Als er an seiner Haustür den Briefkasten öffnete, fand er darin das Schreiben des Labors. Nun hatte er es schwarz auf weiß. Seine Blutzuckerwerte waren nicht in Ordnung, jedenfalls nicht so, wie sie es hätten sein sollen. Es war von Anfangsverdacht auf Diabetes mellitus die Rede. Probates Gegenmittel: mehr körperliche Bewegung, weniger Kohlenhydrate, runter vom Übergewicht.
Er nahm den kleinen Knubbel aus dem Versteck, das sich Lin in seiner Wohnung eingerichtet hatte, hielt sein Feuerzeug kurz drunter, um das Klümpchen Schwarzer Afghane zu erwärmen , dann bröselte er es ab und mischte es mit Tabak. Es lag gut dreißig Jahre zurück, dass er sich das letzte Mal einen Joint gebaut hatte. Ob er das Zeug überhaupt noch abkönnte, würde sich in wenigen Minuten herausstellen. Jetzt war ihm aber danach zumute.
Er entdeckte auf einem kleinen Beistelltisch, der neben der Le Corbusier-Liege stand, die hauptsächlich Lin benutzte, wenn sie Bücher las, einen Studienratgeber, der das Thema Rechtsmedizin behandelte. Robert machte es sich auf der Liege bequem, zündete sich seinen Joint an und begann in der Broschüre zu blättern.
Lins Beruf war durch einige TV-Serien, besonders in letzter Zeit, überaus populär geworden. Neuerdings wurde ihr verantwortungsvoller Job sogar als eine Art Modeberuf angesehen. Das Rechtsmedizinische Institut arbeitete eng mit der Medizinischen Fakultät der Universität Oldenburg zusammen. Vermutlich wurde diese Broschüre deshalb herausgegeben, um dem TV-verzerrten Berufsbild entgegenzuwirken, denn es passierte nicht selten, dass Lin mit Medizinstudenten zu tun hatte, die eine Famulatur oder ein Praktikum im Institut absolvieren wollten. Nicht wenige Studenten verabschiedeten sich bereits nach den ersten Probestunden aus dem Sektionssaal und damit auch von ihrem Traumberuf; oder sie klappten schlichtweg zusammen, weil sie allein schon die penetranten Gerüche abschreckten. Die meisten der zukünftigen Humanmediziner schienen, Lins Meinung nach, jedenfalls nicht in der Lage zu sein, Fiktion und Realität klar und deutlich voneinander unterscheiden zu können.
Die Bezeichnung Forensik umfasst ganz unterschiedliche wissenschaftliche Arbeitsfelder, die sich einerseits mit dem Aufarbeiten, Analysieren oder der Rekonstruktion krimineller Handlungsabläufe beschäftigen. Dazu zählen auch Teilgebiete der Traumatologie, der forensischen Psychologie und der Psychiatrie. Andererseits befasst sich dagegen die klassische Rechtsmedizin hauptsächlich mit körperlichen Verletzungen an Leichen, Leichenteilen oder mit aufgefundenen und sichergestellten Insekten in oder auf Leichen. Sie versucht wissenschaftlich, von diesen Tatsachen ausgehend, auf die entsprechenden Todesumstände Rückschlüsse zu ziehen. Im Bereich der forensischen Psychiatrie dagegen werden Straftäter hinsichtlich des Grades ihrer Gefährlichkeit und der Schuldfähigkeit eingeschätzt. Alles in allem, ein ziemlich weites Feld - und ganz bestimmt kein Betätigungsfeld für medizinstudierende Weicheier, wie Lin immer wieder bemerkte.
Er hatte großen Respekt vor ihrer Arbeit. Aber allein schon der Geruch von Desinfektionsmitteln oder Formalin löste in ihm einen kalten Schauder mit Gänsehauteffekt aus. Er zählte sich selbst, ohne Umschweife oder lächerliche Ausreden, ganz eindeutig zur Fraktion der Weicheier.
Robert ging jetzt mehrmals täglich mit dem Hund der älteren Dame spazieren, die direkt unter ihm wohnte. Sie hatte ihn angesprochen und gefragt, ob er dem Tier etwas zusätzlichen Auslauf verschaffen könne, da sie selbst nicht mehr so »flink op de Fööt« sei. Robert kümmerte sich gern darum. Er nutzte auch die Zeit, um sich intensiver als zuvor um seine Mutter zu kümmern, die ganz in der Nähe wohnte. Rixte war mit ihren über neunzig Jahren noch recht gut beieinander, brauchte aber ab und an vor allem Unterhaltung. Einmal am Tag triumphierte in ihr das Verlangen, zu tratschen. Auf diese Weise erfuhr er meist, was sich so alles im Ziegelhofviertel zugetragen hatte oder vorgefallen war. Manchmal besuchte ihn auch sein Assistent. Jan Onken war der einzige Kollege, den er sehen wollte. Sie verstanden sich auch privat sehr gut.
Manchmal, beim morgendlichen Blick in den Badezimmerspiegel, empfand er sich selbst als einen eher zufällig übrig gebliebenen Retro-Veteran, als Rhythm & Blues-Saurier; und wäre er damals in den 70ern nicht bei den Bullen gelandet, hätte aus ihm vielleicht sogar ein einigermaßen passabler Musiker werden können. Die Betonung lag auf ‚hätte‘, das wusste er selbst am besten. Einer alten »Flying Gibson«, die jahrelang nahezu unberührt in irgendwelchen Zimmerecken herumgestanden hatte, versuchte er nun sogar wieder ab und an schräge Klänge und runde Bluesakkorde abzuringen. Auch wenn seine Fingerspitzen inzwischen viel zu taub geworden waren, so hatte er doch endlich wieder damit angefangen, auf dem Instrument zu spielen. Und es funktionierte wesentlich besser, als er es zunächst für möglich gehalten hatte. Für den Hausgebrauch reichte es. Immerhin.
Der Böschung am Bahndamm hatte er sich zumindest schon seit einigen Wochen nicht mehr genähert. Zu oft hatte er versucht, die genaue Abfolge der Handlungen des Snipers zu rekonstruieren. Aber die Aneinanderreihung von nicht zueinanderpassenden Akkorden führte nun mal zu nichts. Das hatte er endlich begriffen. Oder aber der richtige Moment dafür war noch nicht gekommen.
Seit dem Attentat waren bereits Monate vergangen, trotzdem herrschte in der Polizeiinspektion noch immer ein ungutes Gefühl, das zwischen Zweckoptimismus und Resignation pendelte. Auf der 5. Etage war noch immer die Führungsposition der beiden Fachkommissariate 1 & 2 unbesetzt. Beide Abteilungen wurden, nachdem der bisherige Chef in den vorzeitigen Ruhestand versetzt worden war, vom Zentralen Kriminaldienst übergangsweise geleitet. Die Ermittlungen waren mit Roberts Beurlaubung nahezu zum Erliegen gekommen. Die plötzlich aufgetauchte Anwesenheit eines Snipers hatte bei der Bevölkerung Angst und Schrecken erzeugt. Ein kaltblütiger Auftragsmord passte einfach nicht ins scheinbar friedliche Bild der Oldenburger. Eine Art Schockstarre hatte sich auch bei den Beamten ausgebreitet, aus deren Umklammerung sie sich nur mühsam befreien konnten. Von offizieller Seite sprach der PD Oldenburg lediglich von strukturellen Maßnahmen, die innerhalb der beiden Fachkommissariate dringend erforderlich wären. Tatsächlich suchte Polizeipräsident Joachim Radunski nach einem neuen Kripo-Chef, der geeignet wäre, den Laden wieder auf Vordermann zu bringen. Als Robert von einer Sekretärin in das Büro des Polizeipräsidenten geführt wurde, war er nicht sonderlich überrascht.
Der Raum war riesig. Ein Metallschreibtisch prangte wie ein Ausstellungsstück auf einer Designmesse vor einem Panoramafenster, das mit Lamellenjalousien automatisch auf die einfallenden Lichtverhältnisse reagierte. Der Ausblick aus dem obersten Stockwerk des ehemaligen Regierungsgebäudes verlieh dem Büro zusätzlichen Glanz; man sah direkt auf den Kaiserteich und das umliegende Dobbenviertel. In einer Ecke neben dem Panoramafenster befand sich eine Garnitur mit Drehstühlen, alle mit sehr hochwertigen Lederbezügen. In deren Mitte ein kleiner runder Rauchertisch mit Edelholzintarsien. Alles wirkte sehr nobel. Roberts Blick blieb jedoch an einem gerahmten Foto an der Wand hängen. Es zeigte Joachim Radunski, leger in Freizeitkleidung und Golfutensilien. Das Bild war sicher schon vor ein paar Jahren aufgenommen worden. Neben Radunski war ein ehemaliger niedersächsischer Ministerpräsident zu erkennen, der inzwischen auch als Bundespräsident gescheitert war. Wahrscheinlich eine persönliche Erinnerung an alte glanzvolle Zeiten. Radunski stemmte sich vom Sitz hoch. Der Mann war dick, fast breiter als hoch. Sein Teint war teigig, er hatte erstaunte braune Augen, eine winzige, kindliche Nase und schütteres Haar. Er kam auf Robert zu und strahlte ihn mit seinem besten Fernsehlächeln an. Seine Zähne wirkten wie blankpoliert. „Schön, dass Sie kommen konnten, Herr Rieken.“
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