„Das sind hehre Ziele,“ sagte Kat verächtlich. „Freiheit und Recht auf Leben - gilt das auch für die Totgefolterten da hinten?“
„Die?“ Der Rothaarige verzog mitleidlos das Gesicht. „Das sind bloß Bauernschurken, die ihre Vorräte nicht mit uns teilen wollen. Sie verraten nicht, wo sie ihre Ernte versteckt haben. Eher sterben sie, diese Teufel, schreien immerzu, sie hätten nichts!“
Ich stellte meinen Schale ab. Mir war schlecht. Auch die Gefährten schoben ihre zur Hälfte geleerten Schalen weg.
„Wir müssen jetzt weiter,“ sagte Kat trocken.
Wir standen auf. Auch die Männer, die bei uns gesessen hatten, erhoben sich.
„Wollt ihr nicht über Nacht bleiben?“ fragte der Weißhaarige. „Unten in der Ebene lauft ihr nur den Soldaten in die Arme. Die nehmen euch alles ab, was ihr habt und schlagen euch obendrein noch tot.“
„Da braucht ihr euch keine Sorgen zu machen,“ lächelte Sven mit blitzenden Zähnen. „Wir sind so schnell nicht tot zu kriegen.“
Männer sammelten sich um uns. Ich sah Schwerter, Spieße und Dolche, hier und da auch einen bereitgehaltenen Bogen.
„Achtung,“ murmelte Kat trocken.
Kat und ich zogen blank. Mein Schwert glühte blau auf. Ich war nicht überrascht. Lyana und Aeolin spannten mit raschen Bewegungen ihre Bögen. Der Rothaarige trat mit gezogenem Dolch auf uns zu. Hinter ihm drängten die Männer heran.
„Wir wollen euch nichts tun,“ sagte der Rothaarige heiser. „Obwohl wir in der Überzahl sind. Nehmt eure Waffen runter. Wir achten eure Freiheit. Ihr könnt gehen, wohin ihr wollt. Nur die Sachen, die ihr mitschleppt, die müsst ihr hier lassen. Wir benötigen sie dringender als die Soldaten des Kaisers. Wenn ihr vernünftig seid, geschieht euch nichts.“
Er trat noch einen Schritt näher.
„Und die Stiefel!“ schrie jemand. „Die Stiefel ausziehen!“
Sven ging mit einem schnellen Schritt auf den Rothaarigen zu.
„Was?“ fragte er lächelnd.
„Du hast mich schon verstanden,“ knurrte der Recke.
„Was?“ Diesmal klang es drohend.
Der Rothaarige hob zögernd den Dolch. Er kam nicht dazu, noch etwas zu sagen. Ein Fausthieb schleuderte ihn zwischen die hinter ihm Stehenden. Er brach blutüberströmt zusammen. Wütendes Gebrüll hob an. Zwei junge Männer, die mit Schwertern fuchtelnd auf uns zu stürzten, hieb Kat mit schnellen Schwertschlägen nieder. Ein Bogenschütze brach aufheulend zusammen. Aeolins Pfeil stak in seinem Auge.
„Macht, dass ihr wegkommt, schert euch zum Teufel, Bettelpack!“ donnerte Svens Stimme über den Platz.
Mit schwingenden Fäusten streckte er zwei weitere Männer nieder. Die anderen stolperten davon.
„Pfui!“ Kat spuckte auf den Boden aus. „Der letzte Abschaum! So was hab ich noch nicht erlebt!“
Die Niedergeschlagenen wälzten sich mit zerschmetterten Kiefern und klaffenden Schwertwunden am Boden. Ein von Kats Schwert Getroffener spuckte röchelnd Blut, bevor er in zuckenden Krämpfen starb. Wachsam sahen wir uns um. Die Lagerbewohner hatten sich in die Baracken und zwischen das Unterholz am Rand des Lagers zurückgezogen. Der Platz unter den Fichten war leer. Nur ein paar Hühner liefen zwischen den Lagerfeuern umher.
Wir nahmen Fedurin in die Mitte und gingen nach allen Seiten Ausschau haltend langsam dem Hang zu.
„Passt auf, dass wir nicht noch in einen Hinterhalt geraten,“ meinte ich.
„Wenn sie wenigsten offen ihre Räuberei zugeben würden,“ schimpfte Kat. „Aber das ganze noch mit edlen Worten zu verbrämen...“
Sie blieb abrupt stehen und hielt die Luft an. Warum sah sie mich so glasig an? Ich hörte die Bogensehnen der Elbenmädchen sirren. Irgendwo schrie jemand erstickt auf. Kat tastete mit schmerzverzerrtem Gesicht nach einem Pfeil in ihrem Rücken.
„Ihr Götter!“ keuchte sie.
Ich fuhr herum. Plötzlich waren da rote Schlieren in meinem Gesichtsfeld. Rasende Wut packte mich. Im Augenwinkel sah ich Aeolin in rascher Abfolge Pfeile schießen. Kat ging in die Knie. Lyana hockte sich neben sie.
„Gebt uns Deckung!“ rief sie.
„Voris! Ihr elenden Arschlöcher! Voris! Scheiße nochmal!“
Es war meine eigene Stimme, die ich schreien hörte. Flammenwände schossen zwischen den Büschen empor. Gellende Entsetzensschreie von Männern, Frauen und Kindern drangen wie von fern an mein Ohr. Ich achtete nicht darauf. Sie hatten Kat angeschossen!
„Voris!“
Die Baracken gingen in Flammen auf. Panik- und Todesschreie. Zwischen den Bäumen rannte eine Gruppe von Männern, Frauen und Kindern.
„Amreg Chtah!“
Ein Blitzschlag krachte mitten unter sie. Menschliche Körper flogen nach allen Seiten, lagen zuckend am Boden. Ihre Kleider schwelten. Irgendwo schrie ein Kind im Todeskampf.
***
Brandgeruch lag über der Lichtung. Irgendwo röchelten Sterbende, schrien Schwerverletzte um Hilfe. Ich wollte zu Kat stürzen, sie in die Arme nehmen, aber Aeolin hielt mich am Arm.
„Lass - deine Blutsschwester kommt zurecht!“
Sven kniete am Boden und stützte die nach Luft ringende Kat. Fedurins Leine hatte er sich um den Arm geschlungen. Mit angstgeweiteten Augen riss der Esel am Strick. Lyana zog den blutigen Pfeil aus Kats Lederjacke.
„Nur ein Jagdpfeil, Vendona sei Dank!“
Kat tastete unter ihrer Jacke nach der Wunde und murmelte einen Heilzauber. Ihr Gesicht war blass.
Aeolin starrte mich an. „Mein Bruder hat das ganze Räuberlager allein niedergemacht. Männer, Frauen und Kinder!“
Außer Atem sah ich mich um. Gegen meinem Willen schossen mir Tränen in die Augen.
„Die verdammten Schweine!“ heulte ich. Ich schrie wie von Sinnen, von Grauen und Wut gepackt. „Die verdammten Schweine! So eine verfluchte, elende Scheiße! So eine Scheiße nochmal!“
***
Wir zogen durch den Wald flussabwärts. Auf einer vom Unterholz freien Stelle setzten wir uns ans Flussufer in den Schnee. Kat verzog das Gesicht, während sie sich vorsichtig niederließ. Sie unterdrückte ein Stöhnen.
„Geht's?“ wollte Lyana wissen.
„Ist schon in Ordnung,“ meinte Kat gepresst.
Oberhalb von uns hing schwarzer Rauch über dem Wald.
Sven blickte grimmig auf den vereisten Fluss. „Im nächsten Wirtshaus brauch ich einen Becher Branntwein - besser zwei!“
Kat schnaubte verächtlich. „Wenn das Fürstentum in offenem Aufruhr ist, kannst du das vergessen! Jeder Gasthof in der Gegend wird ausgeplündert sein und gebrandschatzt. Da wette ich mit dir.“
Sven seufzte. Ich schwieg verbissen.
Nach einer Weile knurrte Kat: „Du hast sie doch in den grellsten Farben gewarnt, Sven. Warum haben die Schwachköpfe uns nicht geglaubt?“
„Vielleicht war der Pfeil nur aus Nervosität von der Sehne geschnellt - ohne, dass sie wirklich angreifen wollten,“ flüsterte Lyana.
„Können wir mal über was anderes reden, ja?“ polterte ich los.
Kat seufzte. „Na, kommt. Sehen wir zu, dass wir in die Ebene hinunterkommen. Wir sollten versuchen, für die Nacht ein Dach über den Kopf zu finden. Mitten im Kriegsgebiet auf offenem Feld zu kampieren wär' keine gute Idee.“
***
Am späten Nachmittag erreichten wir die Talebene. Bevor wir den Wald hinter uns ließen, spähten Aeolin und Lyana nach Wild aus, fanden jedoch keins.
„Keine Fährten, keine Losung, nichts,“ wunderte sich Lyana. „Der Wald auf dieser Seite der Berge ist wie ausgestorben.“
„Wahrscheinlich ist alles, was sich im Wald geregt hat, längst in irgendwelchen Kochtöpfen gelandet,“ vermutete Kat.
„Dann wird's heute mau mit dem Abendessen,“ seufzte Sven.
„Ein paar Handvoll Esskastanien haben wir noch,“ erinnerte sich Aeolin.
Wir kamen am westlichen Ende der Greifenhorster Talebene aus dem Gebirge herab. Einen halben Tagesmarsch zu unserer Linken warfen sich hohe Hügel vor verschneiten Gebirgsgraten zu einem Vorgebirge auf. Zwischen den Hügeln verengte sich die Ebene zum Flusstal. Ein breiter Fluss wand sich von dorther durch die Ebene nach Osten. Gegenüber, zwei Tagereisen entfernt, begrenzten hohe Berge die Ebene. Vor einem Einschnitt, der sich weit ins nördliche Gebirge hineinzog, stand eine Festung auf einem Vorhügel. Fahnen wehten auf den Türmen. Jenseits der Berggipfel erhob sich ein einsames Massiv steil über die umliegenden Gipfel. Seine schneebedeckten Flanken glänzten im Licht der tief stehenden Nachmittagssonne.
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