„Nein, nein, das ist viel zu kompliziert“, sagt Golinas Vater. „Ihr müsst ihn Bendo nennen, so wie sein Großvater.“
„Aber dann wissen wir doch gar nicht, wer gemeint ist, wenn jemand Bendo ruft“, widerspricht Willert.
„Dann geben wir ihm eben einen Namenszusatz. Zum Beispiel Bendo, der Kleine. Und ich bin dann Bendo, der Große. Das wäre doch gut!“
„Bendo, der Große!“, sagt Golinas Mutter Agia. „Das könnte dir so passen!“
„Vielleicht könntet ihr ihm einen der Namen geben, die die Fremden verwenden“, schlägt Willert vor. „Wie wäre es zum Beispiel mit Karl? So hieß der Fremde, den ich vor langer Zeit getroffen habe. Das ist jedenfalls schön kurz.“
„Karl? Was ist denn das bitte für ein blöder Name?“, fragt Ruuna.
„Ich meine ja bloß.“
„Wie wäre es, wenn wir mal die Eltern fragen würden, was sie sich gedacht haben“, schlägt Agia vor.
„Gute Idee“, stimmt Porgo zu. „Was denkst du, Primo? Wie wollt ihr euren Sohn nennen?“
Primo blickt verunsichert zu Golina.
Die zuckt nur mit den Schultern. „Ich weiß nicht genau“, sagt sie. „Ich dachte vielleicht an Minus.“
„Minus?“, fragt Primo überrascht.
„Gefällt er dir nicht?“
„Ich weiß nicht ... das ist, äh, etwas ungewohnt.“
„Ich kannte mal einen Minus“, erinnert sich Bendo. „Der war ziemlich dumm. Ist in die Schlucht gefallen und wurde von Nachtwandlern gefressen.“
Golina erschrickt sichtlich.
„Bendo!“, schimpft ihre Mutter. „Wie kannst du so etwas sagen!“
„Ich mein ja bloß. Kann aber auch sein, dass der anders hieß. Malus oder Bonus oder so ähnlich. So genau weiß ich das nicht mehr.“
„Minus, das klingt so ähnlich wie Mina, die Katze“, gibt Margi zu bedenken.
Sie überlegen eine Weile hin und her, doch egal, welchen Namen einer der Freunde vorschlägt, sofort haben die anderen etwas daran auszusetzen.
Schließlich hat Primo eine Idee. „Warum fragen wir den Kleinen nicht einfach selbst?“, schlägt er vor. „Sag mal, Kleiner, wie möchtest du denn heißen?“
Primos Sohn sieht ihn mit großen Augen an. „Nano?“, macht er.
„Nano ...“, wiederholt Primo nachdenklich. „Gar nicht mal schlecht!“
„Das ist hübsch“, stimmt Golina zu und lächelt.
„Also, wenn niemand etwas dagegen hat, dann nennen wir ihn Nano!“, entscheidet Primo. „Und wenn doch, ist es mir auch egal.“ Er nimmt Golina seinen Sohn aus dem Arm und drückt ihn an sich. Es fühlt sich merkwürdig an, so ein kleines, lebendiges Wesen in seinem Arm zu halten.
„Nano!“, sagt Primo.
„Babba!“, macht der Kleine und legt seine kurzen Ärmchen um Primos Hals.
Primo wird auf einmal ganz warm ums Herz. Ein seltsames Gefühl ist es, plötzlich Vater zu sein. Seltsam, aber schön.
4. ... Vater sein dagegen sehr.
Die nächste Frage ist, wo die junge Familie nun wohnen soll.
„Bei uns im Wald natürlich!“, sagt Ruuna. „Da gibt es viel frische Luft und wundervolle Giftpilze, und ...“
„Kommt überhaupt nicht infrage!“, widerspricht Agia. „Das Kind braucht eine vernünftige Umgebung, damit es nicht auf dumme Gedanken kommt.“
„Was meinst du denn damit?“, fragt Ruuna beleidigt.
„Ich finde auch, dass er hier im Dorf aufwachsen sollte“, sagt Primo schnell. „So wie Golina und ich.“
„Na gut, wenn ihr meint“, erwidert die Hexe und schmollt.
„Ihr könnt hier bei uns wohnen“, schlägt Bendo vor.
„Wäre es nicht ein bisschen eng zu fünft in diesem Haus?“, fragt Porgo. „Drüben bei mir, da wären wir nur zu viert.“
„Ja, aber dein Haus ist kleiner als unseres!“
Golina und Primo sehen sich an. Beiden ist klar, dass Porgo und Golinas Eltern ihren Enkelsohn gern jeweils in ihrem Haus haben möchten. Aber allen kann man es nun mal nicht recht machen. Primo denkt eine Weile darüber nach, dann kommt ihm eine Idee. „Wie wäre es, wenn Golina zu mir in unser Haus zieht und du, Vater, ziehst dafür zu Bendo und Agia? Dann hätten wir alle genug Platz.“
Porgo lacht. „Und ihr beide hättet ein Haus für euch allein und Ruhe vor den Großeltern! Ehrlich gesagt finde ich den Vorschlag nicht schlecht. Was denkt ihr, Bendo und Agia? Würdet ihr es mit mir aushalten?“
„Ich finde ja immer noch ...“, grummelt Bendo, aber seine Frau überstimmt ihn einfach. „Aber natürlich, lieber Porgo. Du wärst uns herzlich willkommen.“
So ist es beschlossen. Am nächsten Morgen statten Primo und Golina Primos Elternhaus mit einem kleinen Bettchen für Nano aus und entfernen alles, was nicht kindgerecht ist, wie zum Beispiel Schmiedehämmer, Äxte, Eisenbarren und ähnliches. Ruuna schenkt den beiden zum Einzug einen Topf mit herrlich roten Giftpilzen, den Primo rasch und unauffällig oben auf einem hohen Regal platziert.
Golina weist auf die große, schwarze Endertruhe neben Primos Bett. „Was ist damit? Besonders hübsch ist sie nicht. Wollen wir die nicht auch lieber rausbringen?“
Primo erinnert sich daran, wie die Endermen die Dinge in die Truhe gelegt haben, die er brauchte, um ins Ende zu gehen und das Drachenei an seinen Bestimmungsort zurückzubringen.
„Die Endertruhe? Nein. Sie ist sehr schwer. Ich weiß nicht, ob man die überhaupt transportieren kann. Außerdem weiß man nie, vielleicht brauchen wir sie noch einmal. Und wertvoll ist sie bestimmt auch.“
Golina rümpft die Nase, sagt aber nichts weiter.
Nachdem das neue Heim vorbereitet ist, versammeln sich alle in der Kirche, um dem kleinen Nano offiziell seinen Namen zu verleihen. Primo und Golina dürfen heute ausnahmsweise ganz vorn direkt vor dem Priester stehen, der in einer Hand einen Glaskolben mit „Heiligem Wasser“ hält, das er vorher aus dem Fluss abgefüllt hat.
„Im Namen Notchs, unseres Schöpfers, und in meiner Weisheit und Güte als Oberster Hohepriester von Allen ...“
„Bla, bla, bla, ...“, macht Nano, den Primo auf dem Arm hält. Einige Dorfbewohner kichern.
„Psst!“, zischt Birta, die neben Magolus steht, und wirft Primo einen bösen Blick zu.
„Also, wie ich schon sagte“, fährt der Priester fort, „in meiner Weisheit und Güte ...“
„Blabbl blabbl bla!“, gluckst Nano vergnügt.
„... als Oberster Hohepriester von Allen ...“
„Ga! Gaga!“
„... taufe ich dich hiermit auf den Namen ‚Nano‘!“
Magolus gießt etwas Wasser über den Kopf des Kleinen, was dieser mit einem schrecklichen Gebrüll quittiert. Es gelingt Primo und Golina kaum, ihn zu beruhigen.
„Ist wohl etwas wasserscheu, der Kleine“, kommentiert Porgo, als sie kurz darauf aus der Kirche kommen.
„Ganz der Vater!“, behauptet Kolle.
„Was? Ich bin doch nicht wasserscheu!“
„Nein, aber du hast Magolus‘ Predigt auch immer gestört“, sagt Porgo. Alle lachen.
Die nächsten Tage werden ziemlich anstrengend für Primo, denn der Kleine erweist sich als äußerst neugierig. Er klettert unter das Bett und auf den Tisch, versucht, in den Ofen zu kriechen, in dem Golina ein Brot backt, jagt Hühner quer durchs Dorf und ist nur mit Mühe davon abzuhalten, im Fluss zu ertrinken, auf Nimmerwiedersehen in der Höhle unter dem Dorf zu verschwinden oder in die Schlucht zu stürzen. Sobald man ihn auch nur für eine Sekunde aus den Augen lässt, rast er auf seinen winzigen Beinchen davon, um sich irgendwo in Gefahr zu bringen.
Ganz besonders die Kreisbahn hat es dem Kleinen angetan. Sobald er sie sieht, will er hinlaufen und mitfahren. Primo hält ihn am Arm fest und versucht, ihm zu erklären, dass die Bahn gefährlich ist.
„Fäli?“, fragt Nano.
„Ja, die Kreisbahn ist gefährlich!“
„Eibah! Nano Eibah pielen!“
„Nein, du kannst nicht mit der Kreisbahn spielen!“, stöhnt Primo. „Wie gesagt, die Kreisbahn ist gefährlich!“
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