Mit einem kurzen Blick in den Rückspiegel, richtet sie ihre Frisur und schärft dann den Blick, als sie glaubt eine Rakete auf sich zurasen zu sehen. Sie kann grade noch zur Seite blicken, als ein schwarzer Blitz an ihr vorbeirast. Schnell blickt sie auf das Kennzeichen.
»Fuck! Muss ich denn wirklich in jede Scheiße greifen, die sich in meiner Nähe befindet??«, stöhnt sie genervt über das Kennzeichen -Jules-.Sie weiß ganz genau, dass sie nicht anders kann, als den Wagen zu verfolgen. Egal ob Matt auf sie wartet oder nicht. Sie muss da hinterher.
Somit greift sie unter ihren Sitz, holt das Blaulicht heraus, steckt es auf die kleine Vorrichtung auf dem Armaturenbrett und gibt Vollgas. Ihr Auto bricht mit lautem Sirenengeheul aus der Autoschlange vor der Ampel und nimmt die Verfolgung auf. Warnend blinken die Scheinwerfer. Sie steuert den Wagen laut heulend durch die Straßen, bis sie merkt, dass der Fahrer des gestohlenen Bentley sie entdeckt hat und plötzlich Gas gibt.
»Umso besser, dann macht das Ganze noch mehr Spaß«, grinst Neve, öffnet während der Fahrt das Handschuhfach um das Funkgerät herauszuholen und der Zentrale zu melden, dass sie die Verfolgung für den Bentley aufgenommen hat. Auf einmal biegt der Wagen scharf nach rechts in eine Seitenstraße ein. Vor Schreck lässt Neve das Funkgerät fallen.
»Wow, nicht so schnell mein Lieber!«, lacht sie, zieht die Handbremse, reißt das Lenkrad zuerst nach rechts, dann nach links und rast in die Seitenstraße hinein.
»So nicht« Sie ahnt wo der Wagen am Ende herauskommen wird. Somit quält sie die neuen Reifen nach links, gibt in einer noch engeren Gasse Vollgas und genießt den rasanten Fahrtwind in den Haaren. Am Ende der Gasse schießt sie regelrecht auf die Hauptstraße heraus, fährt nach rechts und bremst direkt vor der Ausfahrt der Seitengasse scharf ab. Sie weiß genau, dass dort der Bentley herauskommen wird, denn es gibt keine andere Fluchtmöglichkeit.
Kaum steht ihr Wagen, hört sie auch schon die Reifen des Bentley laut quietschen. Mit einer Vollbremsung kommt er nur einen Meter vor ihrer Beifahrertür zum Stehen. Sitzend zieht Neve ihre Waffe aus dem Holster und richtet sie auf die Windschutzscheibe des Fahrzeuges.
»S.F.P.D. !! Aussteigen!!«, brüllt sie. Sie lässt das Fahrzeug nicht aus den Augen, als sie aus ihrem Wagen aussteigt und dahinter stehen bleibt, um halbwegs geschützt zu sein.
»Hände aus dem Fenster und aussteigen!!!«, befiehlt sie in einem scharfen Ton und beobachtet den Wagen, der regungslos und mit laufendem Motor vor ihr steht. Weil die Häuser um sie herum kaum Licht in die Gasse lassen, hat sie arge Probleme zu erkennen, wer sich hinter dem Steuer befindet. Nicht ein Lichtstrahl fällt in das Auto. Das erschwert natürlich zusätzlich, dass sie nicht sieht, ob der Fahrer eventuell eine Waffe trägt.
»Aussteigen!!«, brüllt Neve erneut. Sie hört wie bei dem Bentley ein Gang eingelegt wird. Im selben Moment gibt der Fahrer Gas und fährt mit durchdrehenden Reifen nach hinten.
»Stehen bleiben!!!«, schreit Neve und feuert zielsicher einen Warnschuss auf den rechten Scheinwerfer, der durch den Aufprall der Kugel zerspringt. Schlagartig tritt der Fahrer auf die Bremse.
»Aussteigen habe ich gesagt!!!« Konzentriert kontrolliert Neve die Situation und sieht, wie beide Türen des Fahrzeuges gleichzeitig aufgehen.
»Ganz langsam und keine falsche Bewegung!!!« In dem Moment in dem Sam auf der Fahrerseite und Laura auf der Beifahrerseite aussteigt, glaubt Neve ihren Augen nicht zu trauen. Auf einmal hat sie das Gefühl, keine Luft mehr zu bekommen. Ihr Herz krampft schmerzhaft.
»Sam!! Sie ist ein verdammter Bulle!!«, kreischt Laura. Mit einem, auf Laura, gerichteten scharfen Blick, haut Sam auf das Autodach.
»Halt die Klappe!!«
»Das glaube ich jetzt nicht«, stottert Neve fassungslos und fühlt nichts anderes als vollkommene Leere in ihrem Kopf, bis unglaubliche Wut in ihr aufsteigt.
»Seid ihr denn des Wahnsinns?? Ich hätte euch verletzen oder sogar töten können!! Ihr seid ja völlig bescheuert!!«, brüllt sie durch die ganze Gasse, während Sam langsam auf sie zugeht.
»Sam, was soll die verdammte Scheiße?«, keift Neve erschüttert.
»Sam, du weißt dass sie ein Bulle ist??«, schreit Laura und reizt die eh schon angespannte Stimmung noch mehr.
»Halt endlich deine Klappe!!«, brüllt Sam zurück und bleibt unmittelbar vor Neves Wagen stehen, die ihre Waffe noch immer auf sie richtet.
»Neve, bitte. Ich weiß, dass das hier jetzt echt scheiße für dich aussieht, aber bitte glaube mir! Jedes einzelne Wort auf der Karte ist mein voller Ernst!!« Sam blickt Neve bittend und eindringlich an, während in Neve nur noch rasende Wut tobt.
»Wie soll ich dir denn glauben??«, schreit sie verzweifelt.
»Wie zum Teufel, soll ich dir denn jemals glauben und vertrauen, wenn du so eine beschissene Scheiße abziehst?!«, brüllt sie, wird dann aber ruhig.
»Haut ab!! Verschwindet!!!«
»Neve, bitte lass mich das erklären! Ich musste diesen Job machen weil…!!«
»Ich will kein Wort mehr von deinen scheiß Lügen hören! Haut ab bevor ich mich vergesse!« Es dauert etwas bis Sam rückwärts zum Bentley zurückgeht und Neve dabei die ganze Zeit in die Augen blickt. Neve verfolgt mit einem hasserfüllten Blick jede ihrer Bewegungen.
»Ich liebe dich!«, ruft ihr Sam zu, als sie in den Bentley steigt, den Motor anlässt und rückwärts die Seitenstraße zurückfährt.
»Verdammte Scheiße! Das kann doch alles nicht wahr sein!«, brüllt Neve durch die ganze Straße, schleudert ihre Waffe in den Wagen und tritt mit aller Gewalt gegen einen Reifen.
Mit einem Grund mehr wütend auf Matt zu sein, steht Neve vor seiner Haustür und klopft gegen das Holz. Es dauert nicht lange, bis diese geöffnet wird und A.J. sie ausdruckslos anschaut. Wortlos geht sie an ihm vorbei und will das Haus betreten, als er einen Arm vor ihr ausstreckt und sie wie eine Schranke auf ihrem Weg aufhält. Neve blickt auf seine ausgestreckte und flache Hand. Sie weiß was er will. Sie greift sich an den Rücken, holt ihre Waffe heraus und legt sie wortlos auf dieses große Tablett von Hand. Herr Gott, von dem möchte sie keine gepfeffert bekommen. Danach ist sicherlich nichts mehr an dem Platz, wo es hingehört. Als sie den nächsten Schritt machen will, dringt ihr A.J.´s tiefe Stimme ins Ohr.
»Die andere auch.« Neve blickt zu ihm hoch, zieht eine Augenbraue nach oben und grinst sarkastisch. Er hat es nicht vergessen. Sie hebt ihr linkes Bein, holt die zweite Waffe unter der Jeans hervor und legt diese ebenfalls in seine Pranke. Super, nun ist sie dem Eisbrecher von A.J. und Matt vollkommen schutzlos ausgeliefert. Aber egal, sie hätte ja auch gar nicht hierher kommen müssen.
Wortlos führt A.J. sie durchs Haus, welches sie nicht eine Sekunde beachtet. Sie ist einfach nur noch angespannt und will am liebsten wieder weg.
Nachdem sie mehrere Türen passiert haben, klopft A.J. an eine große und öffnet diese gleich darauf. Er tritt ein, worauf Neve ihm geräuschlos folgt, bis ihr Blick zu Matt fällt, der in einem riesigen Wohnzimmer an einem Billardtisch steht und eine Kugel über den Filz flitzen lässt. Er blickt hoch und lächelt, als er Neve erkennt. Ok, wo sind seine zwanzig Untertanen die sich hier versteckt haben? Dieses freundliche Lächeln meint er doch nicht wirklich ernst, oder?
Matt legt den Queue auf den Tisch und geht direkt auf Neve zu.
»Schön, dass du es einrichten konntest«, begrüßt er sie und reicht ihr die Hand. Neve zögert etwas bis sie ihm auch ihre reicht und ihn argwöhnisch im Auge behält. Zu Recht, denn er hält ihre Hand fest, greift an ihre Jacke und zieht erst die eine und dann die andere Seite etwas auseinander, um sich ganz sicher zu sein, dass A.J. nicht doch noch etwas übersehen hat. Danach blickt er zu seinem Kumpel und nickt wortlos. Dieser dreht sich auf der Stelle um und verlässt das Zimmer.
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