Der Herbstwind hatte die Blätter und Früchte des Wallnussbaumes heruntergerissen, der im hinteren Bereich des Gartens direkt am Zaun zum Nachbargrundstück stand. Robert hatte sich schon vor Tagen vorgenommen, die Arbeit im Garten zu erledigen. Die welken Blätter mussten kompostiert werden und die Wallnüsse waren von den aufgeplatzten Fruchthülsen zu trennen, damit sie trocknen konnten.
Er zwängte sich in seine alte Jeans, die ihm viel zu eng geworden war, nahm dann anschließend seinen Neil-Young-Hut vom Küchentisch und stieg die Eisentreppe hinab, die von seinem Arbeitszimmer auf das Grundstück führte.
Als er eine Stunde später mit dem Laub fertig war, sammelte er die Wallnüsse ein, füllte sie in einen Papiersack, schleppte diesen vor das Haus und stellte ihn auf den Bürgersteig vor den Gartenzaun. Dann hängte er ein Pappschild mit der Aufschrift: »zum Mitnehmen« an den Zaunpfahl. Er war durchgeschwitzt. Brust, Achseln und Leisten fühlten sich unangenehm an. Mit zitternden Fingern nestelte er an den Knöpfen seines Hemdes. Unzufrieden über seine mangelnde Leistungsfähigkeit, fluchte er über sich selbst. Lin hatte ihm schon vor ein paar Tagen Blut abgenommen und das Röhrchen an ein Labor geschickt. Irgendetwas stimmte nicht. Sie machte sich Sorgen, aber Robert selbst hielt das für übertrieben. Er ging zurück in seine Wohnung, stellte sich kurz unter die Dusche, zog sich frische Klamotten an und machte es sich anschließend auf einem Sessel bequem. Vivaldi-Klänge schwebten durch den Raum. Die Musik schien wie aus einer anderen Welt herüber zu schallen.
Es hatte keine volle Stunde gedauert, da war der Papiersack schon fast vollständig geleert. Robert hatte von seinem Wohnzimmerfenster aus beobachtet, wie sich die Kinder, die hier jeden Tag nach Schulschluss vorbei kamen, begeistert ihre Taschen vollstopften. Auch die Briefträgerin mit den knallrotgefärbten Haaren, die jeden Tag zur gleichen Zeit mit ihrem Fahrrad die Werbachstraße entlang fuhr, hatte das Angebot entdeckt und sich ihren Teil eingesteckt. Solche kleinen und unbedeutenden Begebenheiten verursachten in ihm ein seltsam anmutendes Glücksgefühl.
Als er der Polizeipsychologin am nächsten Tag davon erzählte, machte sie sich nur flüchtige Notizen, nickte allwissend, als hätte sie tatsächlich etwas von dem verstanden, was er meinte, dabei sah sie ihn mit seitlich geneigter Kopfhaltung an. Natürlich hatte sie nicht die leiseste Ahnung, was sich wirklich in seinem Innersten abspielte, stellte aber unentwegt Fragen und er musste vor ihr sein Berufsleben ausbreiten.
Robert kam ursprünglich aus Ostfriesland. Bei der Oldenburger Polizei hatte er vor Jahrzehnten seine Beamtenlaufbahn begonnen, doch irgendwann hatte er es in der Provinz nicht mehr ausgehalten. Es zog ihn damals vielmehr in die Großstädte, denn er wollte beruflich etwas erreichen. Etwas, dass ihm einst in dieser verschlafenen Stadt, in der scheinbar jeder jeden kannte, nicht möglich erschien und von dem er selbst nicht mal genau wusste, was es eigentlich war. Doch als er nach seiner Versetzung in Berlin den Dienst antrat, zerplatzte auch dort sein Traum von einer gerechteren Welt. Auch in Berlin wurde nur mit Wasser gekocht. Vor allem aber ging es in der Großstadt wesentlich härter zu, und zwar auf beiden Seiten des Gesetzes. Es herrschte ein ungeheurer Druck, dem jeder Polizist tagtäglich ausgesetzt war. Wer nicht standhielt, wurde zerrieben. Die Diplom-Psychologin Ursula Przybylski machte sich weitere Notizen.
Erst vor einigen Monaten war er nach über zwei Jahrzehnten wieder in die ihm vertraute Landschaft seiner Kindheit und Jugendzeit zurückgekehrt. »Back to the Roots«, wie er es nannte. Er hatte nochmals das große Bedürfnis nach Veränderung verspürt. Seinen alten Zopf hatte er im vergangenen Sommer einfach abgeschnitten, hatte sich selbst einen kahlen Schädel verpasst, über die polierte Kopfhaut einen alten Hut gestülpt, eine längst aus der Mode gekommene Sonnenbrille auf die Nase geschoben, und war so eines Morgens in der Polizeiinspektion aufgekreuzt. Die Kollegen hatten ihn verblüfft angestarrt, aber nichts gesagt. Er passte natürlich nicht wirklich zur Oldenburger Polizeiinspektion. Das war ihm bewusst. Aber der Job bereitete ihm Spaß. Jedenfalls am Anfang, bis die Sache mit Selby in seinem Büro passierte. »Burnout Syndrom« kritzelte die Polizeipsychologin auf ihren Notizblock und setzte dahinter ein dickes Fragezeichen.
„Trinken Sie Alkohol?“ Sie lächelte.
„Das kommt vor“, antwortete Robert.
„Häufig?“ Sie lächelte.
Er tat so, als müsste er erst darüber nachdenken. Sie lächelte noch immer. „Ich meine“, lenkte sie ein, „trinken Sie täglich Alkohol?“
„Nee!“, antwortete Robert kurz und knapp.
„Auch nicht einen Cocktail zur Happy Hour, ein Gläschen Bier nach Büroschluss, ein Schoppen Wein zum Essen?“
„Nee!“
Frau Diplom-Psychologin Ursula Przybylski war Expertin auf dem Gebiet der Alkoholismus-Forschung. Sie hatte an der Carl-von-Ossietzky-Universität angewandte Psychologie studiert und war nach ihrem Abschluss bei der hiesigen Polizei kleben geblieben. Das Thema ihrer Diplomarbeit lautete: Alkoholismus am Arbeitsplatz aus der Perspektive subjektiv sinnhafter Lebensbewältigung unter dem Aspekt positiver und negativer Attribute des Geschlechtsrollen - Selbstkonzepts.
Es hatte sich aber erst nach Studienabschluss zum Hauptthema ihres wissenschaftlichen Forscherdrangs entwickelt und war inzwischen zu einer großen Kampfansage herangewachsen. Ihr bislang größter Erfolg gegen Alkoholmissbrauch bestand darin, dass sie es in der Polizeiinspektion tatsächlich durchgesetzt hatte, den Kollegen das bis dato übliche Feierabendbier zu verbieten. Es war allgemeiner Brauch, dass sich Polizisten manchmal nach Dienstschluss unten in der Polizeikantine trafen, sich eine Flasche Bier genehmigten und sich dabei ihren berufsbedingten Alltagsstress von der Seele redeten. Keiner ihrer Vorgesetzten hatte bisher irgendwelche Einwände dagegen gehabt, bis sich die Diplom-Psychologin durchsetzte. Ihre ungeliebte Dienstanweisung hatte ihr schließlich den Spitznamen »Bier-Uschi« eingebracht; wahrscheinlich auch deshalb, weil ihr polnisch klingender Familienname ohnehin den meisten Kollegen nur schwer über die Lippen ging und fast immer in einem heillosen Durcheinander aus unaussprechlich aneinandergereihten Zischlautendungen hinauslief. Auch Robert vermied es, sie mit ihrem Nachnamen anzusprechen. „Frau Kollegin, was bezwecken Sie eigentlich mit ihrem Fragebogen? Ich bin kein Alkoholiker.“
Sie lächelte ihn an und warf dabei ihre Schüttelfrisur mit einer seitlich geneigten Kopfdrehung in die richtige Position. „Sie waren oder sind nicht verheiratet?“
„Das ist korrekt“, antworte Robert.
„Und Kinder?“
„Ich mag Kinder, wenn Sie das meinen.“
Sie lächelte. „Ich meinte, haben Sie eigene Kinder?“
Robert wiegte sanft den Kopf und lächelte nun auch. Sie lächelte ebenfalls.
„Sind Sie Raucher?“
„Als Kettenraucher würde ich mich nicht unbedingt bezeichnen.“
„Wie viele Zigaretten am Tag?“
„Notieren Sie am besten, er raucht gelegentlich. Das kommt der Beantwortung Ihrer Frage am nächsten.“
„Das sollten Sie schon mir überlassen“, meinte sie und gab sich beleidigt.
Er beschloss, die regelmäßigen Sitzungen bei Ursula Przybylski endgültig einzustellen. Sie hatte es tatsächlich geschafft, ihn von seiner Last zu befreien, indem sie ihm eine andere aufbürdete. Es war schließlich diese erbarmungslose, falsche Höflichkeit, die ihn langsam aber sicher aufrieb, ihr ewiges Lächeln. Er stand auf und verabschiedete sich freundlich. Tatsächlich hatte er jetzt das Gefühl, jemanden die Zähne einschlagen zu müssen. Wenn das der unergründliche Zweck ihres saudämlichen Fragespiels gewesen sein sollte, dann war es auf jeden Fall ein voller Erfolg.
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