„Mir ist‘s egal,“ meinte Lyana.
Sven sah misstrauisch auf den See hinaus. „Gehen wir durch die Ahnenhügel. Unbekannten Eisflächen traue ich nicht.“
Ligeia hatte mich vor den Ahnenhügeln gewarnt. Ich hatte kein gutes Gefühl. Aber ich sagte nichts.
„Bis zur Dämmerung haben wir noch eine gute Stunde,“ meinte Kat. „Gehen wir die Schlucht 'rauf und bringen die Ahnenhügel hinter uns?“
„Nein!“ rief ich.
Die Freunde sahen mich überrascht an.
„Durch die Hügel gehen wir morgen, am hellen Vormittag. Beim letzten Mal wären wir in der Abenddämmerung um ein Haar von Geistern angefallen worden. Und diesmal,“ ergänzte ich mit einem Blick auf Lyanas neues, schlankes Schwert, „haben wir Grugar nicht dabei!“
Das Seegeborenenschwert in der magischen Scheide hatte sie in Dwarfencast gelassen.
***
Wir bauten unser Zelt in Ufernähe auf, eine Viertelwegstunde entfernt von der Schlucht. Lyana schlug mit der Schwertspitze ein Loch ins Eis, um Wasser für Fedurin zu schöpfen.
„In Ufernähe ist das Eis jedenfalls tragfähig,“ meinte sie.
Kat war nicht überzeugt. „Da hinten, wo die Hügelflanken zum See abfallen, sieht es ziemlich tief aus. Und mit unbekannten Strömungen und so...“
Es war Lyana anzusehen, dass sie Kats Bedenken für albern hielt. Aber sie zuckte nur mit den Achseln.
Brennholz fanden wir keins. Das Brot war hart geworden, die gekochten Eier schmeckten fade und Speck und Dörrfleisch waren zäh und nahezu gefroren in der andauernden Kälte.
„Nur heute und morgen noch,“ meinte Lyana. „Wenn wir den Wald erreicht haben, finde ich wieder Jagdwild.“
Mit Einbruch der Dämmerung lösten sich Nebelfetzen von den grau verhangenen Hügeln und trieben über die Ebene. Es wurde kälter. Der eisige Windhauch von den Hügeln verstärkte mein ungutes Gefühl. Probehalber zog ich mein Schwert. Die Klinge glühte schwach blau. Die Nebelfetzen, die um unser Lager trieben, erinnerten mich in der Dämmerung an verzerrte Gestalten.
„Heute Nacht sollten wir auf der Hut sein,“ meinte ich.
Kat spähte zu dem Tafelfelsen zurück, auf dem Lyana Ruinenreste entdeckt hatte.
„Da oben, seht ihr? Was hab ich euch gesagt?“
In der zunehmenden Dunkelheit flackerten oben auf dem Felsplateau fahlgrüne Lichtflecken auf. Sie geisterten zwischen bizarren Steinformationen umher, die an verfallene Mauern und Türme erinnerten.
„Die Anlagen da oben müssen sehr alt sein,“ überlegte Lyana. „Wahrscheinlich stammen sie aus der Zeit der Kriege zwischen dem Reich Barhut und den Meergeborenen.“
Kat blickte nachdenklich in die Dunkelheit. „Vor eineinhalb Jahrtausenden muss das Land hier herum fruchtbar und besiedelt gewesen sein. Jetzt ist es, als läge ein Fluch auf der Gegend.“
„Die Schatten lassen das Land verdorren,“ murmelte ich. „Die Schatten der Vergangenheit.“
Mitten in der Nacht wurde ich wach. Mir war, als hätte ich Männerstimmen dicht beim Lager gehört. Kat, die ihren Kopf auf meine Brust gelegt hatte, wie sie es häufig tat, wenn wir zusammen die Nacht verbrachten, bewegte sich und murmelte unruhig im Schlaf. Im Mondlicht, das durch die Zeltwand sickerte, saß Lyana aufrecht an meiner Seite und lauschte in die Nacht. Vor dem Zelt hörte ich Fedurin schnauben und mit den Hufen stampfen. Kat hatte ihm die Vorderfüße zusammengebunden, weil wir keine Möglichkeit gefunden hatten, ihn irgendwo anzubinden. Zwei, dreimal schrie der Esel. Es hörte sich an wie ein überschlagendes, röchelndes Röhren in hoher Stimmlage. Aus weiter Ferne drangen Stimmen heran, klagende Rufe, wie von Männern, die verlorene Gefährten suchen.
Das fahle Mondlicht weckte mir die Erinnerung an den Geschmack von Blut. In fünf oder sechs Tagen würde es Vollmond sein.
***
Wir erwachten starr vor Kälte. Unsere Wolldecken waren von einer Reifschicht überzogen. Als wir mit klammen Gliedern aus dem Zelt krochen und in den Morgendunst hinausschauten, kam Fedurin mit zusammengebundenen Vorderfüßen schnaubend herangehinkt. Er stieß sein röchelndes Eselsschreien aus und rammte Kat die Schnauze in die Seite.
Sie nahm seinen Kopf in die Hände und kraulte ihm das Fell. „Hast eine schlimme Nacht gehabt, du armes Tier?“
Kat klopfte den Schnee von der Decke, die sie Fedurin am Abend umgehängt hatte und rieb ihm das zitternde Fell. Ich hockte am Boden und gab mir Mühe, das kleine magische Feuer nicht ausgehen zu lassen, das ich um Lyanas Teekessel herum entfacht hatte. Ich hoffte, das Teewasser würde kochen, bevor ich die Konzentration verlor. Sven ging auf und ab und klopfte sich den Leib, um warm zu werden. Sein Kettenhemd klirrte. Lyana kam mit den Stiefeln in den Händen vom Seeufer zurück. Sie lief barfuß durch den Schnee.
Sven sah sie entgeistert an. „Was machst du da? Füße waschen? Bei der Kälte?“
Lyana trocknete sich die Füße mit einem Ende der Decke ab, auf die sie sich gesetzt hatte. „Das hab ich euch doch schon mal erklärt: Wenn man morgens durchgefroren aufwacht, gibt es nichts besseres, als die Füße in eiskaltes Wasser zu tauchen, um warm zu werden!“
„Ich glaub's nicht!“ murmelte Sven kopfschüttelnd.
Lyana zog ihre Socken und Stiefel an. „Probier' es mal, du wirst sehen, wie warm dir danach wird!“
Sven setzte sich zu uns. „Andere Leute werden von so was krank, statt dass ihnen warm wird.“
„Ach Quatsch!“ Lyana streute Teeblätter in das dampfende Wasser.
Ich ließ den Flammenzauber versiegen. Kat gab Fedurin eine reichliche Portion Rüben und Hafer, dann setzte sie sich zwischen Sven und mir auf die Decke und nahm einen Becher heißen Tee von Lyana entgegen.
„Leifs Zaubertee,“ meinte Lyana mit leichtem Schmunzeln.
„Als wir im Herbst die Schlucht herunterkamen, haben wir in der Nebelsuppe überhaupt kein Seeufer gesehen,“ meinte Sven beim Frühstück.
Wir kauten Dörrobst und Brotkanten.
„Dafür sind wir nach kaum zehn Schritten im Moor gelandet. Dabei gibt es hier weit und breit keinen Sumpf.“
Ich sah mit einem flauen Gefühl im Magen zu den Hügeln hinauf. Dichte Nebelschleier stiegen zwischen den Hügelkuppen auf und quollen herunter in die Ebene, wie eine zähe, vor Kälte dampfende Flüssigkeit.
„Damals war es Ligeias Nebel, in den wir am Ausgang der Schlucht geraten sind,“ überlegte ich. „Diesmal kommt der Nebel von den Ahnenhügeln herab. Ich weiß nicht, welches die üblere Variante ist.“
„Wir können immer noch an den Hügeln vorbei über das Eis gehen,“ fand Lyana.
Kat blickte unruhig von den Hügeln zum See.
„Über dem Eis ist der Nebel auch schon,“ murmelte sie.
Wir beeilten uns, das Lager abzubrechen und uns auf den Weg zu machen. Hinter den Dunstschleiern stand die blasse Wintersonne über den Ahnenhügeln. Dicke Nebelschwaden krochen um uns her über die Ebene. In der Kälte gefror unser Atem zu weißen Wolken.
„In eineinhalb Stunden sind wir durch die Hügel durch,“ sagte Kat, während wir dem Einschnitt im Steilhang entgegen marschierten.
Der Nebel verdichtete sich, als wir die Schlucht betraten. Wie eine undurchdringliche, milchige Wand floss uns der Dunst entgegen. Die Kälte nahm zu. Die Seitenwände der Schlucht konnten wir in den Nebelschwaden kaum ausmachen.
„Tho Wendrun!“ flüsterte ich, während wir der Nebelwand entgegengingen.
Die Luft um uns her wurde klar. Einen Steinwurf weit verflüchtigte sich der Nebel. Zugleich spürte ich heftigen magischen Widerstand. Wie ein schweres Gewicht stemmte ein eiserner Wille sich mir entgegen. Er schien von unbezwingbarer Boshaftigkeit. Von oben in der Schlucht flossen weitere Dunstmassen herab. Ich versuchte, meinen Geist abzuschotten, doch mein Zauberspruch brach zusammen. Schlagartig hüllten die Nebel uns ein.
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