Tür. „Guten Morgen!“ Nun wurde von mir erwartet, dass ich aufstand, aber stattdessen blieb ich liegen und schlief wieder ein. Um acht Uhr standen sie wieder vor meiner Tür. „Hey, was ist das denn?“ – „Wie, was ist das?“, gab ich zurück. „Los, aufstehen. Das ist ein Regelverstoß, um 8 Uhr muss das Bett gemacht sein!“ „Ja. und dann“, sagte ich „vorläufig gehe ich nirgendwo hin, und was Besseres zu tun habe ich auch nicht, muss ich den ganzen Tag auf dem Stuhl sitzen und warten, bis es 8 Uhr abends ist?“ – „Ja, genau“, sagte einer der Wärter. „Setz dich doch selber auf den Stuhl, du Idiot“, dachte ich, und kaum hatte er sich umgedreht, war ich schon wieder eingeschlafen. 10 Uhr, klack, klack. „Wie, du liegst immer noch im Bett, raus jetzt oder du bekommst einen Rapport.“ – „Ein Rapport, werde ich dann auch versetzt?“, fragte ich scherzend. In der Schule hatte ich nie einen Rapport bekommen, aber hier sollten Rapports am laufenden Meter für mich geschrieben werden. Jeder Regelverstoß wurde rapportiert, anschließend musste man zum Direktor, der dann eine Disziplinarstrafe verhängte. Das Maximum waren 14 Tage in der Isolierzelle. Die Isolierzelle war ein ca. 3,5 x 2,5 Meter großer Raum, in einer Ecke hing festzementiert an der Wand eine Toilette aus rostfreiem Stahl, außerdem gab es zwei schmale, kugelsichere Fenster mit doppelter Isolation. Die Decke des Raums war eine Stahlplatte mit vielen kleinen Löchern, die, wenn ich auf dem Rücken lag, vor meinen Augen ineinander verschwammen. Dort herrschte absolute Stille; kein einziger Laut von außen drang hinein. Es dauerte nicht lange, bis die Strafzellen mein Zuhause wurden. Meine ganze Jugend sollte ich hier verbringen, mich selber verlieren in dieser Stille, und Jahre später würde ich mich auch genau in dieser Stille wiederfinden. Es dauerte nicht lange, und ich geriet mit den Wärtern aneinander. Noch nie in meinem Leben hatte mir jemand Vorschriften gemacht, und hier in dieser Anstalt wurde jede Minute von Regeln diktiert. Das gefiel mir natürlich gar nicht, und das wiederum führte zu ständigen Konflikten mit den Wärtern. Ich war ein 16-jähriger Rotzlöffel und hatte keinerlei Respekt vor Autorität, aber das würde man mir hier wohl oder übel schon beibringen. „Ihr hirnamputierten Volltrottel könnt mich doch allemal kreuzweise“, dachte ich. „Wir werden noch sehen, wer hier den längeren Atem hat.“ Der Ton war gesetzt und der Ärger vorprogrammiert. Es dauerte keine Woche, und ich bekam den ersten Rapport. Ich hatte unerlaubt auf dem Bett gelegen und das Personal beleidigt. Man brachte mich zum Direktor, was mich aber auch nicht beeindruckte.
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