Wer ihn nicht kannte, konnte ihn durchaus für homosexuell halten, aber Tobias Kerner war dem weiblichen Geschlecht genauso zugetan wie Jannik Cerný. Sie genossen es beide, Frauen zu erobern ohne eine ernste Bindung einzugehen.
„Was ist los, Tobi?“ Janniks Stimme war leise. Er sah, dass das Gesicht seines Freundes ungewöhnlich ernst und angespannt war.
>Halt mich nicht für dämlich, aber ich habe heute Nacht einen üblen Traum gehabt. Einen richtig üblen Traum!<
Jannik horchte auf. Wenn Tobias anfing sich mit ihm gedanklich zu unterhalten, war es alarmierend.
>Was ist los?<, wiederholte Jannik in Gedanken.
>Einer von uns ist gefoltert worden. Übel gefoltert. Und wurde dann getötet.<
Jannik erschauerte. Tobias Kerner war kein Fantast oder Schwarzseher. Jan hatte ihn in den Zwanzigern des letzten Jahrhunderts kennen gelernt, als in Berlin das leichte Leben tobte. Dann, als die Nazis kamen, hatten die beiden viele Juden und politische Flüchtlinge außer Landes gebracht und so manchen Kampf Seite an Seite ausgefochten. Dabei hatte Jannik viel von den Fähigkeiten seines neuen Freundes kennen gelernt und wusste auch, dass Tobi gelegentlich Träume oder Visionen hatte, die sich dann bewahrheiteten. Er konnte das Wesen der Dinge unter der Oberfläche erkennen, wenn er sich darauf konzentrierte. Tobias konnte nicht nur die Gedanken der Menschen lesen, sondern eben auch ihren Charakter.
>Einer von uns? Weißt du wer?<
Tobias schloss kurz die Augen, ein Frösteln schien durch seinen Körper zu jagen. >Der Franzose.<
Schockiert setzte sich Jannik hin, starrte seinen Freund an. „Ich hatte mit ihm einen Termin heute Vormittag. Bist du sicher?“
Tobias ging auf Jannik zu. >Lass mich dir zeigen, was ich gesehen und gefühlt habe. Verzeih bitte, aber es ist wirklich grausam.< Er legte seine kühlen Finger an die Schläfen des Tschechen, holte tief Luft und übermittelte ihm die Bilder der letzten Nacht.
Jannik keuchte, als er die Qualen des Franzosen fühlte wie seine eigenen.
Ein Kellergewölbe in kaltem Neonlicht.
Ketten.
Ein gesichtsloser Mann, der mit verschiedenen Gegenständen Unvorstellbares an dem Franzosen beging.
Schmerzen, die einen nahezu wahnsinnig machten.
Und dann nichts mehr.
„Verdammt!“ Jannik riss sich seine Krawatte vom Hals, knöpfte sein Hemd auf. Er schwitzte, sah Tobias entsetzt an. „Wer tut so etwas?“
Tobias hob Schulter zuckend die Hände. „Ich weiß es nicht, mein Freund. Ich weiß nur, dass in den letzten Jahren immer wieder mal einer unserer Brüder hier in Berlin verschwunden ist. Und das war jetzt das dritte Mal, das ich eine Vision von Folterung und Tod hatte.“
Entgeistert sah Jannik seinen Freund an. „Das dritte Mal? Willst du damit sagen, dass es schon mehrere von uns erwischt hat?“
Tobias Kerner nickte. Seine Augen wurden so schwarz wie Obsidian, seine Fänge entblößten sich. „Ich habe genug davon, Jannik. Einmal kann passieren. Zweimal auch noch. Aber jetzt ist es kein Zufall mehr. Da verfolgt uns jemand.“
Kapitel 2: Griechischer Frühling
Jannik Cerný stand auf der Dachterrasse seines Lofts und trank ein Glas Blut. Die Freisprechanlage seines Handys war an seinem Ohr befestigt und er sah in den südwestlichen Abendhimmel, während er mit Adolar telefonierte.
„Das klingt gar nicht gut, was du mir da erzählt hast, Jan.“ Adolars Stimme klang besorgt und nachdenklich. „Wenn ich Nicole davon erzähle wird sie darauf bestehen, dass du sofort nach Tschechien zurückkommst, damit du aus dem Gefahrenbereich bist.“
Jannik grinste. „Du brauchst deine Frau nicht vorzuschieben, um deine Ängste und Wünsche zu äußern, Alter.“
Adolar grunzte irgendetwas, dann seufzte er. „Du hast ja Recht. Ich möchte einfach nicht, dass dir etwas passiert, Jan.“
„Addi, ich verspreche dir, dass ich auf mich aufpasse. Ich halte meine Augen offen und melde mich täglich bei dir, Tobi oder Tris. So können wir uns auch gegenseitig absichern.“
„Rowena ist auch vor einem Jahr nach Berlin gezogen. Sie hat eine Galerie in Zehlendorf eröffnet.“
Jannik zog überrascht die Brauen hoch. „Rona ist hier? Das ist schön. Vielleicht kann man sich mal zwanglos treffen und ….“
„Das ist keine Einleitung zu einem amourösen Abenteuer, Jannik!“
Die Strenge in Adolars Stimme überraschte Jan. „Entschuldige. So war das nicht gemeint. Ich würde mich einfach nur freuen, Rowena mal wieder zu sehen, Addi. Ohne irgendwelche Hintergedanken.“
Adolar grunzte wieder irgendetwas. „Entschuldige, Jan. Ich bin einfach nur nervös, weil ich nicht vor Ort bin. Irgendwie ist innerhalb des letzten Jahres unglaublich viel passiert und ich werde davon regelrecht überrannt.“
„Na na! Bereust du es etwa, Nic geheiratet und gewandelt zu haben?“
„Nein! Das meine ich auch nicht. Du bist in Deutschland, ich schmeiße die Firma in Prag allein, arbeite Nic ein wenig ein und ich bin gerade in das Konzil berufen worden. Soviel Aufregung habe ich in den letzten zwanzig Jahren nicht gehabt.“
Jannik grinste. „Du wirst alt!“ Dann stutzte er. „Sagtest du gerade, du bist ins Konzil berufen worden?“
„Ja, sagte ich.“
Das Konzil war sozusagen das Parlament der Vampire. Weltweit. Das Konzil wurde einberufen, wenn zum Beispiel ein Vampir gegen die Gesetze der Gemeinschaft verstoßen hatte. Waren die Verstöße eher nichtig, regelte das Konzil die Sache allein. Waren es aber schwerwiegende Straftaten, zum Beispiel ein sinnloses Abschlachten von Sterblichen, dann kam der Angeklagte vor das Triumvirat. Das Triumvirat bestand aus drei Vampiren, die alle dreißig Jahre neu gewählt wurden. Niemand wusste, wer gerade im Triumvirat saß, das wurde streng geheim gehalten. Nur die Mitglieder des Konzils waren bekannt, tauschten sich untereinander aus.
„Gratuliere, mein Mentor. Endlich mal jemand, der den Überblick hat.“
„Ha ha!“, machte Adolar trocken. Jannik konnte sich die Miene seines Blutsverwandten bildlich vorstellen. Die Augenbrauen zusammengezogen, die grauen Augen blitzten und die Lippen zusammengekniffen.
„Aber jetzt mal was ganz anderes. Morgen triffst du auf den Griechen, nicht wahr?“ Adolar wollte sachlich bleiben, um von dem Thema Konzil abzulenken.
„Kapodistrias? Ja. Er und seine Nichte haben morgen einen Termin in der Geschäftsstelle mit mir.“
„Seine Nichte?“
Jannik ging in das Wohnzimmer. Auf dem Wohnzimmertisch lag die Akte, die er vorhin studiert hatte. „Dimítrios Kapodistrias. Er ist Gründer und Hauptanteilnehmer von `Hellas Health´, einem Unternehmen, dass unter anderem Gerinnungsmittel herstellt, die für unser Unternehmen interessant sein könnten. Dimítrios ist zweiundfünfzig Jahre alt, ledig, hochintelligent und gilt als charismatisch. Sein Partner und rechte Hand ist seine Nichte Helena, eine fünfundzwanzigjährige Frau. Hat BWL, Pharmazie und europäische Mythologie studiert. Die Frau hat einen IQ von 160!“
„Heureka!“ Adolar klang sarkastisch. „Du hast doch bestimmt ein Foto von den Beiden vor dir zu liegen, oder?“
Jannik grinste breit. „Der Alte ist ein typischer Geschäftsmann, seinem Äußeren nach. Distinguiert, gepflegt, weltmännisch. Wirkt entschlossen und auch ein wenig … grausam. Ich weiß nicht, wie ich es anders ausdrücken soll.“
„Hhm.“ Adolar schien etwas auf seinem PC in seinem Prager Büro zu tippen, denn Jannik hörte das Klappern der Tasten. „Was ist mit der Nichte?“
Jannik stockte, als er das Bild von Helena Kapodistrias betrachtete. Schon beim ersten Mal war er von dem Bild sehr angetan. Die junge Frau auf dem Foto war faszinierend und wunderschön. Ein edles, schmales Gesicht mit dunklem, südländischem Teint, umrahmt von schwarzem, langem Haar. Die Augen dunkel, fast schwarz, die Brauen formvollendet. Eine schmale und gerade Nase mit zarten Nasenflügeln. Aber die Lippen waren eine Einladung. Voll und sinnlich, leicht geöffnet, perfekt geschwungen.
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